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Die Sedusier - das Volk, das nur in einem einzigen Satz vorkommt

Geschichte & Funde Die Sedusier - das Volk, das nur in einem einzigen Satz vorkommt

Sieben Namen stehen nebeneinander in einer Zeile: Haruden, Markomannen, Triboker, Vangionen, Nemeter, Sedusier, Sueben. Sechs davon kehren in der antiken Überlieferung wieder, manche werden zu Städten, manche zu Landschaften, manche zu ganzen Reichen. Einer kehrt nie wieder. Die Sedusier sind der letzte und dünnste Name in Caesars Liste - und gerade deshalb der lehrreichste. Denn an ihnen lässt sich vorführen, was ein einziger Textbeleg eigentlich hergibt und wo die Völkerkunde aus antiken Texten an ihre Grenze stößt.

Handschriftenseite von Caesars Bellum Gallicum in karolingischer Minuskel
Eine Seite aus einer mittelalterlichen Handschrift von Caesars Bellum Gallicum (Paris, Bibliothèque nationale de France). Die abgebildete Stelle gehört zu Buch VII und nennt Cadurci, Ruteni, Bituriges und Arverner – nicht die Sedusier. Genau darauf kommt es an: Der Name Sedusii hängt an derselben handschriftlichen Überlieferung, aber an einer einzigen Zeile in Buch I. Bild: gemeinfrei.

Ein Name, ein Satz, sonst nichts

Über die Sedusier lässt sich in einem Satz alles sagen, was wirklich belegt ist: Sie standen im Spätsommer 58 v. Chr. als eigene Abteilung in der Schlachtordnung des Ariovist, irgendwo in der oberrheinischen Ebene, und wurden von Caesars Legionen geschlagen. Das ist der gesamte Bestand. Kein Ort, keine Größe, kein Anführer, kein Brauch, kein zweiter Beleg.

Caesar nennt sie genau einmal, im 51. Kapitel des ersten Buchs seines Kriegsberichts. Danach schweigt die Überlieferung. Weder Plinius noch Tacitus noch Ptolemaios noch Strabon führen einen Stamm dieses Namens. Auch die Inschriften des römischen Rheinlands, die für andere Völker der Region reihenweise Kohortennamen, Herkunftsangaben und Weihungen liefern, kennen keine Sedusier. Was wir haben, ist eine Nennung in einem Aufzählungssatz - und ein Loch drumherum.

Für einen Blog, der sonst von Runensteinen, Grabfunden und Sagentexten lebt, ist das ein ungewöhnlich mageres Thema. Es ist aber genau deswegen eines der ehrlichsten. Wer verstehen will, wie wacklig unser Wissen über die sogenannten germanischen Völker in Wahrheit ist, lernt an einem Negativbefund mehr als an einem Prunkgrab.

Der Satz, um den es geht

Caesar beschreibt, wie sich das Heer des Ariovist schließlich doch zur Feldschlacht zwingen lässt. Die Germanen verlassen ihr Lager, ordnen sich nach Völkern in gleichen Abständen und riegeln die eigene Rückseite mit Wagen ab. In dieser Aufzählung erscheinen die Sedusier - an vorletzter Stelle, zwischen den Nemetern und den Sueben.

Tum demum necessario Germani suas copias castris eduxerunt generatimque constituerunt paribus intervallis, Harudes, Marcomanos, Tribocos, Vangiones, Nemetes, Sedusios, Suebos, omnemque aciem suam raedis et carris circumdederunt, ne qua spes in fuga relinqueretur.

Dann erst führten die Germanen notgedrungen ihre Truppen aus dem Lager und stellten sie nach Völkern in gleichen Abständen auf: Haruden, Markomannen, Triboker, Vangionen, Nemeter, Sedusier, Sueben. Und ihre ganze Schlachtreihe umgaben sie mit Reisewagen und Karren, damit keine Hoffnung auf Flucht mehr blieb.

Caesar, Bellum Gallicum I,51; eigene Übersetzung

Man sollte sich klarmachen, was für ein Satz das ist. Es ist kein ethnographischer Bericht, keine Völkertafel, keine Landeskunde. Es ist eine militärische Momentaufnahme: die Aufstellung eines gegnerischen Heeres, notiert von der anderen Seite des Feldes. Alles, was wir über die Sedusier zu wissen glauben, hängt an dieser einen Zeile.

