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Die Männer der Rus-Verträge (907, 911, 944)

Geschichte & Funde Die Männer der Rus-Verträge (907, 911, 944)

Karl. Inegeld. Farlof. Veremud. So beginnt eine Liste in einer russischen Chronik des frühen 12. Jahrhunderts, und kein Leser in Kiew dürfte bei diesen Namen an seine Nachbarn gedacht haben. Es sind die Gesandten, die im Herbst 911 für Fürst Oleg einen Vertrag mit dem Kaiser in Konstantinopel schlossen. Dreiunddreißig Jahre später kam eine zweite, viel längere Liste hinzu. Zusammen sind diese Verträge das dichteste Namensregister der Rus im 10. Jahrhundert – und ein Rechtsdokument, das zeigt, worum es den Männern aus dem Norden am Bosporus eigentlich ging: um Handel, Recht und sicheres Geleit.

Seite der Radziwiłł-Chronik mit Miniatur zu Olegs Zug gegen Konstantinopel
Die Radziwiłł-Chronik, Blatt 14v: Miniatur zu Olegs Zug gegen Konstantinopel. Die Handschrift stammt aus dem 15. Jahrhundert und bebildert die Erzählung der Nestorchronik – also die Sage um Oleg, nicht die Verträge selbst. Bild: gemeinfrei.

Eine Chronik mit eingelegten Urkunden

Die Nestorchronik, altrussisch Povest' vremennych let, „Erzählung der vergangenen Jahre", ist die Gründungserzählung der Kiewer Rus. Sie wurde im frühen 12. Jahrhundert in Kiew zusammengestellt; die Tradition schreibt sie dem Mönch Nestor aus dem Höhlenkloster zu, erhalten ist sie in Bearbeitungen von 1116 und später. Die ältesten vollständigen Handschriften sind jünger: die Laurentius-Chronik von 1377 und die Hypatius-Chronik aus dem 15. Jahrhundert.

Für das 9. und 10. Jahrhundert arbeitet der Chronist mit Sagen, mündlichen Überlieferungen und einer selbst gebauten Jahreszählung. Mitten in diesem Stoff stehen aber Texte, die ganz anders klingen: trockene, gegliederte Vertragsartikel mit Eidesformeln, Datumszeilen und Namenslisten. Es sind die Verträge der Rus mit Byzanz. Der Chronist hat sie nicht erfunden, er hat sie abgeschrieben. Das ist der Grund, warum sie für die Frühgeschichte der Rus so viel wiegen.

907: Olegs Schild und fünf Namen

Zum Jahr 6415 nach byzantinischer Weltära, also 907, erzählt die Chronik vom Zug des Fürsten Oleg gegen Konstantinopel. Die Geschichte ist berühmt und legendenhaft: zweitausend Schiffe, Schiffe auf Rädern, die mit Segeln über Land fahren, vergifteter Wein, den Oleg durchschaut, und zum Schluss ein Schild, den er an das Tor der Stadt hängt. Die Griechen zahlen, und Oleg schickt fünf Männer zu den Kaisern: Karl, Farlof, Vel'mud, Rulav und Stemid.

Die Bedingungen, die der Chronist dann aufzählt, sind handfester als die Erzählung drumherum. Rus-Kaufleute sollen Verpflegung für sechs Monate erhalten, Brot, Wein, Fleisch, Fisch und Obst, dazu Badehäuser, so oft sie wollen. Sie sollen im Viertel beim heiligen Mamas wohnen, außerhalb der Mauern. In die Stadt dürfen sie nur durch ein Tor, ohne Waffen, höchstens fünfzig zugleich, begleitet von einem kaiserlichen Beamten. Für die Heimfahrt gibt es Anker, Taue und Segel.

Oleg und seine Männer schwören, so die Chronik, bei ihren Waffen und bei Perun, ihrem Gott, und bei Volos, dem Gott des Viehs. Es ist die früheste Stelle, an der die Chronik diese beiden Götter nennt, und es ist ein christlicher Chronist, der sie überliefert.

911: fünfzehn Gesandte

Unter dem Jahr 6420 folgt der eigentliche Vertrag, datiert auf den 2. September; nach heutiger Rechnung ist das der 2. September 911. Er beginnt mit einer Namensliste:

My ot roda ruskago, Karly, Inegeld, Farlof, Veremud, Rulav, Gudy, Ruald, Karn, Frelav, Ruar, Aktevu, Truan, Lidul, Fost, Stemid, iže poslani ot Olga, velikago knjazja ruskago …

„Wir vom Geschlecht der Rus, Karl, Inegeld, Farlof, Veremud, Rulav, Gudy, Ruald, Karn, Frelav, Ruar, Aktevu, Truan, Lidul, Fost, Stemid, die gesandt sind von Oleg, dem Großfürsten der Rus …"Nestorchronik, Jahr 6420 (911), nach der Laurentius-Handschrift in lateinischer Umschrift; Schreibungen schwanken in den Handschriften (etwa Rjuar, Stemir); Übertragung von uns

Alle fünf Namen von 907 kehren hier wieder, Vel'mud in der Form Veremud, dazu zehn neue. Das ist einer der Gründe, warum man dem Text von 907 misstraut, doch dazu gleich mehr.

