Von den Sturiern ist genau ein Wort überliefert: ihr Name, im Genitiv Plural, mitten in einer Liste. Kein Häuptling, keine Schlacht, kein Vertrag, kein Grabstein. Und trotzdem lohnt sich der Blick – gerade weil hier so schön sichtbar wird, wo die Quelle aufhört und die Vermutung beginnt. Ein Volk im Rheindelta, das uns mehr über Quellenarbeit beibringt als über sich selbst.
Es gibt Völker der Antike, über die man Bücher schreiben kann, weil sie Aufstände geführt, Verträge geschlossen und Weihesteine hinterlassen haben. Und es gibt die Sturier. Von ihnen ist ein einziges Wort erhalten: Sturiorum – „der Sturier" –, eingeklemmt zwischen zwei anderen Volksnamen in einer Aufzählung, die Plinius der Ältere in seiner Naturkunde niederschrieb. Danach kommt nichts mehr. Kein zweiter Autor greift den Namen auf, kein Militärdiplom, keine Inschrift, keine Landkarte der Spätantike.
Das ist ärgerlich und faszinierend zugleich. Denn ein Name allein ist keine Geschichte, aber er ist auch nicht nichts. Er ist der Beweis, dass jemand um die Mitte des 1. Jahrhunderts wusste, dass es in den Wasserlandschaften des Rheindeltas eine Gruppe gab, die man so nannte und nicht anders. Was wir mit diesem Rest anstellen, ist eine Übung in Redlichkeit: erst der Satz, dann die Landschaft, dann – deutlich getrennt – die Vermutungen.

Die Stelle steht im vierten Buch der Naturalis historia, in einer Passage über die Inseln des gallischen Ozeans. Plinius zählt auf, wer im Mündungsgebiet des Rheins auf den Inseln sitzt. Der Wortlaut ist kurz, trocken und in seiner Nüchternheit ein guter Beleg dafür, dass es sich um Verwaltungswissen handelt und nicht um eine Erzählung:
in Rheno autem ipso, prope C in longitudinem, nobilissima Batavorum insula et Cannenefatium et aliae Frisiorum, Chaucorum, Frisiavonum, Sturiorum, Marsaciorum, quae sternuntur inter Helinium ac Flevum.
„Im Rhein selbst aber liegt, auf nahezu hundert Meilen Länge, die hochberühmte Insel der Bataver und der Cannenefaten, und weitere Inseln der Friesen, der Chauken, der Frisiavonen, der Sturier und der Marsacer, die sich zwischen dem Helinium und dem Flevum hinziehen."Plinius, Naturalis historia IV,101; Übersetzung: Glanz & Gravur
Mehr ist es nicht. Sechs Volksnamen, zwei Ortsangaben, eine Längenangabe. Alles, was je über die Sturier geschrieben wurde, hängt an diesem einen Satzglied.
Wer die Stelle nachschlagen will, stolpert über ein typisches Problem der Plinius-Überlieferung: Die Zählung schwankt je nach Ausgabe. In den modernen kritischen Ausgaben steht die Passage als Paragraph 101 des vierten Buches – so zitiert man sie heute, also „NH IV,101". In der älteren englischen Übersetzung von Bostock und Riley aus dem 19. Jahrhundert findet man dieselben Zeilen dagegen unter „Buch IV, Kapitel 29", in anderen Ausgaben unter noch anderen Kapitelnummern.
Das ist kein Detail für Erbsenzähler. Wer im Netz auf eine Quellenangabe stößt, die nicht zu passen scheint, hat es meist nicht mit einem Fehler zu tun, sondern mit einer anderen Edition. Für die Sturier heißt das: Es gibt nur diese eine Stelle, auch wenn sie unter drei verschiedenen Nummern zitiert wird. Aus einer Stelle werden dadurch keine drei.
Plinius der Ältere war kein Stubengelehrter, der aus zweiter Hand über den Norden schrieb. Er diente als junger Reiteroffizier in Niedergermanien, unter Gnaeus Domitius Corbulo, und war um 47 n. Chr. an den Operationen gegen die Chauken und am Bau des Kanals zwischen Rhein und Maas beteiligt. Er hat das Delta also mit eigenen Augen gesehen – Wasser, Priele, Wattflächen, Warften.
