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Hávamál – die Sprüche des Hohen

Sagen & Mythen Hávamál – die Sprüche des Hohen

Ein Gedicht, das mit dem Rat beginnt, sich beim Betreten eines Hauses erst einmal umzusehen, wo die Feinde sitzen. Das gutes Benehmen am Tisch erklärt, vor zu viel Bier warnt, über Freundschaft nachdenkt – und dann plötzlich in einen Gott kippt, der neun Nächte lang, vom Speer verwundet, an einem Baum hängt und sich selbst opfert. Die Hávamál sind kein Handbuch der Tugend. Sie sind ein Stapel sehr unterschiedlicher Strophen in einer einzigen Handschrift, und genau das macht sie so gut.

Aufgeschlagene Handschrift des Codex Regius der Lieder-Edda
Der Codex Regius (GKS 2365 4to), aufgeschlagen. Die Handschrift aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ist die einzige, die die Hávamál vollständig überliefert. Bild: gemeinfrei.

Eine Handschrift, sonst nichts

Alles, was wir von den Hávamál haben, steht in einem einzigen Buch: dem Codex Regius der Lieder-Edda, aufgeschrieben in Island im späteren 13. Jahrhundert. Die Sprüche des Hohen stehen dort an zweiter Stelle, direkt hinter der Völuspá. Gäbe es diese Handschrift nicht, wüssten wir von dem Gedicht so gut wie nichts.

Der Titel heißt wörtlich „Sprüche des Hohen". Der Hohe, Hávi, ist Odin. Er spricht nicht durchgehend, aber er ist die Stimme, der das Ganze zugeschrieben wird – und am Ende spricht er unüberhörbar in eigener Sache.

Wie der Codex Regius entstand, wer ihn schrieb und warum wir überhaupt eine Sammlung alter Götterlieder besitzen, haben wir in unserem Beitrag über die Edda aufgeschrieben. Wer den vollständigen Text lesen möchte, findet ihn auf unserer Leseseite zum Hávamál.

Kein Buch, sondern ein Stapel

Die gängige Ausgabe zählt 164 Strophen. Andere kommen auf 165, weil sie an einer Stelle anders trennen – ein Detail, das später noch wichtig wird. Die Forschung gliedert den Text meist in fünf Teile, deren Grenzen fließend sind:

Der erste und längste Teil, oft Gestaþáttr genannt, der Gästeteil, reicht etwa bis Strophe 80 und besteht aus Lebensregeln: Gastrecht, Maß beim Trinken, Vorsicht, Freundschaft, Ruf. Dann folgen bis etwa Strophe 110 Strophen über Frauen, Verführung und zwei Geschichten, in denen Odin selbst hereinfällt beziehungsweise betrügt – darunter die um den Dichtermet und Gunnlöd. Ab Strophe 111 spricht eine Stimme zu einem gewissen Loddfáfnir, immer mit derselben Formel eingeleitet; dieser Teil heißt deshalb Loddfáfnismál. Dann kommt das Rúnatal, Odins Selbstopfer und die Gewinnung der Runen. Und zuletzt das Ljóðatal, eine Aufzählung von achtzehn Zauberliedern.

Das Versmaß ist überwiegend der ljóðaháttr, das typische Maß der Spruch- und Merkdichtung: zwei Langzeilen und eine Vollzeile, die den Gedanken zuspitzt. Einige Strophen fallen heraus und stehen in anderen Maßen. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass hier zusammengebunden wurde, was nicht von Anfang an zusammengehörte.

Feuer, Essen, trockene Sachen

Die berühmtesten Strophen des ersten Teils handeln vom Gastrecht, und sie sind erfreulich unromantisch. Kein Wort über Ehre. Es geht um einen durchgefrorenen Menschen an der Tür.

Elds er þörf
þeims inn er kominn
ok á kné kalinn;
matar ok váða
er manni þörf,
þeim er hefr um fjall farit.

„Feuer braucht, wer hereingekommen ist und bis ans Knie durchgefroren. Essen und Kleider braucht der Mann, der über das Gebirge gegangen ist."Hávamál, Strophe 3; Übertragung von uns

Das ist die eine Hälfte. Die andere steht gleich in Strophe 1: Bevor man eintritt, soll man sich alle Türen ansehen und sich umschauen, denn man weiß nie, wo im Raum schon Feinde sitzen. Gastfreundschaft und Misstrauen stehen in diesem Gedicht nebeneinander, ohne dass jemand den Widerspruch auflöst.

Dazu kommt eine ganze Reihe von Strophen über das Trinken. Das Bier ist nicht so gut für die Menschensöhne, wie es heißt; je mehr einer trinkt, desto weniger weiß er von seinem Sinn. Wer das für spätere christliche Moral hält, sollte bedenken, dass es dieselbe Sammlung ist, in der Odin sich den Dichtermet stiehlt.

