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Wikinger, Normannen, Nordmänner, Waräger, Rus: Wo liegt der Unterschied?

Geschichte & Funde Wikinger, Normannen, Nordmänner, Waräger, Rus: Wo liegt der Unterschied?

Kurz gesagt: „Wikinger“ war keine Volksbezeichnung, sondern eine Tätigkeit, die Seefahrt auf Raub und Beute. Nordmänner, Dänen, Gaill oder Madjus nannten Franken, Iren und Araber die Skandinavier von außen. Normannen wurden daraus erst die französischsprachigen Bewohner der Normandie. Rus und Waräger heißen die Skandinavier im Osten, zwischen Kiew und Konstantinopel. Wir zeigen dir, wer welchen Namen wann benutzt hat, welche Runensteine das Wort víking tragen und warum die Sieger von 1066 keine Wikinger mehr waren.

Eingeritzte Runen in einer Marmorbrüstung der Hagia Sophia in Istanbul
Runenritzung in der Hagia Sophia, Istanbul: lesbar ist nur der Name „Halvdan“ – wohl ein Skandinavier im Dienst von Byzanz. Foto: Cobija, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.

Stell dir einen Mann aus Uppland vor, um das Jahr 1000. Im Sommer rudert er mit seinen Nachbarn ostwärts, im Winter sitzt er auf seinem Hof und repariert Zäune. In Konstantinopel nennen sie ihn einen Waräger, in Kiew einen Rus, in einer fränkischen Klosterchronik wäre er ein Nordmann, in Irland ein Gall, in Córdoba ein Madjus. Und er selbst? Er würde sich als Mann aus seinem Bezirk sehen, als Sohn seines Vaters, vielleicht als Schwede. „Wikinger“ war er nur in den Wochen, in denen er tatsächlich auf Raubfahrt war. Genau um dieses Durcheinander geht es hier. Wir sortieren die Namen, schauen, wer sie wann benutzt hat, und trennen dabei sauber, was in den Quellen steht und was spätere Jahrhunderte daraus gemacht haben.

Das Wort selbst: víkingr und víking

Im Altnordischen gibt es zwei verwandte Wörter. Víkingr (Maskulinum) bezeichnet eine Person, und zwar einen Seekrieger oder Plünderer. Víking (Femininum) bezeichnet die Tätigkeit: die Fahrt über See, auf der man raubt, handelt oder beides. Die Wendung fara í víking heißt also sinngemäß „auf Wiking gehen“, auf Kriegs- und Beutefahrt. Wer ging, war für diese Zeit ein víkingr; wer daheim blieb, war Bauer, Schmied oder Händler. Das Wort beschreibt einen Beruf auf Zeit, kein Volk.

Diese Bedeutung ist nicht erst eine Erfindung der Sagas aus dem 13. Jahrhundert. Sie steht auf Steinen, die Zeitgenossen gesetzt haben. Für die Runensteine benutzt die Forschung Siglen: DR steht für Danmarks Runeindskrifter, U für Uppland in der Reihe Sveriges runinskrifter. Drei prüfbare Beispiele:

Gerade das letzte Beispiel ist wertvoll. Für Skandinavier selbst konnten „Wikinger“ also eine Gefahr sein, vor der man die Küste schützt. Ein Gegenstück sind die Steine der Ingvar-Fahrer oder der Englandfahrer, auf denen Fahrten nach Osten oder nach England stolz erwähnt werden, oft ohne das Wort víking überhaupt zu benutzen.

Gesicherter Befund. Das Wort víking ist auf mehreren Runensteinen des 10. und 11. Jahrhunderts belegt, durchweg als Bezeichnung einer Fahrt beziehungsweise Tätigkeit. Als Selbstbezeichnung eines ganzen Volkes kommt es in keiner zeitgenössischen Quelle vor.

Woher kommt „Wikinger“? Drei Thesen und ein offenes Ende

Die Etymologie ist ungeklärt. Es gibt mehrere ernsthafte Vorschläge, von denen keiner bewiesen ist. Es sind Thesen.

These 1: vík, die Bucht. Altnordisch vík heißt „Bucht“. Ein víkingr wäre dann jemand, der in Buchten lauert oder von dort aus operiert. Klingt einleuchtend, ist aber recht unspezifisch: Buchten gibt es überall.

