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Festival der Slawen und Wikinger in Wolin 2027: Termin, Programm, Anreise und Geschichte

Wissen & Ratgeber Festival der Slawen und Wikinger in Wolin 2027: Termin, Programm, Anreise und Geschichte

Das Festival der Slawen und Wikinger in Wolin findet traditionell an einem langen Wochenende Ende Juli oder Anfang August statt – 2026 lief es vom 30. Juli bis 2. August. Ein offizieller Termin für 2027 ist bislang (Stand Oktober 2026) nicht veröffentlicht. Wir zeigen dir, was dich auf der kleinen Insel in der Dziwna erwartet, was Tickets zuletzt kosteten, wie du aus Deutschland hinkommst – und warum ausgerechnet hier, an der Odermündung, die Geschichte von Jumne, Jomsborg und Vineta spielt.

Reihe von Darstellern mit Helmen, Rundschilden und Speeren beim Festival in Wolin
Darsteller beim Festival der Slawen und Wikinger in Wolin (2018). Foto: Jakub T. Jankiewicz, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.

Halb neun am Abend, die Sonne steht tief über dem Haff. Auf dem Wasser der Dziwna treiben Boote, am Ufer schlägt jemand eine Rahmentrommel, und vom Schlachtfeld zieht noch der Staub der Nachmittagsschlacht herüber. Hunderte Menschen in Wolle und Leinen sitzen an Feuern, flicken Kettenhemden, braten Fisch. Wer hier zum ersten Mal steht, merkt schnell: Das ist kein Mittelaltermarkt mit Plastikschwertern. Das ist eines der größten Reenactment-Treffen des frühen Mittelalters in Europa – und es findet an einem Ort statt, an dem vor tausend Jahren tatsächlich Slawen, Skandinavier, Sachsen und Händler aus halb Europa aufeinandertrafen.

Hier bekommst du beides: die Praxis für 2027 und die Geschichte dahinter. Denn unter der heutigen Kleinstadt liegt einer der wichtigsten Handelsplätze der Ostsee.

Wann ist das Festival 2027? Der ehrliche Stand

Fangen wir mit der Frage an, die du wahrscheinlich gegoogelt hast. Stand Oktober 2026 hat der Veranstalter, das Centrum Słowian i Wikingów Wolin–Jomsborg–Vineta (Zentrum der Slawen und Wikinger), noch keinen Termin für 2027 veröffentlicht. Auf der offiziellen Seite jomsborg-vineta.com steht derzeit nur das Programm von 2026. Termine, die du auf manchen Eventportalen findest, sind Schätzungen aus dem üblichen Rhythmus, keine Ankündigung.

Was wir dir sicher sagen können, ist der Erfahrungswert. Das Festival liegt seit Jahren am letzten Juli- oder ersten Augustwochenende und dauert in der Regel vier Tage, Donnerstag bis Sonntag. Die letzten beiden Ausgaben:

Wenn sich das Muster hält, spricht viel für ein Wochenende zwischen Ende Juli und Anfang August 2027. Buchen würden wir auf dieser Grundlage allerdings nur stornierbar. Sobald der Termin offiziell ist, tragen wir ihn in unserem Überblick über die Wikinger-Festivals 2027 und in unserem Veranstaltungskalender nach.

Wo genau? Die Insel Ostrów in der Dziwna

Wolin ist zweierlei: eine große Insel zwischen Stettiner Haff und Ostsee und eine kleine Stadt an ihrem Südostrand. Die Stadt liegt an der Dziwna (deutsch: Dievenow), dem östlichsten der drei Mündungsarme, durch die das Haff in die Ostsee abfließt. Genau gegenüber dem Stadtzentrum liegt im Fluss ein kleines Eiland, die Wyspa Ostrów (Ostrów-Insel, auch Wolińska Kępa genannt). Dort steht das Freilichtmuseum des Zentrums: eine rekonstruierte frühmittelalterliche Siedlung mit Wall, Toren, Hafenkai und Dutzenden begehbarer Häuser, die nach Grabungsbefunden aus Wolin selbst gebaut wurden.

Die Idee für ein solches Museum ist älter, als man denkt. Nach einem Aufsatz von Wojciech Filipowiak, Michał Bogacki und Karolina Kokora wurde ein archäologisch-ethnografisches Freilichtmuseum in Wolin schon 1958 vorgeschlagen, aber in der Volksrepublik nie umgesetzt. 2002 gründete sich der Verein, der das Zentrum baute, 2008 öffnete es. Seitdem wächst es Stück für Stück. Zum Festival wird das Museum zum Herzstück: Der historische Teil mit Lager, Handwerk und Schlachten läuft auf der Insel, der kulturelle Teil mit Bühnen organisiert die Gemeinde auf den Wiesen (Błonia) der Stadt.

