Ungewaschene, verlauste Barbaren mit fettigen Baerten? Oder die reinlichsten Menschen ihrer Zeit? Beide Bilder halten sich hartnaeckig, und beide sind falsch. Was Graeber, Abfallgruben und ein missguenstiger englischer Moench wirklich ueber die Koerperpflege der Nordleute verraten, ist nuechterner und interessanter als jedes Klischee.

Wer sich fragt, wie wichtig den Wikingern ihr Aeusseres war, muss nur zaehlen. Der Kamm gehoert zu den haeufigsten persoenlichen Gegenstaenden der gesamten Wikingerzeit. In Handelsplaetzen wie Haithabu, Birka oder dem angelsaechsischen York wurden sie zu Tausenden gefunden, und in vielen Graebern lag ein Kamm direkt am Koerper, oft als eine der wenigen Beigaben ueberhaupt. Ein Mensch, dem das gepflegte Haar gleichgueltig gewesen waere, haette dieses Werkzeug nicht mit ins Jenseits genommen.
Die meisten Kaemme bestanden aus Geweih, seltener aus Knochen. Geweih ist zaeh, elastisch und splittert nicht so leicht wie Holz. Es waren aufwendige Kompositkaemme: Aus mehreren duennen Zahnplatten und zwei Deckleisten, mit winzigen Bronze- oder Eisennieten zusammengesetzt. Ein guter Kamm war das Werk eines spezialisierten Handwerkers, keine Fuenf-Minuten-Arbeit. Viele trugen geritzte Ornamente, Punktkreise oder Flechtmuster, manche sogar kleine Runeninschriften. Der Kamm war Gebrauchsgegenstand und Schmuckstueck zugleich.
Besonders aufschlussreich sind die Kammfutterale. Zahlreiche Kaemme steckten in eigens gefertigten Etuis aus Geweih, die den Kamm auf Reisen schuetzten und am Guertel getragen werden konnten. Man nahm sein Pflegewerkzeug also mit, wenn man unterwegs war. Ein feiner Kamm diente ausserdem nicht nur der Frisur, sondern auch dem Auskaemmen von Laeusen und Nissen aus Haar und Bart, ein praktischer Alltagsnutzen, der bis in die Neuzeit ueblich blieb.
Der Kamm war zudem ein Handelsgut. In Haithabu und York arbeiteten spezialisierte Kammmacher in eigenen Werkstattbereichen, und moderne Eiweissanalysen des Geweihs zeigen, dass ein grosser Teil des Rohmaterials in Haithabu nicht vom heimischen Rothirsch, sondern vom Rentier stammte, also aus Skandinavien importiert wurde. Ein einfacher Geweihkamm war damit ein Produkt eines weit gespannten Handelsnetzes: gutes Aeusseres kostete Geld, und man war bereit, es auszugeben. Wer sich das leisten konnte, besass mehr als nur ein Werkzeug; er trug ein sichtbares Zeichen von Wohlstand und Selbstachtung am Guertel.
Der Kamm stand nicht allein. In vielen Graebern, vor allem der Oberschicht, findet sich ein regelrechtes Koerperpflege-Set, oft an einem Ring zusammengefasst und am Guertel getragen. Dazu gehoerten kleine Ohrloeffel aus Bronze zum Entfernen von Ohrenschmalz, feine Pinzetten und schmale, spitze Geraete, die man als Nagelreiniger oder Zahnstocher deutet.
Solche Ausstattungen sind kein nordisches Original, sie stehen in einer langen europaeischen Tradition, die bis in die roemische Zeit zurueckreicht. Aber sie zeigen, dass die persoenliche Reinigung von Ohren, Naegeln und Zaehnen ein bewusster, alltaeglicher Teil des Lebens war und nicht dem Zufall ueberlassen wurde. Diese kleinen Bronzegeraete waren zudem oft schoen gearbeitet und vergoldet, ein weiteres Zeichen, dass Pflege und Status Hand in Hand gingen.
Der vielleicht schoenste sprachliche Beleg fuer die Reinlichkeit der Nordleute steckt im Kalender. Das altnordische Wort fuer Samstag lautet laugardagr, woertlich Waschtag oder Badetag, von laug, dem warmen Bad oder der Waschlauge. Dieses Wort lebt bis heute weiter: im schwedischen loerdag, im daenischen und norwegischen loerdag, im islaendischen laugardagur.
