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Die Eudosen – ein Volk im Schatten eines Schreibfehlers

Geschichte & Funde Die Eudosen – ein Volk im Schatten eines Schreibfehlers

Es gibt germanische Völker, über die man Bücher schreiben kann, und es gibt die Eudosen. Über sie ist genau ein Satz überliefert – und in diesem Satz werden sie nicht einmal beschrieben, sondern nur aufgezählt. Tacitus nennt sie an fünfter Stelle einer Reihe von sieben Völkern, die eine Göttin gemeinsam verehren, und fügt ausdrücklich hinzu, an keinem von ihnen einzeln sei etwas bemerkenswert. Das klingt nach einem Thema für eine halbe Seite. Tatsächlich ist es eines der lehrreichsten Kapitel der germanischen Altertumskunde. Denn an diesem einen Wort hängt eine ganze Kette von Vermutungen: eine mögliche Verwechslung in Caesars Text, eine mögliche Identität mit den Jüten, und eine Debatte, in der am Ende alles an einem einzigen Buchstaben hängt.

Anfang des Agricola im Codex Aesinas, Handschriftenseite mit roter Auszeichnungsschrift
Der Beginn des Agricola im Codex Aesinas (Rom, Biblioteca Nazionale Centrale, Cod. Vitt. Em. 1631), Blatt 52r. Die berühmte Handschrift ist hier zu sehen, weil sie das Kernproblem des Themas zeigt: Ihre alten Blätter gehören zum Agricola, während die Germania darin in einer Hand des 15. Jahrhunderts steht. Der Name der Eudosen hängt an genau dieser jungen Abschrift. Bild: CC0.

Ein Volk, das aus einem Nebensatz besteht

Die Quellenlage zu den Eudosen lässt sich in einem Satz zusammenfassen, weil sie aus einem Satz besteht. Der Name erscheint in der gesamten antiken Literatur genau einmal: bei Tacitus, in Kapitel 40 seiner um 98 n. Chr. entstandenen Germania. Kein zweiter Autor greift ihn auf, keine Inschrift nennt ihn, keine Münze, kein Militärdiplom, keine Grabstele. Wer über die Eudosen schreibt, arbeitet also nicht mit Quellen im Plural, sondern mit einer Quelle im Singular – und mit allem, was die Forschung seit fünfhundert Jahren daran angeknüpft hat.

Das ist weniger ungewöhnlich, als es klingt. Ein erheblicher Teil der bei Tacitus genannten Völker ist so überliefert: als Name in einer Aufzählung, ohne Geschichte, ohne Ort, ohne Gesicht. Der Unterschied ist, dass bei den Eudosen ausgerechnet an dieser dünnsten aller Stellen zwei der spannendsten Fragen der Germanenforschung zusammenlaufen. Die erste betrifft die Frage, ob dieser Name nicht schon bei Caesar, vierzig Jahre früher, auftaucht – nur falsch abgeschrieben. Die zweite betrifft die Frage, ob aus ihm ein Volk hervorging, das später halb England prägte.

Dieser Artikel behandelt beides. Er behandelt aber vor allem das Handwerk dahinter: wie man aus einem Wort Geschichte gewinnt, wo dabei die Grenze verläuft, und woran man erkennt, dass man sie gerade überschritten hat.

Der Satz, um den es geht

Tacitus kommt am Ende seines Suebenkapitels an die Nord- und Ostseeküste. Er hat eben die Langobarden abgehandelt, deren geringe Zahl er lobend hervorhebt, und reiht dann ohne Übergang sieben Namen aneinander. Dann folgt der berühmteste Abschnitt des ganzen Buches: die Beschreibung des Nerthus-Kults mit dem verhüllten Wagen, der Insel im Ozean und den Dienern, die der See verschlingt.

Reudigni deinde et Aviones et Anglii et Varini et Eudoses et Suardones et Nuithones fluminibus aut silvis muniuntur. Nec quicquam notabile in singulis, nisi quod in commune Nerthum, id est Terram matrem, colunt.

Sodann die Reudigner und die Avionen und die Angeln und die Warnen und die Eudosen und die Suardonen und die Nuithonen: sie sind durch Flüsse oder Wälder geschützt. Und an keinem von ihnen einzeln ist etwas bemerkenswert – außer dass sie gemeinsam Nerthus verehren, das heißt: die Mutter Erde.