Wie alles anfing: drei Jahrzehnte Festival

Das Festival ist älter als das Museum, in dem es heute stattfindet. Der Veranstalter selbst schreibt auf seiner Seite von einer Tradition „seit 1993“, so berichtet es auch die polnische Presseagentur PAP. Der genannte Fachaufsatz von Filipowiak, Bogacki und Kokora nennt dagegen 1992 als Jahr des ersten Wikingerfestivals in Wolin. Sicher ist: Anfang der 1990er-Jahre ging es los, zunächst als Wikingerfestival, später unter dem heutigen Namen Festiwal Słowian i Wikingów. Die Ausgabe 2025 war nach PAP die 30. – die Zählung liegt etwas unter der Zahl der Jahre, weil nicht jedes Jahr ein Festival stattfand.

Der Namenswechsel ist mehr als Kosmetik. Wolin war eine slawische Stadt mit skandinavischen Bewohnern und Gästen, keine Wikingerkolonie. Das Festival trägt das inzwischen im Namen: Slawen und Wikinger, in dieser Reihenfolge.

Was dich vor Ort erwartet: das Programm

Das Programm wechselt jedes Jahr mit dem Motto, das Grundgerüst bleibt. Am Beispiel 2026, wie es auf der offiziellen Seite stand:

Die Schlachten. Das ist es, wofür viele kommen. Täglich am Nachmittag treffen auf der Wiese an der Dziwna die Heere aufeinander, 2026 jeweils gegen 16 Uhr, am Sonntag schon um 14 Uhr. Dazu kommen kleinere Formate wie die „Bitwa o most“, die Schlacht um die Brücke, mit Vorrunden am Freitag und Finale am Samstag. Kämpfe im Reenactment sind choreografiert in ihren Regeln, nicht in ihrem Ausgang: Geschlagen wird mit stumpfen Waffen nach festgelegten Trefferzonen, Schilde krachen echt.

Das Handwerk. In den Häusern und Zelten arbeiten Töpfer, Schmiede, Goldschmiede, Bernsteinschnitzer, Weberinnen, Lederer und Bootsbauer. Das Zentrum betreibt selbst eine historische Werft, in der Nachbauten slawischer und skandinavischer Plankenboote und Einbäume entstehen. Viele Darstellerinnen und Darsteller verkaufen ihre Arbeiten, und genau hier lohnt sich Zeit: Nirgendwo bekommst du so viele Repliken nach konkreten Grabfunden auf einem Fleck zu sehen.

Mitmachen. Bogenschießen und Speerwurf für Besucher, Probeanziehen von Ausrüstung, Kostproben frühmittelalterlicher Küche, Workshops in Guss, Lederarbeit, Weben und Spinnen. Für Familien mit Kindern ist das Festival dadurch angenehm unkompliziert.

Rituale, Musik und Wettbewerbe. Eröffnungszug, nachgestellte Opferzeremonien, abends Konzerte mit historisch inspirierter Musik, 2026 sogar ein Konzert auf dem Wasser und ein Schatten- und Feuertheater. Dazu kommt ein Klassiker mit Augenzwinkern: der Wettbewerb um den würdigsten Bart und den schönsten Zopf. Wer mit Vollbart anreist, sollte ihn pflegen.

Zahlen mit Quelle: Der Veranstalter nennt rund 2.000 Reenactor „aus der ganzen Welt“ und etwa 30.000 Besucher während des Festivals. Die Bürgermeisterin von Wolin sprach 2025 gegenüber PAP ebenfalls von rund 30.000 Gästen pro Jahr. 2018 meldete PAP mehr als 600 Krieger aus 30 Ländern und 250 Handwerker bei den vorgeschalteten Workshops zur experimentellen Archäologie.

Tickets, Öffnungszeiten, Geld

Für 2026 nannte der Veranstalter 35 Złoty für ein normales und 25 Złoty für ein ermäßigtes Ticket, verkauft online über tobilet.pl und an der Kasse. 2025 waren es laut PAP 32 und 22 Złoty für den Eintritt ins Zentrum, während die Veranstaltungen in der Stadt und auf den Wiesen frei waren. Die Preise für 2027 stehen noch nicht fest; rechne mit einer ähnlichen Größenordnung, eher leicht steigend.