These 2: Viken, die Landschaft. Víkin hieß im Mittelalter die Region um den Oslofjord. Ein víkingr wäre dann ursprünglich „einer aus Viken“, so wie heute jemand aus Hamburg ein Hamburger ist. Sie erklärt aber schlecht, warum das Wort in Schweden und Dänemark genauso verbreitet war.

These 3: vika, die Ruderschicht. Altnordisch vika kann neben „Woche“ auch eine Strecke auf See bezeichnen, nach der die Ruderer abgelöst werden, eine Art Seemeile. Der norwegische Philologe Eldar Heide hat 2005 vorgeschlagen, víking habe ursprünglich eine Fahrt mit wechselnden Ruderschichten gemeint, also lange Ruderfahrten. Das passt gut zu einer Tätigkeitsbezeichnung, bleibt aber ebenfalls eine Hypothese.

Diskutiert wird außerdem altenglisch wīc (aus lateinisch vicus, Handelsplatz); viele Sprachwissenschaftler halten das heute für weniger wahrscheinlich.

Altenglisch wīcing: das Wort auf der anderen Seite der Nordsee

Das ist der verblüffendste Punkt: Das Wort taucht in englischen Texten auf, die zum Teil älter sein könnten als die ersten großen Überfälle. Im altenglischen Gedicht Widsith ist von wicinga cynn die Rede, einem „Geschlecht der Wikinger“, und das Bibelgedicht Exodus nennt sǣwīcingas, „Seewikinger“. Die Datierung dieser Dichtungen ist schwierig, aber sie zeigen, dass wīcing im Englischen allgemein „Seeräuber“ meinte, ohne Bezug auf eine bestimmte Herkunft.

Spannend ist, was die Angelsachsen in ihrer Geschichtsschreibung tatsächlich benutzten. Die Angelsächsische Chronik spricht fast immer von Dene, den Dänen, oder vom hǣþen here, dem „heidnischen Heer“. Das Wort wīcing kommt dort nur gelegentlich vor. Für die Leute in Wessex waren die Angreifer vor allem Dänen und Heiden, nicht Wikinger. Mehr dazu in unserem Artikel über die Wikinger in England.

Dass „Wikinger“ heute das Sammelwort für alle Skandinavier der Zeit von etwa 790 bis 1066 ist, verdanken wir dem 19. Jahrhundert. Damals griffen skandinavische Gelehrte und Dichter das alte Wort auf und machten daraus den Namen einer ganzen Epoche, der Wikingerzeit.

Wie Franken, Iren, Araber und Griechen sie nannten

Aus der Wikingerzeit selbst gibt es kaum skandinavische Geschichtsschreibung. Fast alle Erzählungen stammen von denen, die sie besuchten, beraubten oder mit ihnen handelten, und jede dieser Kulturen hatte ihr eigenes Wort.

Franken: Nordmanni und Dani. Die fränkischen Annalen sprechen von Nordmanni oder Normanni, wörtlich „Nordleute“. Das ist eine Himmelsrichtung, kein Ethnonym. Daneben steht Dani, „Dänen“, oft pauschal für alle Angreifer aus dem Norden, auch wenn darunter Norweger oder Schweden waren. Kirchliche Autoren schreiben außerdem gern pagani oder gentiles, „Heiden“. Für einen Mönch zählte zuerst, dass die Angreifer keine Christen waren.

Iren: Gaill, Lochlannaig, Finngaill und Dubgaill. In den irischen Annalen heißen die Skandinavier meist Gaill, „Fremde“, oder gennti, „Heiden“. Daneben steht Lochlannaig, „Leute aus Lochlann“; wo genau Lochlann (älter: Laithlind) lag, ob in Norwegen oder auf den schottischen Inseln, ist umstritten. Ab der Mitte des 9. Jahrhunderts unterscheiden die Annalen von Ulster zwischen Finngaill, „hellen Fremden“, und Dubgaill, „dunklen Fremden“. Die alte Deutung lautete: hell gleich Norweger, dunkel gleich Dänen. Neuere Forschung, etwa Clare Downham, hält das für zu simpel und denkt eher an ältere und neu angekommene Gruppen.

Araber: al-Madjus und ar-Rus. In arabischen Quellen aus al-Andalus heißen die Angreifer, die 844 Sevilla überfielen, al-Madjus. Das Wort bezeichnete ursprünglich die zoroastrischen Feuerpriester Persiens und wurde dann allgemein für „Heiden“ verwendet. Ausführlich dazu: die Madjus. Im Osten der islamischen Welt dagegen sprachen Geografen und Reisende von ar-Rus. Der Geograf Ibn Khordadbeh beschreibt im 9. Jahrhundert Rus-Händler, die bis Bagdad kamen, und Ibn Fadlan begegnete 921/922 an der Wolga einer Gruppe, die er Rusiyya nennt.