Aus dieser Zeit stammt auch ein verlorenes Werk von ihm: zwanzig Bücher über die Germanenkriege. Es ist nicht erhalten; Tacitus hat es vermutlich benutzt. Für unsere Frage bedeutet das zweierlei. Erstens: Die Liste in der Naturkunde stammt von jemandem, der die Region kannte und Zugang zu römischen Verwaltungsunterlagen hatte. Zweitens: Sie bleibt trotzdem eine Liste. Plinius wollte die Inseln des Ozeans katalogisieren, nicht Völker porträtieren. Wir bekommen ein Register, keine Beschreibung.
Plinius spannt seine Aufzählung zwischen zwei Punkten auf: dem Helinium und dem Flevum. Das Helinium gilt als die große südliche Mündung, in die das Wasser von Maas und Waal gemeinsam abfloss – ungefähr im Bereich der heutigen Maasmündung bei Voorne und Rozenburg. So weit ist sich die Forschung weitgehend einig.
Beim Flevum wird es unübersichtlich. Tacitus nennt ein römisches Kastell dieses Namens an der Küste nördlich des Rheins, das man heute meist bei Velsen sucht. Pomponius Mela dagegen benutzt „Flevo" für die Binnenseen im Raum der späteren Zuiderzee, in die der Rhein sich ergossen habe. Beides muss sich nicht widersprechen – ein Abfluss durch die Seen zur Küste ist denkbar –, aber es heißt: Der nördliche Endpunkt der Plinius-Strecke ist nicht sicher fixiert. Und damit ist auch die Strecke selbst, auf der die Sturier irgendwo saßen, nur ungefähr bestimmbar.
Die anderen fünf Namen sind besser greifbar, und das hilft indirekt. Die Bataver und die Cananefaten nennt Plinius zuerst und gesondert – sie teilten sich die große „Insel" zwischen den Rheinarmen. Die Friesen und die Chauken saßen im Norden beziehungsweise Nordosten. Die Frisiavonen tauchen bei Plinius gleich zweimal auf: hier unter den Inselbewohnern und wenige Absätze später (NH IV,106) noch einmal unter den Völkern des belgischen Binnenlandes, in einer Reihe mit Tungrern, Sunukern und Baetasiern.
Bleiben Sturier und Marsacer. Die Marsacer sind wenigstens ein zweites Mal bezeugt: Tacitus erwähnt sie im Zusammenhang der Ereignisse um den Bataveraufstand, und Plinius bringt sie an anderer Stelle mit der Küste bei Gesoriacum, dem heutigen Boulogne, in Verbindung. Die Sturier haben nichts dergleichen. Sie sind der einzige Name der Liste, der nirgendwo sonst wieder auftaucht.
Die ehrliche Antwort lautet: Das weiß niemand. Die gängige Argumentation ist ein Schluss aus der Reihenfolge – wer in einer Aufzählung nebeneinander steht, saß vielleicht auch nebeneinander. Da die Sturier direkt vor den Marsacern genannt werden und diese im Süden des Deltas vermutet werden, verortet man die Sturier meist im Bereich des heutigen Zeeland oder Südholland, also zwischen Scheldemündung und Maasmündung.
Diese Argumentation ist plausibel, aber sie ist eben eine Argumentation. Plinius' Liste muss nicht geografisch geordnet sein – bei der Reihe der Binnenvölker in NH IV,106 ist sie es nachweislich nicht. Der niederländische Epigraphiker J. E. Bogaers hat die Lage 1971 nüchtern zusammengefasst: Die Inseln Zeelands und Südhollands könnten die Heimat der Sturier gewesen sein, doch hätten diese mit Sicherheit keine eigene civitas besessen und seien möglicherweise zur Bürgerschaft der Frisiavonen gerechnet worden. Das ist der derzeitige Forschungsstand: eine Region als Wahrscheinlichkeit, ein Verwaltungsstatus als Vermutung, mehr nicht.
Namendeutung ist die Disziplin, in der es besonders leicht ist, sich zu blamieren. Beim Element Stur- gibt es zwei germanische Anschlussmöglichkeiten, und beide sind sprachlich sauber – nur eben nicht auf die Sturier beziehbar.
