Fast alles, was wir über die nordische Götter- und Heldenwelt zu wissen glauben, stammt aus Island. Doch es gibt eine zweite große Stimme: einen dänischen Kleriker um 1200, der in glänzendem Latein die „Taten der Dänen" niederschrieb. Sein Name ist Saxo Grammaticus, und seine Erzählungen weichen von der isländischen Überlieferung oft überraschend ab – manchmal ergänzend, manchmal offen widersprechend. Wer die Sagen ehrlich verstehen will, kommt an ihm nicht vorbei.

So gewaltig sein Werk ist, so schmal ist unser Wissen über den Verfasser. Saxo wurde um 1150 geboren und starb nach 1208; genauere Daten fehlen. Er war ein gebildeter dänischer Kleriker, wahrscheinlich aus einer seeländischen Kriegerfamilie – er selbst erwähnt, dass schon sein Vater und Großvater unter dänischen Königen gedient hätten. Den Beinamen „Grammaticus", also „der Gelehrte" oder „der Sprachkundige", trug er zu Lebzeiten vermutlich noch gar nicht; er taucht erst rund 150 Jahre später auf, in der Jütischen Chronik des 14. Jahrhunderts, und würdigt seine außergewöhnliche Lateinkunst.
Sicher ist: Saxo stand im Dienst des mächtigen Erzbischofs Absalon von Lund (um 1128–1201), des engsten Beraters König Waldemars I. Absalon war Kirchenfürst, Feldherr und Staatsmann zugleich – und er war es, der Saxo den Auftrag gab, eine große Geschichte des dänischen Volkes zu schreiben. Ohne diesen Auftraggeber gäbe es die Gesta Danorum nicht.
Saxos Lebenswerk trägt den Titel Gesta Danorum, „Die Taten der Dänen". Es umfasst sechzehn Bücher und spannt einen Bogen von der grauen Vorzeit bis in Saxos eigene Gegenwart um 1200. Begonnen hat er wohl in den 1180er Jahren, vollendet wurde das Werk erst nach Absalons Tod, um 1208; die Widmung richtet sich an Absalons Nachfolger, Erzbischof Anders Sunesen, und an König Waldemar II.
Was das Werk unter allen mittelalterlichen Geschichtswerken des Nordens heraushebt, ist die Sprache. Saxo schrieb nicht in der Volkssprache, sondern in einem kunstvollen, hochrhetorischen Latein, das sich bewusst an römischen Vorbildern der silbernen Latinität orientierte – an Autoren wie Valerius Maximus und Justin. Er wollte beweisen, dass die Dänen eine Vergangenheit besitzen, die den Griechen und Römern in nichts nachsteht. Die Gesta Danorum sind damit weniger eine nüchterne Chronik als ein patriotisches Denkmal: die Feier eines Volkes, das seine eigenen Helden, Könige und Ursprungssagen verdient.
Ich, Saxo, geringster unter den Gefährten Absalons, ließ mich durch den Willen meines Herrn bewegen, ein Werk auf mich zu nehmen, das meine Kräfte übersteigt: die Taten der Dänen der Vergessenheit zu entreißen und schriftlich festzuhalten, damit sie nicht länger ungenannt bleiben.Sinngemäß nach der Vorrede der Gesta Danorum; Übersetzung: Glanz & Gravur
Man versteht Saxos Werk nur, wenn man seinen Auftraggeber kennt. Absalon von Lund war keine blasse Klostergestalt, sondern eine der mächtigsten Persönlichkeiten des dänischen Hochmittelalters: Bischof von Roskilde, dann Erzbischof von Lund, zugleich Flottenführer in den Kriegen gegen die heidnischen Wenden an der Ostseeküste und rechte Hand zweier Könige. Ihm verdankt Kopenhagen seine erste Burg, und ihm verdankt die dänische Kirche einen Großteil ihres Aufstiegs.
