Von manchen Völkern kennen wir Städte, Gräber, Münzen und Götternamen. Von den Haruden kennen wir einen Namen, eine Zahl und einen Platz in einer Schlachtreihe. Das war es fast. Und dann taucht derselbe Name siebzig Jahre später noch einmal auf – siebenhundert Kilometer weiter nördlich, am Rand der römisch bekannten Welt. Ob das dieselben Leute waren, weiß bis heute niemand sicher. Genau darum lohnt der Blick: Kaum ein anderer Fall zeigt so klar, wie antike Völkerkunde arbeitet und wo sie ins Rutschen gerät.
Die Haruden – lateinisch Harudes, in anderer Schreibung Charudes oder Charydes – gehören zu jenen germanischen Gruppen, über die sich in zwei Absätzen alles sagen lässt, was sicher ist. Drei Stellen bei Caesar. Eine Zeile in einer Inschrift des Augustus. Ein Eintrag in einem griechischen Erdkundewerk des zweiten Jahrhunderts. Danach Stille. Kein Fürstengrab trägt ihren Namen, keine Weihinschrift, keine Münze. Tacitus, der in seiner Germania Dutzende Völker durchgeht und sich auch für kleine Randgruppen Zeit nimmt, erwähnt sie kein einziges Mal.
Das ist weniger, als wir über die meisten germanischen Stämme wissen, und es ist trotzdem genug für eine Geschichte. Denn die wenigen Zeilen widersprechen einander nicht. Sie liegen nur so weit auseinander – zeitlich und geographisch –, dass die Forschung seit zweihundert Jahren darüber streitet, ob sie überhaupt vom selben Volk handeln.
Sommer 58 v. Chr. Caesar hat gerade die Helvetier geschlagen, und die gallischen Fürsten kommen zu ihm, um zu gratulieren. Erst offiziell. Dann bitten sie um ein Gespräch unter vier Augen, an einem geheimen Ort, und werfen sich weinend vor ihm nieder. Ihr Sprecher ist Diviciacus, ein Häduer. Er schildert ein Land, das sich selbst zerlegt hat: zwei Parteien, Häduer gegen Arverner, und irgendwann hätten Arverner und Sequaner Germanen als Söldner ins Land geholt. Erst fünfzehntausend. Dann mehr. Inzwischen, sagt er, seien es hundertzwanzigtausend.
Und dann fällt der Satz, der die Haruden in die Weltgeschichte einträgt. Ariovist, der Germanenkönig, verlange von den Sequanern ein zweites Drittel ihres Landes, proptereā quod paucīs mēnsibus ante Harūdum mīlia hominum XXIIII ad eum vēnissent, quibus locus ac sēdēs parārentur – weil wenige Monate zuvor vierundzwanzigtausend Haruden zu ihm gekommen seien, für die Platz und Wohnsitz beschafft werden müssten. So steht es im ersten Buch des Bellum Gallicum, Kapitel 31.
Man muss sich die Lage klarmachen, um zu verstehen, warum das eine Krise war. Ariovist, den der römische Senat 59 v. Chr. – in Caesars eigenem Konsulatsjahr – als König und Freund anerkannt hatte, saß bereits auf einem Drittel des sequanischen Gebiets. Ärgerlich, aber verkraftbar. Erst die Haruden machten daraus einen Notstand: Vierundzwanzigtausend zusätzliche Menschen brauchen Äcker, und die konnte man nur den Sequanern abnehmen.
Die Haruden sind damit keine Nebenfiguren. Sie sind der Auslöser. Ohne sie kein zweites Drittel, ohne zweites Drittel keine Verzweiflungsrede des Diviciacus, ohne diese Rede kein römischer Feldzug gegen Ariovist. Ein Volk, das wir bis heute nicht lokalisieren können, hat Caesars ersten großen Germanenkrieg mit angestoßen. Das ist die Ironie dieser Geschichte, und sie zieht sich durch.
Wenige Kapitel später stehen sie wieder da. Während Caesar und Ariovist noch Gesandtschaften hin- und herschicken, treffen bei Caesar in derselben Stunde zwei Meldungen ein. Die Treverer berichten, hundert Gaue der Sueben stünden unter zwei Brüdern, Nasua und Cimberius, am Rheinufer und versuchten überzusetzen. Und die Häduer klagen, die Haruden, die man kürzlich nach Gallien herübergeholt habe, verwüsteten ihr Gebiet; nicht einmal durch die Übergabe von Geiseln hätten sie sich Frieden von Ariovist erkaufen können.