Freundschaft – und das Kleingedruckte

Der zweite große Strang ist die Freundschaft, und hier wird das Gedicht regelrecht praktisch. Man soll dem Freund ein Freund sein und Geschenk mit Geschenk vergelten. Man soll hingehen, oft, und den Weg nicht zuwachsen lassen; wo niemand mehr geht, wächst Gestrüpp. Man soll Gedanken tauschen, nicht nur Gaben.

Und im selben Atemzug: Sei dem Freund deines Feindes kein Freund. Traue niemandem zu schnell. Lache mit dem, dem du nicht traust, und rede anders, als du denkst. Wer die Hávamál als Katalog edler Tugenden liest, hat die Hälfte übersprungen. Es ist die Lebensklugheit von Leuten, die auf Höfen weit auseinander wohnten und jede Begegnung einschätzen mussten, bevor sie den Mantel ablegten.

Manches ist heute schwer erträglich, besonders die Strophen über Frauen, die zwischen Spott und offener Verachtung schwanken – und die in derselben Sammlung stehen wie die Geschichte, in der Odin genau das tut, was er anderen vorwirft. Wir halten nichts davon, solche Stellen wegzulassen. Sie gehören zum Text.

„Vieh stirbt" – die zwei Strophen, die jeder kennt

Am Ende des ersten Teils stehen zwei Strophen, die fast gleich anfangen und völlig verschieden enden.

Deyr fé,
deyja frændr,
deyr sjalfr it sama;
en orðstírr
deyr aldregi
hveim er sér góðan getr.

Deyr fé,
deyja frændr,
deyr sjalfr it sama;
ek veit einn
at aldri deyr:
dómr um dauðan hvern.

„Vieh stirbt, Verwandte sterben, du selbst stirbst ebenso. Aber der Nachruf stirbt nie, den einer sich gut erwirbt.

Vieh stirbt, Verwandte sterben, du selbst stirbst ebenso. Eines weiß ich, das niemals stirbt: das Urteil über jeden Toten."Hávamál, Strophen 76 und 77; Übertragung von uns

Die erste Strophe ist die freundliche. Orðstírr ist der gute Ruf, wörtlich etwa „Wortruhm", und sie verspricht, dass er bleibt. Die zweite ist die härtere und die ehrlichere: Was bleibt, ist dómr, das Urteil – über jeden Toten. Nicht nur über die, die es verdient haben. Man kann auch schlecht weiterleben.

Genau diese Pointe fällt in den meisten Zitaten weg. Auf Postkarten und in Signaturen steht fast immer nur die erste Hälfte, manchmal beide zu einer einzigen, weicheren Aussage verrührt. Wir gravieren die Zeilen oft und gern. Aber wir sagen dazu, dass die zweite Strophe kein Trost ist, sondern eine Warnung.

Neun Nächte am Baum

Dann bricht das Gedicht ab, und etwas völlig anderes beginnt. Odin spricht in der ersten Person:

Veit ek at ek hekk
vindga meiði á
nætr allar níu,
geiri undaðr
ok gefinn Óðni,
sjalfr sjalfum mér,
á þeim meiði
er manngi veit
hvers af rótum renn.

„Ich weiß, dass ich hing an einem windigen Baum neun Nächte lang, vom Speer verwundet und dem Odin gegeben, ich selbst mir selbst, an jenem Baum, von dem keiner weiß, aus welchen Wurzeln er wächst."Hávamál, Strophe 138 nach Neckel/Kuhn, in anderen Ausgaben 139; Übertragung von uns

Neun Nächte, kein Brot, kein Trinkhorn. Dann blickt er hinab, nimmt die Runen auf, schreiend, und fällt zurück. Das ist die Stelle, auf die sich alles stützt, was über Odin als Gott des Wissens gesagt wird – und sie ist knapp, dunkel und ohne jede Erklärung. Der Baum wird nicht benannt. Dass es Yggdrasil ist, steht nicht da; es ergibt sich aus dem Zusammenhang der übrigen Überlieferung.

Anschließend folgen die achtzehn Zauberlieder des Ljóðatal: gegen Krankheit, gegen Feuer, gegen Waffen, für Liebe, um einen Gehenkten zum Sprechen zu bringen. Das achtzehnte lehrt er niemandem – außer, heißt es, der Frau, die ihn in den Armen hält, oder seiner Schwester. Wer mehr darüber wissen will, was hier eigentlich beschrieben wird, findet bei uns die Runen und den Seiðr ausführlicher behandelt.

Wie alt ist das eigentlich?

Darüber wird seit über hundert Jahren gestritten, und niemand hat die Frage entschieden.