Wie es zu dieser Aufstellung kam

Die Vorgeschichte spielt im Machtkampf zwischen gallischen Verbänden. Nach Caesars Darstellung stritten zwei Lager um die Vorherrschaft in Gallien; die eine Seite führten die Häduer an, die andere die Arverner und Sequaner. Letztere holten sich germanische Krieger als Söldner über den Rhein - anfangs, so heißt es, etwa fünfzehntausend Mann. Sie gewannen damit die Schlacht bei Magetobriga, vermutlich 61 oder 60 v. Chr. Danach blieben die Angeworbenen einfach da.

Der Häduer Diviciacus schildert Caesar die Lage in einer langen Rede: Inzwischen seien es an die hundertzwanzigtausend Germanen in Gallien, der Sequanerboden sei zu einem Drittel besetzt, ein weiteres Drittel werde gefordert, und wenige Monate zuvor seien vierundzwanzigtausend Haruden nachgerückt, für die ebenfalls Land gebraucht werde. Diese Zahlen stehen bei Caesar in indirekter Rede - es sind die Angaben eines Bittstellers, nicht eine Zählung.

Im selben Jahr hatte Caesar bereits die Helvetier zurückgeworfen. Der Feldzug gegen Ariovist schloss unmittelbar an. Er machte aus einem innergallischen Konflikt einen römischen Krieg an der Rheinlinie.

Ariovist, König und Freund

Der Mann, unter dem die Sedusier standen, war Rom nicht unbekannt. Im Jahr 59 v. Chr., in Caesars eigenem Konsulat, hatte der Senat Ariovist als rex atque amicus anerkannt - als König und Freund des römischen Volkes. Caesar erinnert ihn im folgenden Jahr ausdrücklich an diese Wohltat, während er ihm den Krieg erklärt.

Der Titel sagt weniger, als er verspricht. Rex ist eine römische Kategorie, die einem außenpolitischen Ansprechpartner übergestülpt wird; sie sagt nichts darüber, welche Stellung Ariovist unter den Verbänden hatte, die ihm folgten. Die Forschung geht überwiegend davon aus, dass sich seine Autorität auf die Gruppen erstreckte, die mit ihm nach Gallien gezogen waren, und dass die einzelnen Völker daneben ihre eigenen Anführer behielten. Dieter Timpe hat Caesars Darstellung des Ariovist als propagandistische Stilisierung beschrieben: der Barbarenkönig als Wiedergänger der Kimberngefahr, gegen den Rom seine Verbündeten zu schützen habe.

Bemerkenswert ist auch, dass Ariovist laut Caesar fließend Gallisch sprach und in zweiter Ehe mit der Schwester des norischen Königs Voccio verheiratet war. Das Bild vom hermetisch abgeschlossenen Germanenreich jenseits des Rheins hält der eigenen Quelle nicht stand.

Vesontio, die Panik und der Aufmarsch

Caesar erzählt den Feldzug als Nervenprobe. In Vesontio, dem befestigten Hauptort der Sequaner, bricht unter seinen Offizieren Panik aus, nachdem gallische Händler die Größe und Wildheit der Germanen ausgemalt haben. Caesar hält eine Rede, die Truppe fängt sich, der Marsch geht weiter. Es folgen eine ergebnislose Unterredung zwischen den beiden Anführern, ein Ausweichmanöver Ariovists gegen Caesars Nachschub und tagelange Reiterplänkeleien.

Warum Ariovist die Entscheidungsschlacht so lange mied, begründet Caesar mit einem Losorakel: Die Frauen des Heeres hätten durch Lose und Weissagung erklärt, vor dem Neumond sei ein Sieg nicht bestimmt. Ob das der wahre Grund war, ist offen; Cassius Dio vermutet schlicht, Ariovist habe die Römer aushungern wollen. Bemerkenswert bleibt, dass das Orakel bei Caesar als Erklärung überhaupt auftaucht - es passt zu dem, was andere Quellen über die Rolle von Losorakeln in der germanischen Religion berichten.

Erst als Caesar die Truppen direkt vor das feindliche Lager führt, muss Ariovist heraus. Und in diesem Moment, gezwungen und ungern, entsteht die Reihe, in der die Sedusier zum einzigen Mal in der Weltgeschichte auftauchen.