Tacitus, Germania 40; eigene Übersetzung

Das ist alles. Fünf Wörter Kontext, ein Kollektivbefund, ein Kultbericht, der nicht den Eudosen gilt, sondern der Gruppe. Man kann diesen Satz auswendig lernen und weiß danach über die Eudosen exakt so viel wie die gesamte Altertumswissenschaft.

Was Tacitus ausdrücklich nicht sagt

Bevor man anfängt zu deuten, lohnt es sich, die Leerstellen zu zählen. Tacitus sagt nicht, wo die Eudosen saßen. Er nennt weder Fluss noch Küste noch Nachbarn außer den anderen sechs Namen der Liste. Er sagt nicht, wie groß sie waren, ob sie Könige hatten, womit sie handelten, wie sie kämpften. Er sagt nicht einmal, dass sie ein eigenständiges Volk in unserem Sinn waren – gens und natio verwendet er in der Germania nicht als scharf definierte Begriffe.

Er sagt auch nicht, dass diese sieben Völker einen Bund bildeten. Im lateinischen Wortlaut steht nichts von Bündnis, Vertrag oder gemeinsamer Führung. Es steht dort in commune … colunt: sie verehren gemeinsam. Das ist eine Aussage über Kult, nicht über Verfassung. Der in der Literatur eingebürgerte Ausdruck Nerthus-Bund ist eine moderne Ordnungsleistung – praktisch, aber eben nicht Quellensprache. Wir haben das an anderer Stelle ausführlicher behandelt, im Artikel über den Nerthus-Bund.

Und schließlich: Tacitus ordnet die Gruppe den Sueben zu. Das ergibt sich nicht aus Kapitel 40 selbst, sondern aus dem folgenden Satz zu Beginn von Kapitel 41, wo er von „diesem Teil der Sueben" spricht, der sich in die entlegeneren Gegenden Germaniens erstrecke. Die Eudosen sind also, in Tacitus' eigener Systematik, ein suebisches Teilvolk – was die Verortungsfrage eher öffnet als schließt.

Sieben Namen, eine verlorene Handschrift

Jetzt wird es technisch, und genau hier liegt der eigentliche Reiz. Die Germania ist uns nicht im Original erhalten und auch nicht in einer alten Abschrift. Der gesamte Text hängt an einer einzigen mittelalterlichen Handschrift, dem Codex Hersfeldensis, der Mitte des 15. Jahrhunderts nach Italien gebracht wurde und heute verschollen ist. Von der Germania existiert kein karolingisches Blatt mehr; der berühmte Codex Aesinas trägt sie vollständig in einer Schreiberhand des 15. Jahrhunderts, die acht karolingischen Blätter dieses Codex gehören zum Agricola, nicht zur Germania.

Was heißt das praktisch? Jede Namensform in Kapitel 40 steht und fällt mit dem, was ein italienischer Humanist von einer verlorenen deutschen Klosterhandschrift abgeschrieben hat – und mit dem, was spätere Herausgeber daraus gemacht haben. Bei Eigennamen ist das besonders heikel, weil ein Schreiber sie nicht aus dem Sinnzusammenhang korrigieren kann. Ein unbekanntes Wort schreibt er so ab, wie er es zu sehen glaubt.

Man sieht das im selben Satz. Der sechste Name erscheint in den Handschriften als Suarines; die Form Suardones, die ältere Ausgaben und die klassische englische Übersetzung von Church und Brodribb 1877 drucken, steht in einer Handschrift lediglich am Rand. Moderne kritische Ausgaben setzen deshalb Suarines. Der siebte Name, Nuithones, gilt seit Gudmund Schütte als verderbt; Schütte schlug Teutones oder Euthiones vor. Man merkt schnell, wie frei dieses Spiel wird: Setzte man Schüttes Euthiones ein, stünden die Jüten in derselben Liste zweimal.

