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Die Runenweihe und ihre verschiedenen Formen

Runen & Schrift Die Runenweihe und ihre verschiedenen Formen

Was ist eine „Runenweihe“ – und gab es sie überhaupt? Diese ausführliche Abhandlung führt durch alle Formen: von der belegten Weiheformel „Þórr vígi“ auf echten Runensteinen über das Röten und Ausmalen der Zeichen, die Formelwörter und Amulette bis zu den Runenarten der Dichtung und der modernen „Runenweihe“ – Schritt für Schritt, mit Quellen und ehrlicher Trennung von gesichertem Beleg und bloßer Deutung.

Was „Runenweihe" meint

Wer heute nach „Runenweihe" sucht, stößt schnell auf feierliche Rituale, geheime Formeln und viel Kerzenschein. Halten wir gleich zu Beginn fest, was ehrlich ist: „Runenweihe" ist kein überlieferter Fachbegriff der Wikingerzeit. Kein Runenmeister der Eisen- oder Wikingerzeit hätte dieses Wort benutzt. Es ist ein moderner Sammelbegriff, unter dem wir heute ganz verschiedene Handlungen und Formeln zusammenfassen, die sich in den Inschriften tatsächlich greifen lassen: das Ritzen und das ausdrückliche Benennen des Machens, das Weihen eines Denkmals an eine Gottheit, das Ausmalen und Röten der Zeichen sowie Schutz- und Fluchformeln.

Das ist kein kleiner Unterschied, denn er verschiebt den Blick vom romantischen Bild „geheimnisvoller Zauberrunen" hin zu dem, was Runensteine, Amulette und Brakteaten wirklich sagen. Und da lohnt der nüchterne Hinweis des Runologen R. I. Page: Die überwiegende Mehrheit der erhaltenen Runeninschriften ist profan. Sie nennen Namen, kennzeichnen Besitz, gedenken der Toten oder halten schlicht fest, wer etwas geschnitzt oder bezahlt hat. Ein rituell-magischer Gebrauch der Runen hat existiert – aber daneben, nicht anstelle der ganz alltäglichen Schrift.

Vorsicht bei der Vokabel: „Runenweihe" fasst mehrere unterschiedliche Praktiken unter einem modernen Etikett zusammen. Ein einheitliches, festes Ritual „der Runenweihe" ist nicht überliefert. Wer das Gegenteil behauptet, verkauft Deutung als Beleg.

In diesem Artikel bleiben wir konsequent bei dem, was epigraphisch – also durch die Inschriften selbst – belegt ist, ehe wir die dichterischen Quellen (Sigrdrífumál, Egils saga und Verwandtes) und die moderne „Runenweihe" gesondert betrachten. Zuerst zählt der Stein, das Metall, das Knochenplättchen.

Die Weiheformel „Thor weihe“

Der stärkste, klarste Beleg für eine echte „Weihung" von Runen steckt in einem einzigen altnordischen Verb: vígja – weihen, heiligen. Auf mehreren Runensteinen wird ein Gott angerufen, das Denkmal oder ausdrücklich die Runen zu weihen und damit zu schützen. Und dieser Gott ist regelmäßig Thor.

Am berühmtesten ist der Glavendrup-Stein auf Fünen (DR 209, um 900–925), das größte Runendenkmal Dänemarks, gestiftet von einer Frau namens Ragnhildr für ihren Mann. Nach dem Gedenktext folgt die Anrufung:

þur : uiki : þasi : runaʀ — „Thor weihe diese Runen."Glavendrup-Stein, Fünen (DR 209); Umschrift nach Rundata, sinngemäße Übersetzung Glanz & Gravur

Hier wird die Inschrift selbst unter göttlichen Schutz gestellt. Nicht ein Mensch, nicht ein Amt, sondern der Donnergott soll seine Hand über die eingehauenen Zeichen halten. Damit haben wir keinen esoterischen Umweg, sondern eine wörtlich formulierte Weihung – auf Stein, datierbar, mehrfach belegt.

Die Formel „Þórr vígi" (Thor weihe) ist kein Einzelfall. Sie oder eng verwandte Wendungen begegnen auch auf dem Sønder-Kirkeby-Stein (Falster, DR 220), dem Virring-Stein (Jütland, DR 110) und dem Velanda-Stein (Västergötland, Vg 150). Mehrere unabhängige Denkmäler zeigen also dieselbe Handlung: das Weihen des Runenwerks an Thor.

Interessant ist das christliche Gegenstück, das sich nur wenig später über den ganzen Norden legt: Statt „Thor weihe diese Runen" heißt es nun in unzähligen Fürbitten „Gott helfe seiner Seele" oder „Gott und Gottesmutter helfen seiner Seele". Die Grundhaltung bleibt dieselbe – man stellt das Denkmal und den Verstorbenen unter höheren Schutz. Nur die Adresse hat gewechselt.

Der Glavendrup-Stein auf Fünen mit der Weiheformel Thor weihe diese Runen
Der Glavendrup-Stein (Fünen, DR 209) trägt die Weiheformel „þur uiki þasi runaʀ“ – „Thor weihe diese Runen“. Foto: Photophobia.dk (gemeinfrei).

Machen, Ritzen, Malen: die Herstellungsformeln

Ein zweiter, sehr alter Zug germanischer Runeninschriften ist, dass sie den Akt des Herstellens ausdrücklich benennen – oft in der ersten Person, fast feierlich. Der Ritzer tritt aus dem Werk heraus und sagt: Ich habe das gemacht.

Auf dem Einang-Stein in Norwegen (etwa 4. Jahrhundert) steht die Wendung runo faihido – „(ich) malte die Rune". Auf den Goldhörnern von Gallehus (frühes 5. Jahrhundert) lesen wir ek hlewagastiʀ holtijaʀ horna tawido – „Ich, Hlewagastiʀ [aus] Holt, machte das Horn"; tawido heißt schlicht „ich machte". Verwandte Verben sind worahto/wrait („ich wirkte/schrieb/ritzte") und fáði („malte"). Diese Formeln sind nicht bloß Signaturen im modernen Sinn – sie machen das Herstellen selbst zum Teil der Inschrift.

