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Die Normannen in Süditalien und Sizilien (ca. 1017–1130)

Geschichte & Funde Die Normannen in Süditalien und Sizilien (ca. 1017–1130)

Weihnachten 1130 wird in der Kathedrale von Palermo ein Mann zum König gekrönt, dessen Urgroßvater ein kleiner Ritter im Cotentin war. Roger II. herrscht über Griechen, Araber, Lombarden und Juden, seine Urkunden sind lateinisch, griechisch und arabisch, sein Krönungsmantel trägt eine arabische Inschrift. Hundertzwanzig Jahre zuvor waren seine Leute als Söldner und Pilger über die Alpen gekommen. Wikinger waren sie da schon lange nicht mehr. Wie französischsprachige Ritter aus der Normandie den Süden Italiens eroberten – und warum der Norden in dieser Geschichte fast nur noch im Namen steckt.

Roter Krönungsmantel Rogers II. mit goldenen Löwen, die Kamele reißen
Der Krönungsmantel Rogers II., gearbeitet in der königlichen Werkstatt in Palermo, nach der arabischen Inschrift 1133/34; heute in der Weltlichen Schatzkammer in Wien. Nordisch ist an diesem Stück nichts mehr – genau das ist der Punkt. Foto: Dennis G. Jarvis, CC BY-SA 2.0.

Normannen, nicht Nordmänner

Der Name führt in die Irre. Normanni, Nordmänner, hießen im Frankenreich ursprünglich die skandinavischen Angreifer. Nachdem Rollo 911 an der unteren Seine Land erhalten hatte, wurde daraus der Name der Bewohner des neuen Fürstentums, der Normandie. Wie das kam, erzählen wir im Artikel über die Wikinger in Frankreich.

Die Männer, die im frühen 11. Jahrhundert nach Süditalien zogen, waren die Urenkel und Ururenkel dieser Siedler. Sie sprachen Französisch, waren getauft, kämpften als gepanzerte Reiter mit Lanze und hatten mit den Seekriegern des 9. Jahrhunderts so viel gemein wie ein Kreuzritter mit einem Wikinger: eine ferne Abstammung und einen Namen. Wer sie „Wikinger in Italien" nennt, überspringt drei Generationen.

Pilger, Söldner, ein Rebell aus Bari – und Aversa 1030

Wie die ersten Normannen in den Süden kamen, erzählen die Quellen auf zwei Arten. Amatus von Montecassino berichtet, rund vierzig normannische Pilger auf dem Heimweg aus Jerusalem hätten um das Jahr 1000 Salerno gegen sarazenische Angreifer verteidigt und seien daraufhin eingeladen worden, wiederzukommen. Wilhelm von Apulien erzählt, normannische Pilger hätten am Heiligtum des Erzengels Michael auf dem Monte Gargano einen Mann namens Melus getroffen.

Melus ist historisch fest greifbar. Er war ein langobardischer Adliger aus Bari, der sich 1009 gegen die byzantinische Herrschaft in Apulien erhoben hatte und gescheitert war. Ab etwa 1017 kämpfte er erneut, jetzt mit normannischen Kriegern an seiner Seite. Nach ersten Erfolgen wurde sein Heer 1018 bei Cannae vernichtend geschlagen, am selben Ort, an dem Hannibal einst die Römer besiegt hatte. Melus floh zu Kaiser Heinrich II. und starb 1020 in Bamberg.

Die Normannen blieben. In den folgenden Jahren verdingten sie sich an jeden, der zahlte: an langobardische Fürsten von Capua und Salerno, an Äbte, an Byzanz. Süditalien war damals ein Flickenteppich aus byzantinischen Provinzen, langobardischen Fürstentümern, freien Küstenstädten wie Neapel und Amalfi und dem arabisch beherrschten Sizilien. Für Söldner war das ideales Gelände.

Den ersten festen Besitz erhielt ein Normanne namens Rainulf Drengot. Herzog Sergius IV. von Neapel, der Hilfe gegen den Fürsten von Capua brauchte, gab ihm um 1030 Aversa zwischen Neapel und Capua und dazu seine Schwester zur Frau. Aus dem Söldnerführer wurde ein Graf mit eigenem Land.

