Es gibt Völker, von denen wir alles wissen, und Völker, von denen wir einen Namen kennen. Die Sagudaten gehören zur zweiten Sorte. Sie treten in der überlieferten Geschichte als ein einziges Wort in einer Aufzählung auf, niedergeschrieben in einer griechischen Handschrift von Leuten, die sie als Feinde erlebten. Und doch lässt sich aus dieser dünnen Überlieferung eine Geschichte lesen, die man so nicht erwartet: Binnenleute, die das Meer lernten. Männer, die Baumstämme aushöhlten, Bretter und Häute darüberspannten und damit eine der größten Städte des östlichen Mittelmeers von der Wasserseite her angriffen. Zweimal tauchen die Sagudaten im selben Wunderbuch auf, im Abstand von etwa sechzig Jahren, und beide Male stehen Schiffe daneben. Dieser Beitrag geht der Frage nach, was in der Quelle steht, was daraus erschlossen ist und wo die Forschung bis heute offen streitet.

Die Sagudaten – griechisch Σαγουδάται, lateinisch Sagudates – erscheinen zum ersten Mal in einer Reihe von fünf Namen. Sie stehen dort zwischen anderen Gruppen, ohne Erklärung, ohne Herkunftsangabe, ohne ein Wort darüber, wie sie sich selbst nannten. Wer den Text schrieb, setzte voraus, dass seine Leser in Thessaloniki wussten, wer gemeint war. Wir wissen es nicht mehr.
Das ist der Ausgangspunkt für alles Weitere. Die Sagudaten sind kein Volk, dessen Geschichte wir erzählen können. Sie sind ein Name, um den herum eine kleine Zahl von Beobachtungen liegt, alle aus derselben Feder, alle aus der Perspektive einer belagerten Stadt. Was wir über sie sagen können, ist weniger eine Volksgeschichte als ein Werkstattbericht darüber, wie viel sich aus wenigen Zeilen gewinnen lässt – und wo die Zeilen aufhören zu tragen.
Vorweg eine Klarstellung, die bei südosteuropäischen Themen nicht selbstverständlich ist, aber notwendig: Gruppen des frühen Mittelalters sind nicht mit heutigen Nationen identisch. Zwischen den Sagudaten des siebten Jahrhunderts und irgendeinem modernen Staat liegt kein gerader Weg. Wer eine solche Linie zieht, betreibt Gegenwartspolitik, nicht Geschichte. Dieser Beitrag zieht sie nicht.
Die Quelle heißt Miracula Sancti Demetrii, die Wunder des heiligen Demetrios. Demetrios war der Stadtpatron Thessalonikis, und die Sammlungen, die unter seinem Namen überliefert sind, erzählen, wie er seine Stadt wieder und wieder rettete. Zwei Sammlungen sind erhalten: die erste stammt von Erzbischof Johannes und entstand in den ersten Jahrzehnten des siebten Jahrhunderts; die zweite ist anonym und wurde vermutlich in den 680er Jahren zusammengestellt. Die Sagudaten begegnen in der zweiten.
Man muss sich klarmachen, was für ein Text das ist. Ein Wunderbuch verfolgt ein theologisches Ziel. Es will zeigen, dass der Heilige mächtig ist und die Stadt unter seinem Schutz steht. Jede Niederlage der Angreifer ist in diesem Text ein Beweis, jede Rettung ein Argument. Der Verfasser ist kein Chronist, der Ereignisse für die Nachwelt festhält, sondern ein Prediger, der seine Gemeinde belehrt.
Trotzdem ist dieses Buch für die Geschichte des Balkans im siebten Jahrhundert schlicht unersetzlich. Die übrige Überlieferung schweigt weitgehend. Wer wissen will, was zwischen 600 und 700 im Umland Thessalonikis geschah, kommt an den Wundern des Demetrios nicht vorbei – und muss zugleich jede Zeile daraufhin prüfen, ob sie etwas beobachtet oder etwas beweisen will.
Den Text in seiner heutigen Form verdanken wir Paul Lemerle, der ihn 1979 kritisch edierte und 1981 einen eigenen Kommentarband nachlegte. Erst diese Ausgabe hat die Wunder des Demetrios zu einer benutzbaren historischen Quelle gemacht. Wichtig für den Umgang damit: Lemerles französische Übersetzung und die modernen englischen Übertragungen sind urheberrechtlich geschützt. Frei zitierbar ist der griechische Wortlaut selbst; alle Übersetzungen in diesem Beitrag sind eigene, sinngemäße Wiedergaben.