Sprachlich lohnt der genaue Blick: tawido bezeichnet das Anfertigen des Gegenstands, faihido dagegen das Malen bzw. Farbig-Machen der Zeichen (urverwandt mit „malen/färben"). Schon das eine Wort zeigt, dass Runen nicht nur geritzt, sondern ausgemalt wurden.

Oft nennt der Runenkundige sich dabei selbst. Ein bemerkenswerter Titel taucht in mehreren frühen Inschriften auf: der erilaʀ. Was genau er bedeutete – Runenmeister, Anführer, Ritualkundiger –, ist umstritten, aber er markiert offenkundig jemanden mit besonderem Rang im Umgang mit der Schrift. Das Lindholmen-Amulett (Schonen, DR 261) beginnt selbstbewusst: ek erilaʀ sa wilagaʀ haiteka – „Ich, der erilaʀ, heiße der Listige/Gewiefte." Wer so beginnt, versteht das Ritzen als Können, nicht als Zufall.

Zeichnung eines der Goldhörner von Gallehus mit Runenband
Eines der Goldhörner von Gallehus – die Inschrift nennt das Machen selbst: „ek hlewagastiʀ … horna tawido“ („ich machte das Horn“). Zeichnung J. R. Paulli, 1734 (gemeinfrei).

Das Röten der Runen

Wenn Runen ausdrücklich gemalt werden, drängt sich die Frage nach der Farbe auf. Und tatsächlich: An zahlreichen Runensteinen sind Pigmentspuren nachgewiesen – Rot, Schwarz, Weiß. Die Zeichen wurden also nicht als graue Kerben belassen, sondern farbig ausgelegt, damit sie lesbar und wirkungsvoll hervortraten. Das Verb faihido („malen/färben") aus den frühen Inschriften gehört genau hierher.

Aus diesem archäologisch gesicherten Bemalen entsteht in der Überlieferung ein zweiter, dramatischerer Gedanke: das Röten der Runen mit Blut, altnordisch rjóða („röten"). In der Dichtung – etwa im Sigrdrífumál – und in der Sagaliteratur (Egils saga) wird beschrieben, wie Runen mit Blut bestrichen werden, um sie erst wirksam zu machen. Diesen literarischen Faden greifen wir weiter unten ausführlich auf.

Sauber getrennt: Das Bemalen der Runen mit Farbe ist archäologisch belegt (Pigmentreste an Steinen, das Wort faihido). Das Röten mit Blut ist literarisch überliefert – ein starkes Bild der Dichtung, für die tatsächliche Ritualpraxis der Wikingerzeit aber nicht gesichert. Farbe ja; Blut: unbewiesen.

Die geheimnisvollen Formelwörter

Es gibt eine kleine Gruppe von Wörtern, die sich hartnäckig einer schlichten Erklärung entziehen. Sie stehen auf Brakteaten (goldenen Anhängern der Völkerwanderungszeit), auf Amuletten und auf Steinen, und sie lassen sich kaum als bloße Mitteilung lesen. Genau deshalb gelten sie als die stärksten Kandidaten für einen kultisch-„weihenden" Gebrauch der Runen.

Das häufigste ist alu. Seine Deutung ist offen – vorgeschlagen wurden „Schutz/Abwehr", „Ekstase", „Bier" (im Sinne eines rituellen Trunks) oder „Tabu/das Geheiligte". Dazu kommt laukaʀ („Lauch"), das als Zeichen für Wachstum, Reinheit und Fruchtbarkeit gedeutet wird – der Lauch war eine geschätzte, kräftige Pflanze. Und schließlich laþu, wohl „Einladung, Ladung, Herbeirufung", also ein Herbeirufen von etwas Wirksamem.

So verlockend die Deutungen klingen: Die genaue Bedeutung von alu, laukaʀ und laþu ist nicht gesichert. Die Forschung (Düwel, Runenkunde 2008; MacLeod & Mees, Runic Amulets and Magic Objects 2006) diskutiert sie als wahrscheinlich formelhaft-kultische Wörter – aber jede feste Übersetzung bleibt Deutung, kein Beleg.

Wichtig ist der methodische Punkt: Gerade weil diese Wörter keine praktische Nachricht ergeben, spricht vieles dafür, dass sie eine Funktion jenseits des reinen Mitteilens hatten. Das ist so nah an einer „weihenden" Wortmagie, wie die Quellen uns kommen lassen – und zugleich ein Bereich, in dem Ehrlichkeit heißt, die eigenen Grenzen zu benennen.

Amulette und Schutzinschriften

Am handfestesten wird die Schutzfunktion der Runen bei kleinen, tragbaren Objekten. Hier trägt jemand die Zeichen bewusst am Körper – nicht als Grabmal, sondern als Abwehr.

Das Lindholmen-Amulett (Schonen, etwa 5.–6. Jahrhundert), ein beschriftetes Knochenstück, trägt neben der stolzen erilaʀ-Formel eine Reihe von Runen und das Wort alu – ein früher Beleg dafür, dass solche Formelwörter auf einem Amulett Platz fanden. Aus der späten Wikingerzeit stammt das Kvinneby-Amulett von Öland (11. Jahrhundert), ein kleines Kupferblech: Es ruft, so die verbreitete Lesung, den Schutz Thors mit seinem Hammer für den Träger an. Und das Sigtuna-Amulett (ebenfalls Kupfer) richtet sich als Bann gegen ein Fieber bzw. einen dämonischen „Thursen".

Diese Objekte zeigen Runen ausdrücklich in Schutz- und Abwehrfunktion: alu auf dem Lindholmen-Amulett, die Anrufung Thors mit dem Hammer auf dem Kvinneby-Blech, die Bannformel gegen den „Thursen" auf dem Sigtuna-Amulett. Sie sind – anders als der Alltagsbrief oder die Besitzmarke – erkennbar auf Wirkung angelegt.

Man sieht hier schön, wie die einzelnen Fäden zusammenlaufen: die Anrufung eines Gottes (wie beim Þórr-vígi-Stein), das Formelwort (alu) und der ausdrückliche Bezug auf ein bedrohliches Gegenüber (Fieber, Thurse). Das ist gelebte Schutzmagie in Metall und Knochen – belegt, datierbar, tragbar.

