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Aus dem Wissensarchiv

Tolkien und die Edda

Mythos-Check Aufgeschlagene mittelalterliche Handschrift mit vergoldeter Initiale im Kerzenlicht, daneben Feder, Tintenfass, Lupe und Lesebrille auf einem Schreibtisch

In einer altenglischen Dichtung aus dem 9. Jahrhundert stehen zwei Wörter in derselben Zeile: éarendel und middangeard. Ein junger Student in Oxford las sie, verstand sie, und ließ sie nicht mehr los. Aus dem einen wurde Eärendil. Aus dem anderen wurde Mittelerde. Und damit fängt die Sache erst an.

Kaum ein Name wird in Gesprächen über nordische Mythologie so oft genannt wie seiner – und kaum einer wird dabei so gründlich missverstanden. John Ronald Reuel Tolkien gilt vielen als der Mann, der sich bei der Edda bedient hat. Das stimmt. Es ist nur ungefähr ein Drittel der Wahrheit, und es ist das langweiligste Drittel.

Denn Tolkien war kein Autor, der für seinen Roman ein bisschen Nordisches recherchierte. Er war Sprachwissenschaftler von Beruf, las die Quellen im Original, gab sie heraus und stritt mit Fachkollegen über einzelne Wörter. Was daraus entstand, ist nicht Anleihe, sondern etwas Seltsameres: eine erfundene Welt, die aus echten Wörtern herausgewachsen ist wie eine Pflanze aus einem Samen.

Wir haben Tolkien in unseren Beiträgen bisher immer nur gestreift – bei den Zwergen, bei Midgard, bei Hervör, beim Wolf. Hier ist er einmal am Stück. Mit dem, was belegt ist. Und mit dem, was ihm fälschlich zugeschrieben wird – oder er der Mythologie.

Teil I: Erst kam das Wort

Tolkien wurde 1892 im südafrikanischen Bloemfontein geboren, wuchs in England auf und verbrachte sein Berufsleben in Oxford. Von 1925 bis 1945 hatte er dort den Lehrstuhl Rawlinson and Bosworth Professor of Anglo-Saxon inne, danach bis 1959 den für englische Sprache und Literatur am Merton College. Er starb 1973. In seinem Hauptberuf ging es also nicht um Romane, sondern um Altenglisch, Altnordisch, Mittelenglisch, Gotisch: um tote Sprachen und darum, was einzelne Wortformen über die Menschen verraten, die sie benutzten.

Das ist keine Randnotiz zu seinem Werk. Das ist der Motor.

Tolkien hat selbst mehrfach gesagt, dass bei ihm die Sprachen zuerst da waren und die Geschichten danach – erfunden, um den Sprachen eine Welt zu geben, in der jemand sie spricht. Wer das einmal verstanden hat, liest Mittelerde anders. Die Namen sind nicht hübsch klingende Erfindungen. Sie sind sprachliche Rekonstruktionen, gebaut nach den Regeln echter germanischer Lautgeschichte.

Die Zeile, aus der alles wurde

Als Student stieß Tolkien auf den altenglischen Crist, eine christliche Dichtung, die Cynewulf zugeschrieben wird. Dort stehen zwei Verse, die ihn umwarfen: Éala éarendel engla beorhtast / ofer middangeard monnum sended – „Heil dir, Éarendel, hellster der Engel, über Mittelerde den Menschen gesandt.“

Das Wort éarendel bezeichnet im Altenglischen einen Lichtschein, wohl den Morgenstern. Für einen Philologen ist so ein Wort ein offenes Fenster: Es ist älter als der christliche Text, in dem es steht, es hat keine saubere Erklärung, und es klingt, als gehöre es in eine Geschichte, die niemand mehr kennt. Tolkien beschloss, diese Geschichte zu schreiben. Im September 1914 entstand sein Gedicht über die Fahrt des Abendsterns, im November trug er es dem Essay Club in Oxford vor.

Halte dir einen Moment vor Augen, was da passiert ist. Der gesamte Kosmos von Mittelerde – Jahrzehnte Arbeit, tausende Seiten, eine Weltgeschichte mit eigenen Zeitaltern – geht auf den Versuch zurück, ein einziges unerklärtes Wort mit einer Erzählung zu unterfüttern. Und das zweite Wort derselben Zeile, middangeard, wurde gleich der Name der Welt, in der das alles spielt.