Schwieriger als der Text ist die Zeitrechnung. Der Verfasser nennt fast nie ein Jahr. Er datiert nach Indiktionen, also nach der Stellung innerhalb eines fünfzehnjährigen Steuerzyklus, und das ergibt allein kein Datum. Sämtliche Jahreszahlen, die in der Literatur zu diesen Ereignissen stehen, sind Rekonstruktionen. Man sollte sie so behandeln.
Wie weit die Rekonstruktionen auseinandergehen können, zeigt die Forschungsgeschichte. Für den großen Sturm auf die Stadt wurden im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert die Jahre 634, 647, 687/688 und 692 vorgeschlagen. Erst Lemerle legte eine Begründung vor, die sich weitgehend durchgesetzt hat: Die Verhaftung des Perbundos fällt nach ihm in den Anfang des Jahres 676, die Blockade beginnt im Sommer 676, der große Angriff erfolgt im Juli 677, das Ende kommt im Sommer 678. Wer also „676 bis 678" liest, liest einen sehr gut begründeten Vorschlag – kein überliefertes Datum.
Das erste Kapitel der zweiten Sammlung trägt eine Überschrift, die schon das Thema nennt: Es geht um den Bau von Schiffen. Ein Anführer namens Chatzon sammelt eine große Menge, und der Text zählt auf, aus welchen Gruppen sie sich zusammensetzt. Die Sagudaten stehen an zweiter Stelle. Die Datierung schwankt; üblich ist die Angabe um 615, in der griechischsprachigen Fachliteratur begegnet auch der Ansatz 614 bis 616.
τὸ τῶν Σκλαβίνων ἔθνος … τῶν τε Δρουγουβιτῶν, Σαγουδατῶν, Βελεγεζιτῶν, Βαϊουνητῶν, Βερζητῶν καὶ λοιπῶν
Miracula S. Demetrii II,1; die Schreibung der Namen schwankt in der Überlieferung; eigene sinngemäße Übersetzung
das Volk der Sklavenen … nämlich die Drugubiten, Sagudaten, Belegeziten, Baiuniten, Berziten und die übrigen
Das ist die ganze Ausbeute. Fünf Namen, ein „und die übrigen", kein weiteres Wort über die Sagudaten als solche. Alles, was Bücher und Internetseiten über dieses Volk berichten, hängt an dieser Zeile und an einer zweiten Stelle desselben Buches, rund sechzig Jahre später. Wer mehr behauptet, erschließt.
Bemerkenswert ist, was der Text dieser Sammlung von Gruppen zuschreibt: Sie hätten als Erste herausgefunden, wie man ein Boot aus einem einzigen ausgehöhlten Stamm baut. Das ist sachlich falsch – Einbäume sind Jahrtausende älter als das siebte Jahrhundert und in halb Europa bezeugt. Für den Verfasser aber war es neu, weil es für seine Stadt neu war. Aus dem Hinterland kamen plötzlich Boote.
Der Einbaum, griechisch μονόξυλον, ist das einfachste ernstzunehmende Wasserfahrzeug, das es gibt. Ein Stamm, ausgehöhlt, geglättet, an den Enden zugespitzt. Man braucht dafür kein Sägewerk, keine Nieten, keine Werft, keine Zunft – man braucht einen großen Baum, Beile, Feuer und Geduld. Genau deshalb konnte eine Gruppe ohne maritime Tradition binnen kurzer Zeit eine Flotte aufstellen.
Ein Einbaum ist flach, wendig und gefährlich kippelig. Er liegt schlecht in der Dünung und verzeiht keine Unaufmerksamkeit. Für Flüsse, Seen und geschützte Küstenstriche ist er ausgezeichnet, für offene See eigentlich untauglich. Dass er dennoch für Seefahrten benutzt wurde, sagt weniger über das Boot als über die Leute darin.
Hier liegt der eigentliche Vorgang, den man aus dem Text herauslesen kann, und er ist größer als jede Schlacht. Eine Bevölkerung, die vom Land kam, eignete sich innerhalb von ein, zwei Generationen das Meer an: Sie lernte, wo man anlanden kann, wie lange man auf dem Wasser bleiben darf, wann der Wind im Thermaischen Golf dreht. Wissen dieser Art steht in keiner Quelle. Es steckt in den Folgen.