Nerthus oder Hertha – eine Fehllesart macht Karriere

Dass die Textkritik in diesem Kapitel kein Nebenthema ist, zeigt der Göttinnenname selbst. Die Handschriften bieten nicht einheitlich Nerthum. Überliefert sind daneben Nertum, nethum, Neithu und neithum. Die heute gedruckte Form Nerthum ist eine Entscheidung von Herausgebern, keine bruchlose Überlieferung.

Noch folgenreicher war die humanistische Lesart Herthum. Aus ihr wurde im 18. und 19. Jahrhundert eine germanische Göttin „Hertha", die es nie gegeben hat. Sie ist bis heute in der Landschaft zu besichtigen: der Herthasee und die Herthaburg auf Rügen tragen den Namen einer Fehllesart. Wer also meint, Textkritik sei etwas für Fußnoten, sollte sich merken, dass ein falsch gelesener Buchstabe hier eine Gottheit erfunden und Ortsnamen produziert hat.

Für die Eudosen ist das die entscheidende Lektion. Wenn im selben Satz der Name der Göttin, der Name des sechsten Volkes und vermutlich der des siebten unsicher sind, dann ist die Frage nicht, ob auch der fünfte Name wackeln kann. Die Frage ist nur, wie stark.

Die Sedusier-Frage: ein S, das vielleicht nicht dorthin gehört

Damit sind wir bei der ersten großen Hypothese. Caesar zählt im ersten Buch des Gallischen Kriegs die Völker auf, die Ariovist 58 v. Chr. gegen ihn ins Feld führte: Haruden, Markomannen, Triboker, Vangionen, Nemeter, Sedusier, Sueben. Die Sedusier stehen dort – und sonst nirgends. Auch sie sind ein Volk aus genau einer Erwähnung.

Nun gibt es einen zweiten Textzeugen für diese Liste, wenn auch keinen zweiten Ereigniszeugen: Orosius, der um 417 schreibt und für die Gallischen Kriege aus Sueton exzerpiert. In der Ausgabe von Carl Zangemeister lautet seine Fassung: fuerunt autem in exercitu Ariouisti Arudes Marcomanes Triboci Vangiones Nemetes Eduses et Suebi. Wo Caesars Handschriften Sedusios bieten, steht bei Orosius Eduses; als weitere Varianten werden Edures und Eudures genannt.

Daraus ergibt sich ein philologisch sauberer Vorschlag. Im Fließtext stehen die beiden Namen unmittelbar nebeneinander: Nemetes Eduses. Wird das Schluss-s des ersten Wortes versehentlich ein zweites Mal geschrieben – eine Dittographie, der häufigste Kopistenfehler überhaupt –, entsteht Nemetes Sedusii. Der Volksname Sedusier wäre dann kein Volksname, sondern ein Schreibfehler, und gemeint wären die Eudosen.

Was für die Gleichung spricht und was dagegen

Für die Hypothese spricht einiges. Sie erklärt zwei Rätsel mit einem Handgriff: warum die Sedusier sonst spurlos verschwinden, und warum ein sonst nur an der Ostsee vermutetes Volk plötzlich am Oberrhein auftauchen könnte. Sie beruht auf einem real belegten, nicht auf einem erfundenen Fehlertyp. Und sie stützt sich auf eine tatsächlich überlieferte Variante, nicht auf eine Konjektur aus dem Nichts: Eduses steht in Orosius-Handschriften, es ist nicht erschlossen.

Dagegen spricht ebenfalls einiges. Orosius ist rund vierhundertsiebzig Jahre jünger als Caesar und arbeitet aus zweiter Hand; seine Namensformen können ebenso gut sekundär verderbt sein wie Caesars. Dass in seinem Text auch die Haruden zu Arudes geworden sind, zeigt, wie locker die Überlieferung mit diesen Wörtern umgeht – die Haruden sind unabhängig gut bezeugt, hier aber trotzdem entstellt. Und es bleibt ein geographisches Problem: Tacitus verortet die Eudosen im Norden, Caesar seine Sedusier am Oberrhein.

Ehrlich formuliert lautet der Befund: Die Gleichung ist möglich, methodisch sauber begründet und in der Literatur vertreten. Bewiesen ist sie nicht, und sie kann es mit dem vorhandenen Material auch nicht werden. Es ist eine Hypothese über einen Buchstaben, gestützt auf einen Text, der selbst kein Original ist.