Beleg: Die Verse stehen im Crist (Christ I) des altenglischen Exeter-Buchs, Verse 104–105. Tolkiens Gedicht The Voyage of Éarendel the Evening Star entstand im September 1914; den Vortrag vor dem Oxforder Essay Club im November 1914 belegen seine Biografen.

Die Kohlenbeißer von Oxford

1926 gründete Tolkien in Oxford einen Lesekreis mit einem Namen, den man sich merkt: die Kolbítar, die „Kohlenbeißer“. Das ist ein altnordisches Spottwort für Leute, die so dicht am Feuer hocken, dass sie fast in die Kohlen beißen – Stubenhocker also. Der Kreis traf sich, um altnordische Texte im Original zu lesen: die Edda, die Sagas, Snorri. Nicht in Übersetzung. Zeile für Zeile, laut, gemeinsam.

In diesem Kreis lernte er C. S. Lewis näher kennen, den späteren Narnia-Autor. Zwei Männer, die beide von dem ergriffen waren, was Lewis „Northernness“ nannte – jene eigentümliche Sehnsucht, die einen beim Lesen nordischer Dichtung packt und nicht recht erklärbar ist. Kälte, Weite, Untergang, und mittendrin Menschen, die trotzdem nicht klein beigeben.

Genau das ist der Punkt, an dem aus Sprachwissenschaft Haltung wird. Tolkien hat dieser Haltung 1936 einen Vortrag gewidmet, der bis heute nachwirkt: Beowulf: The Monsters and the Critics. Seine These, kurz gefasst: Die Forschung habe den Beowulf jahrzehntelang als Steinbruch für historische Daten behandelt und dabei übersehen, dass er Dichtung ist. Die Ungeheuer seien nicht kindischer Beiwerk, sondern der Kern – weil es in diesem Gedicht um den Kampf gegen etwas geht, das man nicht besiegen kann, und darum, ihn trotzdem zu führen.

Das ist die nordische Grundhaltung, die man manchmal northern courage nennt: Mut ohne Aussicht auf Sieg. Die Götter verlieren bei Ragnarök. Sie wissen es. Sie treten trotzdem an. Tolkien hat diesen Gedanken nicht aus der Edda abgeschrieben – er hat ihn als Fachmann herauspräpariert und dann zum moralischen Rückgrat seines eigenen Werks gemacht. Wer wissen will, warum ausgerechnet die kleinsten Figuren bei ihm den Ausschlag geben, findet hier die Antwort.

Mythos-Check: Tolkien war kein „Fan“ der nordischen Mythologie, der sich Motive borgte. Er hat den Beowulf übersetzt und kommentiert, altnordische Dichtung ediert und Studenten darin geprüft. Das ist ein Unterschied wie zwischen jemandem, der Schiefer schön findet, und jemandem, der ihn spaltet.

Teil II: Quelle für Quelle

Jetzt wird es konkret. Wir gehen die Vorlagen einzeln durch – und sagen jedes Mal dazu, was in der Quelle wirklich steht und was Tolkien daraus gemacht hat. Denn das ist fast immer zweierlei.

Die Völuspá: ein Namensregister wird zur Weltliteratur

Der bekannteste und zugleich am leichtesten nachprüfbare Fall steht in der Völuspá, dem Eröffnungslied der Lieder-Edda. Dort findet sich der Dvergatal, der „Zwergenkatalog“: eine lange Aufzählung von Zwergennamen, die für moderne Leser ziemlich trocken wirkt. Eine Liste eben.

Schlag den Hobbit auf und lies die Namen der Gesellschaft: Thorin, Dvalin, Fili, Kili, Dori, Nori, Ori, Óin, Glóin, Bifur, Bofur, Bombur, Durin – sie stehen alle in dieser Liste. Und ein weiterer Name aus dem Dvergatal hat es zu besonderem Ruhm gebracht: Gandalf. Altnordisch Gandálfr, was ungefähr „Zauberstab-Albe“ oder „Stab-Elf“ heißt.