Sieben Namen in einer Reihe: Was da eigentlich beschrieben wird

Caesar schreibt generatim - nach Abstammungsgruppen, nach Völkern. Die antiken Kommentatoren erklären das mit dem Hinweis, Verwandte kämpften nebeneinander besser; Tacitus sagt gut anderthalb Jahrhunderte später dasselbe über germanische Schlachthaufen. Die Aufstellung ist also, wenn man Caesar folgt, tatsächlich nach Herkunftsverbänden gegliedert.

Aber sie ist eben eine Aufstellung. Was Caesar aufzählt, sind Kontingente, keine Siedlungsgebiete. Sein Blickpunkt ist ein römischer Feldherrnhügel gegenüber einer Schlachtreihe. Er hat die Namen vermutlich von Überläufern, Gefangenen oder gallischen Mittelsmännern - genau wie die Zahl der Haruden und die Schilderung des Losorakels. Man darf annehmen, dass in dieser Reihe auch Männer standen, die sich selbst gar nicht als Angehörige eines der sieben Namen verstanden hätten.

Was aus den anderen sechs wurde

Die Karriere der Nachbarnamen macht das Schweigen um die Sedusier erst richtig auffällig. Die Markomannen bauen wenige Jahrzehnte später unter Marbod ein Reich in Böhmen auf und beschäftigen Rom bis in die Markomannenkriege des 2. Jahrhunderts. Die Triboker sitzen in der Kaiserzeit am Oberrhein um Straßburg und geben der civitas Tribocorum ihren Namen. Die Vangionen werden zur civitas Vangionum mit dem Hauptort Borbetomagus, dem heutigen Worms. Die Nemeter stellen die civitas Nemetum mit Noviomagus Nemetum, dem heutigen Speyer.

Die Haruden tauchen bei Ptolemaios und in den Res Gestae des Augustus wieder auf, wenn auch mit erheblichen Verortungsproblemen. Und die Sueben sind ohnehin kein Stamm, sondern ein Sammelname, der über Jahrhunderte weiterläuft und schließlich in den Alemannen und im Landschaftsnamen Schwaben nachhallt.

Sechs Namen finden also ein Nachleben - als Verwaltungsbezirk, als Landschaft, als Reich, als Sammelbegriff. Einer nicht.

Der Negativbefund und was er wert ist

Dass ein Volksname nur einmal erscheint, kann sehr Verschiedenes bedeuten. Erstens: Die Gruppe war klein und ging nach der Niederlage in größeren Verbänden auf - ein ganz gewöhnlicher Vorgang in einer Welt, in der sich Gefolgschaften nach Erfolg und Misserfolg neu sortierten. Zweitens: Die Gruppe existierte unter diesem Namen überhaupt nur als Kriegerverband, nicht als dauerhafte Siedlungsgemeinschaft. Drittens: Der Name ist gar kein eigener - sondern ein Überlieferungsunfall.

Die dritte Möglichkeit ist nicht so exotisch, wie sie klingt. Sie hat einen konkreten philologischen Anhaltspunkt, und sie führt mitten in die Frage, wie antike Texte überhaupt zu uns gelangt sind.

Der Name wackelt: Sedusii, Eudusii, Eduses

Caesars Werk ist uns nicht im Original erhalten, sondern über mittelalterliche Handschriften, die Jahrhunderte nach seinem Tod geschrieben wurden. In dieser Kette passieren Fehler, besonders bei Eigennamen, die dem Abschreiber nichts sagen.

Und tatsächlich ist der Name nicht stabil. Der spätantike Historiker Orosius erzählt dieselbe Episode und zählt dieselben Völker auf - aber an der Stelle der Sedusier steht bei ihm eine andere Form. In der maßgeblichen Ausgabe von Carl Zangemeister liest der Text: fuerunt autem in exercitu Ariovisti Arudes Marcomanes Triboci Vangiones Nemetes Eduses et Suebi. Aus den Sedusii sind Eduses geworden. Aus der Handschriftenüberlieferung des Orosius werden daneben weitere Varianten berichtet, unter anderem Edures und Eudures.

Orosius ist dabei kein unabhängiger Zeuge für das Ereignis - er schöpft aus römischer Literatur und gibt selbst an, er habe aus Sueton exzerpiert. Aber er ist ein Zeuge für den Text. Seine Vorlage las an dieser Stelle offenbar nicht das, was unsere Caesar-Handschriften lesen.