Warum das Reallexikon den Artikel Eudusii nennt

Ein unauffälliges, aber sprechendes Detail: Das Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, das Standardwerk des Fachs, führt diesen Namen nicht unter Eudoses. Günter Neumanns Artikel im siebten Band von 1989 trägt das Lemma Eudusii. Das ist keine Willkür, sondern eine Positionierung. Wer den Namen unter Eudusii ansetzt, signalisiert, dass er die Formen bei Tacitus, bei Caesar und bei Orosius als Varianten eines einzigen Namens behandelt.

Dasselbe Reallexikon führt separat einen Artikel Eutii, Eucii von Neumann im achten Band und einen umfangreichen Artikel Jüten von Eggers, Hardt und Neumann im sechzehnten Band. Die Trennung dieser Lemmata ist die vorsichtigere Variante: Man behandelt die Namen getrennt, weil ihre Zusammengehörigkeit eben nicht feststeht.

Für Laien ist dieser Punkt wichtiger, als er aussieht. Lexikonartikel wirken wie neutrale Auskunft, sind aber an genau solchen Stellen bereits Interpretation. Wenn Ihnen jemand eine Tabelle vorlegt, in der Sedusier, Eudosen, Eutii und Jüten in einer Zeile stehen, dann sehen Sie nicht eine Quelle, sondern das Ergebnis von drei aufeinandergestapelten Hypothesen.

Die Jüten-Frage

Die zweite große Hypothese ist die bekanntere. Sie lautet: Aus den Eudoses des Tacitus wurden die Eutii und Euthiones der merowingerzeitlichen Quellen, daraus das altenglische Eote und Ytas, das altnordische Jótar und schließlich die Jüten, die nach Beda gemeinsam mit Angeln und Sachsen nach Britannien übersetzten und Kent, die Isle of Wight sowie einen Teil des späteren Wessex besiedelten.

Die Zwischenglieder sind real. Theudebert, König der Franken, nennt in seinem Brief an Kaiser Justinian ein Volk der Saxones Eucii. Venantius Fortunatus erwähnt 583 Euthionen unter der Oberhoheit Chilperichs I., und zwar im nördlichen Franken-Reich, also im Raum des heutigen Flandern – gegenüber von Kent. Beda, gut hundertfünfzig Jahre später, leitet die Bewohner Kents ausdrücklich von den Jüten ab. Das ist eine plausible Kette, aber es ist eine Kette aus Namensähnlichkeiten, und jedes Glied trägt nur so viel wie das schwächste.

Die Archäologie macht es nicht leichter. Beda setzte die Heimat der Jüten auf der jütischen Halbinsel an; die Grabbeigaben aus Ostkent, Südhampshire und der Isle of Wight zeigen dagegen im fünften und sechsten Jahrhundert vor allem fränkische und Nordsee-Einflüsse und kaum Verbindungen nach Jütland. Es gibt in der Forschung schlicht keinen Konsens über die Herkunft der Jüten.

Widsith – eine altenglische Liste, die verdächtig bekannt klingt

Ein Argument allerdings ist ernster zu nehmen als bloßer Namensklang. Das altenglische Gedicht Widsith enthält einen Herrscherkatalog, in dem unmittelbar nacheinander Billing über die Wernas herrscht, Oswine über die Eowan und Gefwulf über die Ytas. Drei Völker in zwei Verszeilen – und genau diese drei stehen bei Tacitus in einer Reihe: Varini, Aviones, Eudoses.

Die Gleichsetzungen Wernas gleich Warnen und Eowan gleich Avionen sind sprachlich unproblematisch und in der Fachliteratur, etwa bei Heinrich Beck im Reallexikon, anerkannt. Wenn aber zwei von drei Nachbarn in derselben Reihenfolge wiederkehren, dann gewinnt auch die dritte Gleichsetzung – Ytas gleich Eudoses – erheblich an Gewicht. Nicht als Beweis, aber als ernstzunehmende Struktur, die man nicht mit Zufall wegerklären möchte. Über die Warnen und ihre erstaunlich lange Nachgeschichte haben wir gesondert geschrieben.