Die erste führt zu germanisch *stūra- „groß, stark, schwer". Aus dieser Wurzel erklärt man den Namen der Stör in Holstein (latinisiert Sturia), eines gezeitenbeeinflussten Elbnebenflusses – „die Starke", vielleicht mit Blick auf den Rückstau bei Flut. Die zweite führt zum Fischnamen: germanisch *sturjō, niederländisch steur, lateinisch sturio, deutsch Stör. Der Stör war in Rhein und Maas tatsächlich heimisch und wurde bis in die Neuzeit gefangen.
Beides klingt gut. Beides ist unbeweisbar. Es gibt keinen überlieferten Gewässernamen im Delta, an den man den Volksnamen hängen könnte, und wir wissen nicht einmal, ob Sturii eine Selbstbezeichnung war oder eine römische Etikettierung. Wer eine der beiden Deutungen als Tatsache verkauft, verkauft eine Vermutung.
Das auffälligste Merkmal der Sturier ist ihre epigraphische Leere. Die Nachbarvölker sind über Inschriften greifbar: Bataver und Cananefaten stellten ganze Verbände, die Frisiavonen erscheinen in Militärdiplomen und auf Grabsteinen in Rom, und die Kaiser rekrutierten ihre berittene Leibwache unter anderem bei Batavern, Cugernern, Frisiavonen und Marsacern. Für die Sturier gilt: nichts davon.
In den Standardwerken zu den römischen Auxiliareinheiten taucht keine cohors Sturiorum und keine ala dieses Namens auf. Es gibt keinen Grabstein eines Soldaten natione Sturius, keinen Weihestein, keinen Ziegelstempel. Das ist ein Negativbefund, und Negativbefunde sind heikel – „bisher nicht gefunden" ist nicht dasselbe wie „hat es nie gegeben". Aber die Fundlage im Rheinland und in Rom ist gut genug, dass das Schweigen etwas bedeutet: Die Sturier waren offenbar zu klein oder zu unselbständig, um als eigene Rekrutierungseinheit zu gelten. Genau das passt zu Bogaers' Einschätzung, dass sie keine eigene civitas hatten.
Wenn wir schon nichts über die Menschen wissen, wissen wir wenigstens sehr viel über ihre Landschaft. Das Rhein-Maas-Delta des 1. Jahrhunderts war kein Land mit Küste, sondern eine Zone: Alte Dünen an der Außenseite, dahinter ein riesiges Moor, durchzogen von Prielen und kleinen Flussläufen, die sich durch Lücken in der Dünenkette ins Meer schoben. Bewohnbar waren die höheren, trockeneren Stellen – Uferwälle der Flüsse, Dünenrücken, aufgeworfene Wohnhügel.
Die ältere Forschung erklärte die Veränderungen dieser Landschaft mit einem Schema großer, gleichzeitiger Meereseinbrüche, den sogenannten Dünkirchen-Transgressionen. Dieses Modell gilt heute als überholt: Die Vernässung verlief regional unterschiedlich und war zu einem erheblichen Teil hausgemacht, weil entwässerte Torfböden oxidieren, sacken und dadurch überflutbar werden. Wer also liest, „die See habe die Sturier verschlungen", liest eine Erzählung aus einem aufgegebenen Modell.
Die Archäologie des Deltas ist erstaunlich ergiebig – nur nennt kein einziger Fund einen Volksnamen. Man lebte von Viehhaltung, Ackerbau auf den trockenen Flecken, Fischfang und Jagd. Ausgegrabene Hausgrundrisse in Spijkenisse und Ouddorp zeigen langrechteckige Bauten von rund 23 bis 26 Metern Länge und etwa 7 Metern Breite.
Spannend ist ein Detail, das J. A. Trimpe Burger herausgearbeitet hat: Das Helinium trennte zwei Bauweisen. Nördlich davon dominierte das dreischiffige Haus, südwestlich davon das zweischiffige. Auch die Keramik unterscheidet sich: Die typisch „friesische" Streifenbandware findet sich nördlich der Mündung massenhaft, südlich davon war lange Zeit ein einziges Randstück eines friesischen Ohrentopfes bekannt. Hier zeichnet sich eine echte Kulturgrenze ab – nur lässt sie sich nicht ohne Weiteres mit den Namen der Plinius-Liste kurzschließen. Töpfe sind keine Ausweise.
