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Der Sønder-Vissing-Stein: Tófa, die Abodritenprinzessin an Harald Blauzahns Seite

Runensteine Der Sønder-Vissing-Stein: Tófa, die Abodritenprinzessin an Harald Blauzahns Seite

Der Sønder-Vissing-Stein 1 (DR 55) ist ein Runenstein aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, den Tófa, Tochter des Mistivi, für ihre Mutter errichten ließ – und sie nennt sich darauf selbst „Frau Haralds des Guten, Gorms Sohn“. Gemeint ist mit großer Wahrscheinlichkeit Harald Blauzahn, ihr Vater wohl der Abodritenfürst Mistivoj aus dem heutigen Mecklenburg. Der Granitblock steht heute in der Kirche von Sønder Vissing in Ostjütland und ist das einzige Zeugnis dieser dänisch-slawischen Ehe. Wir zeigen dir, was wirklich auf dem Stein steht, was die deutschen Chronisten über Mistivoj wissen und wo die Forschung vorsichtig bleibt.

Ein Torpfosten mit Königsblut

Im Jahr 1836 stand am Haupteingang des Friedhofs von Sønder Vissing ein unscheinbarer Stein im Kirchhofwall. Er stützte den Seitenbalken des Tores, die beschriftete Seite nach außen. Dann las jemand genauer hin – und aus dem Torpfosten wurde eine der aufregendsten Inschriften der dänischen Wikingerzeit.

Denn auf diesem Granit nennt sich eine Frau, die im Norden eigentlich niemand kennt: Tófa, Tochter eines Mannes mit dem fremd klingenden Namen Mistivi, Ehefrau eines Königs namens Harald, dessen Vater Gorm hieß. Keine Saga erzählt von ihr, kein Skalde besingt sie, Adam von Bremen erwähnt sie nicht. Alles, was wir über Tófa wissen, steht auf diesem einen Stein. Gerade das macht ihn so kostbar – und so verführerisch für Legenden. Wir schauen uns beides an: den gesicherten Befund und das, was später daraus gemacht wurde.

Im selben Jahr kam übrigens noch ein zweiter Runenstein aus dem Kirchhofwall zum Vorschein. Er hatte im Pflaster des Eingangs gelegen und ist deutlich stärker abgetreten. Heute stehen beide in der Kirche – zwei Gedenksteine aus der Generation, in der Dänemark sich unter Harald Blauzahn zum christlichen Königreich formte.

Was wirklich auf dem Stein steht

Die Inschrift läuft in zwei gerahmten Bändern über eine Breitseite des Steins. Gelesen wird jeweils von unten, beginnend links; kurze senkrechte Striche trennen die Wörter. Die Runen sind 12,5 bis 15 Zentimeter hoch und gehören zum jüngeren Futhark, dem 16-Zeichen-Alphabet der Wikingerzeit. In der wissenschaftlichen Umschrift (Transliteration) sieht der Text so aus:

tufa · lʀt · kaurua · kubl · mistiuis · tutiʀ · uft · muþur · sina · kuna · harats · hins · kuþa · kurms · sunaʀSønder-Vissing-Stein 1, DR 55 (Transliteration nach Danske Runeindskrifter)

In normalisiertem Altdänisch: Tōfa lēt gørva kumbl, Mistivis dōttiʀ, øft mōður sīna, kona Haralds hins gōða, Gōrms sonaʀ. Übertragen ins Deutsche:

Tófa ließ das Denkmal machen, Mistivis Tochter, nach ihrer Mutter, die Frau Haralds des Guten, Gorms Sohnes.DR 55, eigene Übertragung

Ein paar Wörter lohnen einen zweiten Blick. Kumbl bedeutet „Denkmal“ oder „Grabmal“ und kann im Altdänischen auch eine ganze Anlage meinen – Stein, Hügel, Steinsetzung. Ob zu Tófas Stein ursprünglich mehr gehörte, wissen wir nicht, denn sein erster Standort ist unbekannt. Øft („nach“, „zum Gedenken an“) ist die übliche Formel dänischer Runensteine. Und der Ritzer schreibt mit der ʀ-Rune nicht nur das palatale r am Wortende, sondern auch das lange e in lēt („ließ“) – eine Besonderheit, die auch auf anderen Steinen dieser Zeit vorkommt. Die m-Rune hat eine runde Form. Das sind die kleinen Fingerabdrücke einer Werkstatt, deren Namen wir nicht kennen: Ein Runenmeister ist nicht genannt.

