Tacitus beschreibt einen der eindrucksvollsten Kulte der Germanen: Sieben Stämme des Nordens verehrten gemeinsam die Erdgöttin Nerthus, deren Wagen im Frieden über das Land zog. Wer waren diese Völker?
Unter den vielen germanischen Stämmen, die der römische Historiker Tacitus in seiner „Germania" aufzählt, ist eine Gruppe besonders geheimnisvoll: sieben Völker, die kein gemeinsames Reich bildeten, aber einen gemeinsamen Kult teilten. Sie verehrten die Erdgöttin Nerthus. Tacitus nennt sie in einem Atemzug: die Reudigner, Aviones, Angeln, Warnen, Eudosen, Suarinen und Nuithonen. Manche von ihnen wurden später berühmt, andere verschwanden fast spurlos – aber zusammen bilden sie einen der wichtigsten Belege für die germanische Religion vor der Wikingerzeit.
Die sieben Nerthus-Stämme saßen im Norden Germaniens, vermutlich im Raum zwischen der unteren Elbe, Jütland und der Ostseeküste. Genau lokalisieren lassen sich die wenigsten. Die Angeln wurden später weltberühmt: Sie gaben England seinen Namen. Die Warnen (Varini) erscheinen noch Jahrhunderte später in einem Rechtsbuch und einer Sage. Die übrigen – Reudigner, Aviones, Eudosen, Suarinen, Nuithonen – werden nur an dieser einen Stelle bei Tacitus genannt und bleiben für uns kaum mehr als Namen. Gerade das macht sie interessant: Sie sind ein Fenster in eine Welt, von der wir fast alles verloren haben.
Der Kern des Bundes war die Göttin. Tacitus schreibt, die Stämme verehrten gemeinsam Nerthus, „das heißt: Mutter Erde", und glaubten, dass sie in die Geschicke der Menschen eingreife. Ihr Heiligtum lag in einem heiligen Hain auf einer Insel im Ozean. Dort stand ein Wagen, mit einem Tuch verhüllt, den nur der Priester berühren durfte. Diese Vorstellung einer erdgebundenen Fruchtbarkeits- und Friedensgöttin ist zutiefst germanisch – und sie hat, wie wir sehen werden, eine Brücke bis in die nordische Mythologie.
Der berühmteste Teil von Tacitus' Bericht ist der Umzug der Nerthus. Wenn der Priester spürte, dass die Göttin in ihrem Heiligtum „gegenwärtig" war, wurde ihr verhüllter Wagen, von Kühen gezogen, feierlich durch das Land gefahren. Wohin sie kam, herrschte Festfriede: „Dann allein kennt man Tage der Ruhe, dann allein liebt man den Frieden", schreibt Tacitus. Kein Krieg, keine Waffen – die Menschen feierten, solange die Göttin unter ihnen weilte. Es ist eines der friedlichsten Bilder, die uns aus der germanischen Religion überliefert sind.
Doch der Kult hatte auch eine schaurige Seite. Nach dem Umzug, so Tacitus, wurden der Wagen, das Tuch und „wenn man es glauben will, die Gottheit selbst" in einem verborgenen See gewaschen. Die Sklaven, die diesen Dienst verrichteten, wurden anschließend vom See verschlungen – ertränkt, damit das Geheimnis der Göttin gewahrt blieb. „Daher ein geheimes Grauen und eine fromme Unwissenheit, was das sei, das nur die zu Tode Bestimmten sehen", schreibt der Römer. Fruchtbarkeit und Tod, Frieden und Opfer lagen im Nerthus-Kult dicht beieinander.
Der Name Nerthus führt weit über die Kaiserzeit hinaus. Sprachlich entspricht Nerthus genau dem altnordischen Njörðr – dem Wanengott des Meeres und des Reichtums der Wikingerzeit. Verblüffend ist dabei der Geschlechtswechsel: Aus der weiblichen Erdgöttin der Germania wurde ein männlicher Gott. Wie das geschah, ist unter Forschern umstritten; manche vermuten ein göttliches Geschwisterpaar. So oder so belegt die Namensgleichheit eine erstaunliche Kontinuität: Ein Kult, den Tacitus um 98 n. Chr. beschrieb, hallt fast tausend Jahre später in der nordischen Götterwelt nach.