Ein solcher Mann wollte, dass die Größe seines Volkes und seiner Herren für immer festgehalten wurde – in der Bildungssprache Europas, dem Latein, damit sie auch außerhalb des Nordens Achtung fand. Saxo war das Werkzeug dieses Ehrgeizes. Das erklärt zugleich den Ton der Gesta Danorum: Sie sind nicht neutral, sondern das kulturelle Prestigeprojekt eines Machtzentrums, das dem jungen dänischen Königtum eine ruhmreiche Vorgeschichte schenken wollte. Als Absalon 1201 starb, war das Werk noch nicht vollendet; Saxo brachte es unter dessen Nachfolger zu Ende und blieb seinem verstorbenen Herrn im Widmungsgedanken treu.
Die Gesta Danorum zerfallen deutlich in zwei Hälften. Die ersten neun Bücher schildern die mythische und legendäre Vorzeit: eine Welt voller Riesen, Zauberer, Ungeheuer und übermenschlicher Krieger, in der die alten Götter noch auftreten. Die Bücher zehn bis sechzehn dagegen nähern sich der greifbaren Geschichte – der Christianisierung, den dänischen Königen des Hochmittelalters, schließlich Absalon und Waldemar selbst.
Für uns ist vor allem die erste Hälfte kostbar. Denn hier bewahrt Saxo Sagenstoffe, die es sonst nirgends oder nur in ganz anderer Form gibt. Er hatte Zugang zu mündlichen Überlieferungen, zu isländischen Gewährsleuten und offenbar auch zu heute verlorenen Dichtungen. Manches, was er festhielt, wäre ohne ihn spurlos verschwunden.
Der auffälligste Unterschied zur isländischen Überlieferung betrifft die Götter selbst. Saxo war ein christlicher Kleriker, und heidnische Gottheiten konnte er nicht als wahre Götter gelten lassen. Also griff er zu einem in der mittelalterlichen Gelehrsamkeit verbreiteten Kunstgriff: dem Euhemerismus. Die Götter des Nordens erscheinen bei ihm nicht als himmlische Mächte, sondern als Menschen – als besonders schlaue, mächtige oder betrügerische Sterbliche, die sich durch Zauberei den Ruf der Göttlichkeit erschlichen hätten.
Odin (bei Saxo Othinus) ist so ein Mann: ein listiger Herrscher und Magier, der von leichtgläubigen Völkern für einen Gott gehalten wird, den Saxo aber auch scheitern, sich blamieren und büßen lässt. Diese Umdeutung ist kein Versehen, sondern Programm. Sie erlaubte Saxo, die alten Geschichten überhaupt aufzuschreiben, ohne mit seinem christlichen Weltbild in Konflikt zu geraten – zugleich verfälscht sie das ursprüngliche religiöse Verständnis natürlich erheblich.
Die berühmteste Erzählung Saxos steht im dritten und vierten Buch: die Geschichte des Prinzen Amleth (lateinisch Amlethus). Sein Vater, der jütische Statthalter, wird vom eigenen Bruder ermordet, der daraufhin Thron und Witwe an sich reißt. Amleth stellt sich wahnsinnig, um dem Verdacht des Mörders zu entgehen, durchschaut alle Fallen, die man ihm stellt, und rächt am Ende kaltblütig und listenreich den Vater.
Wer hier Shakespeares Hamlet wiedererkennt, liegt richtig. Über einen Umweg – die französische Nacherzählung des François de Belleforest im 16. Jahrhundert – gelangte Saxos Amleth-Stoff nach England und wurde zur Vorlage für eines der berühmtesten Dramen der Weltliteratur. Der gespielte Wahnsinn, der ermordete Vater, der usurpierende Onkel, die Mutter an der Seite des Mörders: All das steht schon bei Saxo, Jahrhunderte vor Shakespeare. Wer eine Wikinger-Wurzel in Hamlet sucht, findet sie in einem dänischen Geschichtswerk um 1200.