Das ist die einzige Stelle, an der die Haruden etwas tun. Sie plündern. Mehr erfahren wir nicht: keine Anführer, keine Orte, kein Ausgang. Caesar notiert es, weil es ihn zur Eile trieb – nicht, weil ihn die Haruden interessiert hätten. Deren Rolle in seinem Bericht ist die eines Arguments.
Die dritte und letzte Erwähnung ist eine Aufzählung. Vor der Entscheidungsschlacht im Elsass führt Ariovist sein Heer endlich aus dem Lager, und Caesar notiert die Aufstellung: generatim constituerunt paribus intervallis, Harudes, Marcomanos, Tribocos, Vangiones, Nemetes, Sedusios, Suebos – nach Völkern geordnet, in gleichen Abständen: Haruden, Markomannen, Triboker, Vangionen, Nemeter, Sedusier, Sueben. Hinter der Front eine Wagenburg, darauf die Frauen, die den Männern mit ausgestreckten Händen zuriefen, sie nicht in römische Sklaverei zu geben.
Die Haruden stehen an erster Stelle dieser Liste. Ob das etwas über ihren Rang oder über ihren Platz in der Linie aussagt, lässt sich nicht entscheiden – Caesar zählt auf, er zeichnet keine Karte. Bemerkenswert ist die Gesellschaft: Triboker, Vangionen und Nemeter sitzen wenig später fest am Oberrhein, im Elsass, um Worms, um Speyer. Sie werden sesshaft und römisch verwaltet. Die Haruden verschwinden aus der Überlieferung, als hätte es sie nie gegeben.
Vierundzwanzigtausend klingt präzise. Es ist trotzdem keine Zählung. Die Zahl steht in einer Rede, die Rede gibt Caesar in indirekter Rede wieder, und der Redner verfolgt ein klares Ziel: Er will römische Legionen. Diviciacus hatte Jahre zuvor schon einmal in Rom um Hilfe gebeten und war abgewiesen worden. Diesmal sollte es klappen.
Caesar hatte dasselbe Interesse. Ein Statthalter, der einen Krieg beginnt, braucht eine Bedrohung, und je größer die Zahlen, desto besser die Begründung. Die Steigerung in Diviciacus' Rede – erst fünfzehntausend, dann mehr, jetzt hundertzwanzigtausend – ist rhetorisch gebaut, nicht statistisch erhoben. Herauslesen lässt sich: Es kam eine als groß empfundene Gruppe, groß genug, um die Landfrage neu zu stellen. Ob es vierundzwanzigtausend Köpfe waren, zehntausend oder vierzigtausend, weiß niemand.
Dann eine lange Pause. Der Name taucht erst wieder auf, als Rom ganz woanders steht: nicht am Oberrhein, sondern in der Nordsee. Im Jahr 5 n. Chr. führt Tiberius einen kombinierten Feldzug durch Germanien. Eine Flotte fährt die Küste entlang und die Elbe hinauf, um sich mit dem Landheer zu vereinigen. Velleius Paterculus, der als Offizier dabei war, beschreibt das im zweiten Buch seines Geschichtswerks als etwas nie Dagewesenes – ein Meer, von dem man vorher nur gehört hatte.
Augustus selbst hat diese Fahrt in seinem Rechenschaftsbericht festgehalten, der nach seinem Tod in Bronze und Stein vervielfältigt wurde. Dort, im sechsundzwanzigsten Kapitel, steht der Satz, der unseren Namen zum zweiten Mal nennt.
Classis mea per Oceanum ab ostio Rheni ad solis orientis regionem usque ad fines Cimbrorum navigavit, quo neque terra neque mari quisquam Romanus ante id tempus adit, Cimbrique et Charydes et Semnones et eiusdem tractus alii Germanorum populi per legatos amicitiam meam et populi Romani petierunt.
„Meine Flotte fuhr über den Ozean von der Mündung des Rheins ostwärts bis in das Gebiet der Kimbern, wohin vor dieser Zeit kein Römer zu Lande oder zu Wasser gelangt war; und die Kimbern und Charyden und Semnonen und andere germanische Völker desselben Landstrichs erbaten durch Gesandte meine Freundschaft und die des römischen Volkes.“Res Gestae Divi Augusti 26; Übersetzung: Glanz & Gravur
Er sagt: Es gab um 5 n. Chr. eine Gruppe namens Charyden, sie saß im weiteren Umfeld der Kimbern, und sie schickte Gesandte. Mehr nicht. Er sagt nicht, wo genau sie saß. Und er sagt schon gar nicht, dass sie irgendetwas mit Ariovists Haruden zu tun hatte.