Der berühmteste Nerthus-Stamm wurde erst nach Tacitus groß. Die Angeln aus dem heutigen Schleswig zogen im 5. Jahrhundert zusammen mit Sachsen und Jüten nach Britannien und gaben dem Land seinen Namen: Angla-land, England. Auch die Warnen lebten weiter – als Varini in der „Lex Angliorum et Werinorum" und in einer Sage bei dem Byzantiner Prokop. Dass ausgerechnet Mitglieder eines Fruchtbarkeitskult-Bundes zu den Gründervölkern Englands wurden, zeigt, wie sehr die germanische Welt in Bewegung war.
Seit Jahrhunderten rätselt man, wo das Heiligtum der Nerthus lag. Beliebte Vermutungen sind Seeland, Fünen oder die Inseln der dänischen Ostsee, auch Rügen wurde genannt (dort liegt ein „Herthasee", dessen Name aber auf einer neuzeitlichen Fehllesart von „Nerthus" als „Hertha" beruht). Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Tacitus nennt nur eine „Insel im Ozean". Alle konkreten Ortsangaben sind spätere Deutungen – schön, aber unbeweisbar.
Der Nerthus-Bund ist ein Glücksfall der Überlieferung. Er zeigt, dass germanische Stämme sich nicht nur zu Kriegs-, sondern auch zu Kultbünden zusammenschlossen – dass Religion Stämme verbinden konnte, die politisch getrennt waren. Er zeigt eine Göttin der Erde, des Friedens und der Fruchtbarkeit, lange vor Odin und Thor. Und er zeigt, wie tief die Wurzeln der nordischen Mythologie reichen: von der Erdgöttin der sieben Stämme bis zum Meergott Njörðr der Wikinger. Für ein ehrliches Bild der germanischen Religion ist er unverzichtbar.
Fast alles, was wir über den Nerthus-Bund wissen, steht in einem einzigen Kapitel: Tacitus, Germania 40. Das ist zugleich Segen und Fluch – eine wunderbar detaillierte Quelle, aber eben nur eine, geschrieben von einem Römer, der nie im Norden war und aus zweiter Hand berichtete. Archäologisch lassen sich der Kult und die Insel nicht sicher fassen; Moorfunde von Wagen (etwa der Prunkwagen-Tradition) und Opferseen geben nur ein allgemeines Umfeld. Was gesichert ist – die Namen der Stämme, der Kult der Nerthus – trennen wir hier sorgfältig von den vielen Deutungen.
Auch wenn sich das Heiligtum der Nerthus nicht fassen lässt, kennt die Archäologie den Kultwagen als germanisches Phänomen. Aus dänischen Mooren stammen die reich verzierten Dejbjerg-Wagen (vorrömische Eisenzeit), und die spätere Oseberg-Bestattung enthielt einen kunstvoll geschnitzten Prunkwagen. Solche Wagen wurden offenbar nicht für den Alltag gebaut, sondern für feierliche Umzüge – genau wie ihn Tacitus für Nerthus beschreibt. Der Befund beweist den Nerthus-Kult nicht, aber er zeigt, dass die Vorstellung eines heiligen, umherfahrenden Wagens in der germanischen Welt fest verankert war.
Der Nerthus-Bund war kein Einzelfall. Tacitus beschreibt auch den Semnonenhain, ein überregionales Heiligtum, zu dem viele suebische Stämme zogen. Solche Kultbünde zeigen eine Seite der germanischen Welt, die man leicht übersieht: Neben Krieg und Fehde gab es verbindende Heiligtümer, gemeinsame Feste und Priesterschaften, die Stämme über politische Grenzen hinweg zusammenführten. Religion war ein Band, das hielt, wo kein König herrschte – ein wichtiger Gegenpol zum Bild der ewig zerstrittenen Barbaren.
„Sie verehren gemeinsam die Nerthus, das heißt: Mutter Erde, und glauben, dass sie in die Angelegenheiten der Menschen eingreift und zu den Völkern gefahren kommt."nach Tacitus, Germania 40 (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Nerthus – die Erdgöttin · Die Angeln · Die Warnen.
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