Fluch und Bann: die dunkle Seite

Weihen heißt schützen – und Schutz hat eine Kehrseite. Wer ein Denkmal unter höheren Schutz stellt, kann denselben Schutz als Fluch gegen den richten, der es antastet. Diese negative Weihung ist auf Stein ebenso belegt wie die freundliche.

Die berühmtesten Beispiele sind die beiden Steine von Björketorp und Stentoften in Blekinge (Südschweden, etwa 7. Jahrhundert, in den Übergangsrunen zwischen älterem und jüngerem Futhark). Stentoften verbindet eine Segensaussage über eine gute Ernte mit einem drohenden Fluch; Björketorp trägt eine regelrechte Weissagung des Verderbens gegen jeden, der das Monument zerbricht.

Weissagung des Verderbens … ruhelos und von heimtückischem Tod (sei), wer dies zerbricht.Björketorp-Stein, Blekinge (DR 360), sinngemäße Übersetzung Glanz & Gravur nach der Rundata-Umschrift

Die Blekinger Steine (Björketorp, DR 360; Stentoften, DR 357) sind die klarsten epigraphischen Belege für eine Fluchformel: Runen, die nicht nur benennen und gedenken, sondern binden und strafen sollen. Das ist die dunkle Kehrseite derselben Vorstellung, aus der auch das „Þórr vígi" spricht.

Die Weihenden und die Runenmeister

Wer ritzte und weihte die Runen? Am Anfang steht ein rätselhafter Titel: erilaʀ. Auf mehreren Inschriften der Völkerwanderungszeit (etwa 400–600) bezeichnet sich eine Person ausdrücklich als erilaʀ – so auf dem Speerschaft von Kragehul, auf dem Stein von By in Norwegen und auf dem Stein von Rosseland. Die Formel lautet dort meist „ek erilaʀ …", also „ich, der erilaʀ …". Das Wort meint offenkundig jemanden mit besonderem Rang im Umgang mit der Schrift. Wie weit dieser Rang reichte, ist bis heute umstritten: Die Deutungen schwanken zwischen „Runenmeister", „Anführer" und „ritualkundiger Person". Manche Forscher verbinden das Wort sogar mit dem Volksnamen der Heruler; sicher ist das nicht.

ek wagigaʀ irilaʀ agilamundonStein von Rosseland, Norwegen (ca. 5.–6. Jh.); sinngemäß: „Ich, Wagigaʀ, der erilaʀ des/der Agilamundō." – eigene Übersetzung

In der Wikingerzeit wird das Handwerk greifbarer, weil die Ritzer beginnen, ihr Werk zu signieren. Auf den Runensteinen des 11. Jahrhunderts, vor allem in der schwedischen Landschaft Uppland, treten Meister mit Namen hervor. Der bekannteste ist Öpir, dem eine große Zahl von Steinen zugeschrieben wird (die Angaben schwanken je nach Zählung um mehrere Dutzend). Weitere namentlich fassbare Ritzer sind Ásmundr Káresson, Balli und Fótr. Und schon rund zwei Jahrhunderte früher hinterließ ein Mann namens Varinn auf dem Rök-Stein (Rundata Ög 136) die längste bekannte Runeninschrift überhaupt – ein Denkmal für seinen verstorbenen Sohn.

Beleg: Der Titel erilaʀ ist auf mehreren echten Inschriften der Völkerwanderungszeit bezeugt (u. a. Kragehul, By, Rosseland). Signierende Runenmeister der Wikingerzeit wie Öpir, Ásmundr Káresson, Balli und Fótr sind über die von ihnen ausgeführten und teils selbst genannten Steine dokumentiert (Rundata; Düwel, Runenkunde 2008). Der Rök-Stein (Ög 136) nennt den Auftraggeber und Ritzer Varinn.

Deutung, kein Beweis: Dass ein erilaʀ ein Priester oder Zauberer gewesen sei, ist eine Vermutung – die exakte Bedeutung bleibt offen. Und nicht jeder Ritzer war ein Ritualfachmann. Viele Runensteinsignaturen stammen von schlicht schriftkundigen Handwerkern, die stolz auf ihr Können waren. „Ritzen" und „weihen" fielen nicht automatisch zusammen.

Der Kamm von Vimose mit der Runeninschrift harja
Der Kamm von Vimose (um 160 n. Chr.) trägt mit „harja“ eine der ältesten datierbaren Runeninschriften überhaupt. Foto: Nationalmuseet Kopenhagen (CC BY-SA 3.0).

Wie eine Inschrift entstand: Werkzeug, Ritzen, Malen

Ein Runenstein war kein spontanes Gekritzel, sondern ein mehrstufiges Werkstück. Zuerst wurde die Fläche geglättet und der Text mitsamt Ornament vorgezeichnet. Dann trieb der Meister die Linien mit Meißel und Schlägel in den Stein – bei kleineren oder weicheren Steinen genügte auch das Messer. Der letzte Schritt aber wird oft vergessen: Die fertige Inschrift wurde ausgemalt. Erst die Farbe machte die Zeichen auf Distanz lesbar.

Dass Runensteine bemalt waren, ist nicht nur überliefert, sondern chemisch nachgewiesen: An mehreren Steinen fanden sich Pigmentspuren. Für Rot diente meist Mennige (Bleirot) oder Eisenocker, für Schwarz Ruß oder Kohle, dazu vereinzelt Weiß. Die kräftig rot nachgezogenen Runen, die man heute in Museen und an Freilichtstandorten sieht, sind daher eine begründete Rekonstruktion – nicht der zufällige Zustand nach tausend Jahren Wetter. Das Verb, das die Steine selbst gebrauchen, sagt es deutlich: faði bedeutet „schrieb" bzw. „malte".