Die Vorsicht bleibt trotzdem geboten. Widsith ist frühestens im späten siebten Jahrhundert entstanden und in einer Handschrift des zehnten überliefert; der Katalog ist gelehrte Dichtung, kein Verzeichnis. Leonard Neidorf hat zudem vorgeschlagen, dass ein weiterer Völkername des Gedichts, sweordwerum, aus Suarines verderbt sein könnte. Auch hier also: dieselbe Faszination, dieselbe Unschärfe.

Riesen oder Jüten – die Eotenas-Krux

Ein Nebenschauplatz, der die Sache hübsch beleuchtet. Im Beowulf, in der sogenannten Finnsburg-Episode, taucht mehrfach das Wort eotenas auf. Es kann „Riesen" heißen. Es kann aber auch die Jüten bezeichnen, denn das altenglische Volkswort und das altenglische Wort für Riese fallen in mehreren Beugungsformen zusammen.

J. R. R. Tolkien, der als Philologe deutlich präziser war als sein Ruf als Romanautor vermuten lässt, entwickelte daraus seine These von den „Jüten auf beiden Seiten": Der Konflikt bei Finnsburg sei eigentlich eine jütische Fehde gewesen, in die Finn und Hnæf hineingerieten. Seine Vorlesungen erschienen 1982 postum als Finn and Hengest. Andere Forscher lesen an denselben Stellen weiterhin Riesen, mit dem Argument, es seien gar keine Jüten am Konflikt beteiligt.

Für unser Thema ist wichtig, was daraus folgt: Die verbreitete Behauptung, der Name der Jüten bedeute „Riesen", ist keine Etymologie, sondern die Nebenwirkung einer altenglischen Homonymie. Aus zwei Wörtern, die zufällig gleich aussehen, wird kein gemeinsamer Ursprung.

Ptolemaios und die Fundusii

Bleibt die Frage, ob die Eudosen nicht doch ein zweites Mal in der Antike auftauchen. Klaudios Ptolemaios beschreibt in seiner Geographie die Völker der Kimbrischen Halbinsel: nach den Sachsen am Isthmus folgen die Sigulonen, dann ostwärts die Sabalingier und die Kobanden, oberhalb von diesen die Chalen, darüber im Westen die Fundusii und im Osten die Charuden, und ganz im Norden die Kimbern.

Eine alte Konjektur will in den Phoundousioi ein ursprüngliches Eundousioi sehen und damit die Eudosen auf Jütland wiederfinden. Das ist verlockend, weil es die Jüten-These bestätigen würde, und es ist genau aus diesem Grund verdächtig. Man ändert einen überlieferten Anlaut, um ein erwünschtes Ergebnis zu erhalten. Nüchtern betrachtet nennt Ptolemaios die Eudosen nicht; er nennt ein Volk, dessen Name man so hinbiegen kann, dass er passt.

Nebenbei ein Zitierhinweis, der immer wieder Verwirrung stiftet: Die Stelle wird je nach Ausgabe als Geographie II,11 oder II,10 geführt. Dasselbe Problem begegnet bei den Charuden. Wer eine Ptolemaios-Stelle nachschlägt, sollte die Ausgabe mitnennen.

Der Negativbefund – und warum er wertvoll ist

Zählen wir zusammen, was nicht da ist. Plinius der Ältere, der in seiner Naturalis historia die germanischen Großgruppen auflistet, kennt die Eudosen nicht. Ptolemaios nennt sie nicht. Strabon nicht, Velleius nicht, Cassius Dio nicht. Es gibt keine Inschrift, keine Kohorte, keine ala, kein Militärdiplom, keinen Grabstein mit der Herkunftsangabe Eudoses. Keine Münzlegende, kein Ortsname, der gesichert auf sie zurückgeht.

Auch archäologisch ist nichts zuzuweisen. Es gibt keine Fundgruppe, keinen Keramikstil, keine Fibelform, die man den Eudosen zuordnen könnte – schon deshalb nicht, weil man nicht weiß, wo man suchen soll. Und selbst wenn man es wüsste, bliebe der methodische Einwand bestehen, dass eine archäologische Kultur kein Volk ist.

Man sollte diesen Befund nicht bedauern, sondern benennen. Ein sauber ausgesprochener Negativbefund ist wissenschaftlich mehr wert als eine schön gebaute Vermutung, die als Wissen auftritt. Bei den Eudosen ist das Schweigen der Quellen das eigentliche Datum.