Tolkien hat aus einer eddischen Namensliste also nicht nur seine Zwerge bevölkert, sondern auch seinen Zauberer benannt. Mehr dazu, wer die Zwerge in der Überlieferung eigentlich sind, steht bei uns an anderer Stelle – kurz gesagt: Meisterschmiede aus Stein und Dunkelheit, entstanden aus dem Leib des Urriesen Ymir, und weit weniger gemütlich, als der Hobbit vermuten lässt.

Beleg: Der Dvergatal steht in der Völuspá (Lieder-Edda, Codex Regius, Strophen 10–16). Die Namensübereinstimmungen mit dem Hobbit sind seit Langem Standardwissen der Tolkien-Forschung; ausführlich bei Tom Shippey, The Road to Middle-earth.

Middangeard: der Name der Welt

Altnordisch Miðgarðr, altenglisch middangeard, althochdeutsch mittilagart, gotisch midjungards: Das Wort für die Menschenwelt ist gemeingermanisch und damit sehr alt. Es meint wörtlich den „mittleren Bereich“ – das umzäunte Innen, umgeben von einem bedrohlichen Außen aus Wildnis und Riesen.

Tolkien hat dieses Wort nicht erfunden und nie behauptet, es erfunden zu haben. Er hat es übersetzt: middangeard wurde zu Middle-earth, im Deutschen zu Mittelerde. Was viele überrascht: In seinen Erzählungen ist Mittelerde kein Fantasieplanet, sondern ausdrücklich unsere Welt in einer sehr frühen, erfundenen Epoche. Der Name sagt das bereits – er kommt aus der Sprache, in der unsere Vorfahren über ihre eigene Welt sprachen. Mehr zum Begriff und zu seiner Geschichte steht in unserem Beitrag über Midgard.

Beowulf: Orks, Ents und der Drache auf dem Hort

Der Beowulf war Tolkiens Lebensthema, und er hat aus ihm mehr geschöpft als aus jedem anderen einzelnen Text. Drei Beispiele, die sich Wort für Wort belegen lassen:

Orks. Im Beowulf steht das altenglische Wort orcnéas, gewöhnlich als eine Art Leichengespenster oder Unholde verstanden. Tolkien griff den Wortstamm auf und machte daraus sein eigenes Geschöpf. Das Wort ist echt – die Orks, wie wir sie kennen, sind seine Erfindung.

Ents. Altenglische Dichtung spricht von eald enta geweorc, den „alten Werken der Riesen“: So nannten die Angelsachsen die verfallenen römischen Steinbauten, deren Erbauer sie nicht mehr kannten. Ein Volk, das Ruinen sieht und auf Riesen schließt. Aus diesem enta wurden Tolkiens Ents – Baumhirten, die älter sind als alles andere und langsam sprechen, weil sie Zeit anders messen.

Der Drache. Im letzten Drittel des Beowulf weckt ein Dieb einen Drachen, indem er einen einzigen Becher aus dessen Hort stiehlt. Der Drache erwacht, zählt nach, merkt den Verlust und verbrennt das Land. Wer den Hobbit kennt, kennt diese Szene: Bilbo stiehlt einen Pokal, Smaug erwacht, und die Rache trifft die Menschen von Esgaroth. Tolkien hat das nie verschleiert.

Beleg: orcnéas steht im Beowulf, Vers 112; die Formel enta geweorc unter anderem im Beowulf und in der Elegie The Ruin. Tolkiens eigene Prosa-Übersetzung samt Kommentar erschien 2014 unter dem Titel Beowulf: A Translation and Commentary, herausgegeben von Christopher Tolkien.

Die Völsunga saga: der verfluchte Ring, den es wirklich gibt

Hier wird es heikel, weil sich zwei Dinge dauernd vermischen. Der Reihe nach.

Der verfluchte Ring der Sigurd-Überlieferung fällt nicht vom Himmel, er hat eine Vorgeschichte, und die gehört dazu, sonst versteht man den Fluch nicht.

Drei Götter sind unterwegs: Odin, Hönir und Loki. An einem Wasserfall sieht Loki einen Otter, der einen Lachs frisst, und erschlägt ihn mit einem Stein. Es war kein Otter, sondern Otr, der Sohn des Bauern Hreidmar, in Tiergestalt. Am Abend kehren die drei ausgerechnet bei Hreidmar ein und zeigen stolz das Fell. Hreidmar und seine übrigen Söhne Fáfnir und Regin überwältigen die Götter und fordern Wergeld: Das Otterfell soll mit Gold gefüllt und von außen vollständig damit bedeckt werden.