… in Varinn faði, faðiʀ, aft faigian sunuRök-Stein, Ög 136 (frühes 9. Jh.); sinngemäß: „… und Varinn malte (die Runen), der Vater, seinem todgeweihten Sohn." – eigene Übersetzung

Der weitaus größte Teil aller Runen entstand allerdings gar nicht auf Stein, sondern auf vergänglichem Material: auf Holzstäbchen und Knochen, geritzt mit dem Messer im Alltag. Dass davon so wenig blieb, liegt allein am Werkstoff. Die rund 670 beschrifteten Holzfunde von Bryggen in Bergen zeigen, wie verbreitet Alltagsrunen waren – auch wenn diese Fundgruppe großteils erst nach der eigentlichen Wikingerzeit datiert.

Beleg: Bemalung von Runensteinen ist durch Pigmentanalysen mehrfach gesichert (Rot = meist Mennige/Ocker, Schwarz = Ruß). Das Verb faði/fá („malen") ist auf zahlreichen Steinen selbst zu lesen. Der Massenbefund von Bryggen belegt Runen als Alltagsschrift auf Holz (MacLeod & Mees 2006; Düwel 2008).

Deutung, kein Beweis: Eine förmliche „Weihe-Zeremonie" während des Ritzens ist nirgends überliefert. Herstellung und rituelle Handlung sind zwei Paar Schuhe: Dass Runen gemalt wurden, ist Fakt; dass jeder Ritzvorgang von einem Weiheritus begleitet war, ist reine Annahme.

Schutz und Heilung: weitere Zeugnisse

Runen dienten nicht nur dem Gedenken, sondern galten auch als Mittel gegen Krankheit, Schmerz und Dämonen. Über die bekannten Amulette hinaus – das Kupferblech von Kvinneby und das Amulett von Sigtuna seien hier nur als Querverweise genannt – gibt es dafür mehrere aufschlussreiche Objekte.

Da ist der Ribe-Schädel: ein Stück eines menschlichen Schädels aus dem 8. Jahrhundert, in das Runen geritzt wurden. Die Inschrift nennt Götternamen (unter anderem Óðinn) und ist wohl als Anrufung um Hilfe gegen Schmerz zu verstehen – gegen einen „Zwerg", der in altnordischer Vorstellung als krankheitsbringendes Wesen gedacht werden konnte. Die genaue Lesung ist umstritten, der Charakter als Heilzauber aber breit anerkannt.

Rund drei Jahrhunderte jünger ist der Canterbury-Zauberspruch: eine Runenzeile, die am Rand einer englischen Handschrift des 11. Jahrhunderts eingetragen wurde. Sie richtet sich gegen einen „Blutthursen", also einen Wund- oder Blutungsdämon, und ruft dazu ausdrücklich Thor an.

Gyril, Wundverursacher, fahre nun hin! Gefunden bist du. Thor weihe dich, Herr der Thursen.Canterbury-Zauberspruch, Runeneintrag in einer Handschrift (11. Jh.); sinngemäße Wiedergabe – eigene Übersetzung

Auf den germanischen Kontinent führt die Nordendorf-Fibel (etwa 6./7. Jahrhundert), gefunden in Bayern. Sie trägt die Götternamen Wodan und Wigiþonar – letzteres wörtlich der „Kampf-" oder „Weihe-Donar", also der kontinentale Donnergott. Damit zeigt sie, dass beschriftete Schmuckstücke auch als Träger von Götteranrufungen dienen konnten.

Beleg: Ribe-Schädel (~8. Jh.), Canterbury-Zauberspruch (11. Jh.) und Nordendorf-Fibel (6./7. Jh.) sind echte, publizierte Funde mit Runen im Heil-, Schutz- oder Götteranrufungs-Kontext (Düwel 2008; MacLeod & Mees, Runic Amulets and Magic Objects 2006).

Deutung, kein Beweis: Die Lesungen dieser Inschriften sind teils strittig, einzelne Wörter unsicher. Dass Runen als Heilmittel galten, ist gut belegt – ob sie „wirkten", ist keine Frage der Geschichtswissenschaft, sondern des Glaubens der damaligen Menschen.

Goldbrakteaten: Weihegaben aus Gold

Zu den eindrucksvollsten Runenträgern gehören die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit (5./6. Jahrhundert). Es sind dünne, einseitig geprägte Goldscheiben, die man als Anhänger trug. In grober Größenordnung sind rund tausend Stück bekannt. Viele zeigen ein Bild – oft einen Kopf oder Reiter über einem Tier – und tragen dazu Runen, häufig die schon bekannten Formelwörter alu, laþu, laukaʀ oder ota.

Zwei Stücke ragen heraus. Der Vadstena-Brakteat (Schweden) trägt eine frühe, vollständige Futhark-Reihe, geordnet in ihre drei Achter-Gruppen – ein seltener Beleg dafür, dass die Reihenfolge des Alphabets selbst als bedeutsam galt. Und der Vindelev-Hort aus Dänemark, im Jahr 2020 mit dem Metalldetektor entdeckt und 2023 wissenschaftlich publiziert, enthält einen Brakteaten mit einer aufsehenerregenden Zeile.

… iz Wōðanas weraz …Vindelev-Brakteat, Dänemark (5. Jh.), Lesung Imer u. a. 2023; sinngemäß: „… er ist Wōðanaʀ' (Odins) Mann." – eigene Übersetzung

Diese Zeile gilt als die früheste bislang sichere Nennung Odins überhaupt – Jahrhunderte vor den isländischen Handschriften, aus denen wir die meisten Göttergeschichten kennen. Brakteaten wurden getragen und immer wieder in Horten in den Boden gelegt. Vieles spricht dafür, dass sie Schutz- oder Weihegaben waren; die genaue Absicht bleibt offen, ihr kultischer Charakter ist aber breit anerkannt.

Beleg: Goldbrakteaten mit Runen-Formelwörtern sind in großer Zahl erhalten. Der Vadstena-Brakteat trägt eine Futhark-Reihe; der 2020 gefundene und 2023 publizierte Vindelev-Brakteat enthält die früheste sichere Odin-Nennung („iz Wōðanas weraz", Imer u. a. 2023).

Deutung, kein Beweis: Warum genau Brakteaten in Horten niedergelegt wurden – als Opfer, als Sicherung von Wertsachen oder beides – ist nicht abschließend geklärt. Die genannten Stückzahlen sind grobe Größenordnungen, keine exakten Zählwerte.