Byzantiner: Rhos und Varangoi. Griechische Texte sprechen zunächst von den Rhos. Später, im 11. Jahrhundert, taucht Varangoi auf, vor allem für die skandinavischen Söldner im kaiserlichen Dienst. Slawen: Varjagi. In der ostslawischen Chronistik heißen dieselben Leute Varjagi, Waräger, ein Wort, das ins Deutsche über die Geschichtswissenschaft gelangt ist.

Die Normannen: Wikinger, die Franzosen wurden

An den Normannen sieht man, wie aus einer Fremdbezeichnung ein Volksname wird: Aus den Normanni der Annalen wurden die Bewohner der Normandie.

Im Zentrum steht Rollo, ein skandinavischer Anführer, der sich mit seinen Leuten am Unterlauf der Seine festsetzte. Nach der Überlieferung schloss König Karl der Einfältige 911 mit ihm den Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte: Land gegen Taufe, Treue und Schutz des Reiches vor weiteren Angreifern. Der Haken: Ein Vertragstext ist nicht erhalten. Die ausführliche Erzählung stammt von Dudo von Saint-Quentin, der um 1015 im Auftrag der normannischen Herzöge schrieb, also rund hundert Jahre später und mit klarem Interesse, die Dynastie gut aussehen zu lassen. Dudos Werk gilt der Forschung als stark stilisiert; Ort und Ablauf der Verhandlung, einschließlich der berühmten Anekdote vom Fußkuss, lassen sich nicht überprüfen.

Was zeitgenössisch belegt ist. Eine Urkunde Karls des Einfältigen von 918 erwähnt Land, das der König den „Normannen von der Seine, nämlich Rollo und seinen Gefährten“ zum Schutz des Reiches überlassen habe. Der Chronist Flodoard von Reims berichtet ebenfalls von einer Landvergabe an die Normannen nach der Schlacht bei Chartres (911). Dass es eine Abtretung gab, ist also gut gestützt. Die Details des „Vertrags“ und das Jahr 911 als Datum eines förmlichen Abschlusses beruhen dagegen auf späterer Überlieferung.

Was danach geschah, ist eine bemerkenswert schnelle Verwandlung. Rollos Leute heirateten in die einheimische Bevölkerung ein, wurden Christen und übernahmen die fränkische Verwaltung. Ortsnamen auf -tot (von altnordisch topt, Hausplatz) oder -bec (von bekkr, Bach) zeugen bis heute von nordischen Siedlern. Die Sprache aber wechselte. Dudo erzählt, Herzog Richard I. habe seinen Sohn nach Bayeux geschickt, damit er dort noch Dänisch lerne, weil man es in Rouen kaum mehr sprach. Ob die Anekdote stimmt, sei dahingestellt; sie zeigt jedenfalls, dass schon um 1000 die Oberschicht vor allem Französisch sprach.

Als Wilhelm, Herzog der Normandie, 1066 nach England übersetzte, war er ein französischsprachiger, christlicher Fürst mit fränkisch organisiertem Heer und Panzerreitern. Ironischerweise war sein Gegenspieler drei Wochen zuvor ein echter Nordmann gewesen: Harald Hardrada, König von Norwegen und einst selbst Waräger in Byzanz, der bei Stamford Bridge fiel. Unser Artikel zur Schlacht bei Hastings erzählt diesen dramatischen Herbst.

Noch weiter weg vom Wikingerbild sind die Normannen in Süditalien und Sizilien. Ab etwa 1017 kamen Söldner aus der Normandie nach Apulien, später die Söhne des Tankred von Hauteville. Robert Guiscard eroberte Süditalien, sein Bruder Roger I. ab 1061 Sizilien, und Roger II. wurde 1130 König. Diese Leute waren Franzosen nach Sprache und Kultur, lateinische Christen, und regierten über Griechen, Araber und Langobarden.

Mythos-Check: „Die Normannen von 1066 waren Wikinger.“ Nein. Sie stammten zum Teil von skandinavischen Siedlern ab, aber nach Sprache, Religion, Kampfweise und Selbstverständnis waren sie fränkische Adelige. Die Abstammung ist nordisch, die Kultur nicht mehr.