Die interessanteste technische Notiz der ganzen Stelle betrifft nicht das Boot, sondern seinen Aufbau. Wer bei den Booten blieb, so der Text, wollte sie mit Hölzern und Häuten abdecken, um die Ruderer gegen Steine von der Stadtmauer und gegen Wurfgeschosse zu schützen. Das ist kein Einbaum mehr im schlichten Sinn. Das ist ein Einbaum, den jemand für einen bestimmten Zweck umgebaut hat.
Man sollte sich den Unterschied klarmachen. Ein Boot, das Waren oder Krieger trägt, muss nur schwimmen. Ein Boot, das unter eine verteidigte Mauer fahren soll, muss den Mann am Riemen überleben lassen, während von oben Steine fallen. Der Schritt von einem zum anderen ist ein Schritt vom Transportmittel zum Kriegsgerät, und er setzt voraus, dass jemand das Problem vorher durchdacht hat.
Später im selben Buch geht der Bericht noch weiter: Die Boote werden aneinandergekoppelt, um die Küste abzuriegeln. Auch das ist kein improvisierter Einfall, sondern eine Technik, die man kennen muss. Aus einzelnen Stämmen wird ein Verband.
Der Text nennt eine Bucht mit dem Namen Kellarion, in der die Boote ankerten, und er lässt drei Tage vergehen, in denen sie in etwa zwei Meilen Abstand vor den Mauern kreuzen und die Küste absuchen. Erst am vierten Tag wird angegriffen. Diese drei Tage sind erzählerisch bedeutungslos und historisch aufschlussreich: Jemand hat die Stadt von der Wasserseite her erkundet.
Eine Hafenstadt sieht vom Meer aus anders aus als vom Land. Die starken Stellen liegen woanders, die schwachen auch. Der Bericht selbst verrät, worauf die Angreifer es abgesehen hatten: auf eine Nebenpforte nahe der Kirchentreppe und auf eine Stelle, an der statt einer Mauer nur eine Palisade und eine im Wasser verborgene Balkenkonstruktion den Zugang sperrten. Das sind keine zufällig gewählten Ziele. Das ist das Ergebnis systematischen Hinsehens.
Ausgerechnet die verborgene Balkensperre wurde den Booten zum Verhängnis. Sie fuhren hinein, verkeilten sich und kamen nicht mehr frei. Der Verfasser schreibt das dem Heiligen zu; ein Wasserbauer würde es dem Ingenieur zuschreiben, der die Sperre gebaut hat. Beide Deutungen stehen im selben Absatz nebeneinander, und nur eine davon steht wörtlich im Text.
Der Angriff scheiterte. Der Bericht schildert, wie die Boote ineinanderfuhren, kenterten und Männer im Wasser einander behinderten, bis aus dem Angriff ein Gedränge und aus dem Gedränge ein Sterben wurde. Ein aufkommender Wind zerstreute den Rest. Solche Schilderungen sind in Belagerungstexten eine feste Form; wie viel davon Beobachtung ist, lässt sich nicht entscheiden.
Chatzon selbst geriet in Gefangenschaft. Der Text erzählt, dass er vorher ein Orakel befragt habe, ob er in die Stadt gelangen werde, und dass ihm eine zusagende Antwort gegeben wurde – ohne zu sagen, auf welche Weise. Er kam hinein: als Gefangener. Angesehene Bürger versteckten ihn aus Eigennutz; Frauen holten ihn aus dem Haus, und er wurde durch die Stadt geschleift und gesteinigt.
Man sollte diese Episode nüchtern lesen. Sie ist zugleich ein Bericht über einen Lynchmord und eine erbauliche Erzählung über die Erfüllung eines zweideutigen Orakelspruchs – ein Motiv, das aus der antiken Literatur bestens bekannt ist. Der Verfasser braucht es, weil es seine Botschaft trägt. Ob es sich so zugetragen hat, weiß niemand.
Das folgende Kapitel berichtet von einer zweiten, größeren Belagerung: Die Unterlegenen wenden sich an den Khagan der Awaren, tragen Geschenke zusammen und versprechen Beute. Der Khagan kommt mit einem Heer, mit Steinschleudern, Sturmdächern, Rammböcken und hölzernen Türmen. Nach dreiunddreißig Tagen ununterbrochener Belagerung wird ein Friede geschlossen. Üblicherweise wird dieses Ereignis auf 617 oder 618 gesetzt.
Für die Sagudaten ist an dieser Stelle vor allem wichtig, was nicht dasteht: Der Text nennt sie hier nicht. Er spricht allgemein von den Sklavenen, von Bulgaren und anderen Völkern unter awarischer Führung. Wer die Sagudaten in diese Belagerung hineinschreibt, ergänzt.