Die Öffnungszeiten 2026 lagen bei 10 Uhr morgens bis 19 oder 20 Uhr, am Sonntag bis 17 Uhr. Abends laufen Konzerte und Feuerprogramme länger. Nimm Bargeld in Złoty mit: Viele Händler im Lager nehmen zwar inzwischen Karte, aber nicht alle, und ein Kartenterminal in einem Grubenhaus ist eben auch ein Anachronismus, den nicht jeder mag.

Anreise aus Deutschland

Von der deutschen Grenze ist es nicht weit, die Wege dahin aber sind verschieden. Ein paar sichere Eckpunkte:

Mit dem Auto. Aus Berlin und dem Süden führt der Weg über Stettin (Szczecin) und dann auf der Schnellstraße S3 Richtung Norden nach Wolin. Von Usedom aus fährst du über Swinemünde (Świnoujście). Seit 2023 verbindet ein Straßentunnel unter der Swine die beiden Stadthälften von Swinemünde, vorher ging es nur mit der Fähre. Parkplätze sind am Festivalwochenende knapp; komm früh oder nutze die Bahn.

Mit der Bahn. Wolin liegt an der Bahnstrecke Stettin – Swinemünde. Nach Stettin kommst du aus Berlin mit Regionalzügen. Von Usedom aus fährt die Usedomer Bäderbahn bis Świnoujście Centrum; der polnische Bahnhof von Swinemünde liegt aber auf der anderen Seite der Swine, du musst also übersetzen, etwa mit der städtischen Fähre. Plane dafür Puffer ein.

Prüfe Fahrpläne und Fähren kurz vor der Reise, denn Bauarbeiten und Ersatzverkehr sind in der Region keine Seltenheit.

Unterkunft: früh buchen oder ausweichen

Die Stadt Wolin ist klein, die Zahl der Betten auch. Wenn 30.000 Menschen an einem Wochenende kommen, ist das spürbar. Unsere Empfehlung: entweder sehr früh in Wolin selbst buchen – sobald der Termin steht – oder in die Umgebung ausweichen. Swinemünde, Misdroy (Międzyzdroje) an der Ostseeküste der Insel und Kamień Pomorski (Cammin) liegen in Reichweite und haben mehr Kapazität. Wer schon auf Usedom Urlaub macht, kann das Festival gut als Tagesausflug einplanen. Mit Kindern lohnt sich ein Quartier mit Strandnähe: vormittags Schlachten, nachmittags Ostsee.

Jumne, Wolin, Jomsborg: Warum gerade hier?

Jetzt zum spannenderen Teil. Das Festival steht nicht zufällig in Wolin. Unter der Kleinstadt liegt ein Handelsplatz, der im 10. und 11. Jahrhundert zu den bedeutendsten an der südlichen Ostsee gehörte – vergleichbar mit Haithabu oder Birka. Ausführlich haben wir das in unserem Artikel Wolin & Jomsborg: Die Metropole an der Odermündung erzählt. Hier die Kurzfassung mit Blick auf das, was du beim Festival siehst.

Der Ort hat eine lange Vorgeschichte, doch die Stadt, um die es geht, entstand im späten 8. und 9. Jahrhundert. Archäologen fanden Befestigungen aus dem 9. Jahrhundert, später einen zentralen Burgwall mit zwei befestigten Vorstädten und Hafenanlagen an der Dziwna. Getragen wurde das von den Pomoranen, den slawischen „Leuten am Meer“, und von einem Netz, das vom Rheinland bis zur Rus reichte. Die Funde erzählen davon: arabische Silbermünzen, Glas, Keramik aus verschiedenen Regionen, skandinavischer Schmuck und vor allem Bernstein, der hier in großem Stil verarbeitet wurde. Wie der Fernhandel dieser Zeit funktionierte, liest du in unserem Artikel über den Handel der Wikinger.

Gegraben wird in Wolin schon lange. Deutsche Archäologen um Otto Kunkel und Karl August Wilde untersuchten die Stadt in den 1930er-Jahren und veröffentlichten 1941 ihren Band „Jumne, ‚Vineta‘, Jomsborg, Julin. Wollin“ – schon der Titel zeigt, wie viele Namen an diesem Ort hängen. Nach dem Krieg übernahmen polnische Archäologen; ab Anfang der 1950er-Jahre grub man großflächig, über Jahrzehnte geprägt von Władysław Filipowiak (1926–2014), dem langjährigen Direktor des Nationalmuseums in Stettin. Viele der Häuser, die du im Freilichtmuseum betrittst, gehen auf Befunde dieser Grabungen zurück.