Der Vertrag selbst ist ein Stück Völkerrecht. Wer einen anderen tötet, ob Rus oder Grieche, soll dort sterben, wo er getötet hat. Flieht er und hat Vermögen, geht es an die Verwandten des Getöteten, doch die Ehefrau des Täters behält, was ihr nach dem Gesetz zusteht. Wer mit dem Schwert oder einem Gefäß zuschlägt, zahlt fünf Litren Silber nach dem „Gesetz der Rus". Diebe, die sich widersetzen, dürfen getötet werden; Gestohlenes wird dreifach ersetzt. Schiffbrüchigen wird geholfen, Gefangene werden ausgelöst, entlaufene Sklaven zurückgegeben. Männer aus der Rus dürfen in das Heer des Kaisers eintreten, wenn sie wollen. Stirbt einer von ihnen im Reich ohne Testament, geht sein Besitz an seine Verwandten in der Rus.

Man muss sich die Lage vorstellen: Hier einigen sich zwei Rechtswelten auf Regeln für den Streitfall. Das Wort vom „Gesetz der Rus" ist dabei der früheste Hinweis darauf, dass es bei den Rus überhaupt ein eigenes Recht gab, auf das man sich berufen konnte.

Wessen Namen sind das?

Dass die Mehrheit dieser Namen skandinavisch ist, hat schon der dänische Sprachforscher Vilhelm Thomsen 1877 gezeigt, und daran hat sich im Kern nichts geändert. Inegeld wird meist als Ingjaldr gelesen, Farlof als Farulfr, Veremud als Vermundr, Ruald als Hróaldr, Frelav als Friðleifr, Ruar als Hróarr, Stemid als Steinviðr. Karl ist Karl, auch im Norden ein gängiger Name. Diese Gleichungen sind nicht willkürlich: Sie folgen festen Regeln, nach denen nordische Laute im Altostslawischen wiedergegeben wurden.

Bei anderen Namen wird es dünner. Gudy, Karn und Truan haben mehrere mögliche Vorbilder. Aktevu ist kaum zu deuten; für Aktevu und Lidul hat man auch finnische Herkunft erwogen. Und die Grenze zwischen Lidul und Fost ist nicht einmal sicher, manche Forscher lesen einen einzigen Namen. Wer auf einem Anhänger „Farulf, Gesandter Olegs" graviert haben möchte, darf das. Wer Aktevu übersetzen will, sollte ehrlich dazuschreiben, dass es niemand sicher kann.

Das „Geschlecht der Rus", von dem die Gesandten sprechen, ist dabei keine Volkszugehörigkeit im modernen Sinn. Es ist eine Gruppe um den Fürsten in Kiew, deren Führungsschicht um 900 offenbar noch weitgehend nordische Namen trug. Woher dieser Name Rus kommt und wie aus einer Kriegerschicht ein Reich wurde, erzählen wir im Beitrag zu den Rus und zum Weg von den Warägern zu den Griechen.

944: eine Gesellschaft in Namen

Der zweite große Vertrag folgt auf eine Katastrophe. 941 griff Fürst Igor Konstantinopel an und verlor einen großen Teil seiner Flotte an das griechische Feuer. Diesen Angriff bezeugen auch byzantinische Geschichtsschreiber und Liutprand von Cremona, dessen Stiefvater ihn als Gesandter in Konstantinopel erlebt hatte. Einem zweiten Anlauf folgte ein neuer Vertrag, in der Chronik unter 6453. Er nennt als Kaiser Romanos, Konstantin und Stephanos. Da Romanos I. Lakapenos im Dezember 944 gestürzt wurde, muss der Vertrag vorher geschlossen sein; daher das Datum 944.

Die Namensliste ist viel länger als 911, je nach Zählung weit über fünfzig Namen, geteilt in Gesandte und Kaufleute. Und sie ist anders gebaut. Jeder Gesandte vertritt jemanden: Ivor ist der Gesandte Igors, Vuefast der seines Sohnes Svjatoslav, Iskusevi der der Fürstin Olga. Dann folgen weitere Mitglieder des fürstlichen Hauses, darunter Personen mit slawischen Namen wie Volodislav und Predslava, und eine Frau namens Sfandr, als Ehefrau eines Uleb bezeichnet, die einen eigenen Vertreter schickt.