Die Episode ist trotzdem aufschlussreich, weil sie das Kräfteverhältnis zeigt. Die Gruppen des Umlands konnten die Stadt bedrängen, aber nicht nehmen. Für eine reguläre Belagerung brauchte es den Khagan – und selbst der zog nach gut einem Monat wieder ab.
Das vierte Kapitel der zweiten Sammlung beginnt mit einem Satz, der aufhorchen lässt: Die Sklavenen, die Nachbarn der Stadt, hielten Frieden. Es gab also einen Zustand, in dem man nebeneinander lebte. Zerstört wurde er nicht durch einen Überfall, sondern durch eine Verwaltungsentscheidung.
Perbundos war Fürst der Rhynchinen. Er sprach Griechisch, kleidete sich byzantinisch und hielt sich in Thessaloniki auf. Der Stadtpräfekt meldete dem Kaiser einen Verdacht, der Kaiser befahl die Verhaftung, und Perbundos wurde in Ketten nach Konstantinopel gebracht. Bemerkenswert ist, was darauf folgte: Rhynchinen und Strymoniten schickten gemeinsam mit Gesandten der Stadt eine Botschaft an den Kaiser und baten um Gnade – nicht um Freispruch. Lemerle hat zu Recht hervorgehoben, wie ungewöhnlich das ist. Hier verhandeln Nachbarn miteinander, nicht Zivilisation und Barbarei.
Perbundos floh mit Hilfe eines kaiserlichen Dolmetschers, wurde nach vierzig Tagen bei Bizye gefunden, zurückgebracht, plante eine zweite Flucht und erklärte offen, er werde bei einer geglückten Flucht alle Nachbarvölker gegen die Stadt aufbieten. Daraufhin wurde er hingerichtet. Erst dieser Tod löste den Krieg aus. Der Text sagt es unmissverständlich: Von da an rüsteten die Strymoniten, die Rhynchinen und die Sagudaten gegen Thessaloniki.
Jetzt erscheinen die Sagudaten zum zweiten und letzten Mal in den Wundern des Demetrios – und wieder in Verbindung mit Schiffen. Was nun folgt, ist die einzige Stelle der ganzen Überlieferung, an der ihnen eine eigene Aufgabe zugewiesen wird.
Die drei Gruppen einigten sich auf eine Aufteilung des Umlands. Die Sklavenen vom Strymon übernahmen die östliche und nördliche Seite, die Rhynchinen und die Sagudaten die westliche beziehungsweise südwestliche – die Lesarten und Übersetzungen weichen hier voneinander ab, für die Sagudaten liegt die westliche Seite aber in allen Fassungen fest. Und ausdrücklich: Die Schiffe sollten gemeinsam die Küste nehmen. Die See war also nicht das Ressort einer einzelnen Gruppe, sondern die gemeinsame Aufgabe aller drei.
Das ist präziser, als es klingt. Eine Hafenstadt lebt von der Seeseite. Wer sie nur zu Lande einschließt, schneidet ihr einen Arm ab; wer zugleich die Küste besetzt, nimmt ihr die Luft. Die Aufteilung zeigt drei Gruppen, die sich abgesprochen haben, ihre Kräfte kennen und einen Plan verfolgen. Florin Curta hat angemerkt, dass die Angreifer hier organisierter wirken als in allen vorangegangenen Belagerungen, mit eigenen Einheiten von Bogenschützen, Schleuderern und Speerträgern.
Zwei Jahre lang, so der Text, gingen täglich drei oder vier Stöße gegen die Stadt. Wer vor die Mauer trat, wurde getötet oder gefangen. Die Ernte blieb liegen, das Vieh war weg, der Seeverkehr lag still. Der Verfasser schildert eine Hungersnot und macht keinen Hehl daraus, wen er dafür mitverantwortlich hält: die eigene Oberschicht, die kurz vor Beginn der Blockade das eingelagerte Getreide an fremde Schiffe verkauft hatte.
Die Lage wurde so schlecht, dass Bürger zu den Belagerern überliefen. Diese verkauften die Überläufer weiter ins Landesinnere – aus Sorge, zu viele Fremde im eigenen Lager zu haben. Es ist eine der düstersten Passagen des Buches, und sie gehört zu den glaubwürdigeren, weil sie niemandem schmeichelt.
