Irgendwann in den 750er-Jahren schlug jemand am Wolchow Bäume, um ein Haus zu bauen. Die Jahresringe dieser Stämme sind die ältesten Datierungen der Siedlung, die die Nordleute später Aldeigjuborg nannten. Hundertfünfzig Jahre später wurden oberhalb von Smolensk am Dnepr Tote in Booten verbrannt und in hölzernen Kammern beigesetzt, unter Hügeln, die man bis heute nach Tausenden zählt. Zwischen diesen beiden Orten liegt die Frage, über die in Russland seit zweihundertfünfzig Jahren gestritten wird: Wie skandinavisch war die frühe Rus?

Staraja Ladoga liegt am Wolchow, gut zehn Kilometer oberhalb der Stelle, wo der Fluss in den Ladogasee mündet. Wer aus der Ostsee kam, fuhr durch den Finnischen Meerbusen, die Newa hinauf, über den See und dann den Wolchow aufwärts. Weiter südlich lag der Ilmensee, von dort ging es auf Flüssen und über Tragstrecken zur Wolga oder zum Dnepr. Ladoga war das erste Tor zu diesem Flussnetz, das wir bei der Ostroute ausführlich beschreiben.
Die Nordleute nannten den Ort Aldeigja oder Aldeigjuborg. Der Name ist aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem ostseefinnischen Gewässernamen entlehnt, nicht umgekehrt. Schon das ist ein Hinweis: Die ersten Menschen, mit denen Skandinavier hier zu tun hatten, sprachen eine finnische Sprache.
Gegraben wird in Staraja Ladoga seit dem späten 19. Jahrhundert, systematisch seit 1938 unter Wladislaw Ravdonikas, später unter Anatoli Kirpitschnikow und anderen. Das feuchte Erdreich hat Holz erhalten, und Holz lässt sich über Jahresringe datieren. Die unterste Siedlungsschicht, in der Forschung Horizont E3 genannt, gehört nach diesen Daten in die 750er-Jahre; häufig wird 753 genannt.
Man muss genau sein mit dem, was diese Zahl sagt. Sie datiert das älteste bisher gefundene Bauholz. Sie sagt nicht, wer das Haus baute. Aus derselben frühen Schicht stammen Werkzeuge und Handwerksreste, deren beste Vergleiche man in Skandinavien findet, aber auch Dinge aus dem finnischen und baltischen Raum. Die Siedlung war von Anfang an ein Ort, an dem mehrere Gruppen zusammenkamen. Wer sie „gegründet" hat, lässt sich mit Grabungsbefunden nicht beantworten, und die Frage ist vielleicht falsch gestellt.
Sicher ist, warum man kam: Silber. Aus Ladoga stammt einer der frühesten Funde arabischer Dirhams in Europa, ein Schatz, dessen jüngste Münze 786/87 geprägt wurde. Das Silber aus dem Kalifat floss die Wolga herauf und durch Ladoga nach Westen – nach Gotland, nach Birka, nach Haithabu.
Das bekannteste Einzelstück ist ein vierkantiges Holzstäbchen, 1950 gefunden, gut vierzig Zentimeter lang, aus einer Schicht der Jahre um 840 bis 865. Es trägt eine lange Inschrift in Kurzzweigrunen. Was sie bedeutet, ist offen: Seit den 1950er-Jahren sind ein halbes Dutzend Lesungen vorgelegt worden, von Skaldenversen über Zauberformeln bis zu einer Notiz über eine Spindel. Sicher ist nur, dass hier im 9. Jahrhundert jemand Altnordisch schrieb.
Dazu kommen Metallamulette mit Runen, Kämme, Schmuck und Gerät skandinavischer Form. Auf der anderen Flussseite, auf dem Plakun, liegt ein Gräberfeld mit rund einem Dutzend niedriger Hügel. Die Toten wurden verbrannt, bei mehreren fanden sich Nieten, die auf Boote deuten. Die Forschung wertet den Plakun überwiegend als skandinavischen Bestattungsplatz des 9. und 10. Jahrhunderts. Daneben liegen große Hügel, die russisch sopki heißen und einer anderen, einheimischen Bestattungstradition angehören.
Einen neuen Blick hat die Naturwissenschaft gebracht. 2019 untersuchten T. Douglas Price, Wjatscheslaw Moissejew und Natalja Grigorjewa Strontium-Isotope in den Zähnen von fünfzehn Toten vom Friedhof der Clemenskirche in Staraja Ladoga, christliche Gräber des 11. und 12. Jahrhunderts. Mindestens fünf dieser Menschen waren nicht vor Ort aufgewachsen; ihre Werte sind mit der Gegend um den Mälaren in Mittelschweden vereinbar. Noch lange nach der Wikingerzeit kamen also Menschen von dort nach Ladoga – und blieben.