Kaum irgendwo wird der Abstand zwischen Saxo und Island so greifbar wie beim Tod Baldrs. In der isländischen Überlieferung (bei Snorri Sturluson und in den Eddaliedern) ist Baldr der strahlende, unschuldige Gott, den niemand verletzen kann – bis der arglose, blinde Höðr, von Loki getäuscht, ihn mit einem Mistelzweig tötet. Es ist eine Tragödie über Neid, Betrug und den Verlust des Guten.
Bei Saxo (im dritten Buch) ist alles anders. Balderus und Høtherus (Hother) sind hier keine Opfer und Täter wider Willen, sondern erklärte Rivalen – zwei Halbgötter oder Heroen, die um dieselbe Frau kämpfen: die schöne Nanna. Hother ist kein blinder Unschuldiger, sondern ein tatkräftiger Held, der Balderus in offener Feindschaft gegenübertritt und ihn schließlich mit einem besonderen Schwert erschlägt. Aus dem himmlischen Trauerspiel wird bei Saxo eine irdische Geschichte von Eifersucht, Kriegslist und Konkurrenz. Beide Fassungen erzählen vom selben Namen – und meinen doch fast Gegensätzliches.
Zu Saxos eindrucksvollsten Gestalten gehört Starkad (lateinisch Starcatherus), ein riesenhafter, überlangelebiger Krieger von übermenschlicher Kraft, der durch die Jahrhunderte zieht, unzähligen Königen dient und am Ende seinen eigenen Tod als letzte Heldentat inszeniert. Starkad ist auch aus isländischen Quellen bekannt, doch Saxo widmet ihm besonders breiten Raum und formt ihn zum Inbegriff des altnordischen Kriegerideals – hart, ehrenhaft, unbeugsam gegen die Verweichlichung der Zeit.
Ebenso legendär ist die Schlacht von Bravalla (Bravellir), die Saxo im achten Buch mit gewaltigem Aufwand schildert: ein sagenhaftes Ringen zwischen dem greisen Dänenkönig Harald Hilditönn („Kampfzahn") und dem Schwedenkönig Sigurd Ring, in das die Helden des gesamten Nordens verwickelt sind. Historisch ist diese Schlacht nicht fassbar; sie ist Sage, keine Chronik. Aber sie zeigt, wie Saxo aus überliefertem Stoff ein monumentales Bild der heroischen Vorzeit komponierte.
So bedeutend die Gesta Danorum sind – ihre Überlieferung hing an einem seidenen Faden. Vollständige mittelalterliche Handschriften des Werks sind nicht erhalten. Was wir heute lesen, beruht ganz wesentlich auf dem ersten gedruckten Text: der Pariser Ausgabe von 1514, die der dänische Gelehrte Christiern Pedersen herausgab, gedruckt in der Offizin des Jodocus Badius Ascensius. Pedersen hatte eigens nach Handschriften gesucht, um Saxos Werk vor dem Vergessen zu bewahren – und tatsächlich beruht unsere Kenntnis des Gesamttextes bis heute im Kern auf dieser Druckausgabe.
Vom mittelalterlichen Pergament selbst blieben nur winzige Reste. Das wichtigste ist das sogenannte Angers-Fragment, ein 1863 in Frankreich entdecktes Blattstück mit Korrekturen und Umstellungen, das manche Forscher sogar als Arbeitsexemplar aus Saxos unmittelbarem Umkreis deuten. Es ist ein bewegendes Detail: von einem der größten Geschichtswerke des Nordens ist im Original kaum mehr übrig als eine Handvoll Zeilen.
So wertvoll Saxo ist – man muss ihn mit Vorsicht lesen. Drei Dinge färben sein Werk durchgehend. Erstens der christliche Blick: Ein Kleriker um 1200 konnte die alten Götter nur als Menschen oder Betrüger darstellen, nicht als das, was sie den Heiden einst bedeutet hatten. Zweitens der patriotische Zweck: Saxo schrieb im Auftrag der dänischen Krone und Kirche eine Ruhmesgeschichte der Dänen. Dänische Könige und Helden erscheinen entsprechend groß, ihre Gegner oft klein. Drittens der zeitliche Abstand: Zwischen dem Ende des Heidentums und Saxos Feder liegen rund zweihundert Jahre. Er beschreibt eine Glaubenswelt, die er nie selbst erlebt hat.