Zwei Vorbehalte gehören dazu. Erstens ist der Text Eigenwerbung: Augustus zählt Gesandtschaften auf, weil Gesandtschaften nach Unterwerfung aussehen, ohne dass man einen Sieg behaupten müsste. Zweitens passen die genannten Völker gar nicht in einen kompakten Landstrich – die Semnonen verortet dieselbe römische Überlieferung an der Elbe, weit weg von Jütland. Eiusdem tractus, „desselben Landstrichs“, ist also ein sehr weiter Begriff. Und Velleius, der die Fahrt ausführlich schildert, nennt die Charyden mit keinem Wort. Die Inschrift steht allein.
Der Bericht des Augustus ist zweisprachig überliefert. In Ankara, wo die vollständigste Fassung an einem Tempel steht, läuft neben dem lateinischen Text eine antike griechische Übersetzung mit. Und dort steht an unserer Stelle nicht das, was man erwartet.
Das Lateinische liest Charydes. Das Griechische liest Χάλυβες, Chalyben – der Name eines berühmten eisenverarbeitenden Volkes in Kleinasien, das mit Germanien nichts zu tun hat. Ein antiker Übersetzer oder Steinmetz hat den fremden Namen offenbar durch einen vertrauten ersetzt, oder er hat sich schlicht verlesen. Das ist mehr als eine Fußnote. Wer die griechische Fassung als unabhängige Bestätigung heranzieht, zitiert einen Fehler – und man sieht, an welch dünnem Faden so ein Völkername durch die Überlieferung hängt.
Rund hundertfünfzig Jahre nach Augustus trägt Klaudios Ptolemaios in Alexandria zusammen, was über die bewohnte Welt zu erfahren ist, und legt für jeden Ort Koordinaten an. In seinem Kapitel über Germania Magna – Buch II, Kapitel 11 nach heute üblicher Zählung, in älteren Ausgaben II,10 – arbeitet er die kimbrische Halbinsel ab: Sigulonen im Westen, dann Sabalingier, dann Kobandier, darüber die Chalen, darüber im Westen die Fundusier und im Osten die Χαροῦδες, die Charuden; ganz im Norden schließlich die Kimbern.
Damit haben wir zum ersten Mal eine Verortung: Jütland, östliche Seite. Ptolemaios' Koordinaten sind allerdings berüchtigt. Sie stammen aus Reiseberichten, Seemannswissen und Rechenoperationen, nicht aus Vermessung, und sein Germanien ist stellenweise erheblich verzerrt. Als grobe Nachbarschaftsangabe taugt die Stelle. Als Adresse nicht.
Jetzt liegen die Teile auf dem Tisch. 58 v. Chr. am Oberrhein: Harudes. 5 n. Chr. und um 150 n. Chr. hoch im Norden: Charydes, Charuden. Dazwischen siebzig bis zweihundert Jahre und rund siebenhundert Kilometer Luftlinie.
Die klassische Erklärung lautet: ein Volk, das sich geteilt hat. Ein Teil zog mit Ariovist nach Süden, der Rest blieb sitzen – so wie es auch von den Kimbern erzählt wird, von denen ein Rest in der Heimat geblieben sein soll. Das ist eine hübsche Erzählung, und sie ist nicht widerlegbar. Beweisbar ist sie allerdings ebenso wenig.
Die zurückhaltende Erklärung lautet: zwei Gruppen, ein Name. Das Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, das Standardwerk des Fachs, behandelt sie bezeichnenderweise in zwei getrennten Artikeln – „Haruden“ für Ariovists Leute, „Charuden“ für die des Nordens. Über das Siedlungsgebiet der Haruden zur Zeit Caesars heißt es dort schlicht: nicht bekannt. Wer es genauer weiß, weiß es nicht aus den Quellen.
Der Grund für diese Zurückhaltung ist methodisch. Germanische Völkernamen sind häufig sprechende Namen, gebildet aus Alltagswörtern – Landschaft, Waffe, Eigenschaft. Solche Namen können mehrfach und unabhängig voneinander entstehen. Im deutschen Sprachraum gibt es Dutzende Orte namens Neustadt, ohne dass eine Wanderung dahintersteckt.
