Ein Stamm, den derselbe Kulturraum einmal als edelstes Volk der Germanen und einmal als bedauernswerte Schlammbewohner beschrieb: Die Chauken an der Nordseeküste sind ein Musterfall dafür, wie sehr die Sicht der Quelle das Bild prägt.
Die Chauken waren ein großer germanischer Stamm an der deutschen Nordseeküste, etwa zwischen Ems und Elbe – im Land der Marschen und Watten. Sie lebten auf künstlich aufgeschütteten Wohnhügeln, den Warften, um sich vor den Fluten zu schützen.
Kein Stamm zeigt so schön, wie sehr antike Quellen färben. Tacitus lobt die Chauken als das edelste und gerechteste Volk der Germanen, das seine Größe durch Gerechtigkeit statt durch Raub wahre. Plinius der Ältere dagegen, der die Küste selbst gesehen hatte, beschreibt sie als bedauernswerte Menschen, die zwischen den Gezeiten im Schlamm hausten und Torf zum Feuern trockneten. Zwei Römer, zwei völlig verschiedene Bilder desselben Volkes.
Trotz Tacitus' Lob waren die Chauken auch gefürchtete Seefahrer und Piraten: Im 1. Jahrhundert n. Chr. überfielen sie mit ihren Booten die römischen Provinzen an Rhein und in Gallien. Sie gehören damit zu den frühesten „Wikingern" der Nordsee – lange bevor es die eigentlichen Wikinger gab. Später gingen die Chauken im großen Stammesbund der Sachsen auf.
„Verstand bedarf, wer weit reist; daheim ist alles leicht."Hávamál 5, nach Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Die Chauken erinnern daran, dass die Nordsee schon lange vor den Wikingern ein Meer der Seefahrer war – und dass jedes Bild eines Volkes von dem abhängt, der es zeichnet. Verwandt sind sie mit den Brukterern und Nachbarn der Cherusker.

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