Das ist ein Blick in eine Gesellschaft. Die meisten Namen sind weiterhin nordisch. Aber am Fürstenhof tauchen slawische Namen auf, Frauen haben eigene Gesandte, und Kaufleute stehen mit Namen in einem Staatsvertrag. Igors Sohn heißt schon Svjatoslav, sein Enkel Vladimir. Die Namen der Fürsten wechseln innerhalb von zwei Generationen die Sprache.

Siegel, Seide und Schwüre

Der Vertrag von 944 ist strenger als der von 911. Früher, heißt es, trugen die Gesandten goldene und die Kaufleute silberne Siegel. Jetzt soll der Fürst Urkunden mitgeben, in denen steht, wie viele Schiffe er schickt. Wer ohne Urkunde kommt, wird festgehalten. Das ist Kontrolle: Man will Händler von Plünderern unterscheiden können. Rus-Kaufleute dürfen nicht im Mamas-Viertel überwintern, die Menge an Seide, die sie ausführen dürfen, wird begrenzt. Die Rus versprechen, die byzantinischen Besitzungen auf der Krim um Cherson nicht anzugreifen und an der Dnjeprmündung nicht zu überwintern.

Am Ende schwören beide Seiten, und hier wird es für uns besonders dicht. Die Rus, die noch nicht getauft sind, legen ihre Schilde, ihre bloßen Schwerter und ihre Ringe nieder und schwören bei Perun. Die getauften Rus schwören in der Kirche des heiligen Elias in Kiew. Die Chronik nennt diese Kirche ausdrücklich, und viele Waräger seien Christen gewesen. Über Schwüre auf Ringe im Norden haben wir in Die Eidringe geschrieben. Dass am Dnjepr Mitte des 10. Jahrhunderts Heiden und Christen nebeneinander denselben Vertrag beschworen, sagt viel über diese Jahre.

Igor erlebte die Folgen nicht lange. Er wurde um 945 bei den Drewlanen erschlagen, als er zum zweiten Mal Tribut eintreiben wollte.

Echt, halb echt, zusammengesetzt

Wie verlässlich sind diese Texte? Für 911 und 944 ist die Forschung weitgehend einig: Es handelt sich um Übersetzungen aus dem Griechischen. Sie folgen den Formeln der byzantinischen Kanzlei, ihre Rechtsbegriffe passen ins 10. Jahrhundert, und sie enthalten Einzelheiten, die ein Chronist des 12. Jahrhunderts kaum hätte erfinden können, etwa die Kaisernamen von 944. Die Byzantinistin Jana Malingoudi hat 1994 gezeigt, wie genau sie dem byzantinischen Urkundenwesen entsprechen. Vermutlich lagen in Kiew Abschriften, die für die Rus-Seite ausgefertigt worden waren.

Mit 907 ist es anders. Kein byzantinischer Autor erwähnt einen Feldzug Olegs in diesem Jahr. Die Vertragsbestimmungen von 907 stehen nicht als geschlossene Urkunde da, sondern in die Erzählung eingestreut, und die fünf Namen stehen alle auch in der Liste von 911. Viele Historiker halten den Text von 907 deshalb für eine Konstruktion des Chronisten, zusammengesetzt aus dem Vertrag von 911 und vielleicht aus einem älteren Handelsabkommen, von dem sonst nichts erhalten ist. Andere sehen in 907 einen echten Vorvertrag. Entschieden ist die Frage nicht. Sicher ist nur: Oleg, der Schild am Tor und die Schiffe auf Rädern gehören zur Sage.

Auch die Jahreszahlen selbst sind mit Vorsicht zu lesen. Die Datumszeile von 911 gilt als verlässlich, die Chronologie der Chronik für das 9. und frühe 10. Jahrhundert insgesamt nicht.

Urkunde, Chronik, Sage – sauber getrennt

Zeitgenössische Dokumente sind die Verträge von 911 und 944 in ihrer altostslawischen Übersetzung, auch wenn wir sie nur durch die Chronik des 12. Jahrhunderts und Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts kennen. Dazu kommen byzantinische Berichte und Liutprand von Cremona für den Angriff von 941.

Zweifelhaft ist der Vertrag von 907 als eigene Urkunde.

Spätere Überlieferung ist die Erzählung um Oleg: Schiffe auf Rädern, vergifteter Wein, der Schild am Tor, und die Chronologie der Frühzeit.

Moderne Deutung sind die Gleichungen der Namen mit nordischen Formen, bei den meisten gut begründet, bei einigen offen, und die Frage, was „vom Geschlecht der Rus" um 900 genau bedeutete. Wie es weiterging, als Nordleute nicht mehr als Gesandte, sondern als Leibwache an den Bosporus kamen, steht in Miklagard und die Warägergarde und im Überblick Die Wikinger im Osten.

Fünfzehn Männer, die in Konstantinopel ihre Namen zu Protokoll gaben. Ihre Gräber kennen wir nicht, ihre Namen schon. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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