Wenn du tiefer in die Zeichen einsteigen willst, findest du die Grundlagen in unserer ehrlichen Einführung in die Runen.

Wer war wessen Frau? Die Grammatik entscheidet

Hier liegt die eigentliche Pointe des Steins – und eine Falle, in die man leicht tappt. Die Inschrift sagt „nach ihrer Mutter, Frau Haralds“. Auf Deutsch könnte man meinen, die Mutter sei Haralds Frau gewesen. Tatsächlich wurde in der Forschung auch diese Lesart erwogen: Dann wäre die Witwe Mistivojs mit dem Dänenkönig verheiratet gewesen, nicht die Tochter.

Das Altdänische ist aber genauer als unsere Übersetzung. Muþur sina („ihre Mutter“) steht im Akkusativ, weil es von øft abhängt. Kuna („Frau“) dagegen steht sehr wahrscheinlich im Nominativ – genau wie tufa, das Subjekt des Satzes. Wäre die Mutter gemeint, erwartete man die Akkusativform kunu. Die Dänische Runendatenbank des Nationalmuseums hält deshalb die Zuordnung zu Tófa für die wahrscheinlichste. Das Wort kuna steht übrigens etwas außerhalb der eigentlichen Runenzeile, als sei es nachgetragen oder in den verbleibenden Platz gezwängt worden.

Spannend ist der Satzbau. Die Verstorbene, für die der Stein errichtet wurde, wird gar nicht mit Namen genannt. Stattdessen stellt sich die Stifterin ausführlich vor: Tochter von, Frau von, und der Ehemann noch einmal als Sohn von. Die Danske Runeindskrifter verweisen für dieses Muster ausgerechnet auf den großen Jellingstein, auf dem Harald sich ebenfalls mit einer langen Beifügung selbst rühmt. Die Mutter ist der Anlass, aber Tófa ist die Hauptfigur. Wer diesen Stein las, sollte vor allem eines begreifen: Hier spricht die Königin.

Gesicherter Befund: DR 55 nennt Tófa als Stifterin, Mistivi als ihren Vater, die namenlose Mutter als Verstorbene und Tófa (sehr wahrscheinlich, nach dem Kasus von kuna) als Frau Haralds, des Sohnes Gorms. Datierung nach Runenform und Sprache: 950–1000, Jelling-Zeit.

Harald „der Gute“ – ist das wirklich Blauzahn?

Ein Harald, Sohn eines Gorm, in Jütland, in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts: Da fällt jedem sofort Harald Gormsson ein, den wir als Harald Blauzahn kennen. Die Danmarks Runeindskrifter von Lis Jacobsen und Erik Moltke (1941/42) halten diese Gleichsetzung für wahrscheinlich, weisen aber auf einen Haken hin: Den Beinamen hinn góði, „der Gute“, trägt Harald sonst nirgends. „Blauzahn“ wiederum ist ein Beiname, der erst in viel späteren Texten auftaucht. Auf seinem eigenen Stein in Jelling nennt Harald sich schlicht „König Harald“.

Warum dann „der Gute“? Vermutlich, weil eine Ehefrau ihren Mann so beschreibt, wie es auf einem Denkmal angemessen ist. „Gut“ ist auf Runensteinen ein häufiges Lob – für Väter, Brüder, Gefolgsleute. Es sagt mehr über die Sprache der Ehre aus als über Haralds Charakter. Ein anderer Harald Gormsson aus dieser Zeit und Gegend ist jedenfalls nicht bekannt, und genau das macht die Identifizierung so plausibel. Die Danske Runeindskrifter halten zugleich nüchtern fest: Andere Quellen bestätigen die Ehe nicht.

Dazu passt der Ort. Sønder Vissing liegt in Ostjütland, zwischen Horsens und Silkeborg, rund 40 Kilometer nordöstlich von Jelling, dem Herrschaftszentrum von Gorm und Harald. Nur wenige Kilometer entfernt liegt Tamdrup, dessen Kirche um 1200 mit vergoldeten Kupferplatten geschmückt wurde, die unter anderem die Taufe König Haralds durch den Priester Poppo zeigen. Dass eine Königin hier für ihre Mutter einen Stein setzt, ist nicht abwegig: Der Stein zeigt, dass die königliche Familie in diesem Teil Jütlands Besitz, Gefolgsleute oder zumindest Verbindungen hatte.

