Als Caesar 57 v. Chr. gegen die Belger zog, stieß er auf einen Stamm, dessen Ruhm die Grenzen Galliens überschritten hatte: die Suessionen. Ihr König Diviciacus, so berichtet Caesar, war noch eine Generation zuvor der mächtigste Herrscher ganz Galliens gewesen – und hatte sogar über einen Teil Britanniens geboten. Ihr Name lebt bis heute weiter: in der französischen Stadt Soissons.
Im Norden Galliens, dort wo die flachen Getreideebenen der Champagne in die Wälder und Flusstäler der Picardie übergehen, saß in der späten Eisenzeit ein Stamm, den die Römer Suessiones nannten. Sie gehörten zu den Belgern – jenem Bund nordgallischer Völker, den Caesar für die tapfersten aller Gallier hielt, weil sie am weitesten von der „verweichlichenden" römischen Zivilisation entfernt lebten und ständig gegen germanische Nachbarn jenseits des Rheins kämpften. Unter den Belgern aber ragten die Suessionen durch etwas heraus, das die anderen nicht hatten: die Erinnerung an ein einstiges Großreich.
Caesar selbst überliefert die erstaunlichste Nachricht über die Suessionen. Als er 57 v. Chr. gegen die Belger marschierte, erfuhr er, dass die Suessionen „in unserer Zeit" einen König namens Diviciacus gehabt hätten – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Druiden der Häduer –, der der mächtigste Herrscher ganz Galliens gewesen sei. Seine Herrschaft habe sich über einen großen Teil dieser Gebiete erstreckt, und darüber hinaus sogar über einen Teil Britanniens.
Bei ihnen habe in unserer Erinnerung Diviciacus geherrscht, der mächtigste in ganz Gallien, der über einen großen Teil dieser Gegenden und sogar über Britannien Gewalt hatte.Caesar, De bello Gallico II,4 (sinngemäß)
Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Sie zeigt, dass es im vorrömischen Gallien durchaus große, überregionale Königsherrschaften geben konnte – und dass die Kanalküste keine unüberwindliche Grenze war, sondern ein Verkehrsweg, über den Herrschaft, Handel und Verwandtschaft nach Britannien reichten. Zu Caesars Zeit war dieses Reich freilich schon Vergangenheit; die Suessionen wurden nun von einem König namens Galba geführt, dem die anderen Belger wegen seiner Gerechtigkeit und Klugheit sogar den Oberbefehl im gemeinsamen Krieg gegen Rom übertrugen.
Caesar beziffert die Macht der Suessionen mit konkreten Zahlen. Sie besäßen ein sehr weites und fruchtbares Land und – so ließen sie ausrichten – zwölf befestigte Orte (oppida). Für den gemeinsamen Belgeraufstand hätten sie 50.000 Bewaffnete zugesagt. Ob diese Zahl real oder aufgerundete Prahlerei war, lässt sich nicht prüfen – antike Heereszahlen sind fast immer mit Vorsicht zu genießen. Doch das Bild eines großen, dicht besiedelten Stammes mit vielen befestigten Zentren passt gut zur archäologischen Wirklichkeit Nordgalliens, wo mächtige oppida die Landschaft prägten.
Das wichtigste dieser oppida war Noviodunum – wahrscheinlich beim heutigen Pommiers nahe Soissons zu suchen. Als Caesar davor erschien, waren die Suessionen zunächst entschlossen, sich zu verteidigen. Doch der Anblick der römischen Belagerungstechnik – Türme, Rammen, herangeschobene Schutzdächer – brach ihren Willen. Ein Volk, das solche Maschinen noch nie gesehen hatte, hielt sie für das Werk übermenschlicher Kräfte. Die Suessionen ergaben sich.