Loki, der den Schaden angerichtet hat, muss das Gold beschaffen. Er geht zum Wasserfall des Zwergs Andvari, der dort in Hechtgestalt lebt, fängt ihn mit einem geliehenen Netz und presst ihm seinen ganzen Hort ab. Einen Ring, Andvaranaut, will Andvari zurückbehalten. Loki nimmt ihm auch den. Da legt der Zwerg einen Fluch darauf: Wer den Ring besitze, den solle er zugrunde richten.

Das Gold füllt das Fell – bis auf ein einziges Barthaar, das noch hervorschaut. Um es zu bedecken, muss Odin den Ring herausgeben, den er eigentlich hatte behalten wollen. In diesem Moment ist der Fluch in der Welt. Und er arbeitet sich der Reihe nach durch: Fáfnir erschlägt seinen Vater Hreidmar wegen des Goldes, zieht sich damit in die Einöde zurück und wird zum Drachen. Regin hetzt später seinen Ziehsohn Sigurd auf den Bruder; Sigurd tötet den Drachen – und danach auch Regin, der ihn hinterrücks umbringen wollte. Am Ende fällt Sigurd selbst einem Mord zum Opfer.

Beleg: Die Otterbuße steht im Reginsmál der Lieder-Edda, bei Snorri (Skáldskaparmál) und in der Völsunga saga. Die Fassungen weichen in Einzelheiten voneinander ab – etwa darin, wer Loki das Netz leiht.

Ein verfluchter Goldring, der seinen Träger zerstört, ein gehorteter Drachenschatz, ein zerbrochenes und neu geschmiedetes Schwert, ein Held, der Drachenblut kostet und danach die Vögel versteht – das ist alles vorhanden, lange bevor irgendjemand einen Hobbit erfand. Auch Tolkiens narsilische Idee vom Schwert, das zerbricht und für den rechtmäßigen Erben neu geschmiedet wird, hat hier ihren Ursprung: Sigurds Vaterschwert Gram wird aus den Bruchstücken neu gemacht.

Tolkien hat sich mit diesem Stoff nicht nur beiläufig befasst. In den 1930er Jahren schrieb er eine eigene Nachdichtung in altnordischem Versmaß, The Legend of Sigurd and Gudrún, die erst 2009 postum erschien. Er kannte den Stoff also von innen.

Mythos-Check – Wagner: „Aber das hat er doch alles von Wagner.“ Nein. Richard Wagners Ring des Nibelungen und Tolkiens Ring gehen unabhängig voneinander auf denselben mittelalterlichen Stoffkreis zurück – die Völsunga saga, die Eddalieder, das Nibelungenlied. Tolkien, der Wagner mit Skepsis betrachtete, hat den Vergleich trocken abgewiesen: Beide Ringe seien rund, und damit ende die Ähnlichkeit. Wer den Stoff kennt, sieht die Parallelen zwischen Sigurd und Siegfried – aber Tolkien musste dafür nicht in die Oper, er las die Handschriften.

Die Hervarar saga: das Fluchschwert und der Gang zum Grabhügel

Weniger bekannt, aber für Tolkien wichtig: die Hervarar saga mit dem Lied von Hervör. Eine Tochter geht bei Nacht auf die Grabinsel, ruft ihren toten Vater aus dem Hügel und fordert das Familienschwert Tyrfing heraus – ein Schwert, das mit einem Fluch beladen ist. Der Vater warnt sie. Sie bleibt stur. Sie bekommt es.

Tolkien kannte dieses Lied genau und hat es übersetzt. Grabhügel, in denen etwas liegt, das man besser nicht weckt; Waffen mit eigenem Willen; eine Erbin, die sich nicht abweisen lässt – all das taucht in seiner Welt wieder auf, am deutlichsten in den Hügelgräbern, aus denen die Hobbits ihre Klingen bekommen.