Die Verbindung zu Jelling

Auch handwerklich steht der Stein dem Jelling-Kreis nahe. Seine Runen laufen in gerahmten Bändern, deren Enden schlicht auslaufen, ohne Tierköpfe. In der schwedischen Stilsystematik der Runensteine, die Rundata verwendet, heißt das Rak-Stil: Schriftband ohne Tierkopf und Schwanz. Die Rahmung der Runenzeilen verbindet DR 55 mit den Jellingsteinen. Und die Formel, mit der Tófa sich als Gattin Haralds und dieser als Sohn Gorms vorstellt, ruft geradezu den Familienstolz von Jelling auf.

Zur Erinnerung: In Jelling setzte Gorm der Alte einen Stein für seine Frau Thyra, „Danmarks Zierde“. Sein Sohn Harald ließ wenig später den großen Jellingstein errichten, für Vater und Mutter, mit dem berühmten Satz, er habe ganz Dänemark und Norwegen gewonnen und die Dänen zu Christen gemacht. Die Grabkammer im Nordhügel von Jelling ist dendrochronologisch auf 958/959 datiert. Tófas Stein gehört in diese Welt der dynastischen Selbstdarstellung in Stein: Die königliche Familie spricht auf Granit – und eine Frau aus dieser Familie tut es mit denselben Mitteln.

Ein Detail sollte man im Hinterkopf behalten: Der Stein trägt kein Kreuz und keinen christlichen Text. Ob Tófa getauft war, wissen wir nicht. Da ihr Vater nach den deutschen Quellen Christ war und Harald sich um 965 taufen ließ, wäre es naheliegend. Belegt ist es nicht.

Mistivi, Mistui, Mistiwoj – ein Fürst mit vielen Namen

Der Vatername auf dem Stein, mistiuis, ist ein Genitiv: „des Mistivi“ oder „des Mistivir“. Das ist kein nordischer Name. Er passt zu einem slawischen Personennamen, den die deutschen Chronisten in vielen Schreibweisen überliefern: Mistav bei Widukind von Corvey, Mistui bei Thietmar von Merseburg, Mystewoi bei Adam von Bremen, Mistiwoi bei Helmold von Bosau. In der Forschung heißt er meist Mistiwoj oder Mstivoj. Der Name ist ein Kompositum aus einem slawischen Wort für „rächen“ und woj, „Krieger“ – sinngemäß ein „Rächer-Krieger“.

Mistiwoj gehörte zur Familie der Nakoniden, benannt nach seinem Vater Nakon. Der war um 965 der Herrscher, den der jüdisch-andalusische Reisende Ibrāhīm ibn Yaʿqūb im äußersten Westen der slawischen Welt beschreibt. Das Reich der Abodriten (auch Obodriten) umfasste im Kern das westliche Mecklenburg; dazu kamen in Mistiwojs Zeit weitere Teilstämme wie die Wagrier in Ostholstein und die Polaben um Ratzeburg. Zentraler Fürstensitz war die Mecklenburg bei Wismar – der Burgwall, der später dem ganzen Land seinen Namen gab.

Nach Nakons Tod um 965/967 übernahm Mistiwoj die Herrschaft. Widukind von Corvey (III,68) erzählt von einem Streit zwischen ihm und dem Wagrierfürsten Selibur, den Herzog Hermann Billung schlichtete. Thietmar (II,14) vermerkt knapp, Hermann habe Selibur und Mistui tributpflichtig gemacht. Am Ende stand Mistiwoj als Oberherr eines großen Verbands da, mit Burgen, Panzerreitern und Einkünften aus Landwirtschaft und Fernhandel. Und er war Christ: Wie die anderen Nakoniden ließ er sich taufen, nach einer Forschungsthese mit dem Taufnamen Billug, nach seinem Paten Hermann Billung.

Was die deutschen Chronisten über Mistiwoj erzählen

Für die Sachsen war Mistiwoj kein exotischer Fremder, sondern ein Nachbar, mit dem man verhandelte, stritt und Tribut einzog. Entsprechend tauchen er und seine Familie in mehreren Chroniken auf – allerdings mit Lücken, Widersprüchen und gelegentlich gehöriger Abneigung.

Thietmar von Merseburg, Bischof und Chronist, schreibt zwischen 1012 und 1018. Er ist der Zeitgenosse unter den Zeugen. In Buch III, Kapitel 18 berichtet er, Mistui, der Herzog der Abodriten, habe Hamburg niedergebrannt und verwüstet. Dabei sei eine goldene Hand vom Himmel in die Flammen gefahren. Später habe Mistui den Verstand verloren. Für Thietmar ist das klar eine göttliche Strafe. Wichtig: Thietmar nennt keine Jahreszahl, und die Forschung bezweifelt inzwischen, dass der Brand von Hamburg in das Aufstandsjahr 983 gehört. Adam von Bremen bringt die Zerstörung Hamburgs mit späteren Ereignissen in Verbindung, und manche Historiker denken an die Zeit um 1012/1018 unter Mistiwojs Sohn.