Die Unterwerfung der Suessionen 57 v. Chr. gehört zu den frühen Etappen von Caesars Eroberung Galliens. Ihr König Galba stellte Geiseln, darunter seine eigenen Söhne, und der Stamm wurde in Caesars Ordnung Galliens eingegliedert. Anders als manche Nachbarn erhoben sich die Suessionen danach nicht mehr zu einem großen, aussichtslosen Verzweiflungskampf. Diese Mischung aus anfänglichem Stolz und späterer politischer Klugheit ist typisch für viele gallische Stämme, die begriffen, dass gegen Rom auf Dauer nur Anpassung das Überleben sicherte.
Bei der großen Erhebung des Vercingetorix 52 v. Chr. gehörten die Suessionen zu jenen Belgern, die dem gallischen Bund Kontingente zusagten – doch ihre große Zeit als eigenständige Macht war vorbei. Nach der Eroberung wurden sie Teil der römischen Provinz und, wie ganz Gallien, allmählich romanisiert.
Rom tat mit den Suessionen, was es mit vielen gallischen Stämmen tat: Es machte ihren Namen zum Namen einer Stadt und einer Verwaltungseinheit. Aus dem Stammesgebiet wurde die civitas Suessionum, und ihr Hauptort trug bald den Namen Augusta Suessionum – „das kaiserliche (Stadt) der Suessionen". Aus diesem lateinischen Namen wurde über die Jahrhunderte das französische Soissons.
Damit gehören die Suessionen zu den vielen keltischen Völkern, deren Name die Landkarte Frankreichs bis heute prägt – so wie die Parisii in Paris, die Remer in Reims oder die Bellovaker in Beauvais fortleben. Der Stamm ist verschwunden, seine Sprache erloschen, seine Götter vergessen – aber sein Name steht an Bahnhöfen, auf Ortsschildern und in Adressen.
Soissons sollte noch einmal in die große Geschichte eintreten – Jahrhunderte nach dem Untergang des Stammes. 486 n. Chr. schlug der Frankenkönig Chlodwig bei Soissons den römischen Statthalter Syagrius und beendete damit den letzten römischen Machtbereich in Nordgallien. Die berühmte Anekdote von der „Vase von Soissons", in der Chlodwig einem Krieger die Missachtung des Königsanteils an der Beute später mit tödlicher Härte heimzahlte, spielt genau hier. Und im 8. Jahrhundert wurde Soissons zu einem der Krönungsorte der frühen fränkischen Könige.
So verbindet der Name der Suessionen zwei Welten: die keltische Eisenzeit, in der ein König von hier aus über Gallien und einen Teil Britanniens gebot, und das fränkische Frühmittelalter, in dem an derselben Stelle über das Erbe Roms entschieden wurde. Nur wenige Stämme haben einen Namen hinterlassen, an dem sich so viel europäische Geschichte festmachen lässt.
Die Suessionen sind ein Musterfall dafür, wie reich die keltische Welt vor Rom bereits war: mit großen Königreichen, befestigten Städten, Fernbeziehungen über das Meer und einem politischen Gedächtnis, das die eigene Vergangenheit als Großmacht bewahrte. Zugleich zeigen sie, wie diese Welt unter Rom zwar politisch unterging, im Namen aber weiterlebte. Der Stolz eines belgischen Stammes, die Kühnheit eines Königs, der über den Kanal griff – all das steckt noch heute im schlichten Namen einer französischen Stadt.
Für uns bei GLANZ & GRAVUR sind gerade solche Geschichten kostbar: Sie erinnern daran, dass die alten europäischen Völker keine gesichtslose Masse waren, sondern Namen, Könige und Landschaften hatten – und dass man sie am besten ehrt, indem man ihre Geschichte genau erzählt, statt sie zu Fantasy zu verklären. So verbinden die Suessionen keltischen Stolz, belgische Tapferkeit und ein langes Nachleben im Namen: von Caesars mächtigstem König Galliens über die römische Stadt Augusta Suessionum bis zum heutigen Soissons mit seiner großen Geschichte.

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