Der Snoldelev-Stein mit Dreihörner-Symbol
Runensteine wie der Snoldelev-Stein zeigen, wie das Ritzen, Benennen und Gedenken zum festen Handwerk gehörte. Foto: gemeinfrei.

Vom heidnischen Weihen zum christlichen Segen

Am Ende der Wikingerzeit verschwindet das Weihen der Runen nicht – es wechselt die Adresse. Die alte heidnische Bitte „Þórr vígi" („Thor weihe"), wie sie von Steinen wie Glavendrup bekannt ist, findet ihre Fortsetzung in einer christlichen Fürbitte, die auf tausenden Runensteinen des 11. Jahrhunderts steht.

Guð hjalpi ǫnd hansgängige Schlussformel wikingerzeitlicher Runensteine (11. Jh.); sinngemäß: „Gott helfe seiner Seele." – eigene Übersetzung

Der Rahmen bleibt derselbe: Ein Mensch setzt einen Stein für einen Verstorbenen und ruft eine höhere Macht um Beistand an. Nur der Adressat hat gewechselt – von Thor zum christlichen Gott. Dieser Übergang war kein harter Bruch. In der Umbruchszeit trugen Menschen Thorshammer-Anhänger und Kreuz-Anhänger nebeneinander; aus der dänischen Werkstatt von Trendgården ist sogar eine Gussform bekannt, die beides zugleich herstellen konnte – Hammer und Kreuz.

Auch die Schrift selbst überlebte den Glaubenswechsel mühelos. Runen blieben im christlichen Norden in Gebrauch: auf Grabplatten, in Kirchen, auf Kirchenglocken. Es war also kein „Kampf der Symbole", sondern ein gleitender Übergang, bei dem das Bedürfnis, ein Werk und einen Menschen unter Schutz zu stellen, unverändert blieb.

Beleg: Die Fürbitte „Guð hjalpi ǫnd hans" ist die Standard-Schlussformel unzähliger Runensteine des 11. Jahrhunderts (Rundata). Doppelgussformen für Thorshammer und Kreuz (Trendgården, Dänemark) sowie Runen auf mittelalterlichen Grabplatten und Kirchenglocken belegen die Kontinuität der Schrift über den Glaubenswechsel hinweg.

Deutung, kein Beweis: Das Nebeneinander von Hammer und Kreuz muss nicht bedeuten, dass ein Mensch beiden Göttern zugleich anhing – es kann Mode, Vorsicht oder eine Phase des Suchens gespiegelt haben. Sicher ist nur die Gleichzeitigkeit der Objekte, nicht die Gesinnung dahinter.

Odin und der Ursprung der Runen (Hávamál)

Wenn wir von einer „Runenweihe" sprechen, führt der Weg fast zwangsläufig zu einer der berühmtesten Szenen der nordischen Dichtung: Odins Selbstopfer am Weltenbaum. Im sogenannten Rúnatal, den Strophen 138 bis 145 des Eddaliedes Hávamál („Die Sprüche des Hohen"), erzählt der Gott in der Ich-Form, wie er die Runen überhaupt erst gewann. Er hängt neun Nächte lang an einem windigen Baum, vom Speer verwundet, sich selbst geweiht – „gefinn Óðni, sjalfr sjalfum mér", gegeben dem Odin, ich selbst mir selbst. Ohne Brot, ohne Trinkhorn blickt er hinab, bis er die Runen „aufnimmt", schreiend, und wieder herabfällt.

Ich weiß, daß ich hing / am windigen Baum / neun ewige Nächte, / verwundet vom Speer, / dem Odin geweiht, / mir selber ich selbst, / an jenem Baum, / dem keiner kennt, / aus welcher Wurzel er sprießt.Hávamál 138, Übersetzung Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)

Für unser Thema ist die Doppelbewegung entscheidend: Die Runen werden nicht einfach erfunden, sie werden durch ein Opfer errungen – und im selben Atemzug geht es ums Handwerk. In den folgenden Strophen ist die Rede vom Ritzen, vom Deuten, vom Färben und vom rechten Umgang mit den Zeichen. Wer schreibt sie, wer rötet sie, wer prüft sie? Genau diese Verben – ritzen, färben, deuten – kehren später in fast allen literarischen Runenszenen wieder.

Anschließend, im Ljóðatal (Hávamál 146 bis 163), zählt Odin achtzehn Zaubersprüche auf, die er beherrscht: gegen Sorgen und Krankheit, um Fesseln zu lösen, um Pfeile im Flug zu bremsen, um Feuer zu bändigen, um Tote zum Reden zu bringen, um die Liebe einer Frau zu gewinnen. Hier lauert ein sehr häufiger Irrtum, den man ruhig einmal klar aussprechen darf.

Achtung, verbreiteter Fehler: Die achtzehn Strophen des Ljóðatal beschreiben achtzehn Zauberliedernicht achtzehn Runen. Im Text steht keine Reihe von achtzehn Zeichen, es steht eine Liste von achtzehn Wirkungen. Aus dieser Verwechslung ist später ein ganzes Missverständnis erwachsen (siehe unten, Guido von List). Das historische ältere Fuþark hat 24 Runen, das jüngere 16 – nie achtzehn.

Sigrdrífumál: die Arten der Runen

Die zweite große Dichtungsquelle ist das Sigrdrífumál, ein Heldenlied aus dem Umkreis der Sigurd-Sage. Die Walküre Sigrdrífa, von Odin mit dem Schlafdorn in langen Schlaf versetzt und vom Helden Sigurd geweckt, lehrt ihn zum Dank verschiedene „Runen". Gemeint sind keine einzelnen Buchstaben, sondern Anwendungsweisen – Runenkünste für bestimmte Lebenslagen. Das ist die klassische Quelle, wenn heute von „verschiedenen Formen der Runenweihe" die Rede ist:

Sigrúnar (Siegrunen) soll man kennen, wer im Kampf siegen will; man ritzt sie in den Schwertgriff und ruft den Gott Týr zweimal an. Ölrúnar (Bier- oder Alrunen) schützen davor, dass ein anderer einem Unheil in den Trunk mischt; man ritzt sie auf das Trinkhorn und auf den Handrücken und legt Lauch (laukr) in den Becher. Bjargrúnar (Berge- oder Geburtsrunen) helfen der Frau bei der Niederkunft. Brimrúnar (Brandungs- oder Seerunen) ritzt man in Steven und Ruder und brennt sie ins Steuerblatt, damit das Schiff heil durch die Wellen kommt. Limrúnar (Zweig- oder Gliedrunen) sind Heilrunen; man schneidet sie in die Rinde und in die Blätter der Bäume. Málrúnar (Rederunen) helfen vor Gericht und schützen vor Vergeltung. Hugrúnar (Gedankenrunen) machen den weiser als jeden anderen.