In Buch IV, Kapitel 2 erwähnt Thietmar Mistui noch einmal, nun als politischen Akteur von Rang: Zu Ostern 984 kamen in Quedlinburg die Herzöge Mieszko, Mistui und Boleslaw zu Heinrich dem Zänker, der nach dem Tod Ottos II. die Krone beanspruchte, und sicherten ihm ihre Unterstützung zu. Der Abodritenfürst stand also in einer Reihe mit dem Herrscher Polens und dem Herzog von Böhmen. Wer seine Tochter heiratete, heiratete in die erste Liga der östlichen Nachbarn des Reiches ein.

Adam von Bremen, der um 1075 seine Hamburgische Kirchengeschichte schrieb, kennt Mistiwoj ebenfalls, verwechselt ihn aber zum Teil mit seinem gleichnamig klingenden Sohn Mistislaw. Von Tófa schreibt Adam kein Wort, obwohl er über das dänische Königshaus gut informiert war – er hatte mit Haralds Urenkel Sven Estridsen gesprochen. Wenn du wissen willst, wie zuverlässig Adam ist und wo er nur vom Hörensagen berichtet, lies unseren Beitrag zu Adam von Bremen.

Helmold von Bosau schließlich schreibt um 1170, also fast zwei Jahrhunderte später. Bei ihm (I,16) findet sich die berühmteste Anekdote: Ein sächsischer Herzog habe Mistiwoj die Hand einer Nichte versprochen. Als der Abodritenfürst sie einforderte, habe Markgraf Dietrich von Haldensleben gespottet, die Verwandte eines großen Fürsten gebe man keinem Hund. Daraufhin habe Mistiwoj sich den heidnischen Lutizen zugewandt und Nordalbingien verwüstet. Schon Adam kennt eine Version dieser Kränkung; die Details – wer wen heiraten sollte – unterscheiden sich je nach Quelle. Als Stimmungsbild ist die Geschichte wertvoll, als Protokoll nicht.

Mythos-Check: „Mistiwoj führte 983 den großen Slawenaufstand an und brannte Hamburg nieder.“ – So steht es in vielen populären Darstellungen. Tatsächlich ging der Aufstand von 983 von den Lutizen aus, die Havelberg und Brandenburg zerstörten. Ob die Abodriten unter Mistiwoj damals mitkämpften, ist in der Forschung umstritten, und die Datierung des Hamburger Brandes ist unsicher. Belegt ist: Thietmar schreibt Mistui die Zerstörung Hamburgs zu – ohne Jahr.

Eine Ehe als Grenzpolitik

Warum heiratet ein dänischer König die Tochter eines slawischen Fürsten? Ein Blick auf die Karte genügt. Zwischen Jütland und dem Abodritenland lagen nur Holstein, die Kieler Förde und ein Stück Ostsee. Im Süden Haralds verlief das Danewerk, dahinter lag Haithabu, der große Handelsplatz an der Schlei. Östlich davon, in Wagrien, thronte die Burg Starigard/Oldenburg, slawischer Fürstensitz und seit etwa 972 Sitz eines Bistums. Und über allem stand das ottonische Reich mit seinen sächsischen Markgrafen, das Dänen wie Abodriten gleichermaßen in die Schranken weisen wollte.

In dieser Lage war ein Bündnis zwischen Jelling und der Mecklenburg für beide Seiten attraktiv. Harald sicherte seine Südostflanke, gewann Zugang zu einem dichten Netz slawischer Handelsplätze an der Ostseeküste und einen Partner gegen sächsischen Druck. Mistiwoj wiederum band sich an den mächtigsten Herrscher des Nordens. Heiratsbündnisse waren im frühmittelalterlichen Europa eines der wichtigsten Werkzeuge der Außenpolitik, und Töchter von Fürsten waren dabei – so nüchtern muss man es sagen – politisches Kapital.