Odin auf Wanderschaft – und wie er zu Gandalf wurde

Odin tritt in der Überlieferung immer wieder verkleidet auf: als alter Mann mit breitem Hut, Mantel und Stab, einäugig, unterwegs, prüfend. Er kommt an Höfe, stellt Rätsel, hilft, verschwindet. Wer den grauen Wanderer bei Tolkien vor Augen hat, sieht die Verwandtschaft sofort.

Das ist ausnahmsweise nicht nur Deutung von außen. Tolkien selbst hat Gandalf so genannt. Als der deutsche Interessent Horus Engels ihm Illustrationen schickte, in denen Gandalf wie eine Witzfigur wirkte, beschwerte er sich bei seinem Verleger Stanley Unwin – er habe sich einen Odinic wanderer vorgestellt, einen odinshaften Wanderer, keinen Spaßmacher.

Beleg: Brief vom 7. Dezember 1946 an Sir Stanley Unwin, in: The Letters of J. R. R. Tolkien, Nr. 107, herausgegeben von Humphrey Carpenter und Christopher Tolkien.

Damit ist eine der populärsten Behauptungen über Tolkien belegt – und zwar von ihm selbst. Man darf nur nicht daraus schließen, Gandalf sei Odin. Odin ist auch der Gott des Kriegs, des Wahnsinns und des Verrats, einer, der Gefolgsleute fallen lässt, wenn es ihm nützt. Diese Seite fehlt Gandalf vollständig. Tolkien hat sich eine Gestalt genommen und die Hälfte weggelassen.

Die Alben: von Krankheitsbringern zu Lichtwesen

Kaum eine Gestalt hat sich zwischen Überlieferung und heutiger Vorstellung so weit voneinander entfernt wie diese. Wer „Elb" hört, denkt an hochgewachsene, unsterbliche Wesen von schwermütiger Schönheit. In den Quellen steht etwas anderes – und zwar deutlich Unheimlicheres.

Die Alben (altnordisch álfar, altenglisch ælfe, althochdeutsch alb) waren keine Randfiguren. In der Eddadichtung stehen sie in festen Formeln direkt neben den Göttern: „Asen und Alben" wird gefragt, wenn gemeint ist „alle Mächte, die zählen". Das Grímnismál nennt Álfheim, die Welt der Alben, als Zahngeschenk für den jungen Freyr – man verschenkt keine ganze Welt an eine Nebensache.

Es gab ihnen sogar einen eigenen Kult. Der isländische Skalde Sigvatr Þórðarson berichtet um 1019 von einer Reise durch Westschweden, auf der ihm Hof um Hof die Tür gewiesen wird: Man feiere gerade das álfablót, das Albenopfer, und Fremde dürften nicht dabei sein. Das ist ein ungewöhnlich handfester Beleg – kein Mythos, sondern ein genervter Reisender, der draußen im Kalten steht.

Und dann sitzt der Alb auf der Brust

Die andere Seite ist die, die in unserer Sprache überlebt hat. Alben machten krank. Im Altenglischen gibt es das Wort ælfsiden für eine von Elfen verursachte Krankheit und den Begriff ælfscot, „Elfenschuss": Man stellte sich vor, unsichtbare Wesen schössen winzige Pfeile auf Mensch und Vieh, und wo sie trafen, entstanden Schmerz und Lähmung. In angelsächsischen Heilsegen stehen ganze Rezepte dagegen.

Im deutschen Sprachraum wurde daraus der Alb oder Alp, der sich nachts auf die Brust des Schlafenden setzt und ihm den Atem nimmt. Daher Alpdruck. Und daher das Wort, das jeder kennt:

Sprachgeschichte – Alptraum oder Albtraum? Beides ist heute richtig, aber die Schreibung mit b ist die jüngere. Offiziell anerkannt war bis 1996 ausschließlich Alptraum; erst die Rechtschreibreform ließ Albtraum zu – unter anderem, um die Verwechslung mit der Alp im Sinne von Bergweide zu vermeiden und den Bezug zum Albenwesen sichtbar zu machen. Sprachlich alt sind beide Formen: Schon im Alt- und Mittelhochdeutschen standen alb und alp nebeneinander. Der Duden empfiehlt heute die Form mit b, das DWDS führt weiterhin Alptraum als Hauptform. Wer also „Alptraum" schreibt, schreibt nicht falsch, sondern älter.