In der isländischen Überlieferung taucht Aldeigjuborg mehrfach auf. Nach der Heimskringla des 13. Jahrhunderts zog Jarl Eirík Hákonarson um das Jahr 1000 nach Osten, verheerte das Land und brannte Aldeigjuborg nieder; Snorri stützt sich dabei auf ein Preisgedicht, das einem Skalden namens Eyjólf zugeschrieben wird. Später soll Ingigerd, die schwedische Königstochter und Frau des Fürsten Jaroslaw von Kiew, Aldeigjuborg als Morgengabe erhalten und einem schwedischen Jarl namens Rögnvald übertragen haben.
Diese Geschichten sind wertvoll, weil sie zeigen, wie selbstverständlich Ladoga zur Welt der Nordleute gehörte. Aber sie sind zwei bis drei Jahrhunderte nach den Ereignissen aufgeschrieben, in Island, von Menschen, die Ladoga nie gesehen hatten.
Rund dreizehn Kilometer westlich von Smolensk, wo der Swinez in den Dnepr mündet, liegt Gnjosdowo. Hier trafen die Wege aus dem Norden auf den Dnepr, und wer nach Kiew und Konstantinopel wollte, musste über die Tragstrecken zwischen den Flüssen. Gnjosdowo war der Umschlagplatz dafür. Seine Blüte fällt ins 10. Jahrhundert, ungefähr in die Jahre 920 bis 960.
Berühmt ist Gnjosdowo für seine Gräber. Ursprünglich lagen hier nach Schätzungen drei- bis viertausend Grabhügel in mehreren Gruppen, das größte Hügelgräberfeld der Wikingerzeit in Europa. Seit der ersten Grabung 1874 sind weit über tausend davon untersucht worden. Dazu kommen eine befestigte Siedlung, offene Siedlungsflächen und mehrere Schatzfunde mit arabischen und byzantinischen Münzen.
Die meisten Toten waren keine Skandinavier. Nach Grabbrauch und Beigaben gehören die meisten Gräber zu slawischen und baltischen Gruppen – hier siedelten die Kriwitschen. Aber ein Teil der Gräber folgt eindeutig skandinavischer Sitte: Brandbestattungen in Booten, Frauen mit ovalen Schalenfibeln, wie man sie aus Birka kennt, Thorshammer-Ringe, Waffen und Reitzeug. Wie groß dieser Anteil war, hängt stark davon ab, welche Merkmale man als „skandinavisch" gelten lässt. Die Zahlen in der Literatur gehen weit auseinander; eine vorsichtige Zählung kommt auf einige Dutzend sicher skandinavische Bestattungen, andere Schätzungen liegen deutlich höher.
Ein kleiner Fund aus Gnjosdowo zeigt, wie gemischt diese Welt war: Auf einer Amphore aus dem 10. Jahrhundert steht ein kurzes Wort in kyrillischer Schrift. Es gilt als eine der ältesten ostslawischen Inschriften überhaupt. Was es bedeutet, ob Inhalt des Gefäßes oder Name seines Besitzers, ist umstritten.
Im frühen 11. Jahrhundert verödete Gnjosdowo. Seine Rolle übernahm das nahe Smolensk.
Unter den skandinavischen Gräbern von Gnjosdowo stechen die Kammergräber heraus. Man hob eine große Grube aus, kleidete sie mit Holz aus und legte den Toten unverbrannt hinein, oft in Kleidung und mit reichen Beigaben, manchmal mit Pferd, manchmal mit einer zweiten Person. Darüber wurde ein Hügel aufgeschüttet.
Diese Grabform ist im 10. Jahrhundert über ein weites Gebiet verbreitet: in Birka und Haithabu, in Timerjowo bei Jaroslawl, in Schestowiza bei Tschernihiw, in Kiew selbst. Sie ist kein Merkmal eines Volkes, sondern einer Schicht. Wer so bestattet wurde, gehörte zu einer Elite, die über weite Strecken ähnlich lebte, ähnlich kämpfte und ähnlich trauerte – von Mälaren bis zum Dnepr. In dieser Elite hatten Menschen skandinavischer Herkunft einen festen Platz. Welche Sprache man an ihren Gräbern sprach, verraten die Kammern nicht.