Wann die Ehe geschlossen wurde, sagt keine Quelle. Im Internet kursieren genaue Daten, etwa eine Hochzeit „im Januar 963“ oder eine erste Ehe Tófas mit Haralds Bruder Knut. Für keine dieser Angaben gibt es einen Beleg in Quellen des 10. oder 11. Jahrhunderts; sie stammen aus genealogischen Rekonstruktionen und sollten nicht als Tatsache weitergegeben werden. Vorsichtige Darstellungen sagen nur: vor Haralds Tod, der um 986/987 anzusetzen ist. Da Mistiwoj um 965/967 an die Macht kam, liegt eine Eheschließung in den späten 960er- oder 970er-Jahren nahe – mehr nicht.

Verlockend ist der Gedanke, das Bündnis habe sich 983 bewährt. 974 hatte Kaiser Otto II. das Danewerk durchbrochen und an der Schlei eine sächsische Besatzung stationiert. Gut zehn Jahre später war die Grenzregion wieder in dänischer Hand, und im selben Zeitraum gerieten die Sachsen auch an der Elbe in Bedrängnis. Ein abgesprochenes dänisch-slawisches Vorgehen ist denkbar und wird in der Literatur erwogen. Direkt bezeugt ist es nicht.

Tófa – eine Königin ohne Geschichte?

So viel wir über Mistiwoj aus Chroniken wissen, so wenig wissen wir über seine Tochter. Schon ihr Name ist ein kleines Rätsel. Tófa ist ein gut belegter nordischer Frauenname, häufig als Kurzform zu Namen mit Þór- gedeutet. Eine Abodritenprinzessin mit einem nordischen Namen? Möglich, dass sie bei der Heirat einen neuen Namen annahm, möglich auch, dass in der Fürstenfamilie bereits nordische Namen kursierten. Wir wissen es nicht.

Ebenso offen ist, ob Tófa Kinder hatte. Das dänische Lexikon lex.dk nennt im Artikel über Harald Blauzahn ausdrücklich unklar, ob sie Mutter eines seiner bekannten Kinder war; im Artikel über Sven Gabelbart wird sie dagegen als dessen Mutter geführt. Adam von Bremen nennt als Frau Haralds eine Gunhild, Saxo Grammaticus um 1200 eine Gyrid. Harald dürfte, wie viele Herrscher seiner Zeit, mehr als eine Ehe oder Verbindung gehabt haben. Welche Frau welches Kind geboren hat, lässt sich aus den Quellen nicht sicher bestimmen.

Und die Mutter, für die der Stein steht? Sie bleibt namenlos. Helmold berichtet, Mistiwoj sei mit einer Schwester des Oldenburger Bischofs Wago verheiratet gewesen; aus dieser Ehe stammte eine Tochter Hodica, die später Äbtissin des Nonnenklosters auf der Mecklenburg wurde. Ob diese Frau auch Tófas Mutter war, lässt sich nicht sagen. Bemerkenswert ist etwas anderes: Die Mutter starb offenbar im Umfeld ihrer Tochter in Jütland oder wurde dort jedenfalls geehrt. Vielleicht hatte sie die Tochter in die neue Heimat begleitet. Auch das ist eine Vermutung – aber eine, die den Stein sehr menschlich macht.

Frauen, die Steine setzen

Runensteine wurden überwiegend von Männern für Männer errichtet. Steine von Frauen und für Frauen sind seltener, und DR 55 ist beides: eine Tochter ehrt ihre Mutter. Damit gehört er zu einer kleinen, aber eindrucksvollen Gruppe. In Jelling ist es Gorm, der seine Frau Thyra ehrt; auf Fünen und Seeland lässt eine Frau namens Ragnhild gleich zwei Steine für ihre Ehemänner setzen, nachzulesen in unserem Beitrag zu Glavendrup und Tryggevælde.

Solche Steine waren nicht nur Trauer, sondern auch Rechtsanspruch und Statusbekundung. Wer ein Denkmal setzte, zeigte öffentlich, wessen Erbe er antrat und zu welcher Familie er gehörte. Tófa nutzt den Stein, um ihre doppelte Stellung festzuschreiben: Tochter eines Fürsten, Frau eines Königs. Das passt zu dem, was wir allgemein über die Frauen der Wikingerzeit wissen: Frauen der Oberschicht verwalteten Besitz, vermittelten Bündnisse und konnten öffentlich sichtbar auftreten, wenn Familie und Stand es erlaubten.