Hinzu kommt, dass Saxo seine Stoffe literarisch durchformte. Er ordnete, deutete, verband Sagen zu einem großen Bogen und legte den Figuren wohlgesetzte lateinische Reden in den Mund. Wo die isländischen Quellen oft knapp und kantig sind, ist Saxo ausgeschmückt und rhetorisch. Das macht ihn zu großartiger Literatur – und zu einer Quelle, deren Angaben man nie unbesehen für bare heidnische Münze nehmen darf.
Saxo und die isländischen Schreiber arbeiteten fast zur selben Zeit: Snorri Sturluson verfasste seine Prosa-Edda und die Heimskringla in den 1220er und 1230er Jahren, nur eine Generation nach Saxo. Beide schöpften aus einem gemeinsamen germanischen Sagenschatz, der über Jahrhunderte mündlich weitergegeben worden war – und beide gaben ihm ihre eigene Prägung. Saxo selbst würdigt in seiner Vorrede ausdrücklich die Isländer als Bewahrer alter Überlieferung; er wusste, dass auf der fernen Insel ein Gedächtnis lebte, das anderswo verblasst war.
Doch die Wege trennten sich. Die Isländer schrieben in ihrer eigenen Sprache und blieben näher an der dichterischen Form der alten Lieder; Saxo goss denselben Stoff in römisches Latein und in das Gewand antiker Geschichtsschreibung. Wo der Isländer einen Vers zitiert, hält Saxo eine Rede. Wo Snorri die Götter als Götter erzählt (und erst im Nachhinein gelehrt einordnet), macht Saxo sie von vornherein zu Menschen. So entstanden aus einer Wurzel zwei sehr verschiedene Bäume. Wer nur den einen kennt, sieht nur die halbe Krone.
Trotz all dieser Vorbehalte ist Saxo Grammaticus für jeden, der die nordische Sagenwelt ernst nimmt, unentbehrlich. Er ist das große Gegengewicht zu Island: eine unabhängige Überlieferung, die vieles bestätigt, manches ergänzt und einiges völlig anders erzählt. Gerade in dieser Reibung liegt sein Wert. Wo Saxo und die Edda übereinstimmen, dürfen wir vermuten, dass ein alter Kern durchscheint. Wo sie sich widersprechen, lernen wir etwas über die Vielfalt und die Wandelbarkeit der Überlieferung – und über das, was Christentum, Landestolz und Jahrhunderte des Abstands aus alten Geschichten machen können.
Ohne Saxo wüssten wir nichts von Amleth und damit vielleicht nichts von Hamlet. Wir kennten nur die eine Baldr-Geschichte, nicht die zweite. Und uns fehlte die Erinnerung daran, dass die Sagen des Nordens nie nur an einem Ort lebten, sondern über die Meere hinweg erzählt, umgeformt und immer wieder neu gedeutet wurden. Saxo Grammaticus ist der Beweis, dass es die eine, reine Wahrheit über die alten Götter nicht gibt – sondern viele Stimmen, die man alle hören muss, um ehrlich zu bleiben.

Snorri Sturluson · Die Edda · Ragnar Lodbrok · Balder · Das nordische Pantheon.
Ein Zwergenfluch, ein neu geschmiedetes Schwert und ein Stich von unten: Wie der junge Sigurd den goldgierigen Drachen …
Weiterlesen →Es ist die berühmteste Schmiedeszene des Nordens: zwei Zwergenbrüder, ein Wetteinsatz um Lokis Kopf und eine Fliege …
Weiterlesen →Fast alles, was wir heute über Odin, Thor und den Weltenbrand zu wissen glauben, läuft an einer einzigen Stelle …
Weiterlesen →Manche Helden ziehen mit dem Schwert aus. Svipdagr zieht mit den Schutzzaubern seiner toten Mutter aus – und mit einer …
Weiterlesen →