Dazu gibt das Lied gleichsam eine Handanweisung, die uns die vier Kernbegriffe des rituellen Umgangs liefert: rísta (ritzen), rjóða (röten, mit Blut färben), (malen, farbig ausfüllen) und ráða (recht deuten). Ritzen, röten, malen, deuten – kompakter lässt sich die dichterische Vorstellung von Runenmagie kaum fassen.

Sauber getrennt gehalten: Diese sieben „Runenarten" sind eine dichterische Systematik aus einem hochmittelalterlichen Lied, kein archäologisch belegtes Weihe-Handbuch. Einzelne Elemente haben reale Entsprechungen – den Lauch (laukr) kennen wir tatsächlich von echten Inschriften und Amuletten, die Anrufung von Göttern kennen wir von Fluch- und Schutzformeln. Aber die geordnete Liste sigrúnar–ölrúnar–bjargrúnar als geschlossenes System ist Literatur, nicht Grabungsbefund.

Egils saga: ritzen, röten – und die Warnung

Am eindrücklichsten wird das Bild in der Egils saga, aufgezeichnet im 13. Jahrhundert, aber über den Skalden und Bauern Egil Skallagrímsson des 10. Jahrhunderts erzählend. Zwei Szenen sind berühmt geworden. In der ersten wird Egil auf einem Fest ein vergifteter Trunk gereicht. Er ritzt Runen in das Horn, rötet sie mit seinem eigenen Blut, das er sich aus der Handfläche schneidet – und das Horn zerspringt, der Trank läuft ins Stroh. Ritzen und Röten, genau die Begriffe aus dem Sigrdrífumál, hier in Handlung übersetzt.

Die zweite Szene ist die eigentlich lehrreiche. Egil kommt an das Krankenlager eines Mädchens, dem es trotz aller Mühe nicht besser wird. Er sucht das Lager ab und findet ein Stück Fischbein (talkn), in das ein Nachbarssohn Runen geritzt hatte – als Liebeszauber gedacht, aber vom Unkundigen falsch gesetzt. Statt zu helfen, machen sie das Mädchen erst recht krank. Egil schabt die Zeichen ab, wirft die Späne ins Feuer, ritzt neue und legt sie dem Mädchen unters Kissen. Und er spricht den vielleicht wichtigsten Vers, den die altnordische Überlieferung zur Runenweihe kennt:

Skal-at maðr rúnar rísta, / nema ráða vel kunni. – Keiner soll Runen ritzen, / der sie nicht recht zu deuten weiß. / Mancher verirrt sich / an dunklem Stab: / zehn heimliche Zeichen / sah ich ins Bein geschnitten, / die haben der Frau / lang schweres Leid gebracht.Egils saga, Strophe Egils am Krankenlager (Kap. 72–75 je nach Ausgabe); altnord. Kernvers, eigene sinngemäße Übersetzung

Das ist, verdichtet in zwei Zeilen, die ethische Grundregel jeder ernsthaften Runenweihe: Können vor Wirkung. Wer nicht weiß, was er tut, richtet Schaden an – nicht, weil die Runen böse wären, sondern weil das falsche Zeichen falsch wirkt. Es geht um Sorgfalt, um Wissen, um Verantwortung. Nicht um Zaubertricks.

Die verschiedenen Formen der Runenweihe im Überblick

Wer die Quellen zusammennimmt, merkt rasch: „die Runenweihe" war nie eine einzige Handlung, sondern ein ganzes Bündel sehr unterschiedlicher Praktiken. Manche sind epigraphisch belegt, also durch erhaltene Inschriften; andere kennen wir nur aus der Dichtung; wieder andere sind erst in der Neuzeit hinzugekommen. Die folgende Übersicht ist unser Versuch, dieses Bündel überschaubar zu machen – acht Formen, die sich im Material immer wieder abzeichnen. Wir sagen bei jeder dazu, wie fest der Boden unter ihr ist.

Die erste Form ist die Götterweihe: Man weiht die Inschrift oder das ganze Denkmal ausdrücklich einer Gottheit. Der klarste Fall ist die Formel „Þórr vígi" – „Thor weihe (diese Runen/dieses Mal)" – auf mehreren dänischen und schwedischen Steinen; auch die Goldbrakteaten mit ihren Odinsbezügen gehören in diese Nähe. Diese Form ist epigraphisch belegt.

Die zweite Form ist die Herstellungsweihe: Nicht der Inhalt, sondern das Machen selbst wird benannt und dadurch herausgehoben. Urnordische Wörter wie faihido („ich malte/schrieb"), tawido („ich machte") oder worahto („ich wirkte") und die Selbstnennung ek erilaʀ („ich, der Runenkundige") heben den Akt des Ritzens in eine feierliche Ebene. Diese Form ist belegt.

Die dritte Form ist die Farbweihe oder das Röten: Die eingeritzten Zeichen werden mit Farbe ausgemalt, damit sie sichtbar und wirksam werden. Dass Runen tatsächlich gefärbt wurden, ist durch Pigmentreste belegt. Das Röten mit Blut dagegen – altnordisch rjóða – kennen wir vor allem aus der Dichtung und der Sagaprosa; es ist literarisch überliefert, nicht durch Funde bestätigt.

Die vierte Form ist die Formelwort-Weihe: das Setzen kultischer Wörter wie alu, laukaʀ oder laþu, die immer wieder auf Brakteaten, Amuletten und Kleinfunden erscheinen. Dass diese Wörter eine besondere, wohl schützend-segnende Funktion hatten, ist belegt; was sie genau bedeuteten, bleibt bis heute offen.