Der Stein heute: Kirche von Sønder Vissing

Wer den Stein besuchen will, fährt in das kleine Dorf Sønder Vissing in der Kommune Horsens, im hügeligen Ostjütland zwischen Horsens, Silkeborg und Skanderborg. Die Kirche selbst ist jünger als der Stein: Chor und Langhaus sind romanisch, wohl aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, aus grobem Feldstein und Tuffstein gebaut. Turm und Vorhalle kamen im Spätmittelalter aus Backstein hinzu. Bis zur Errichtung der Kirche hatte Tófas Stein also schon fast zwei Jahrhunderte irgendwo in der Landschaft gestanden.

Der Stein ist beachtlich: rund 2,45 Meter hoch, gut einen Meter breit, 15 bis 30 Zentimeter dick, aus Granit beziehungsweise Gneis. Unterhalb der Runenbänder sind vier bis fünf schalenförmige Vertiefungen zu sehen. Solche „Schälchen“ kennt man in Skandinavien vor allem von bronzezeitlichen Steinen; ob sie hier älter sind als die Inschrift, ist nicht sicher geklärt. Nach der Entdeckung 1836 wurde der Stein bald in die Kirche geholt und 1839 von dem Philologen P. G. Thorsen in einer eigenen Schrift vorgestellt. Ganz in der Nähe steht der zweite Stein, Sønder Vissing 2 (DR 56): Tóki ließ ihn für seinen Vater Api oder Ebbi setzen, den er einen „nicht unklugen Mann“ nennt.

Was der Stein über die Ostsee erzählt

Der Sønder-Vissing-Stein räumt mit einem hartnäckigen Bild auf: dem vom abgeschotteten Norden. Haralds Welt war eine Ostseewelt. Auf seinen Burgen saßen Männer, die mit Slawen handelten und kämpften; seine Heerführer kannten die Häfen an Oder und Warnow; sein Sohn Sven heiratete später eine Fürstentochter aus dem Haus der Piasten. Nach Adam von Bremen floh Harald am Ende, verwundet im Kampf gegen Sven, in eine slawische Stadt an der Odermündung und starb dort – spätere Sagas machen daraus die Geschichte von Wolin und Jomsborg. Dass ein dänischer König eine slawische Fürstentochter heiratet, war also kein exotischer Einzelfall, sondern Ausdruck enger Verflechtung. Mehr dazu in unserem Überblick über die Wikinger in der Ostsee und das Land der Wenden.

Genau diese Verflechtung interessiert uns, wenn wir in unserer Werkstatt in Alsdorf nordische Motive gravieren. Wir erzählen nicht von einem isolierten Kriegervolk, sondern von Menschen, die Grenzen überschritten – mit Schiffen, mit Handel und, wie Tófa, mit ihrem ganzen Leben. Ein Runenstein für eine Mutter, gesetzt von einer Tochter, die zwischen zwei Welten stand: Das ist für uns eines der schönsten Zeugnisse der Wikingerzeit überhaupt.

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Häufige Fragen

Was steht auf dem Sønder-Vissing-Stein? Sinngemäß: „Tófa ließ das Denkmal machen, Mistivis Tochter, nach ihrer Mutter, die Frau Haralds des Guten, Gorms Sohnes.“ Die Inschrift ist in jüngeren Runen geschrieben und wird unter der Nummer DR 55 geführt.

War Tófa die Frau von Harald Blauzahn? Sehr wahrscheinlich. Das Wort für „Frau“ steht grammatisch im Nominativ und gehört damit zu Tófa, nicht zur Mutter, und „Harald, Gorms Sohn“ passt auf Harald Blauzahn. Andere Quellen bestätigen die Ehe allerdings nicht.

Wer war Mistivoj? Ein Fürst der Abodriten im heutigen Mecklenburg, der etwa von 965/967 bis 990/995 herrschte. Thietmar von Merseburg, Adam von Bremen und Helmold von Bosau erwähnen ihn unter verschiedenen Namensformen.

Wie alt ist der Sønder-Vissing-Stein? Er wird in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts datiert, also etwa 950–1000, in die Zeit der Jelling-Dynastie.

Wo steht der Runenstein von Königin Tove? In der Kirche von Sønder Vissing in Ostjütland (Kommune Horsens), etwa 40 Kilometer nordöstlich von Jelling. Er wurde 1836 im Kirchhofwall entdeckt.

Hat Mistivoj Hamburg zerstört? Thietmar von Merseburg schreibt es ihm zu, nennt aber kein Jahr. Ob das 983 im Zuge des großen Slawenaufstands geschah oder später, ist in der Forschung umstritten.

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Harald Blauzahn · Runen · Haithabu & die Ostsee · Frauen der Wikingerzeit.

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