Dasselbe Bild steckt im Englischen: nightmare hat nichts mit einer Stute zu tun, sondern enthält die mare – im Deutschen der Mahr, dieselbe drückende Nachtgestalt, die im Wort Nachtmahr steckt.

Was Tolkien daraus machte – und warum er es tat

Snorri hatte in der Prosa-Edda bereits geordnet, was in den älteren Liedern unscharf ist: Ljósálfar, Lichtalben, „schöner als die Sonne", und Dökkálfar oder Svartálfar, Dunkel- und Schwarzalben, die unter der Erde wohnen. Diese saubere Zweiteilung ist ein Stück Systematik aus dem 13. Jahrhundert, rund zweihundert Jahre nach der Christianisierung Islands – ob sie den älteren Vorstellungen entspricht, ist offen. In den Liedern selbst sind Alben und Zwerge stellenweise kaum auseinanderzuhalten.

Tolkien kannte diesen ganzen Befund. Und er hat sich bewusst dagegen gestellt – allerdings nicht gegen die Edda, sondern gegen das, was das 19. Jahrhundert daraus gemacht hatte. Zu seiner Zeit war die „Elfe" im englischen Sprachraum ein zierliches Blütenwesen mit Libellenflügeln, Kinderbuchpersonal. Tolkien fand das unerträglich und hat es mehrfach gesagt: Er wollte dem Wort seine Würde zurückgeben.

Sein Mittel war typisch philologisch. Er bestand gegen die Setzer auf den älteren Formen – elven statt elfin, dwarves statt des korrekten englischen Plurals dwarfs –, weil die gebräuchlichen Formen für ihn nach Kinderzimmer klangen und die alten nach etwas, das älter ist als wir. Seine Elben wurden groß, gefährlich, traurig und unsterblich. Das ist keine Wiederherstellung der Überlieferung. Das ist eine Gegenerfindung.

Mythos-Check: Die hochgewachsenen, edlen Lichtwesen sind im Kern Tolkiens Gestaltung, gebaut auf Snorris Lichtalben und gegen die viktorianische Blütenfee. Die Alben der älteren Überlieferung sind schwerer zu fassen: mal Mächte, denen man opferte, mal Verursacher von Krankheit und Alpdruck. Ausführlich dazu unser Beitrag über die Alben.
Beleg: Álfheim als Zahngeschenk für Freyr: Grímnismál Str. 5. Das álfablót schildert Sigvatr Þórðarson in den Austrfararvísur, um 1019. Ælfscot und elfenverursachte Krankheiten sind in altenglischen Heilsegen belegt. Die Einteilung in Licht- und Schwarzalben steht bei Snorri (Gylfaginning).

Myrkviðr, vargr, berserkr: die kleinen Anleihen

Drei weitere Fälle, die sich sauber zurückverfolgen lassen:

Düsterwald. Altnordisch Myrkviðr, „Finsterwald“, ist in der Eddadichtung ein mythischer Grenzwald, den man durchqueren muss und in dem nichts Gutes wartet. Tolkien übernahm den Namen als Mirkwood.

Warge. Altnordisch vargr bedeutet zweierlei: Wolf – und Geächteter, Friedloser, jemand, der aus der Gemeinschaft ausgestoßen ist. Beides in einem Wort, was viel über die Vorstellungswelt verrät. Tolkien machte daraus Wargs, eine eigene Kreatur. Mehr dazu, was der Wolf im Norden wirklich bedeutete, haben wir gesondert aufgeschrieben.

Beorn. Der Gestaltwandler im Hobbit, der als Mensch und als Bär auftritt, trägt ein altenglisches Wort als Namen: beorn heißt „Krieger, Mann“, ist aber mit dem Wort für Bär verwandt. Dahinter steht die altnordische Vorstellung vom berserkr – wörtlich wohl „Bärenhemd“ – und von Kämpfern, die Tiergestalt annehmen. Auch der Name des Helden Beowulf wird meist als „Bienen-Wolf“ gedeutet, eine Umschreibung für den Bären.

Und dann: die stärkste Vorlage ist gar nicht germanisch

Ein Punkt, der in der allgemeinen Tolkien-und-die-Wikinger-Erzählung fast immer untergeht, und ausgerechnet er ist einer der wichtigsten.