Dazu kommt ein zweites Problem. Antike Ethnographen identifizierten Völker über Namen, weil sie nichts anderes hatten. Wer aus dem Norden kam und „Harudes“ sagte, wurde mit den Haruden zusammengebracht, die man schon kannte. Diese Gleichsetzung steht dann in der Quelle und sieht aus wie ein Befund. Die neuere Forschung hat sich vom Bild des geschlossen wandernden Volkes ohnehin weitgehend verabschiedet: Gefolgschaften bildeten sich um erfolgreiche Anführer, wuchsen, zerfielen, nahmen Namen an und legten sie wieder ab. Ariovists Heer war kein Volk, sondern ein Zusammenschluss – Caesar zählt sieben Gruppen auf, und von einigen davon, etwa den Sedusiern, hört man nie wieder etwas. Ähnlich unsicher ist die Zuordnung bei den Cotinern, wo schon die antiken Autoren selbst ins Grübeln kamen.
Am längsten hält sich der Name in Landschaftsnamen. In Westjütland gibt es die alte Landschaft Hardsyssel oder Harsyssel, deren Bewohner bis heute harboer heißen; sie wird üblicherweise auf denselben Stamm zurückgeführt. Nur liegt Hardsyssel im Westen der Halbinsel, und Ptolemaios hatte die Charuden im Osten. Wer beides verbinden will, muss eine Wanderung innerhalb Jütlands annehmen oder Ptolemaios korrigieren. Beides ist erlaubt. Beides ist unbewiesen.
In Norwegen gehört die Landschaft Hordaland zu den altnordischen Hǫrðar, und dieser Name lässt sich lautlich sauber mit Harudes verbinden. Beim Fjordnamen Hardanger wird es schon wieder unsicher: Er könnte ebenso gut zu einem Wort für „hart“ gehören, denn der Fjord liegt außerhalb des alten Kerngebiets und der zu erwartende Umlaut fehlt. Und Jordanes zählt im sechsten Jahrhundert unter den Völkern Skandzas Arochi beziehungsweise Arothi auf – ein Name, der zu passen scheint, aber eben nur zu passen scheint. Wie bei den Gutonen und den Jüten ist auch hier die Verlockung groß, aus Namensklang eine Geschichte zu machen.
Die verbreitetste Deutung stellt Harudes zu einem germanischen Wort *haruþaz für „Wald“ oder „Bergwald“ – dasselbe Wort, das im althochdeutschen hard und in den vielen süddeutschen Flurnamen auf Hardt, Hart und Hard steckt. Die Haruden wären dann schlicht die Waldleute. Das klingt gut und ergibt Sinn.
Ganz sicher ist es nicht. Ein Teil der Indogermanistik führt dieses hard auf eine Wurzel zurück, die mit Nadelbäumen zu tun hat und lautlich nicht zu Harudes passen würde; dann käme der Völkername anderswoher. Wer die Etymologie als gesichert ausgibt, verkauft eine Mehrheitsmeinung als Faktum. Bei einem Volk, von dem wir kein einziges eigenes Wort besitzen, ist das ohnehin ein Ratespiel mit hohem Einsatz.
Bleibt die Archäologie – und hier ist der Befund eindeutig negativ. Es gibt keinen Fundplatz, der den Haruden zugewiesen wird. Keine Keramikform, keine Fibel, keine Grabsitte, kein Depot. Das liegt nicht an mangelnder Grabungstätigkeit; Jütland und der Oberrhein gehören zu den am besten untersuchten Regionen Europas. Es liegt daran, dass sich archäologische Kulturen und antike Völkernamen grundsätzlich nicht ineinander übersetzen lassen.
Man kann eine Topfform kartieren. Man kann nicht sehen, wie ihre Benutzer sich selbst nannten. Wo die Forschung das trotzdem versucht hat – im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert war das gängige Praxis –, hat sie sich regelmäßig geirrt, und einige dieser Irrtümer wurden politisch teuer bezahlt. Der ehrliche Satz lautet: Wir wissen nicht, wo Caesars Haruden herkamen, wie sie wohnten, welche Sprache sie genau sprachen, was sie glaubten oder wohin sie danach verschwanden.
Was belegt ist
Caesar, Bellum Gallicum I,31: Wenige Monate vor 58 v. Chr. kommen 24.000 Haruden zu Ariovist, weshalb dieser von den Sequanern ein weiteres Drittel ihres Landes fordert.
Caesar I,37: Die Häduer beschweren sich, die kürzlich herübergeholten Haruden verwüsteten ihr Gebiet.
Caesar I,51: In Ariovists Schlachtordnung stehen die Haruden als eine von sieben nach Völkern geordneten Abteilungen, neben Markomannen, Tribokern, Vangionen, Nemetern, Sedusiern und Sueben.