Was Adam von Bremen wirklich über Jumne schrieb

Den berühmtesten Satz über Wolin schrieb ein Mann, der nie dort war. Adam von Bremen beschreibt um 1075 in seiner Geschichte der Hamburger Erzbischöfe die Mündung der Oder und eine Stadt, die er Iumne nennt (die älteste Handschrift hat eine Form wie uimne). Seine Informationen hatte er aus zweiter Hand, unter anderem vom dänischen König Sven Estridsen.

Adam lobt die Stadt als bedeutenden Handelsplatz für „Barbaren und Griechen“ ringsum, und dann kommt der Satz, der bis heute in jedem Reiseführer steht. Sinngemäß, in eigener Übertragung:

Sie ist wahrlich die größte von allen Städten, die Europa umschließt, bewohnt von Slawen und anderen Völkern, Griechen und Barbaren. Auch zugewanderte Sachsen dürfen dort unter gleichem Recht wohnen, solange sie sich nicht öffentlich als Christen zeigen.Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum II,22 (Zählung nach Schmeidler), eigene Übertragung

Adam fügt hinzu, die Bewohner seien zwar noch Heiden, aber an Sitten und Gastfreundschaft finde man kein ehrbareres und freundlicheres Volk. Die Stadt sei reich an Waren aller nördlichen Völker. Dann folgen Wunderdinge: ein „Topf des Vulkan“, den die Einwohner griechisches Feuer nennen, und der dreifache Neptun – das Meer, das die Insel in dreierlei Gestalt umspült.

Mythos-Check: „Wolin war die größte Stadt Europas.“ – So steht es bei Adam, aber Adam ist kein Statistiker. Er schreibt aus Bremen nach Berichten von Händlern und Königen, und sein Ziel ist ein theologisches: zu zeigen, wie viel Mission im Norden noch zu tun ist. Die Archäologie zeigt eine große, dicht bebaute, wohlhabende Handelsstadt mit vermutlich einigen Tausend Einwohnern. Neben Konstantinopel, Córdoba oder auch Köln war sie nicht die größte Stadt Europas. Der Superlativ verrät vor allem, wie sehr Wolin seine Zeitgenossen beeindruckt hat.

Harald Blauzahns letzte Zuflucht

Ein weiterer Satz bei Adam verbindet Wolin direkt mit dem dänischen Königshaus. Harald Blauzahn geriet am Ende seines Lebens in Konflikt mit seinem Sohn Sven Gabelbart. Nach Adam wurde Harald in der Schlacht verwundet, floh zu Schiff in die Stadt der Slawen, „die Iumne heißt“, wurde dort entgegen aller Erwartung freundlich aufgenommen, obwohl die Einwohner Heiden waren, und starb einige Tage später an der Wunde (Gesta II,28 nach Schmeidler). Das geschah um 987.

Bemerkenswert ist, wie gut das zu dem passt, was wir sonst wissen: Harald hatte enge Verbindungen zu den westslawischen Fürsten: Seine Frau Tove war nach dem zeitgenössischen Runenstein von Sønder Vissing eine Tochter des Obodritenfürsten Mistivoj, und dänische Interessen an der Odermündung sind für das späte 10. Jahrhundert gut denkbar. Die späteren Sagas erzählen Haralds Ende ganz anders – dort fällt er durch einen Pfeil von Pálnatóki. Zwei Versionen, ein toter König: Wer verstehen will, wie Geschichte und Legende hier ineinanderlaufen, ist in Wolin genau richtig.

Jomsborg: Sagaüberlieferung gegen Spaten

Und dann ist da Jomsborg. Die Jómsvíkinga saga, um 1200 in Island aufgeschrieben, erzählt von einer Burg an der wendischen Küste, gegründet von Pálnatóki mit Land, das ihm der Wendenkönig Búrizleifr überließ. In ihr lebt eine Bruderschaft von Kriegern, die Jomswikinger: keine Frauen in der Burg, kein Rückzug vor gleich starken Feinden, Beute wird geteilt. Der Hafen soll Hunderten Schiffen Platz geboten haben, mit einem steinernen Bogen über der Einfahrt. Berühmt wird die Bruderschaft durch ihre Niederlage in der Schlacht im Hjørungavåg gegen Jarl Hákon in Norwegen, meist um 986 datiert.