Die tragischste Figur in Tolkiens Welt ist Túrin Turambar: ein Mann unter einem Fluch, der alles zerstört, was er liebt, seine Schwester heiratet, ohne es zu wissen, und sich am Ende in sein eigenes Schwert stürzt. Diese Geschichte stammt in ihren Grundzügen nicht aus dem Norden, sondern aus Finnland – aus dem Kalevala, dem finnischen Epos, und dort von der Gestalt des Kullervo.

Tolkien hat als junger Mann eine eigene Fassung dieser Erzählung geschrieben; sie erschien 2015 als The Story of Kullervo. Das Finnische, das mit den germanischen Sprachen überhaupt nicht verwandt ist, hat ihn außerdem zur Lautgestalt des Quenya angeregt, seiner elbischen Hochsprache.

Mythos-Check: „Tolkien = Wikinger“ ist zu eng. Sein Werk speist sich aus Altenglisch, Altnordisch, Finnisch, Walisisch, Gotisch und dem katholischen Glauben, in dem er lebte. Wer nur den Norden sieht, sieht die Hälfte. Umgekehrt gilt aber genauso: Wer behauptet, das Nordische spiele bei ihm keine große Rolle, hat den Dvergatal nicht gelesen.

Teil III: Der große Mythos-Check

Jetzt drehen wir die Richtung um. Bis hierhin ging es darum, was Tolkien aus der Überlieferung genommen hat. Der interessantere Teil für uns in der Werkstatt ist der andere: Was halten Leute heute für altes nordisches Wissen, obwohl es in Wahrheit von Tolkien stammt? Diese Fragen erreichen uns regelmäßig, und wir beantworten sie lieber einmal ausführlich.

„Warge sind nordische Fabelwesen.“ Nein. Vargr ist ein ganz normales altnordisches Wort für Wolf und für Geächtete. Den Warg als übernatürlichen Riesenwolf mit eigenem Volk und eigener Sprache gibt es erst bei Tolkien.

„Mittelerde ist ein Ort aus der Edda.“ Halb richtig. Das Wort ist echt und uralt, der Ort ist es nicht: In der Überlieferung heißt so schlicht die Menschenwelt – die Erde, auf der du gerade stehst. Mittelerde als Landkarte mit Auenland und Mordor ist Dichtung des 20. Jahrhunderts.

„Elben sind die hochgewachsenen, unsterblichen Lichtwesen der Germanen.“ Im Kern Tolkiens Gestaltung – ausführlich oben im Abschnitt über die Alben. Kurz: Die Alben der Überlieferung sind schwerer zu fassen, und vom „Alp“, der nachts auf der Brust sitzt, kommt unser Wort Alptraum – seit 1996 auch Albtraum.

„Die Zwergenrunen im Hobbit sind echt.“ Diese sind es tatsächlich – und zwar als einziger Fall. Für den Hobbit benutzte Tolkien das angelsächsische Futhorc, eine real überlieferte Runenreihe. Für den Herrn der Ringe erfand er dagegen ein eigenes Zeichensystem, die Cirth beziehungsweise Angerthas. Die sehen alten Runen ähnlich, weil er wusste, wie Runen aussehen. Historisch sind sie nicht. Und die Tengwar, die geschwungene „Elbenschrift“, schon gar nicht.

„Thorin, Durin, Gandalf sind Tolkien-Namen.“ Umgekehrt. Die stehen in der Völuspá, Jahrhunderte vor ihm. Wer sich einen dieser Namen gravieren lässt, trägt echtes eddisches Gut – nur eben nicht, weil Tolkien ihn erfunden hätte, sondern weil er ihn gefunden hat. Auch Gimli hat einen eddischen Klang: Gimlé heißt in der Völuspá der Ort, an dem nach dem Untergang die Gerechten wohnen.

„Balrog, Mordor, Hobbits, das Auge – auch alt, oder?“ Nichts davon. Das ist Tolkien, komplett, aus eigenen Sprachen gebaut.