Die fünfte Form ist die Schutz- und Amulettweihe: tragbare Zeichen zur Abwehr von Unheil. Das Kupferblech von Kvinneby, das Amulett von Sigtuna und das Runen tragende Schädelfragment von Ribe zeigen, dass man Runen bei sich trug, um Krankheit, Fieber und böse Mächte fernzuhalten. Diese Form ist belegt.

Die sechste Form sind die Heil- und Bergerunen: Zeichen gegen Krankheit und für eine glückliche Geburt. Die Sigrdrífumál nennt eigens bjargrúnar (Bergerunen für die Geburt) und limrúnar (Zweig- oder Heilrunen); auch Egils Krankenlager-Episode gehört hierher. Diese Form ist überwiegend literarisch überliefert, klingt aber in den realen Schutz- und Heilamuletten deutlich an.

Die siebte Form ist die Fluch- und Bindeweihe: Runen, die strafen, binden und den Grabfrieden erzwingen. Die südschwedischen Steine von Björketorp und Stentoften drohen dem, der das Denkmal zerstört, offen mit Unheil. Diese Form ist belegt.

Die achte Form schließlich ist die Namens-, Besitz- und Gedenkweihe – und sie ist zugleich der häufigste reale Fall. Weit überwiegend „weihte" man in der Praxis einen Namen, ein Eigentum oder ein Andenken: Man schrieb es fest. Die zahllosen Gedenksteine „X errichtete diesen Stein nach Y" und die Besitzformeln vom Typ „X besitzt mich" machen den größten Teil aller erhaltenen Inschriften aus. Diese Form ist belegt und zahlenmäßig dominant.

Ehrlich bleibt zu sagen: Diese acht Formen sind eine ordnende Zusammenschau der Quellen durch uns, kein überliefertes System. Die Wikingerzeit kannte keinen Katalog „der acht Weihen", keine Priesterlehre, die diese Praktiken sauber getrennt hätte. In der Wirklichkeit flossen sie ineinander – ein Gedenkstein konnte zugleich einen Gott anrufen, einen Fluch aussprechen und gefärbt sein. Wer heute liest, „so ging die Runenweihe", liest eine moderne Ordnung, nicht ein altes Regelwerk.

Die Sprache der Weihe

Durch den ganzen Stoff zieht sich ein kleines, aber sprechendes Wortfeld. Wer es kennt, versteht, dass „Weihe" für die Menschen der Runenzeit kein einzelner Zauber war, sondern eine Kette aus Tun und Verstehen. Sechs altnordische und urnordische Wörter genügen, um das Ganze zu fassen.

Am Anfang steht vígja – weihen, heiligen. Es ist das Wort der Formel „Þórr vígi": etwas wird bewusst in einen geschützten, dem Alltag entzogenen Rang gehoben. Das eigentliche Handwerk beschreibt rísta – ritzen, in Stein, Holz, Knochen oder Metall schneiden. Wo nicht geritzt, sondern gemalt oder gefärbt wurde, steht fá (urnordisch faihido, „ich malte/färbte"): das Zeichen wird durch Farbe erst vollständig. Eine gesteigerte, körperliche Variante davon ist rjóða – röten, und zwar in der Dichtung mit Blut; hier verschmilzt das Färben mit der Vorstellung, dem Zeichen Leben und Kraft zu geben.

Entscheidend aber ist ein Wort, das oft übersehen wird: ráða – recht deuten, richtig lesen, zu Ende denken. Es ist der Schlüsselbegriff aus dem berühmten Egil zugeschriebenen Vers.

Skalat maðr rúnar rísta, nema ráða vel kunni.Egils saga (altnordischer Wortlaut, gemeinfrei) – „Kein Mann soll Runen ritzen, wenn er sie nicht recht zu deuten versteht."

Der Satz sagt alles über das Selbstverständnis der Runenkundigen: Weihe war nicht nur Tun, sondern Verstehen. Wer rísta konnte, aber nicht ráða, richtete Schaden an – im Vers heilt Egil eine kranke Frau erst, nachdem er die falsch geritzten Zeichen erkannt und weggeschabt hat. Dazu passt das sechste Wort, kenna – kennen, wissen, lehren: Runenkunst wurde weitergegeben, sie war ein Wissen, kein bloßer Griff. Erst im Zusammenspiel von rísta, fá, vígja auf der einen und ráða, kenna auf der anderen Seite entstand, was die Quellen als wirksame Runensetzung verstehen. Ohne rechtes Deuten keine Weihe – das ist der nüchterne Kern hinter allem, was später romantisch überhöht wurde.

Wer weihte? Stifterinnen, Walküren und Kundige

Ein Punkt wird gern übergangen: Bei der Runenweihe sind Frauen erstaunlich prominent – nicht als moderne Wunschvorstellung, sondern in den Quellen selbst. Der große Stein von Glavendrup (DR 209) auf Fünen, der die Formel „Þórr vígi" trägt, wurde von einer Frau gestiftet: von Ragnhildr, zum Gedenken an ihren Mann Alli. Dieselbe Ragnhildr wird mit dem verwandten Stein von Tryggevælde (DR 230) auf Seeland verbunden, den sie ebenfalls stiftete. Eine Frau steht also hinter zwei der eindrucksvollsten dänischen Weihe- und Gedenkdenkmäler überhaupt.

Auf zahlreichen schwedischen Runensteinen, besonders in Uppland, erscheinen Frauen als Auftraggeberinnen – Witwen, Mütter, Töchter, die einen Stein „errichten ließen" und damit Erbe, Andenken und den Anspruch der Familie festschrieben. Das Stiften eines Gedenksteins war offenkundig kein reines Männergeschäft; Frauen verfügten hier über Mittel, Recht und Stimme.