Gerettet wurde die Stadt schließlich durch eine andere slawische Gruppe. Die Belegeziten, die in Thessalien am Pagasitischen Golf saßen, hielten Frieden mit Thessaloniki und verkauften Getreide. Die Stadt schickte zehn Schiffe und alles, was sonst noch schwamm, und holte Korn und Hülsenfrüchte. Wer aus der Belagerung ein Bild von „den Slawen gegen die Byzantiner" machen will, muss diese Fahrt ignorieren.
Die Abwesenheit der Schiffsbesatzungen war die Gelegenheit. Für den entscheidenden Sturm holten die Belagerer die Draguviten hinzu, eine große Gruppe nordwestlich der Stadt, die sich auf den Bau von Belagerungsmaschinen verstand. Lemerle hält es für wahrscheinlich, dass sie im Wesentlichen die Maschinen und vielleicht deren Bedienung stellten. Der Angriff begann am fünfundzwanzigsten Juli der fünften Indiktion – nach Lemerles Rechnung im Jahr 677 – und dauerte drei Tage.
Dann geschah etwas, das der Verfasser als erstes Wunder verbucht: Die Strymoniten kehrten drei Meilen vor der Stadt um. Über den Grund schweigt der Text. Übrig blieben die Rhynchinen und die Sagudaten, und diese griffen, wie es ausdrücklich heißt, teils vom Land, teils von der See her an, mit vielen Ruderern. Es ist der einzige Moment, in dem die Sagudaten mit eigenem Gewicht in der Überlieferung stehen.
Der Sturm scheiterte. Dem Bericht zufolge griff der Heilige mehrfach persönlich ein, unter anderem, um einen Angriff der Draguviten auf eine Nebenpforte an einem Ort namens Arktos abzuwehren – eine Stelle, die manche Forscher so lesen, dass die Angreifer kurzzeitig in die Stadt gelangten. Am Abend des siebenundzwanzigsten zogen die Belagerer ab und ließen die Maschinen zurück. Auffällig ist, dass diese Maschinen, für die man eigens die Draguviten geholt hatte, im Bericht keine erkennbare Rolle spielen.
Nach dem gescheiterten Sturm endete die Blockade nicht, sie verlagerte sich. Der Text berichtet, dass die Angreifer sich nun der See zuwandten und dabei nicht mehr nur Einbäume verwendeten, sondern Schiffe, die auf offener See fahren konnten. Damit überfielen sie den Handelsverkehr in der nördlichen Ägäis, drangen in den Hellespont ein und erreichten die Propontis bis zur Insel Prokonnesos – ein gutes Stück auf dem Weg nach Konstantinopel.
Das ist, gemessen am Ausgangspunkt, der eigentliche Befund dieses Textes. Rund sechzig Jahre liegen zwischen den ausgehöhlten Stämmen des ersten Kapitels und den Seeschiffen des vierten. In dieser Zeit ist aus Küstenraub eine Fähigkeit geworden, die ein Reich ernst nehmen musste. Der Verfasser erwähnt es nebenbei; es ist die interessanteste Nebenbemerkung des ganzen Buches.
Beendet wurde die Sache durch den Kaiser. Sobald die arabische Bedrohung Konstantinopels vorüber war, marschierte ein Heer durch Thrakien gegen die Strymoniten, schlug sie, und eine Getreideflotte mit sechzigtausend Maß Weizen lief in Thessaloniki ein. Danach baten die Belagerer um Frieden. Wie dieser Friede aussah, sagt der Text nicht.
Man liest häufig, die Sagudaten hätten zwischen Thessaloniki und Berroia gesessen. Das klingt bestimmter, als die Grundlage hergibt. Lemerle selbst schreibt, ihr Gebiet sei unbekannt; als plausible Verortung nach Ausweis der Quellen nennt er die Gegend westlich des Axios. Die geläufige Angabe ist ein Schluss aus der Aufgabenverteilung während der Belagerung, kein eigenständiges Zeugnis. Toponymische Belege, die eindeutig auf diesen Namen führen, sind mir nicht bekannt.
Noch vorsichtiger muss man beim Namen selbst sein. „Sagoudatai" hat keine anerkannte Deutung. Die Form wirkt nicht wie ein klar slawischer Name, und Lemerle hielt sogar eine nicht-slawische Herkunft der Gruppe für denkbar, die später in ihrer slawischsprachigen Nachbarschaft aufging. Es kursieren Herleitungen aus Ortsnamen; keine davon ist abgesichert. Wer nicht weiß, woher ein Name kommt, sollte das sagen und nicht raten.