Wenn ein einzelner Buchstabe das Volk erzeugt

Daraus ergibt sich ein Verdacht, der in der Forschung mehrfach geäußert worden ist: Das anlautende S der Sedusier könnte gar nicht zum Namen gehören. In Caesars Reihe steht unmittelbar davor das Wort Nemetes. Ein Abschreiber, der Nemetes Edusios vor sich hatte, konnte das auslautende S des ersten Wortes versehentlich verdoppeln - und schon liest die nächste Generation Nemetes Sedusios. Solche Doppelschreibungen gehören zu den häufigsten Fehlertypen überhaupt.

Wer das annimmt, hat es nicht mehr mit einem Volk namens Sedusii zu tun, sondern mit einem namens Eudusii oder Eudoses. Wer es nicht annimmt, behält die Sedusier - muss dann aber erklären, warum Orosius etwas anderes las. Entschieden ist die Frage nicht. Zu beachten ist auch: Genau in dieser Textpartie steckt noch ein zweiter, bekannterer Streitfall. Bei der Verfolgung bis zum Rhein schwanken die Handschriften zwischen fünf, fünfzehn und fünfzig Meilen, und Plutarch wie Orosius geben die große Zahl. Dieselben Kapitel, dieselbe Unsicherheit.

Die Eudoses-Spur und wohin sie führt

Nimmt man die Lesart Eudusii ernst, öffnet sich eine Verbindung. Tacitus nennt in der Germania eine Gruppe von Völkern, die durch Flüsse und Wälder geschützt seien und gemeinsam die Erdgöttin Nerthus verehrten: Reudigner, Avionen, Angeln, Warnen, Eudosen, Suardonen und Nuithonen. Die Eudosen dieses Verbandes werden seit dem 19. Jahrhundert gelegentlich mit den Eudusii Caesars gleichgesetzt und im Norden, meist auf der Kimbrischen Halbinsel, verortet.

Dazu kommt ein dritter Baustein: In älteren lateinischen Wiedergaben des Ptolemaios erscheint auf derselben Halbinsel ein Name in der Form Fundusii, und man hat vorgeschlagen, darin eine verlesene Form von Eudusii zu sehen. Damit hätte man eine schöne Linie: Caesars Kontingent von 58 v. Chr., Tacitus' Nerthus-Verehrer, Ptolemaios' Halbinselbewohner.

Nur ist diese Linie eine Kette aus Konjekturen. Jedes Glied hängt an einer angenommenen Verschreibung, keines an einem harten Beleg. Man kann sie für plausibel halten; man sollte sie nicht für Wissen halten. Und sie hat einen unangenehmen Nebeneffekt: Sie würde ein Kontingent, das im Elsass kämpft, an die dänische Nordseeküste binden - über siebenhundert Kilometer hinweg, allein auf der Grundlage von Namensähnlichkeit.

Etymologie: was man nicht weiß

Eine gesicherte Herleitung des Namens gibt es nicht. Populäre Seiten bieten trotzdem welche an: Man streiche die lateinische Endung, behalte sedus, verbinde das mit einem germanischen Wort für Sitte und Gewohnheit, das in gotisch sidus und althochdeutsch situ fortlebt, oder alternativ mit einer Wurzel für sitzen, und deute die Sedusier als die Siedler. Das ist Namensklang, kein Nachweis, und es funktioniert ohnehin nur, solange man die Lesart Sedusii voraussetzt - also genau das, was strittig ist.

Die nüchterne Auskunft lautet: Der Name ist nicht gedeutet. Ob er überhaupt germanisch ist, steht nicht fest; die deutschsprachige Fachliteratur spricht von einem vielleicht germanischen Stamm. Dass Caesar alle sieben Gruppen als Germanen bezeichnet, sagt darüber wenig, denn wer bei ihm als Germane gilt, entscheidet nicht die Sprache, sondern die Seite des Rheins und die politische Zuordnung.

Wo sollen sie gesessen haben?

Die ehrlichste Antwort steht in einem englischen Schulkommentar zu genau dieser Caesar-Stelle: Der Aufenthaltsort der Sedusier ist völlig ungewiss. Das ist seit dem 19. Jahrhundert der Stand, und er hat sich nicht verbessert.