Die Saga ist Literatur – gute Literatur, aber zwei Jahrhunderte nach den Ereignissen entstanden und voller Motive, die man aus anderen Heldengeschichten kennt. Das heißt nicht, dass alles erfunden ist. Ein Ort namens Jóm taucht schon um 1046 in Skaldengedichten auf, also zeitnah. Die Knýtlinga saga aus dem 13. Jahrhundert berichtet, wie König Magnus der Gute von Norwegen und Dänemark 1043 die Jómsborg angriff und zerstörte. Und Adam erzählt, wie gesagt, von Iumne.

Ob Jomsborg und Jumne derselbe Ort waren und ob dieser Ort Wolin ist, darüber wird seit dem 19. Jahrhundert gestritten. Die Namensforscherin Alexandra Petrulevich hat argumentiert, dass at Jómi und Jumne auf dieselbe Wurzel zurückgehen, wahrscheinlich ein slawisches Wort für die Senke des Haffs, und dass Jómsborg eine skandinavische Bildung darauf ist. Das stützt eine Lage im Raum Wolin, beweist aber keine Burg. Archäologisch hat man in Wolin keine Festung gefunden, die eindeutig zur Saga passt, und keinen Hafen für Hunderte Langschiffe. Manche Forscher denken an einen skandinavischen Stützpunkt innerhalb oder neben der slawischen Stadt, etwa im Bereich des Hügels Srebrne Wzgórze; andere halten Jomsborg als Institution für eine literarische Schöpfung.

Mythos-Check: „Jomsborg ist ausgegraben und liegt in Wolin.“ – Nein. Wolin ist ausgegraben, und Wolin ist der wahrscheinlichste Kandidat für den Ort, den die Skandinavier Jóm nannten. Eine Burg der Jomswikinger mit Kriegerkaserne und Steinbogenhafen hat noch niemand freigelegt. Das Museum heißt Jomsborg–Vineta, weil die Legende zum Ort gehört, nicht weil die Archäologie sie bestätigt hätte.

Vineta: wie ein Schreibfehler eine Sage zeugte

Der dritte Name im Museumstitel ist der romantischste. Helmold von Bosau schrieb um 1170 Adams Bericht über Iumne fast wörtlich ab – und in seiner Überlieferung steht statt Iumne die Form Vineta. Vermutlich eine Verlesung der alten Schreibweise, die mit „vi-“ oder „ui-“ begann. Helmold fügt hinzu, die Stadt sei von einem dänischen König zerstört worden.

Aus diesem Wort wuchs in der frühen Neuzeit die Sage von der reichen Stadt, die wegen Hochmut und Verschwendung im Meer versank und an stillen Tagen ihre Glocken läuten lässt. Erzählt und lokalisiert wurde sie vor allem vor der Küste von Usedom, später an weiteren Orten. Wer in Usedom Urlaub macht, kennt Vineta also von dort, und es gehört zu den hübschen Ironien der Ostsee, dass eine Seefahrt von wenigen Kilometern zwei Orte verbindet, die sich die gleiche versunkene Stadt teilen. Die Geschichtswissenschaft in Pommern folgt seit den Arbeiten Adolf Hofmeisters in den 1930er-Jahren überwiegend der Gleichung: Iumne, Vineta, Julin und das historische Wolin meinen denselben Ort. Untergegangen ist nur die Sage.

Slawen und Wikinger: wer wohnte hier wirklich?

Die Bevölkerung Wolins war überwiegend slawisch. Das zeigen Hausbau, Keramik, Gräberfelder und schriftliche Nachrichten. Ein bayerischer Geograph aus dem 9. Jahrhundert nennt in der Gegend die Wolliner mit 70 Burgen. In der Stadt wohnten aber auch Skandinavier, und zwar nicht nur als Durchreisende: Skandinavische Schmuckformen, Waffen und Bestattungssitten sind nachgewiesen. Dazu kamen Sachsen, wie Adam erwähnt, und Kaufleute von weiter her.

Mythos-Check: „Wolin war eine Wikingerstadt.“ – Zu einfach. Wolin war eine slawische, pomoranische Hafenstadt, in der Skandinavier lebten, handelten und zeitweise politisch mitmischten. Wenn man das Wort „Wikinger“ überhaupt benutzen will, dann für Menschen, nicht für die Stadt. Das Festival bildet das inzwischen gut ab: Slawische und skandinavische Gruppen lagern nebeneinander, kämpfen gegeneinander und handeln miteinander. So ähnlich dürfte es auch im 10. Jahrhundert gewesen sein, nur mit weniger Sonnencreme.