Zur Archäologie lässt sich kurz sein: Es gibt keinen Fundplatz, der den Sagudaten zugewiesen werden kann. Das ist kein Versäumnis der Forschung, sondern eine methodische Grenze. Eine archäologische Kultur ist kein Volk. Sebastian Brather hat gezeigt, wie brüchig ethnische Deutungen früher Funde sind; Keramikformen, Hausgrundrisse und Fibeln bezeichnen Handwerkstraditionen und Kontaktnetze, keine Gruppennamen.
Verschärft wird das durch eine Grundsatzdebatte. Florin Curta hat in The Making of the Slavs die Auffassung vertreten, „die Slawen" seien in erheblichem Maß eine byzantinische Ordnungskategorie gewesen: ein Name, den die Beobachter an der Donaugrenze vergaben, um Vorgänge zu benennen, die sie sonst nicht fassen konnten. Aus Gruppenbildung an der Grenze werde dann in den Texten ein Volk. Seine These ist nicht unwidersprochen geblieben, und die schlichte Einwanderungserzählung hat weiterhin ihre Vertreter. Aber die Warnung ist berechtigt, gerade bei einem Namen wie dem der Sagudaten, der in einem einzigen Text steht.
Auch der Sammelbegriff „Sklavinien" ist mit Vorsicht zu gebrauchen. Er ist eine byzantinische Fremdbezeichnung und ein modernes Ordnungswort; die Wunder des Demetrios reden schlicht von Völkern. Ein Verwaltungsbegriff für ein Gebilde, das sich selbst nie so genannt hat, ist keine Verfassungsbeschreibung.
Es gibt eine späte Spur, und sie ist bemerkenswert. Johannes Kaminiates, der die Eroberung Thessalonikis durch arabische Flottenverbände im Jahr 904 als Augenzeuge beschrieb, erwähnt im Umland der Stadt Dörfer, deren Bewohner – Drougoubiten und Sagudaten – ihre Steuern an Thessaloniki entrichten, während andere den weiter entfernt lebenden Nachbarn Tribut zahlen. Er hebt ausdrücklich die engen Handelsbeziehungen hervor, die beiden Seiten nützten, solange man friedlich blieb.
Derselbe Text berichtet, dass die Verteidiger 904 die aus der Umgebung versammelten Sklavenen als Bogenschützen auf die Mauern stellten. Wer den Bogen von 615 bis 904 zieht, sieht dieselben Namen in drei verschiedenen Rollen: zuerst als Angreifer von der Seeseite, dann als Vertragspartner und Steuerzahler, zuletzt als Schützen auf der Mauer derselben Stadt.
Ebenso aufschlussreich ist, was fehlt. Für die Draguviten lässt sich die Eingliederung ins Reich an Institutionen ablesen: ein Bistum als Suffragan Thessalonikis, eine Strategie namens Drougoubiteia, ein Bleisiegel eines Steuerbeamten. Für die Sagudaten ist mir nichts dergleichen bekannt – kein Bistum, keine Strategie, kein Siegel, das ihren Namen trüge. Sie erscheinen bei Kaminiates als Dorfbewohner neben den Drougoubiten und verschwinden danach aus der Überlieferung. Fehlende Belege sind kein Beweis für Nichtexistenz, aber sie sind ein Befund.
Am Ende steht ein schmaler, aber nicht leerer Bestand. Die Sagudaten waren eine Gruppe im Umland Thessalonikis, die zwischen dem frühen siebten und dem frühen zehnten Jahrhundert unter diesem Namen fassbar ist. Sie gehörten zu denen, die sich das Meer aneigneten. Sie führten zwei Jahre lang eine Blockade mit, planten ihre Aufgaben mit Nachbarn ab und standen am 25. Juli 677 an der Spitze eines Angriffs, der beinahe gelang. Und zweihundert Jahre später zahlten Menschen dieses Namens Steuern an die Stadt, die ihre Vorfahren hatten nehmen wollen.
Das ist wenig, verglichen mit dem, was man über die Nachbarn im Norden weiß – über die Ezeriten und Milingen auf dem Peloponnes etwa, deren Tributsätze ein Kaiser eigenhändig notierte, oder über die Slawen im bulgarischen Reich. Es ist aber genug, um eine Geschichte zu erzählen, die nicht von Völkern handelt, sondern von einem Können: Binnenleute lernten das Wasser, und eine Großstadt musste feststellen, dass ihre sicherste Seite die verwundbarste geworden war.

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