In der Dichtung tritt das Weibliche noch deutlicher hervor. In der Sigrdrífumál ist es eine Walküre, Sigrdrífa, die den Helden die Runenkunst lehrt – sie zählt die Runenarten auf, nennt Sieg-, Bier-, Berge- und Zweigrunen und erklärt, worauf man sie ritzt. Die Lehrende ist hier weiblich, und auch die Völva, die Seherin, ist eine Frauengestalt: Wissen um verborgene Zeichen und kommende Dinge liegt in der Überlieferung immer wieder bei Frauen.

Man darf daraus aber kein modernes Bild formen. Eine „Runenmeisterin" im Sinne einer namentlich signierenden Ritzerin ist nur selten sicher belegt – die allermeisten Ritzer, die ihren Namen unter ein Werk setzten, sind Männer, allen voran der vielbeschäftigte uppländische Meister Öpir. Was die Quellen zeigen, ist etwas anderes und doch Gewichtiges: Frauen als Auftraggeberinnen der Denkmäler, als Bewahrerinnen des Andenkens und, in der Dichtung, als die Lehrenden der Runenkunst. Das ist kein Gender-Wunschbild, sondern schlicht das, was auf den Steinen und in den Liedern steht – und es ist mehr, als das gängige Bild vom bärtigen Runenmeister vermuten lässt (vgl. Düwel 2008).

Was daraus für die Praxis folgt – und was nicht

Legt man beide Seiten nebeneinander – die belegten Formeln (die Weiheformel „Þórr vígi", die Formelwörter alu und laukaʀ, das „faihido" der Malenden, die Amulette und Fluchsteine) und die dichterischen Bilder aus Hávamál, Sigrdrífumál und Egils saga –, so ergibt das zusammen ein reiches, stimmiges Bild. Es ergibt aber kein überliefertes, geschlossenes „Runenweihe-Ritual" mit festem Ablauf, das man einfach nachschlagen und nachvollziehen könnte.

Was wir mit einiger Sicherheit sagen können: Runen konnten geweiht werden – man stellte sie ausdrücklich unter den Schutz eines Gottes (Þórr, Odin). Sie wurden gefärbt, teils mit Blut, teils mit Farbe. Sie dienten als Schutz, als Segen, als Fluch, als Heilmittel und als Statuszeichen. Und der Umgang mit ihnen war an Können gebunden – das sagt uns nicht nur Egil, das sagen uns auch die realen Fehlritzungen und Radierungen auf echten Fundstücken.

Was wir nicht wissen: die genauen Abläufe. Kein Text überliefert uns, welche Worte man bei der Weihe sprach, in welcher Reihenfolge, zu welcher Tageszeit, mit welcher Geste. Die Dichtung zeigt uns, wie sich das Hochmittelalter Runenmagie vorstellte – verklärt, zugespitzt, erzählerisch geformt, gut zweihundert Jahre nach dem Ende der Wikingerzeit. Sie ist ein Fenster in die Vorstellungswelt, kein Protokoll gelebter Praxis. Diese Ehrlichkeit sind wir dem Thema schuldig – und sie macht die alten Zeugnisse nicht kleiner, sondern glaubwürdiger.

Mythos-Check: die moderne Runenweihe

Was heute unter „Runenweihe" durchs Netz und durch Ratgeber geistert – einzelne Runen „aufladen", sie mit Atem, Blut oder Speichel „weihen", jeder Rune eine feste magische Wirkung zuschreiben, sie in einer Deutungstabelle abfragen wie ein Kartenspiel –, ist zum allergrößten Teil moderne Rekonstruktion und Neuschöpfung. Das ist keine Abwertung; es ist eine Datierung.

Die zentrale Wurzel heißt Guido von List. Der österreichische Schriftsteller erlebte 1902, während er nach einer Augenoperation zeitweise erblindet war, eine „Eingebung" und leitete daraus die 18 „Armanen-Runen" ab – genau achtzehn, direkt aus den achtzehn Zauberliedern des Ljóðatal gezogen (siehe oben: dort stehen Lieder, keine Runen). Diese Reihe hat List frei erfunden; sie ist epigraphisch nie belegt, kommt auf keinem einzigen echten Runenstein vor und wurde erst 1908 veröffentlicht. Aus dieser Ariosophie und der völkischen „Runenkunde" des frühen 20. Jahrhunderts speist sich fast alles, was später als „Runengymnastik" oder „Runenyoga" und als Runenorakel mit fester Deutungstabelle populär wurde.

Man kann diese moderne Runenmystik gern praktizieren, wenn sie einem etwas gibt – aber man sollte wissen, dass sie jung ist und nicht in die Wikingerzeit zurückreicht. Auch die berühmte „leere Rune" der modernen Wahrsage-Sets ist eine Erfindung des späten 20. Jahrhunderts, kein altnordisches Zeichen.

Nur kurz und rein einordnend, weil es unvermeidlich dazugehört: Einzelne Runen wurden im Nationalsozialismus missbraucht – die Sig- beziehungsweise Sowilō-Rune als Doppelrune, die Odal-Rune als Abzeichen. Das hat mit historischer Runenweihe nichts zu tun. Es ist eine politische Aneignung des 20. Jahrhunderts, und wir grenzen uns davon klar ab.

Runen heute ehrlich weihen

Bleibt die schönste Frage zum Schluss: Kann man Runen heute noch „weihen"? Wir finden – ja, auf die ehrliche Art. Wer heute eine Rune, einen Namen oder eine kurze Inschrift in Schiefer, Holz oder Glas gravieren lässt, stellt sich in eine sehr lange Reihe von Menschen, die genau das getan haben: bewusst, sorgfältig, mit einem Gedanken hinter jedem Zeichen. Genau das war Runenweihe im Kern immer – nicht der Trick, sondern die Absicht.

Man muss dafür keine erfundene Wirkung behaupten, keine Deutungstabelle abfragen, keinem einzelnen Zeichen Zauberkräfte andichten. Das Echte daran ist die Sorgfalt beim Setzen, die Bedeutung, die man selbst hineinlegt, und der gute Wunsch, der mitgeht – so wie das alte „Þórr vígi", „Thor weihe es", nichts anderes war als ein an einen geliebten Menschen oder ein wichtiges Stück gehefteter Segen. Wer mit Wissen ritzt und mit gutem Sinn deutet, hält sich sogar an Egils Regel. Und mehr braucht es nicht.

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