Amatus beschreibt, was danach geschah: Aversa wurde zum Sammelpunkt. Neue Männer kamen aus der Normandie nach, angelockt vom Ruf, dass man im Süden mit dem Schwert zu Land kommen konnte. Rainulfs Neffe Richard wurde 1058 Fürst von Capua und verdrängte damit die alte langobardische Dynastie.

Die Söhne Tankreds von Hauteville

Die berühmteste Familie aber stammte aus Hauteville im Cotentin, der Halbinsel im Westen der Normandie; welcher der Orte dieses Namens gemeint ist, ist nicht ganz sicher. Tankred von Hauteville hatte nach Malaterra zwölf Söhne aus zwei Ehen. Mehrere von ihnen zogen nach Süden.

Die ältesten, Wilhelm und Drogo, kämpften 1038 im byzantinischen Heer des Generals Georgios Maniakes, das Sizilien den Arabern entreißen sollte. Wilhelm soll vor Syrakus einen Emir im Zweikampf getötet und daher den Beinamen „Eisenarm" erhalten haben – so erzählt es Malaterra. In demselben Heer diente nach Snorris Königssagas auch Harald Sigurdsson mit seinen Warägern. Wenn das stimmt, standen hier für einen Augenblick echte Skandinavier und die Nachfahren von Skandinaviern nebeneinander – und hatten sich kaum mehr zu sagen als zwei Söldnertrupps verschiedener Herkunft.

1042 wählten die Normannen in Apulien Wilhelm Eisenarm in Melfi zu ihrem Grafen. Nach ihm führten seine Brüder Drogo und Humfried. Wie sehr die Normannen inzwischen zur Plage geworden waren, zeigt das Jahr 1053: Papst Leo IX. zog mit einem Heer gegen sie und wurde bei Civitate geschlagen und gefangen genommen.

Robert Guiscard: der Schlaue

Der fähigste der Brüder kam um 1047 nach Italien: Robert, genannt Guiscard, der Schlaue oder Listige. Er begann als Anführer einer Räuberbande in Kalabrien und wurde nach Humfrieds Tod 1057 Graf von Apulien. 1059 schloss Papst Nikolaus II., der Leos Niederlage gelernt hatte, in Melfi Frieden mit den Normannen. Er belehnte Robert als Herzog von Apulien und Kalabrien und künftig von Sizilien – einer Insel, die damals noch ganz in arabischer Hand war.

Robert hielt Wort. 1071 fiel Bari, die letzte byzantinische Stadt in Italien, 1076 Salerno. 1081 setzte er über die Adria und griff das Byzantinische Reich selbst an. Bei Dyrrhachion im heutigen Albanien traf sein Heer auf die kaiserliche Warägergarde, in der inzwischen viele Engländer dienten, die nach 1066 vor den Normannen Wilhelms des Eroberers geflohen waren. Die Garde wurde aufgerieben. Anna Komnene, die Tochter des Kaisers, hat Robert in ihrer Alexias ein unfreundliches, aber respektvolles Denkmal gesetzt. Er starb 1085 auf Kephalonia.

Roger I. und die Eroberung Siziliens 1061–1091

Sizilien war die Aufgabe des jüngsten Bruders, Roger. 1061 setzten er und Robert über die Meerenge und nahmen Messina. Der Rest dauerte dreißig Jahre. 1063 schlug Roger bei Cerami ein deutlich größeres Heer, 1072 fiel Palermo nach monatelanger Belagerung, 1091 ergab sich mit Noto die letzte arabische Stadt.

Roger nannte sich Graf von Sizilien. Er regierte ein Land, in dem Muslime die Mehrheit stellten, dazu griechische Christen in Messina und im Nordosten. Er beließ ihnen ihre Religion, nutzte arabische Beamte und griechische Schreiber und baute gleichzeitig eine lateinische Kirche auf. Wenn man in dieser Geschichte irgendwo einen Kulturschock sucht, dann hier – aber es ist der Kulturschock von Franzosen im Mittelmeer, nicht von Nordleuten.

1130: Ein König in Palermo

Rogers gleichnamiger Sohn vereinte, was die Familie erobert hatte. Roger II. übernahm 1127 auch Apulien, und am Weihnachtstag 1130 wurde er in Palermo zum König gekrönt. Die Krone kam vom Gegenpapst Anaklet II., den Roger im Kirchenstreit unterstützte; der andere Papst, Innozenz II., erkannte das Königtum erst 1139 an, nachdem Rogers Sohn ihn gefangen genommen hatte.