Ein Wirtschaftszweig sticht heraus: Salz. Im Delta gewann man es sowohl durch Verdampfen von Meerwasser als auch aus der Asche verbrannten, salzgetränkten Torfs. Bei 's Heer Abtskerke auf Süd-Beveland fand man dicke Ascheschichten und eine Reihe kleiner Öfen; vergleichbare Schichten kennt man aus Aardenburg und Ritthem.
Dass daraus Fernhandel wurde, zeigen die Weihesteine der Göttin Nehalennia aus Domburg und aus Colijnsplaat, wo 1970/71 ein ganzes Heiligtum aus dem Wasser geborgen wurde. Gestiftet haben sie Schiffer, Reeder und Kaufleute – darunter ein negotiator salarius, ein Salzhändler. Auf dem Rhein kamen Keramik und Wein aus Köln und dem Rheinland herunter, aus dem Delta gingen Salz, Fisch, Häute und Wolle nach Britannien und in den Süden. Es ist gut möglich, dass Menschen, die Plinius Sturier nannte, an diesem Handel beteiligt waren. Beweisen lässt es sich nicht.
Die Römer waren im Delta präsent, aber anders als am Limes im Binnenland. Zuständig war die Classis Germanica, die Rheinflotte mit Hauptquartier in Köln-Alteburg, die den Rhein bis zu seinen Mündungen und die Küste überwachte. Ihre Ziegelstempel – CGPF für Classis Germanica Pia Fidelis, ein Ehrentitel, den die Flotte 89 n. Chr. unter Domitian erhielt – sind an der Nordküste Walcherens angespült und in Ouddorp gefunden worden.
Das ist der Rahmen, in dem ein Kleinvolk im Delta existierte: kein Königreich mit Gesandtschaften, sondern eine Gruppe innerhalb einer militärisch überwachten Wasserlandschaft, deren Verkehr über Wasserwege lief, weil es kein Straßennetz durch das Moor gab. Aushebung, Zoll und Handel waren die drei Kanäle, über die Rom solche Gruppen berührte – und über zwei davon wüssten wir es, wenn die Sturier eine Rolle gespielt hätten.
69/70 n. Chr. brannte das Delta. Der Bataver Iulius Civilis führte den Aufstand an, der Cananefate Brinno wurde von seinen Leuten auf den Schild gehoben, römische Kastelle fielen. Tacitus schildert das ausführlich und nennt dabei eine Menge kleiner Völker – auch die Marsacer.
Die Sturier kommen bei ihm nicht vor. Auch das ist wieder ein Negativbefund, aber ein sprechender: Wenn ein Volk in der bestdokumentierten Krise seiner Region nicht auftaucht, war es entweder zu klein, um genannt zu werden, oder es wurde unter einem anderen Namen mitgezählt – etwa unter dem der Frisiavonen oder der Cananefaten. Beides ist möglich, keines beweisbar. Bemerkenswert bleibt: Plinius schrieb seine Naturkunde in den Jahren unmittelbar nach diesem Aufstand nieder. Der Name war zu dieser Zeit also noch in Gebrauch.
Im Laufe des 3. Jahrhunderts endete die römische Ordnung im Delta. Die archäologischen Fundreihen brechen um 270 weitgehend ab; Aardenburg wurde um 273 zerstört. Gleichzeitig verschlechterten sich die Lebensbedingungen in den tiefliegenden Torfgebieten. Und im Norden formierte sich unter dem Sammelnamen der Franken ein neuer Verband aus vielen kleineren Gruppen.
Genau darin verschwinden die Kleinvölker der Plinius-Liste. Ihre Namen verschwinden aus den Quellen, nicht unbedingt ihre Nachkommen: Man wurde fränkisch oder friesisch, weil sich die politischen Etiketten änderten, nicht weil ganze Bevölkerungen ausgelöscht wurden. Später sitzen an denselben Wasserwegen die Handelsplätze des Frühmittelalters – Dorestad etwa –, und weiter östlich treten die Chamaven hervor. Der Weg vom sturischen Namen zu irgendeiner mittelalterlichen Gruppe lässt sich aber nirgends nachzeichnen.
Die Sturier sind für uns kein Volk mit Geschichte, sondern ein Lehrstück. Sie zeigen, wie schmal die Basis oft ist, auf der ganze Absätze in Lexikonartikeln ruhen. Sie zeigen, dass ein Name in einer römischen Liste zunächst nur eines beweist: dass Rom eine Gruppe erfasst hatte. Und sie zeigen, wie schnell aus „vermutlich" ein „war" wird, wenn ein Text nur oft genug abgeschrieben wird.