Trotzdem kursieren Verortungen. Man liest, die Sedusier hätten rechts des Rheins gesessen, irgendwo im Hinterland des Stroms, weil der frühe Suebenverband dort konzentriert gewesen sei. Man liest, ihr Gebiet sei später von den Alemannen in Franken übernommen worden. Man liest gelegentlich von einer Verbindung zu den Sudeten oder zu den Suardonen des Tacitus. All das sind Schlüsse aus Nachbarschaft, Klang und Plausibilität, nicht aus Quellen. Caesar sagt über den Wohnsitz der Sedusier kein Wort.

Zwischen Behauptung und Beleg liegt hier ein Unterschied ums Ganze. Dass eine Gruppe in einem Heer kämpft, das vom rechten Rheinufer nach Gallien gezogen ist, macht es wahrscheinlich, dass sie irgendwo östlich des Rheins herkam. Es sagt nicht, wo.

Der Oberrhein in dieser Zeit, archäologisch betrachtet

Naheliegend wäre, die Archäologie zu befragen. Sie kann für den Oberrhein des mittleren 1. Jahrhunderts v. Chr. viel und zugleich wenig sagen. Viel, weil der Siedlungsgang der Region gut untersucht ist: Der ursprünglich keltisch geprägte Raum am Oberrhein und am unteren Neckar erscheint seit den Jahren der gallischen Kriege auffällig dünn oder gar nicht besiedelt, und erst ab etwa der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. lassen sich dort elbgermanisch geprägte Gruppen fassen, die in römischer Verwaltungssprache später als Sueben am Neckar erscheinen.

Wenig, weil Funde keine Namen tragen. Töpfe, Fibeln und Grabsitten bilden Verbreitungsbilder, die man zu archäologischen Kulturen bündelt - aber eine archäologische Kultur ist kein Volk. Sebastian Brather hat diese Gleichsetzung gründlich auseinandergenommen und gezeigt, welche Voraussetzungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert in ihr stecken. Es gibt keine Fundgruppe, die man den Sedusiern zuweisen könnte, und es gäbe sie auch dann nicht, wenn man wüsste, wo sie saßen.

Erschwerend kommt hinzu, dass ausgerechnet die geographischen Passagen in Caesars Werk, die man gern zur Verortung heranzieht, in der Forschung als spätere Einschübe verdächtigt werden. Die Quelle, aus der man schöpfen möchte, ist an dieser Stelle selbst nicht sicher.

Der Blick von hier: Nachbarschaft ohne Beweis

Für uns in der StädteRegion Aachen ist der Vorgang nicht so weit weg, wie er klingt. Die Triboker um Straßburg, die Vangionen um Worms, die Nemeter um Speyer - das ist die Kette von Rheinanrainern, die flussabwärts in unsere Landschaft übergeht. Weiter nördlich sitzen die Treverer an der Mosel, die Eburonen zwischen Maas und Eifel, wenig später die Ubier im Raum Köln und Bonn. Derselbe Strom, dieselbe römische Ordnungslogik, dieselben Fragen nach Zugehörigkeit.

Und dieselbe Falle. Denn es liegt nahe, die Sedusier in diese Reihe einzufügen und ihnen einen Platz am Oberrhein zuzuweisen, weil ihre Reihenpartner dort später zu fassen sind. Genau das wäre der Fehlschluss. Caesar sagt nur, dass sie in Ariovists Heer standen. Alles Weitere ist eine Ergänzung von uns, und sie wird nicht dadurch richtig, dass sie gut aussieht.

Was heißt hier überhaupt Volk?

Hinter dem Einzelfall steht eine grundsätzliche Frage. Caesars generatim lässt offen, was die Einheit eigentlich zusammenhielt: eine gemeinsame Herkunft, eine Gefolgschaft um einen Anführer, eine Siedlungsgemeinschaft, eine Zweckgemeinschaft für einen Zug über den Rhein. In einer Welt, in der sich Verbände nach Erfolg neu gruppierten, konnten alle vier Dinge gleichzeitig zutreffen oder rasch ineinander übergehen.