Wo saßen sie? Vier Karten, vier Meinungen

Trotzdem wird lokalisiert, und zwar in zwei Richtungen. Die eine setzt die Eudosen im Norden an, auf oder nahe der jütischen Halbinsel – das ist die Variante, die von der Jüten-Gleichung getragen wird und die Ptolemaios-Konjektur mitnimmt. Die andere sucht sie weiter südöstlich, im Raum des heutigen Mecklenburg, und stützt sich dabei auf die Nachbarschaft in Tacitus' Liste sowie auf die Deutung des Namens Suarines als Vorform von Schwerin.

Beide Varianten arbeiten mit demselben Trick: Sie leiten den Ort eines unbekannten Volkes aus der vermuteten Lage seiner Listennachbarn ab. Das ist legitim, solange man weiß, dass Tacitus' Reihenfolge nicht zwingend geographisch ist. Bei den Angeln, dem einzigen Volk der Reihe mit belastbarer späterer Geschichte, wissen wir es einigermaßen; bei den Reudignern und Nuithonen wissen wir es überhaupt nicht.

Die redliche Antwort lautet daher: irgendwo zwischen unterer Elbe, westlicher Ostsee und Jütland. Das ist ein Gebiet von mehreren hundert Kilometern Durchmesser, und jede Karte, die einen Punkt markiert, markiert eine Meinung.

Die Etymologie – mehr Vorschläge als Sicherheit

Auch beim Namen selbst gilt: Es gibt Deutungen, aber keine allgemein anerkannte Etymologie. Die Formen, mit denen man arbeitet, sind Eudoses bei Tacitus, Eduses bei Orosius, dazu Eutii, Eucii und Euthiones in merowingerzeitlichen Quellen sowie altenglisch Eote und Ytas, altnordisch Jótar. Dass sich diese Reihe lautlich verbinden lässt, ist die Grundannahme der Jüten-These; dass sie sich zwingend verbinden muss, behauptet die Fachliteratur nicht.

Zwei verbreitete Netzbehauptungen sind dabei auszusortieren. Die erste ist die schon erwähnte Übersetzung „Riesen", die aus der Homonymie mit altenglisch eoten stammt und keine Namensdeutung ist. Die zweite ist die gelegentlich zu lesende Angabe, die Eudosen hätten „eine gotische Sprache" gesprochen. Dafür gibt es keinerlei Grundlage; niemand hat je einen Satz von ihnen gehört oder gelesen.

Sprachlich gesichert ist bei den Eudosen exakt so viel wie geographisch: nichts. Was gesichert ist, ist die Buchstabenfolge in einer Abschrift einer verlorenen Handschrift.

Der Nerthus-Kult – was er über die Eudosen aussagt

Bleibt der Kult, der die Gruppe überhaupt erst erwähnenswert macht. Tacitus schildert einen heiligen Hain auf einer Insel im Ozean, darin einen mit Tuch verhüllten Wagen, den nur ein Priester berühren darf. Wenn die Gottheit anwesend ist, wird der Wagen von Kühen gezogen und durchzieht die Länder; solange sie unterwegs ist, ruhen die Waffen, alles Eisen ist weggeschlossen, und es herrscht ein Frieden, den man, wie Tacitus trocken anmerkt, nur zu diesen Zeiten kennt und liebt. Danach werden Wagen, Tücher und, wer es glauben mag, die Gottheit selbst in einem abgelegenen See gewaschen – und die dienenden Sklaven verschlingt derselbe See.

Über die Eudosen im Besonderen sagt das genau eines: Sie gehörten zum Einzugsbereich dieses Kultes. Wo die Insel lag, sagt Tacitus nicht, und alle Vorschläge von Seeland über Fünen bis Rügen sind Rateversuche. Dass er die Gottheit als Terra mater erklärt, ist zudem römische Deutung, keine germanische Selbstaussage. Und der Name Nerthus entspricht lautlich regelmäßig dem altnordischen Njörðr – nur dass dort ein männlicher Gott steht. Dieser Geschlechtswechsel ist bis heute ungeklärt.