Für ein hohes Alter spricht ein Fund im Skaldenvers. Das Hákonarmál des Eyvindr skáldaspillir, gedichtet nach dem Tod Hákons des Guten um 961, endet mit einer Strophe, die genauso beginnt: Deyr fé, deyja frændr – und dann anders weitergeht, nämlich mit dem Land, das verwüstet wird. Die übliche Deutung lautet: Eyvindr zitiert die Hávamál, also gab es sie im 10. Jahrhundert. Nur ist die Richtung nicht beweisbar. Es kann auch umgekehrt sein, oder beide greifen auf eine ältere Formel zurück, die einfach im Umlauf war.

Dagegen steht die Arbeit von Klaus von See, der in den 1970er-Jahren auf Berührungen mit lateinischer Spruchdichtung hinwies, vor allem mit den Disticha Catonis, einer im Mittelalter überall gelesenen Schulsammlung. Wenn das zutrifft, sind Teile der Hávamál deutlich jünger und gelehrter, als man dachte.

Wahrscheinlich ist beides richtig, weil die Frage falsch gestellt ist. Die Hávamál sind keine Einheit. Verschiedene Versmaße, Dubletten, Strophen, die zweimal auftauchen, Übergänge, die nach Naht aussehen: Das spricht für eine Sammlung, die über Generationen wuchs und irgendwann im 13. Jahrhundert in ein Buch kam. Einzelne Strophen können alt sein, andere jung, und die Reihenfolge stammt vom Schreiber. Die maßgebliche Ausgabe mit Kommentar stammt von David A. H. Evans; wer es genau wissen will, kommt an ihr nicht vorbei.

Dass Snorri Sturluson im frühen 13. Jahrhundert aus den Hávamál zitiert, beweist übrigens nur, dass es sie damals gab. Was wir ihm sonst verdanken, steht in unserem Beitrag über Snorri.

Was daraus im Netz geworden ist

Und jetzt der Teil, der uns wirklich ärgert.

Erstens die Nummern. Weil es die Zählungen mit 164 und mit 165 Strophen gibt, meinen zwei Leute mit „Hávamál 140" oft zwei verschiedene Strophen. Eine Angabe ohne Ausgabe ist keine Angabe.

Zweitens die Übersetzungen. Fast alles, was auf Englisch kursiert, geht auf zwei gemeinfreie Fassungen des frühen 20. Jahrhunderts zurück: Olive Bray von 1908 und Henry Adams Bellows von 1923. Aus denen werden dann deutsche Versionen gebastelt, geglättet und in Ratgebersprache gebracht, bis aus einem kantigen Vers ein Kalenderspruch wird. Wer einen Satz aus dem Altnordischen liest und wer eine Übersetzung einer Übersetzung einer Paraphrase liest, liest nicht dasselbe.

Drittens Listen, die es nie gab. Die „Neun Edlen Tugenden", die in Kommentarspalten regelmäßig als Inhalt der Hávamál ausgegeben werden, sind eine moderne Formulierung: 1974 in der britischen Odinic Rite aufgestellt, 1983 in den USA in abweichender Fassung wiederholt, locker angelehnt an Hávamál und Sigrdrífumál. In keiner mittelalterlichen Handschrift steht eine solche Liste.

Viertens Zitate aus dem Kino. Das oft geteilte Gebet, das mit „Seht, da sehe ich meinen Vater" beginnt, stammt aus Michael Crichtons Roman Eaters of the Dead von 1976 und dem Film, der daraus wurde. Es ist gut geschrieben. Es ist nur eben nicht mittelalterlich.

Und fünftens die Auswahl. Wer die Hávamál als Moralkodex zitiert, hat die freundlichen Strophen herausgepflückt und die misstrauischen, die derben und die widersprüchlichen liegen lassen. Das Gedicht wird dadurch nicht schöner, nur kleiner.

Beleg, Überlieferung, Deutung

Handschriftlich belegt ist ein Text von 164 Strophen im Codex Regius, geschrieben im späteren 13. Jahrhundert in Island. Mehr gibt es nicht; keine zweite Handschrift, kein Fragment, das den Text kontrolliert.

Zeitgenössisch berührt wird er vom Hákonarmál um 961 – mit der bekannten Unsicherheit, wer hier von wem nahm.

Moderne Deutung sind die Gliederung in fünf Teile, die Datierung einzelner Schichten, die Ableitung aus lateinischer Spruchdichtung und jede Aussage darüber, was „die Wikinger" geglaubt hätten. Das Gedicht sagt, was es sagt, und es widerspricht sich dabei regelmäßig.

Reine Neuzeit sind die Tugendlisten, die geglätteten Sinnsprüche und die Filmgebete.

Uns ist das Original lieber. Ein Text, der einem rät, das Feuer für den Frierenden zu machen und trotzdem zu schauen, wer im Raum sitzt, traut dem Leser mehr zu als jeder Kalenderspruch. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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