Die Geschichte, die jeder kennt, steht in der Nestorchronik, der Erzählung von den vergangenen Jahren. Sie wurde in Kiew zu Beginn des 12. Jahrhunderts zusammengestellt, um 1113; der Mönch Nestor gilt traditionell als ihr Verfasser. Zum Jahr 862 berichtet sie: Die Völker des Nordens, Slawen und Finnen, hätten die Waräger übers Meer vertrieben, seien danach in Streit geraten und hätten dann Waräger von der Rus gerufen:
Zemlja naša velika i obilna, a narjada v nej nět.
„Unser Land ist groß und reich, aber es gibt keine Ordnung darin."Povest' vremennych let, zum Jahr 6370 (862); vereinfachte Umschrift, Übertragung von uns
Drei Brüder seien gekommen, Rurik, Sineus und Truwor. Rurik habe sich nach einer Handschrift zuerst in Ladoga niedergelassen, nach anderen in Nowgorod. Von ihm leitete sich das Herrscherhaus der Rus ab.
Das ist die Gründungslegende einer Dynastie, geschrieben rund zweieinhalb Jahrhunderte nach den Ereignissen, für ihre Nachfahren. Die Jahreszahlen für das 9. Jahrhundert wurden nachträglich errechnet. Dass Rurik gelebt hat, ist möglich, aber durch keine zeitgenössische Quelle gesichert. Dass die Chronik die Herrscher der Rus selbst als Waräger von jenseits des Meeres beschreibt, ist dagegen bemerkenswert – die Kiewer Fürsten hatten im 12. Jahrhundert offenbar kein Problem mit einer fremden Herkunft. Was danach in Nowgorod und am Ilmensee geschah, erzählen wir an anderer Stelle.
Über die Rolle der Skandinavier wird seit dem 18. Jahrhundert gestritten. Deutsche Gelehrte an der Petersburger Akademie, Gottlieb Siegfried Bayer und Gerhard Friedrich Müller, lasen die Chronik wörtlich und sahen in den Warägern die Gründer des Staates. Michail Lomonossow widersprach heftig. Daraus wurden zwei Lager: Normannisten, die den skandinavischen Anteil betonten, und Antinormannisten, die ihn klein hielten oder bestritten. In der Sowjetzeit war die antinormannistische Sicht lange Staatslinie. Seit den 1960er-Jahren, als der Leningrader Archäologe Lew Klejn die Debatte offen führte, hat sich die Lage beruhigt.
Heute gehen die meisten Archäologen und Historiker, in Russland wie im Westen, von einem Befund aus, der beiden alten Lagern nicht ganz recht gibt. Skandinavier waren da, früh und in einflussreicher Stellung – das zeigen Ladoga, Gnjosdowo und Timerjowo, das zeigen die fränkischen Annalen von Saint-Bertin, die schon 839 Gesandte der Rhos als Schweden identifizierten, und das zeigen die überwiegend nordischen Namen der Gesandten in den Verträgen der Rus mit Byzanz. Aber sie waren eine Minderheit in einer Welt aus Slawen, Finnen und Balten, sie übernahmen Sprache, Götter und Gewohnheiten ihrer Nachbarn, und nach wenigen Generationen waren ihre Nachfahren Russen. Der Name Rus selbst wird meist über das finnische Ruotsi, „Schweden", auf ein nordisches Wort für Rudern zurückgeführt; ganz unbestritten ist auch das nicht. Mehr zum Reich, das daraus wurde, steht bei den Rus und dem Reich von Kiew.
Archäologisch belegt sind die Siedlung von Ladoga seit den 750er-Jahren, skandinavische Gegenstände und Bestattungen dort und in Gnjosdowo, die Kammergräber, die Dirhamschätze und Menschen aus dem Mälargebiet auf dem Friedhof von Ladoga.
Zeitgenössisch belegt sind die Rhos von 839 bei den Annalen von Saint-Bertin und die nordischen Namen in den Rus-Verträgen des 10. Jahrhunderts.
Spätere Überlieferung sind die Berufung Ruriks und seiner Brüder in der Nestorchronik vom Anfang des 12. Jahrhunderts und Aldeigjuborg in den isländischen Sagas des 13. Jahrhunderts.
Moderne Deutung sind die Antworten auf die Frage, wer Ladoga gründete, wie hoch der skandinavische Anteil in Gnjosdowo war und woher der Name Rus kommt.
Am Wolchow und am Dnepr begegneten sich Menschen, die sich zu verständigen wussten, auch wenn sie verschiedene Sprachen sprachen. Das ist vielleicht der ehrlichste Satz, den man über die frühe Rus sagen kann. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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