Wer aus diesem Bericht ein Porträt der Eudosen gewinnen will, gewinnt in Wahrheit ein Porträt einer Kultgemeinschaft, die ein römischer Autor aus großer Entfernung beschreibt und deren Innenperspektive er nirgends hatte.

Was man mit so einem Volk anfängt

Man könnte nun sagen: viel Lärm um ein Wort. Aber die Eudosen sind ein Musterfall, und zwar in beide Richtungen. Sie zeigen, wie viel Forschung aus einer einzigen Erwähnung entstehen kann – Textkritik, Namenkunde, Migrationsgeschichte, altenglische Philologie, alles hängt an diesen acht Buchstaben. Und sie zeigen, wie leicht aus dieser Forschung scheinbares Wissen wird, sobald man die Konjunktive streicht.

Die Kette, die uns von Ariovists Heer bis nach Kent führt, besteht aus lauter vernünftigen Einzelschritten: ein plausibler Kopistenfehler, eine plausible Lautentwicklung, eine plausible Parallele im Widsith. Nur ist das Produkt mehrerer Wahrscheinlichkeiten immer kleiner als jede einzelne von ihnen. Vier gute Vermutungen hintereinander ergeben keine Gewissheit, sondern eine Erzählung.

Deshalb endet dieser Artikel so, wie die Quelle endet: mit einem Namen, einer Liste und der ehrlichen Auskunft, dass wir mehr nicht wissen. Das ist kein Mangel. Ein Volk, von dem nur der Name blieb, erinnert daran, dass die antiken Autoren nicht für uns geschrieben haben – und dass vieles, was heute wie festes Wissen aussieht, in Wahrheit eine gut gepflegte Vermutung ist.

Was gesichert ist

Die Eudosen werden in der gesamten antiken Überlieferung genau einmal genannt: Tacitus, Germania 40, an fünfter Stelle einer Reihe von sieben Völkern, die im lateinischen Wortlaut gemeinsam Nerthus verehren. Tacitus rechnet die Gruppe zu den Sueben; das ergibt sich aus dem Anschlusssatz zu Beginn von Kapitel 41. Gesichert ist ferner, dass die Orosius-Handschriften in der Ariovist-Liste Eduses bieten, wo Caesars Text Sedusios hat, und dass das Reallexikon der Germanischen Altertumskunde den Namen unter dem Lemma Eudusii behandelt. Nicht gesichert und auch nicht sicherbar sind: die Lage ihres Siedlungsgebietes, ihre Größe, ihre Etymologie, ihr Verhältnis zu den Sedusiern und ihr Verhältnis zu den Jüten. Es existiert keine Inschrift, keine Münze, kein Militärdiplom und kein archäologischer Fundkomplex, der ihnen zugewiesen werden könnte.

Mythos-Check

Erstens: Der Satz „Die Eudosen waren die Jüten" wird in Nachschlagewerken oft ohne Einschränkung gedruckt. Er ist eine gut begründete Hypothese, kein Befund – über die Herkunft der Jüten besteht in der Forschung kein Konsens, und die Grabfunde aus Kent und der Isle of Wight weisen eher nach Franken und an die Nordsee als nach Jütland. Zweitens: Die kursierende Übersetzung des Namens mit „Riesen" ist keine Etymologie, sondern beruht auf der zufälligen Gleichheit von altenglisch eoten (Riese) und dem Volkswort; ob im Beowulf an den fraglichen Stellen Riesen oder Jüten gemeint sind, ist bis heute umstritten. Drittens: Die Angabe, die Eudosen hätten „eine gotische Sprache" gesprochen und sich um 480 an der kaukasischen Küste angesiedelt, steht in Nachschlagewerken, hängt aber an mehreren aufeinandergestapelten Identifikationen; keine Quelle nennt dort Eudosen. Viertens, und am deutlichsten: Die Gleichsetzung der Jüten mit den Jötnar der Edda samt Verortung Asgards in der versunkenen Nordsee geht auf Jürgen Spanuths Atlantis-Spekulationen zurück und hat mit Altertumskunde nichts zu tun. Und schließlich: Die Formulierung Nerthus-Bund ist moderner Fachjargon; Tacitus spricht von gemeinsamem Kult, nicht von einem Bündnis.

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