Die römische Ethnographie hat diese Beweglichkeit in feste Namenslisten übersetzt, weil Listen verwaltbar sind. Dass wir noch heute in Stämmen denken, wenn wir über die Eisenzeit reden, ist zu einem guten Teil ein Erbe dieser Verwaltungssprache. Es gilt für die Semnonen, für die Chatten, für die Cherusker - und es gilt in besonders reiner Form für die Sedusier, bei denen von dem Volk nichts übrig ist außer dem Listeneintrag selbst.

Man sieht denselben Mechanismus, wenn Rom fremde Gottheiten unter römischen Namen verbucht. Auch dort entsteht Ordnung, indem Fremdes in vertraute Fächer sortiert wird. Wie weit das trägt, haben wir an anderer Stelle für die interpretatio Romana auseinandergelegt.

Warum sich der dünnste Name zu untersuchen lohnt

Es gibt in der Geschichtsschreibung eine Versuchung, die Lücke zu füllen, weil sie unangenehm aussieht. Aus einem Namen wird ein Stamm, aus dem Stamm ein Siedlungsgebiet, aus dem Siedlungsgebiet eine Karte mit einer sauber schraffierten Fläche. Nichts davon steht in der Quelle. Am Ende glaubt man, etwas zu wissen, was man nie gewusst hat.

Die Sedusier sind der Fall, an dem man sich diese Versuchung abgewöhnen kann. Sie sind ein Grenzwert: das Minimum an Überlieferung, bei dem der Name noch existiert und alles andere schon nicht mehr. Wer sie ernst nimmt, nimmt zugleich ernst, dass die schönen Völkerkarten der Eisenzeit an vielen Stellen aus genau solchem Material bestehen - aus Listeneinträgen, Namensklang und gutem Willen.

Und es bleibt ein letzter, unspektakulärer Gedanke. Hinter dem einen Wort standen Menschen. Sie zogen mit einem Heer nach Westen, sie stellten sich an einem Spätsommertag in einer Reihe auf, sie verloren, und sie flohen zum Rhein. Ihre Namen kennen wir nicht, ihre Sprache nicht, ihre Gräber nicht. Was von ihnen blieb, ist ein Akkusativ Plural in einem römischen Kriegsbericht - und die Unsicherheit, ob nicht einmal der richtig abgeschrieben wurde.

Was gesichert ist

Gesichert ist genau dies: Caesar nennt in der Schlachtordnung des Ariovist sieben Verbände, darunter die Sedusier, und zwar in Bellum Gallicum I,51. Die Schlacht fand im Spätsommer 58 v. Chr. im oberrheinischen Raum statt; Ariovist entkam über den Rhein. Gesichert ist ferner, dass der Senat Ariovist 59 v. Chr. als rex atque amicus anerkannt hatte, dass Caesar die Zahl von hundertzwanzigtausend Germanen in Gallien der Rede des Häduers Diviciacus in den Mund legt und dass die Haruden mit vierundzwanzigtausend Personen angegeben werden. Gesichert ist schließlich, dass Orosius in der Ausgabe von Zangemeister an der Stelle der Sedusier die Form Eduses bietet. Nicht gesichert ist alles Übrige: Siedlungsgebiet, Größe, Sprache, Etymologie, ethnische Zuordnung und sogar die richtige Form des Namens.

Mythos-Check

Im Netz kursieren zu den Sedusiern Angaben, die in keiner Quelle stehen. Erstens die Behauptung, sie hätten sechstausend Reiter und sechstausend Fußkämpfer gestellt: Diese Zahlen gehören zu Bellum Gallicum I,48 und beschreiben dort die Reiterei des gesamten Heeres Ariovists samt der bekannten Kampfweise, bei der ein ausgewählter Fußkämpfer neben jedem Reiter lief. Mit den Sedusiern hat das nichts zu tun. Zweitens die Verortung in Franken oder allgemein rechts des Rheins: Caesar nennt keinen Wohnsitz, und der Standardkommentar zur Stelle sagt ausdrücklich, der Aufenthaltsort sei völlig ungewiss. Drittens die Namensdeutung als die Siedler: Sie ist eine Ableitung nach Klang und setzt zudem die strittige Lesart Sedusii voraus. Viertens die Zahl von hundertzwanzigtausend Germanen: Sie ist Teil einer Bittrede in indirekter Rede, kein Zensus. Und fünftens die stillschweigende Annahme, ein Name in einer Liste sei automatisch ein Volk mit Land, Sprache und Geschichte - das ist die eigentliche Legende, um die es hier geht.

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