Mythos-Check: Die häufigste Verwechslung, die uns begegnet, ist dieselbe wie bei Wagner, beim Hörnerhelm oder beim Vegvísir: Ein Bild aus dem 19. oder 20. Jahrhundert wird für Wikingerzeit gehalten. Das macht das Bild nicht schlechter. Es macht es nur jünger, als viele denken – und man sollte es wissen, bevor man es sich in die Haut oder in den Stein schneiden lässt.

Warum uns das in der Werkstatt beschäftigt

Ganz praktisch: Bei uns landen regelmäßig Anfragen, die beides vermischen. Jemand möchte einen Spruch in „Elbenschrift“ auf eine Schieferplatte, einen Zwergennamen in „echten Runen“, ein Motiv aus einer bestimmten Verfilmung. Wir sagen dann, was Sache ist – auch wenn es einen Auftrag kostet.

Was wir gravieren: echte Runen des Älteren und Jüngeren Futhark, Namen in korrekter Transliteration, Verse aus Edda und Hávamál, Motive nach archäologischen Vorlagen. Was wir nicht anbieten: Schriftzeichen, Namen und Motive aus Tolkiens Werk. Die stehen unter Urheber- und Markenrecht – wir sind keine Juristen, aber die Rechtslage ist hier klar genug, dass wir die Finger davon lassen. Und ehrlich gesagt ist es auch nicht unser Handwerk: Wir arbeiten mit dem, was belegt ist.

Das Schöne daran: Der Umweg lohnt sich fast immer. Wer zu uns kommt, weil ihn Mittelerde gepackt hat, geht oft mit etwas Älterem wieder – mit dem eigenen Namen im Älteren Futhark, mit einer Zeile aus der Edda, mit dem Weltenbaum auf Naturschiefer. Nicht als Ersatz. Als Quelle.

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Was bleibt

Tolkien hat der nordischen Überlieferung mehr genützt als fast jede Ausgrabung. Millionen Menschen wissen überhaupt nur deshalb, dass es eine Edda gibt, weil sie über Zwergennamen und einen grauen Wanderer dorthin gefunden haben. Das ist keine Verfälschung, solange man den Unterschied kennt.

Und der Unterschied ist am Ende einfach. Die Edda ist überliefert – von Menschen aufgeschrieben, die an diese Welt glaubten oder zumindest von Menschen erzählten, die es taten. Mittelerde ist erfunden, von einem Mann, der die Überlieferung so gut kannte, dass seine Erfindung echt klingt. Beides darf man lieben. Man sollte nur nicht behaupten, es sei dasselbe.

Tolkien selbst hätte das vermutlich am schärfsten gesagt. Er hat sein Leben damit verbracht, genau hinzusehen, wo ein Wort herkommt. Das ist die Haltung, die uns an ihm gefällt – und die wir versuchen, in jede Gravur mitzunehmen: erst nachsehen, dann schneiden.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Weiterlesen bei uns

Die Zwerge & der Zwergenkatalog · Midgard · Odin · Alben (Elfen) · Hervör · Der Wolf im Norden · Die Eudosen & Finnsburg · Sigurd · Runen-Handbuch.

Quellen & Literatur

Primärquellen: Lieder-Edda, Völuspá (Dvergatal, Str. 10–16), Codex Regius; Hervarar saga ok Heiðreks; Völsunga saga; Snorri Sturluson, Prosa-Edda, um 1220; Beowulf (Verse 112 und 2278–2311, Cotton Vitellius A. xv); Crist (Christ I), V. 104–105, Exeter-Buch; Kalevala, hrsg. Elias Lönnrot, 1849. Gemeinfreie deutsche Edda-Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda, 1851. Von Tolkien: Beowulf: The Monsters and the Critics (Vortrag 1936); Finn and Hengest, hrsg. Alan Bliss, 1982; The Legend of Sigurd and Gudrún, hrsg. Christopher Tolkien, 2009; Beowulf: A Translation and Commentary, 2014; The Story of Kullervo, hrsg. Verlyn Flieger, 2015; The Letters of J. R. R. Tolkien, hrsg. Humphrey Carpenter und Christopher Tolkien, Nr. 107 (7. Dezember 1946). Forschung: Tom Shippey, The Road to Middle-earth; Humphrey Carpenter, J. R. R. Tolkien. A Biography, 1977; Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology, 2001.

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