Rus und Waräger: die Skandinavier im Osten

Im Osten verlief die Geschichte anders, und hier wird es politisch. Die wichtigste Erzählquelle ist die Nestorchronik, auch Russische Primärchronik oder Povest' vremennych let („Erzählung der vergangenen Jahre“). Sie wurde Anfang des 12. Jahrhunderts in Kiew zusammengestellt, rund 250 Jahre nach den Ereignissen, die sie für das 9. Jahrhundert schildert.

Zum Jahr 862 berichtet die Chronik, die Stämme im Norden hätten Waräger vertrieben, sich dann untereinander zerstritten und schließlich Boten übers Meer geschickt: Unser Land ist groß und reich, aber es gibt keine Ordnung darin, kommt und herrscht über uns. Drei Brüder seien gekommen, Rjurik, Sineus und Truvor, und von diesen Warägern habe das Land der Rus seinen Namen. Die Chronik nennt die Rus ausdrücklich eine Gruppe von Warägern, so wie andere Waräger Schweden, Normannen oder Angeln hießen.

Quellenkritisch ist das problematisch. Die Datierung ist in der Chronik nachträglich konstruiert, die Einladungsgeschichte folgt einem Erzählmuster, das man auch anderswo findet (bei Widukind von Corvey bitten die Briten die Sachsen ins Land), und die Chronik diente der Legitimation der Rjurikiden-Dynastie, die sich auf Rjurik zurückführte. Brüder namens Sineus und Truvor gelten vielen Forschern als zweifelhaft. Ob Rjurik eine historische Person war, ist offen; eine Gleichsetzung mit dem dänischen Rorik von Dorestad wurde vorgeschlagen, ist aber nicht beweisbar.

Unabhängig davon gibt es frühere Belege. Die fränkischen Annales Bertiniani berichten zu 839, eine byzantinische Gesandtschaft sei mit Leuten an den Hof Ludwigs des Frommen nach Ingelheim gekommen, die sich Rhos nannten. Der Kaiser ließ nachforschen und stellte fest, dass sie zum Volk der Sueones, der Schweden, gehörten, und verdächtigte sie zunächst als Spione. Liudprand von Cremona schreibt im 10. Jahrhundert, die Rusios nenne man mit anderem Namen Nordmannos. Und Kaiser Konstantin VII. überliefert in De administrando imperio die Namen der Dnjepr-Stromschnellen in einer „russischen“ und einer „slawischen“ Sprachform; die „russischen“ Namen lassen sich weitgehend aus dem Altnordischen erklären.

Woher das Wort Rus selbst stammt, ist wieder eine These, wenn auch eine gut gestützte: Finnisch Ruotsi heißt bis heute „Schweden“, und viele Sprachwissenschaftler führen es auf eine altnordische Wurzel für „rudern“ zurück, verwandt mit dem Landschaftsnamen Roslagen an der schwedischen Küste. Die Rus wären dann ursprünglich „die Ruderer“.

Die Normannismus-Debatte, kurz und nüchtern

Seit dem 18. Jahrhundert streitet man darüber, welchen Anteil Skandinavier an der Entstehung des Kiewer Reiches hatten. Deutsche Gelehrte an der Petersburger Akademie, vor allem Gottlieb Siegfried Bayer und Gerhard Friedrich Müller, betonten die skandinavische Herkunft der Rus. Michail Lomonossow widersprach scharf. Daraus wurden zwei Lager: „Normannisten“ und „Antinormannisten“. In der Sowjetzeit war die Betonung slawischer Eigenständigkeit lange politisch erwünscht.

Die heutige Forschung hat sich weitgehend von dieser Frontstellung gelöst. Archäologische Funde in Staraja Ladoga, Gnjosdowo oder am Rjurikowo Gorodischtsche bei Nowgorod belegen skandinavische Präsenz, Schmuck und Gräber sehr deutlich. Ebenso deutlich ist, dass die Rus schnell in einer slawisch, finnisch und baltisch geprägten Umgebung aufgingen. Die Fürsten trugen bald slawische Namen: Oleg (Helgi) und Igor (Ingvar) hießen noch nordisch, Igors Sohn Swjatoslaw schon slawisch. Ein skandinavischer Kern hat das Reich also mitgeformt, aber nicht allein geschaffen. Mehr dazu findest du bei der Kiewer Rus und auf der Ostroute zu den Griechen.