Für uns hier zwischen Aachen und der Rur ist die Verbindung übrigens näher, als der Blick auf die Nordsee vermuten lässt. Derselbe Plinius, der die Sturier nennt, listet wenige Absätze später die Völker zwischen Maas und Rhein auf – darunter die Sunuker, deren Göttin Sunuxsal auf Weihesteinen unserer Region bezeugt ist, und wieder die Frisiavonen. Es ist dieselbe römische Erfassungslogik, dieselbe Feder, dasselbe Buch. Der Rhein war kein Rand, sondern ein Faden, der Alsdorf und die Deltainseln durch dieselbe Verwaltungsakte verbindet. Nur hat der Faden bei den Sturiern eben nur einen einzigen Knoten.
Belegt ist genau ein Satz: Plinius der Ältere nennt in der Naturalis historia IV,101 die Sturii unter den Bewohnern der Rheindelta-Inseln zwischen Helinium und Flevum, gemeinsam mit Friesen, Chauken, Frisiavonen und Marsacern und getrennt von Batavern und Cannenefaten. Belegt ist ferner, dass Plinius die Region aus eigener Anschauung kannte, weil er um 47 n. Chr. als Reiteroffizier in Niedergermanien diente. Gut belegt ist die Landschaft und Wirtschaft des Deltas: Uferwall- und Dünensiedlungen, langrechteckige Häuser von rund 23 bis 26 Metern Länge, Salzgewinnung aus Meerwasser und verbranntem Torf, Fernhandel über die Wasserwege, die Nehalennia-Heiligtümer von Domburg und Colijnsplaat mit Stiftern bis hin zum Salzhändler, sowie die Präsenz der Classis Germanica, deren Stempel CGPF (Ehrentitel seit 89 n. Chr.) im Delta gefunden wurde. Belegt ist schließlich das Ende: Die römischen Fundreihen brechen im Delta um 270 weitgehend ab, Aardenburg wurde um 273 zerstört.
Deutung ist praktisch alles Übrige. Die Verortung der Sturier in Zeeland oder Südholland ist ein Schluss aus der Reihenfolge der Namensliste, nicht aus einem Fund; J. E. Bogaers hielt 1971 fest, dass sie mit Sicherheit keine eigene civitas besaßen und möglicherweise zu der der Frisiavonen gerechnet wurden. Auch die Lage des Flevum ist offen – Kastell bei Velsen oder die Flevo-Seen im Raum der späteren Zuiderzee. Nicht belegt ist jede Namensdeutung: Weder die Herleitung aus germanisch *stūra- „stark" (wie beim Fluss Stör, latinisiert Sturia, in Holstein) noch die aus dem Fischnamen *sturjō „Stör" lässt sich mit den Sturiern verknüpfen, weil kein Gewässername des Deltas überliefert ist. Unbelegt ist ebenso jede Ableitung eines heutigen Ortsnamens von den Sturiern; die gelegentlich zu lesende Verbindung mit Stavoren wird schon in den älteren Nachschlagewerken selbst ausdrücklich als bloße Vermutung bezeichnet, und Stavoren liegt weit nördlich der von Plinius beschriebenen Strecke. Falsch ist die Gleichsetzung der Sturier mit den Friesen: Plinius nennt beide in derselben Zeile nebeneinander, unterscheidet sie also. Es gibt weder einen Beleg für ein sturisches Königtum noch für eine cohors Sturiorum oder eine ala dieses Namens; in den Standardcorpora der Auxiliareinheiten erscheint kein solcher Verband. Und schließlich: Kein archäologischer Fund im Delta trägt das Etikett „sturisch" – die Kulturgrenze am Helinium, die sich an Hausbau und Keramik zeigt, lässt sich nicht ohne Weiteres mit den Namen der Plinius-Liste zur Deckung bringen. Das ältere Erklärungsmodell großer, gleichzeitiger Dünkirchen-Transgressionen, mit dem man das Verschwinden solcher Gruppen gern begründet hat, gilt heute als überholt.

Die Frisiavonen · Die Cananefaten · Die Bataver · Die Friesen · Die Chauken · Die Cugerner.