Wie wenig „Norden" in diesem Königreich steckte, zeigt ein Stück, das heute in der Wiener Schatzkammer liegt: der Krönungsmantel Rogers, gefertigt in der königlichen Werkstatt von Palermo, mit Löwen, die Kamele reißen, und einer arabischen Inschrift, die ihn auf das Jahr 528 der Hidschra datiert, also 1133/34. Später wurde er zum Krönungsmantel der römisch-deutschen Kaiser. Ein Normannenkönig in Seide mit arabischer Schrift – das ist das Ende der Linie, die bei Rollo begann.

Die drei Chronisten

Was wir über die Eroberung wissen, stammt vor allem aus drei Werken, alle aus dem späten 11. Jahrhundert und alle aus dem Umfeld der Sieger. Amatus, Mönch in Montecassino, schrieb um 1080 eine Geschichte der Normannen; sie ist im lateinischen Original verloren und nur in einer altfranzösischen Übersetzung des 14. Jahrhunderts erhalten, der Ystoire de li Normant. Wilhelm von Apulien verfasste in den 1090er-Jahren ein lateinisches Versepos über Robert Guiscard, die Gesta Roberti Wiscardi. Und Gaufredus Malaterra, ein Mönch, der selbst aus dem Norden Frankreichs kam, schrieb auf Wunsch Rogers I. dessen Geschichte und die seines Bruders.

Malaterra hat die berühmteste Beschreibung der Normannen hinterlassen:

Est quippe gens astutissima, injuriarum ultrix, spe alias plus lucrandi patrios agros vilipendens, quaestus et dominationis avida …

„Es ist nämlich ein überaus schlaues Volk, das erlittenes Unrecht rächt, die väterlichen Äcker gering achtet in der Hoffnung, anderswo mehr zu gewinnen, gierig nach Gewinn und Herrschaft …"Gaufredus Malaterra, De rebus gestis Rogerii, I, 3; Übertragung von uns

Das ist Lob und Warnung zugleich, geschrieben von einem Mann im Dienst dieser Leute. Von Schiffen, Göttern oder dem Norden ist darin keine Rede.

Was vom Norden blieb

Die ehrliche Antwort: wenig, und das Wenige ist umstritten. Die Sprache der Normannen in Italien war Französisch; das Altnordische war in der Normandie selbst schon um 1000 weitgehend verschwunden. Geblieben sind vor allem Personennamen. Einige in Süditalien bezeugte Normannennamen gehen auf nordische Namen zurück, etwa Asclettin, der Name eines Bruders Rainulfs, der aus altnordisch Ásketill kommt. Ob daraus ein Bewusstsein nordischer Herkunft sprach, lässt sich nicht sagen.

Man hat versucht, mehr zu finden: die Beweglichkeit, die Kampfweise, die Neigung, mit kleinen Gruppen große Herrschaften zu erobern. Das sind Deutungen. Die Kampfweise der Normannen war die fränkische Reiterei, und dass Männer auswandern, um anderswo reich zu werden, war im 11. Jahrhundert keine nordische Besonderheit. Die Chronisten des Südens sahen in ihnen Franzosen aus der Normandie – nicht Nachfahren der Wikinger.

Beleg, Chronik, Deutung – sauber getrennt

Zeitgenössische Schriftquellen sind Amatus, Wilhelm von Apulien und Malaterra, dazu byzantinische Stimmen wie Anna Komnene und Urkunden aus den normannischen Kanzleien. Alle drei Chronisten schrieben für oder über die Sieger.

Materiell greifbar sind die Bauten der Normannen in Sizilien und Apulien und der Krönungsmantel Rogers II.

Spätere Überlieferung ist Haralds Dienst in Sizilien, den wir vor allem aus Snorris Königssagas kennen.

Moderne Deutung ist jede Behauptung, in den Normannen Italiens habe ein „Wikingergeist" weitergelebt.

Die Geschichte bleibt trotzdem eine der erstaunlichsten des Mittelalters: Söhne eines kleinen Ritters aus dem Cotentin, die innerhalb eines Jahrhunderts ein Königreich zwischen Europa, Byzanz und der arabischen Welt schufen. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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