Die Rus-Verträge: Namen schwarz auf Pergament

Eine der besten Quellen sind die Verträge zwischen den Rus und Byzanz, die in der Nestorchronik überliefert sind. Für 907 nennt die Chronik einen Vertrag nach einem Zug Olegs gegen Konstantinopel; dessen Echtheit ist stark umstritten, griechische Quellen erwähnen den Feldzug nicht. Die Verträge von 911 und 944 gelten dagegen als im Kern authentisch, weil sie byzantinische Urkundenformeln enthalten.

Das Faszinierende sind die Gesandtenlisten. Im Vertrag von 911 erscheinen Namen wie Karl, Farlof, Vermud, Rulav und Stemid, die sich leicht als Karl, Farulfr, Vermundr, Hróðleifr und Steinviðr deuten lassen. Die Liste von 944 ist länger und enthält schon einige slawische Namen. In einer einzigen Generation sieht man hier, wie eine skandinavische Elite in eine neue Umgebung hineinwächst. Unser Artikel über die Männer der Rus-Verträge geht die Listen Name für Name durch.

Waräger: Leibwache des Kaisers

Der Begriff Waräger hat einen etwas anderen Klang als Rus. Er wird oft auf altnordisch væringi zurückgeführt, das man mit várar, „Gelöbnis, Treueid“, verbindet: der Waräger als Mann, der durch einen Eid gebunden ist. Auch das ist eine verbreitete, aber keine gesicherte Herleitung.

988 schickte Großfürst Wladimir von Kiew Kaiser Basileios II. eine Truppe von rund 6.000 Mann zur Unterstützung gegen Aufständische. Aus diesem Kontingent entwickelte sich die Warägergarde, die Elite-Leibwache der byzantinischen Kaiser. Ihre Männer waren für ihre Äxte und ihre gut bezahlte Treue bekannt. Schwedische Runensteine erinnern an Männer, die „in Griechenland“ starben, und isländische Sagas nennen das Ziel Miklagarðr, „die große Stadt“. Nach 1066 traten zunehmend Angelsachsen in die Garde ein, sodass „Waräger“ am Ende nicht mehr zwingend „Skandinavier“ bedeutete. Die ganze Geschichte steht in unserem Beitrag über Miklagard und die Warägergarde.

Runen in der Hagia Sophia. Auf der Brüstung der oberen Galerie der Hagia Sophia in Istanbul ist eine stark verwitterte Runeninschrift eingeritzt. Lesbar ist der Name Halfdan; die übliche Ergänzung lautet „Halfdan ritzte diese Runen“. Eine zweite Ritzung in der Galerie wird als Name Árni gelesen. Wer Halfdan war, wissen wir nicht. Die Inschrift ist ein echtes Graffito aus der Wikingerzeit oder kurz danach.

Nordleute, die anders hießen: Ostmänner, Dänen, Isländer

Je länger Skandinavier irgendwo lebten, desto eigener wurden ihre Namen. In Irland entstanden befestigte Städte wie Dublin, Waterford und Limerick. Ihre gemischte Bevölkerung, nordisch-irisch, nennen englische Quellen nach der anglonormannischen Invasion ab 1169 Ostmanni, die Ostmänner, wörtlich „Leute aus dem Osten“. Ein Anführer aus ihrer Frühzeit war Olaf der Weiße. In Schottland und auf den Hebriden tauchen die Gall-Goídil auf, „fremde Gälen“: Leute gemischter Herkunft, die gälisch sprachen und nordisch kämpften.

In England wurde das Gebiet unter skandinavischem Recht später als Dena lagu, „Recht der Dänen“, bezeichnet, woraus Danelag wurde. Dessen Bewohner waren nach wenigen Generationen Christen und Untertanen englischer Könige. Ihre Spuren: Ortsnamen auf -by und -thorpe und viele Lehnwörter wie sky, egg oder they.

Und die Isländer? Sie nannten sich Íslendingar. Ihre Sprache hieß dǫnsk tunga, „dänische Zunge“, ein Sammelbegriff für das Altnordische. Norweger bezeichneten sie in den Sagas gern als austmenn, „Ostmänner“, weil Norwegen von Island aus im Osten liegt. Dasselbe Wort, ganz andere Leute als in Irland.