Waehrend die meisten germanischen Sprachen ihre Wochentage nach Goettern benannten, trug ein Tag im Norden also einen ganz praktischen Namen, den des woechentlichen Waschens. Das legt nahe, dass es einen festen, wiederkehrenden Tag fuer die groessere Koerperreinigung gab, mindestens einmal in der Woche. Man sollte diesen Befund nicht ueberdehnen, ein Wortname beweist keine luecklose Praxis, aber er verankert das Baden fest im Alltag und in der Sprache selbst.
Zum Waschen brauchte es mehr als Wasser. Die Nordleute stellten eine Art Seifenlauge her, indem sie Pflanzenasche mit Fett oder Tierfetten verkochten, ein Verfahren, das Lauge und Seife im heutigen Sinn hervorbringt. Solche Lauge reinigte nicht nur Koerper und Haar, sondern diente auch dem Waschen der Kleidung.
Interessant ist ein Nebeneffekt, den spaetere Quellen und die Volkskunde ueberliefern: Stark alkalische Seifenlauge kann blondes Haar aufhellen und half zugleich gegen Ungeziefer. Ob das Bleichen der Haare bei den Wikingern gezielt betrieben wurde, ist nicht sicher belegt und bleibt Vermutung. Sicher ist aber, dass Seifenherstellung Teil des Haushalts war und Reinigung damit ueber das blosse Abspuelen hinausging.
Zum Waschtag gehoerte nicht nur der Koerper, sondern auch die Kleidung. Die Wallingford-Stelle nennt ausdruecklich den haeufigen Kleiderwechsel, und Textilreste aus Siedlungen und Graebern belegen, dass Wolle und Leinen gepflegt, gewalkt und mit Lauge gereinigt wurden. Feine Gewaender waren zu wertvoll, um sie verkommen zu lassen; sie wurden gewaschen, ausgebessert und weitergegeben. Wer saubere, gewechselte Kleidung tragen konnte, zeigte damit dasselbe wie mit dem Kamm: einen gewissen Wohlstand und die Absicht, gut auszusehen.
Die beruehmteste Aussage ueber die Koerperpflege der Nordleute stammt ausgerechnet von der Gegenseite. Der englische Chronist John of Wallingford, ein Moench des 13. Jahrhunderts, der aeltere Ueberlieferungen zusammentrug, klagte ueber die Daenen im England seiner Vorstellung. Sein Vorwurf war nicht Schmutz, sondern das Gegenteil:
Nach der Sitte ihres Landes pflegten sie ihr Haar taeglich zu kaemmen, jeden Samstag zu baden und oft die Kleider zu wechseln; und mit solchen Mitteln umlagerten sie die Tugend der verheirateten Frauen und verfuehrten sogar die Toechter der Vornehmen, sich ihnen hinzugeben.John of Wallingford, Chronica (13. Jh.); sinngemaesse Uebersetzung: Glanz & Gravur
Diese Stelle wird gern als Beweis fuer die Reinlichkeit der Wikinger zitiert, und im Kern stuetzt sie das Bild: Kaemmen, woechentliches Baden, Kleiderwechsel. Doch man muss sie ehrlich einordnen. Es ist eine feindselig gemeinte Quelle. Der Chronist wirft den Daenen ihre Koerperpflege ja gerade als Verfuehrungsmittel vor, sie ist bei ihm kein Lob, sondern Teil einer Klage ueber fremde, gefaehrliche Eindringlinge. Zudem schrieb er rund zweihundert Jahre nach der eigentlichen Wikingerzeit und stuetzte sich auf aeltere Berichte. Die Stelle ist ein wertvoller Hinweis, aber kein Augenzeugenbericht und schon gar kein Beleg fuer eine flaechendeckende, vorbildliche Hygiene.
Was gesichert ist: Kaemme aus Geweih zaehlen zu den haeufigsten Funden der Wikingerzeit, oft in Etuis und als Grabbeigabe am Koerper. Toilettbestecke mit Ohrloeffel, Pinzette und Nagelreiniger sind archaeologisch gut belegt. Das altnordische laugardagr (Waschtag) und seine bis heute lebenden Nachfolger loerdag/laugardagur verankern das woechentliche Baden in der Sprache. In Island sind steinerne Badebecken an heissen Quellen ueberliefert, etwa Snorralaug in Reykholt.