Res Gestae Divi Augusti 26 (lateinische Fassung): Nach der Flottenfahrt bis zum Gebiet der Kimbern bitten Kimbern, Charydes, Semnonen und weitere germanische Völker durch Gesandte um Freundschaft. Die Fahrt gehört zum Feldzug des Tiberius von 5 n. Chr., den Velleius Paterculus II,106 beschreibt – ohne die Charyden zu nennen.
Ptolemaios, Geographie II,11 (in älteren Ausgaben II,10): Charudes auf der kimbrischen Halbinsel, an deren Ostseite, südlich der Kimbern.
Jordanes führt um 550 n. Chr. unter den Völkern Skandzas Arochi beziehungsweise Arothi auf.
Nicht belegt: Siedlungsgebiet zur Zeit Caesars, Herkunft, Anführer, Sprache, Kult, Fundplätze, Verbleib.
Der Fall der Haruden ist kein Ausfall der Überlieferung, sondern ihr Normalzustand. Für jedes Volk, über das wir seitenweise lesen können, gibt es fünf, von denen nur ein Name blieb. Rom notierte, was Rom betraf: wer angriff, wer Gesandte schickte, wer sich in einer Schlachtreihe aufstellte. Alles andere fiel weg – die Höfe, die Feste, die Streitigkeiten, die Lieder.
Daraus folgt keine Resignation, sondern Handwerk. Man trennt, was in der Quelle steht, von dem, was die Forschung daraus macht, und beides von dem, was einfach gut klingt. Bei den Haruden bleibt nach dieser Trennung wenig übrig. Aber dieses Wenige trägt. Und es ist mehr wert als eine runde Geschichte, die bei der ersten Nachfrage auseinanderfällt.
Mythos-Check
„Die Haruden kamen aus Jütland zu Ariovist.“ Steht in keiner Quelle. Caesar sagt kein Wort darüber, woher sie kamen. Die Verbindung zu den Charuden des Nordens ist eine moderne Kombination über den Namensklang; das Reallexikon der Germanischen Altertumskunde behandelt beide Gruppen in getrennten Artikeln.
„Die 24.000 sind eine Volkszählung.“ Nein. Die Zahl steht in einer Rede des Häduers Diviciacus, die Caesar in indirekter Rede wiedergibt und die römisches Eingreifen erwirken sollte. Sie ist ein politisches Argument, kein Messwert.
„Die griechische Fassung der Res Gestae bestätigt den Namen.“ Sie tut es nicht. Dort steht Chalybes – der Name eines kleinasiatischen Volkes. Der griechische Text ist an dieser Stelle unbrauchbar.
„Der Harz ist nach den Haruden benannt.“ Diese Herleitung geht auf eine gelehrte, aber falsche Etymologie des Mittelalters zurück. Der Gebirgsname kommt vom gewöhnlichen Wort für Bergwald, nicht vom Völkernamen.
„Hardanger heißt nach den Haruden.“ Umstritten. Der Fjordname könnte ebenso zu einem Wort für „hart“ gehören; er liegt außerhalb des alten Kerngebiets, und der erwartete Umlaut fehlt.
„Ariovists Heer war ein Germanenvolk.“ Es war ein Bündnis aus mindestens sieben benannten Gruppen, von denen einige nur an dieser einen Stelle überhaupt vorkommen.
Für unsere Werkstatt in Alsdorf bei Aachen ist die Ariovist-Geschichte näher dran, als der Umweg über Jütland vermuten lässt. Die Völker, die neben den Haruden in jener Schlachtreihe standen, sind unsere südlichen Nachbarn geworden: Triboker im Elsass, Vangionen um Worms, Nemeter um Speyer. Der Rhein, an dem das alles hing, ist derselbe Fluss, der ein paar Tagesmärsche östlich von uns vorbeifließt. Und die Frage, wo Germanien anfing und Gallien aufhörte, war schon damals eine römische Erfindung mehr als eine Tatsache – nachzulesen bei den Tungrern, keine vierzig Kilometer von hier.
Die Haruden selbst hatten hier keinen Wohnsitz, und wir behaupten das auch nicht. Sie waren Durchreisende in einer Geschichte, die zwischen Rhein und Rhone entschieden wurde. Aber sie gehören dazu – als Erinnerung daran, dass hinter jedem Namen, den wir in Stein oder Holz gravieren, eine Quellenlage steht. Manche ist breit. Manche besteht aus drei Sätzen und einer Inschrift. Wir sagen lieber, welche von beiden es ist.

Die Triboker · Die Vangionen · Die Nemeter · Die Sueben · Kimbern und Teutonen · Die Jüten · Die Gutonen.