Das Muster kennst du vielleicht von anderen Orten der Region, etwa Ralswiek auf Rügen oder Menzlin an der Peene: Handelsplätze, an denen Skandinavier und Slawen dauerhaft zusammenlebten. Einen größeren Überblick über diese Zone gibt unser Artikel Die Wikinger in der Ostsee & das Land der Wenden.

Das Ende der großen Handelsstadt

Der Reichtum der Stadt zog Begehrlichkeiten auf sich. Polnische Herrscher griffen nach der Odermündung: Mieszko I. dehnte in den 960er-Jahren seinen Einfluss nach Pommern aus, wobei unklar ist, wie fest Wolin eingebunden war. Unter Bolesław dem Tapferen, um das Jahr 1000, verstärkte sich die polnische Präsenz – genau darauf spielte das Festivalmotto 2025 an. Dänische und norwegische Könige wiederum sahen in der Stadt einen Seeräuberhafen. Der Angriff von Magnus dem Guten 1043 ist der bekannteste, aber nicht der einzige Kriegszug aus dem Norden.

Im 12. Jahrhundert wurde Pommern christianisiert. Bischof Otto von Bamberg missionierte 1124 und 1128 in Pommern und kam auf seiner ersten Reise auch nach Wolin, das in seinen Lebensbeschreibungen Iulin heißt. 1140 errichtete Papst Innozenz II. ein Bistum für Pommern mit Sitz in Wolin. Die Blütezeit war da aber schon vorbei. Um 1170 schlug König Waldemar I. von Dänemark mit Bischof Absalon die Pommern an der Brücke von Julin, und dänische Kriegszüge der folgenden Jahre trafen die Stadt schwer; das Bistum wurde in den 1170er-Jahren nach Cammin (Kamień Pomorski) verlegt. Häufig liest man, Wolin sei 1173 endgültig von den Dänen zerstört worden. Die Kriegszüge der 1170er-Jahre sind in Saxo Grammaticus und der Knýtlinga saga gut bezeugt, das genaue Jahr eines „Endes“ ist aber eher eine Zuspitzung als ein fester Befund. Wolin lebte als Kleinstadt weiter. Die Metropole verschwand.

Wolin und Glanz & Gravur

Uns fasziniert an Wolin, dass hier die Grenzen zwischen „slawisch“ und „nordisch“ verschwimmen: Bernstein von der Ostsee, Silber aus dem Kalifat, Tierstil aus Skandinavien – alles an einem Kai. Wer die großen Museen der Region kombinieren will, findet Anregungen in unserem Artikel Wikinger erleben: Museen und Fundorte.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Häufige Fragen

Wann ist das Festival der Slawen und Wikinger in Wolin 2027? Stand Oktober 2026 hat der Veranstalter noch keinen Termin veröffentlicht. Erfahrungsgemäß findet das Festival an einem langen Wochenende Ende Juli oder Anfang August statt; 2026 war es vom 30. Juli bis 2. August.

Wie komme ich von Deutschland zum Wikingerfestival Wolin? Mit dem Auto über Stettin und die S3 oder von Usedom über Swinemünde. Mit der Bahn über Stettin; Wolin liegt an der Strecke Stettin – Swinemünde.

Was kostet der Eintritt beim Festival in Wolin? 2026 kostete ein normales Ticket 35 Złoty, ein ermäßigtes 25 Złoty. Die Preise für 2027 sind noch nicht veröffentlicht.

Ist Jomsborg Wolin? Wahrscheinlich lag der Ort, den Skandinavier Jóm oder Jomsborg nannten, im Raum Wolin. Eine Burg der Jomswikinger, wie die Saga sie schildert, wurde archäologisch aber nicht nachgewiesen.

Hat Adam von Bremen Wolin wirklich die größte Stadt Europas genannt? Ja, im Kapitel über die Odermündung (Gesta II,22) nennt er Iumne die größte Stadt Europas. Das ist eine Übertreibung aus zweiter Hand, die zeigt, wie bedeutend der Handelsplatz war.

Ist das Festival für Kinder geeignet? Ja. Es gibt Bogenschießen, Speerwurf, Handwerk zum Mitmachen und viel zu sehen; laute Schlachten und Gedränge solltest du für kleine Kinder einplanen.

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