Alles auf einen Blick

BegriffWer ist gemeintWannWer benutzte ihn
víkingr / víkingSeekrieger bzw. die Raubfahrt selbstRunensteine 10.–11. Jh., Sagas 13. Jh.Skandinavier selbst
wīcingSeeräuber allgemeinaltenglische Dichtung, GlossenAngelsachsen
Dene / DaniDänen, oft alle Nordleute8.–11. Jh.Angelsachsen, Franken
Nordmanni / NormanniNordleute allgemein, später Bewohner der Normandieab dem 9. Jh.fränkische Annalen, später die Normannen selbst
pagani / gentiles / genntidie Heiden9.–10. Jh.kirchliche Autoren, irische Annalen
Gaill, Lochlannaig, Finngaill, DubgaillFremde aus dem Norden, Untergruppenab dem 9. Jh.irische Annalen
al-MadjusAngreifer aus dem Nordenab 844Autoren in al-Andalus
Rus / Rhosskandinavisch geprägte Herrschafts- und Händlergruppe im Ostenab 839Franken, Byzantiner, Araber, Slawen
Varjagi / VarangoiSkandinavier im Osten, Söldner, GardeChronik 12. Jh., Byzanz 11. Jh.Ostslawen, Byzantiner
NormannenBewohner der Normandie und ihre Nachfahren10.–12. Jh.Selbst- und Fremdbezeichnung
Ostmanni / austmennHiberno-Skandinavier in Irland / Norweger aus isländischer Sicht12.–13. Jh.Anglonormannen / Isländer

Mythos-Check: Was du ab heute nicht mehr glauben musst

Mythos-Check: „Die Wikinger waren ein Volk.“ Nein. Es gab Dänen, Norweger, Schweden, Gotländer und viele regionale Gruppen, die verwandte Sprachen sprachen. Wikinger war man, wenn man auf Fahrt ging. Die meisten Menschen in Skandinavien waren in ihrem Leben nie auf Wiking.
Mythos-Check: „Normannen ist nur das französische Wort für Wikinger.“ Halb richtig. Normanni hieß anfangs schlicht Nordleute. Ab dem 11. Jahrhundert meint Normannen aber die französischsprachigen Bewohner einer bestimmten Region, und das ist etwas grundlegend anderes.
Mythos-Check: „Waräger und Rus sind dasselbe.“ Teilweise. In der Nestorchronik sind die Rus eine Gruppe der Waräger. Im byzantinischen Sprachgebrauch des 11. Jahrhunderts meint Waräger vor allem die Söldner der Garde, während Rus zunehmend das ganze ostslawische Reich bezeichnet.
Mythos-Check: „Die Skandinavier nannten sich selbst stolz Wikinger.“ Kaum. Auf den Runensteinen ist víking etwas, das man tut, und auf U 617 sogar etwas, wogegen man kämpft. Die Begeisterung für das Wort als Selbstbezeichnung ist modern.

Hinter dem einen Wort „Wikinger“ stecken Dutzende Lebenswege: der Bauer auf Fahrt, der Herzog in Rouen, der Gardist in Konstantinopel, der Händler in Dublin.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Wikingern und Normannen? Wikinger nennt man skandinavische Seekrieger der Zeit etwa 790 bis 1066. Normannen sind die Bewohner der Normandie, die ab 911 aus skandinavischen Siedlern und Franken entstanden und schon um 1000 französisch sprachen.

Waren die Waräger Wikinger? Die Waräger waren Skandinavier im Osten, also in Russland, der Ukraine und Byzanz. Viele kamen als Händler oder Söldner, nicht als Plünderer. Später dienten in der Warägergarde auch Angelsachsen.

Woher kommt das Wort Wikinger? Das ist nicht geklärt. Diskutiert werden altnordisch vík (Bucht), die Landschaft Viken am Oslofjord und vika (Ruderstrecke). Sicher ist nur, dass víking im Altnordischen eine Fahrt bezeichnete.

Waren die Rus Schweden? Ein großer Teil der frühen Rus-Elite stammte nach Schriftquellen und Funden aus dem Gebiet des heutigen Schweden. Die Rus gingen aber rasch in der slawischen Bevölkerung auf, und Rus wurde zum Namen eines eigenen Reiches.

Waren Wikinger ein eigenes Volk? Nein. Wikinger war eine Tätigkeit, kein Volk. Die Menschen sahen sich als Dänen, Norweger, Schweden oder als Bewohner ihrer Region.

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