In Island gab es einen Luxus, den der Rest der nordischen Welt nicht kannte: natuerliche heisse Quellen. An mehreren Orten wurden steinerne Badebecken angelegt, gespeist von geothermalem Wasser. Das bekannteste ist Snorralaug in Reykholt, verbunden mit dem Namen des Gelehrten und Sagaschreibers Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert. Solche Becken waren Treffpunkt, Ort der Entspannung und der Koerperpflege zugleich.
Auf dem Festland, wo heisse Quellen fehlten, half man sich anders. Es gibt Hinweise auf badstofa, eine Art Schwitz- oder Badehaus, in dem mit erhitzten Steinen und aufgegossenem Wasser Dampf erzeugt wurde, aehnlich der spaeteren finnischen Sauna. Auch das Baden im Fluss, See oder Meer gehoerte selbstverstaendlich dazu. Reinigung war also kein einmaliges Zeremoniell, sondern in unterschiedlicher Form Teil des Lebens, angepasst an das, was die Landschaft hergab.
Die Sagas erwaehnen das Baden ganz nebenbei, als etwas Selbstverstaendliches. Menschen waschen sich vor einem Fest, vor einer Reise oder bevor sie vor eine wichtige Versammlung treten. Gerade weil es beilaeufig geschieht und nicht besonders betont wird, ist es glaubwuerdig: Fuer die Erzaehler war das Baden nichts Aussergewoehnliches, sondern schlicht Teil eines geordneten Lebens. Wer als angesehener Mensch gelten wollte, erschien gepflegt, und die Zuhoerer der Sagas erwarteten das offenbar ganz selbstverstaendlich von ihren Helden.
Zaehne wurden mit Zahnstochern und wohl auch durch Reiben und Ausspuelen gepflegt. Untersuchungen an wikingerzeitlichen Gebissen zeigen Spuren, die als Zahnreinigung gedeutet werden, etwa das Entfernen von Belaegen. Karies war seltener als heute, schlicht weil Zucker im modernen Sinn fehlte, doch Abnutzung durch grob gemahlenes, oft mit Sandkoernern durchsetztes Mehl war weit verbreitet.
Auch der spaetere Verlust von Zaehnen und schmerzhafte Abszesse sind an vielen Skeletten sichtbar. Zahnpflege im heutigen Sinn, mit Buerste und Paste, gab es nicht; man half sich mit dem, was da war, und musste den Rest ertragen. Der Befund passt zum Gesamtbild: bewusste Pflege, wo sie moeglich war, und die stille Hinnahme dessen, was man nicht aendern konnte.
Ein besonderes und bis heute raetselhaftes Phaenomen sind gefeilte Zaehne. An mehreren Fundorten, vor allem in Schweden und auf Gotland, aber auch in England, entdeckte man Schaedel mit waagerechten Rillen, die absichtlich in die vorderen Zaehne gefeilt worden waren. Fast ausschliesslich betrifft das Maenner. Warum diese schmerzhafte und kunstvolle Praxis betrieben wurde, ist unklar: als Zeichen einer Gruppe, eines Ranges oder einer bestimmten Taetigkeit wird vermutet, sicher weiss es niemand. Wichtig ist die Einordnung: Das war ein Sonderphaenomen weniger Menschen, keine allgemeine Sitte und keine gewoehnliche Zahnpflege.
Haar und Bart waren im Norden ein Statuszeichen und wurden entsprechend gepflegt. Bildquellen, kleine Figuren und Beschreibungen deuten auf gestutzte Baerte, geflochtene oder zurueckgebundene Haare und durchaus modische Frisuren hin, nicht auf wilde, verfilzte Maehnen. Der taegliche Kamm aus der Wallingford-Stelle passt genau dazu.
Frisuren konnten auch soziale Bedeutung tragen. Kurzgeschorenes Haar war teils ein Zeichen von Unfreiheit oder Schande, gepflegtes langes Haar dagegen ein Zeichen von Wuerde und freiem Stand. Wer sich um Haar und Bart kuemmerte, tat das also nicht nur aus Eitelkeit, sondern auch, weil das Aeussere ueber die Stellung in der Gemeinschaft mitentschied.
So weit das schmeichelhafte Bild. Doch die Archaeologie kennt auch die Kehrseite, und sie ist genauso wichtig fuer die Wahrheit. Aus dem wikingerzeitlichen York stammt einer der beruehmtesten Belege: ein grosser, gut erhaltener menschlicher Kot, der sogenannte Coprolith aus der Ausgrabung in Coppergate. Seine Analyse zeigte, dass der Mensch, von dem er stammt, einen erheblichen Befall mit Darmparasiten hatte, vor allem Peitschenwuermern und Spulwuermern.
Aehnliche Funde von Parasiteneiern in Abfallgruben und Boeden bestaetigen: Darmwuermer waren weit verbreitet. Ebenso finden sich Laeuse und Floehe in Siedlungsschichten und an Kaemmen, deren enge Zaehne ja gerade auch dem Auskaemmen dieser Plagegeister dienten. Die persoenliche Koerperpflege war real, aber sie fand in einer Welt statt, in der sauberes Trinkwasser, Abwasserentsorgung und Muellbeseitigung nach heutigen Massstaeben nicht existierten. Enge Haeuser, Tiere in der Naehe, offene Gruben, all das machte eine wirklich hygienische Umgebung unmoeglich.
Dieser scheinbare Widerspruch ist in Wahrheit keiner. Ein Mensch konnte sich taeglich kaemmen, samstags baden und trotzdem Wuermer im Darm haben, weil die Ansteckung ueber Wasser, Nahrung und die Enge der Siedlung lief, nicht ueber mangelnde Koerperwaesche. Genau das gilt fuer fast alle vorindustriellen Gesellschaften. Die Wikinger waren darin weder besser noch schlechter als ihre Nachbarn; sie lebten schlicht in derselben Realitaet, in der individuelle Pflege und ein verkeimtes Umfeld nebeneinander bestanden. Der gepflegte Kopf und der befallene Darm gehoerten zusammen zum selben Alltag.
Beide Extreme sind falsch. Der Wikinger als schmutziger, verlauster Barbar ist ein Zerrbild, das feindliche Chronisten und spaetere Romantik geschaffen haben; die vielen Kaemme, das Toilettbesteck und der Waschtag laugardagr widerlegen es klar. Aber das Gegenextrem, die Wikinger seien die saubersten Menschen Europas gewesen, laesst sich nicht halten. Diese Formel haengt im Wesentlichen an der einen, spaeten und feindselig gemeinten Stelle bei John of Wallingford. Die Parasitenfunde aus York und anderswo zeigen die Grenzen: Die Menschen pflegten ihren Koerper, aber sie lebten in schmutzigen, wurmverseuchten Siedlungen. Die ehrliche Antwort lautet also: gepflegte Koerper in einer dreckigen Welt.
Woher kommt dann das Bild vom stinkenden Wikinger ueberhaupt? Teils aus arabischen Reiseberichten, in denen ein Gesandter das gemeinsame Waschwasser der Rus als unappetitlich beschrieb, teils aus christlicher Feindpropaganda, teils aus der Filmromantik des 20. Jahrhunderts, die den zottigen Barbaren brauchte. Umgekehrt entstand das Bild vom Sauberkeitsvorbild in einer Zeit, die die Wikinger heroisieren wollte. Die Quellen selbst geben keinen der beiden Kitsch-Erzaehlungen recht.
Fuer uns bei Glanz & Gravur ist gerade dieses nuechterne Bild das schoenste. Es zeigt Menschen, die ihr Aeusseres ernst nahmen, die einen fein gearbeiteten Kamm mit ins Grab nahmen, die einen Wochentag nach dem Baden benannten und die aus Ornament und Handwerk auch bei alltaeglichen Dingen etwas Wertvolles machten. Der verzierte Geweihkamm im Etui ist ein Sinnbild fuer die ganze Kultur: praktisch, langlebig, und trotzdem geschmueckt.
Wer nordische Motive graviert oder traegt, ehrt damit keine wilden Barbaren, sondern Menschen mit Sinn fuer das Handwerk und fuer gepflegte, dauerhafte Dinge, so ehrlich, wie die Funde es hergeben. Genau in diesem Geist arbeiten auch wir: Wir behaupten nichts, was die Quellen nicht tragen, und wir schneiden die Details sauber. Der Kamm im Grab und die saubere Gravur haben mehr gemeinsam, als man denkt.

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