Ein Runenstein aus Jütland verrät, wie eng der Norden mit der Südküste der Ostsee verflochten war – über eine Fürstentochter namens Tófa.
Manche Runensteine sind spannender als jeder Roman, weil sie in wenigen Zeilen ein ganzes Stück europäischer Geschichte einfangen. Der Sønder-Vissing-Stein aus Jütland gehört dazu. Er wurde im späten 10. Jahrhundert von einer Frau namens Tófa für ihre Mutter gesetzt – und diese Tófa war keine gewöhnliche Frau, sondern eine Fürstentochter, deren Herkunft und Ehe uns zeigen, wie weit die Fäden der Macht in der Wikingerzeit gespannt waren.
„Tófa, die Tochter Mistivis, ließ diesen Stein machen nach ihrer Mutter, der Frau Harald des Guten, Gorms Sohn." — Sønder-Vissing-Stein (DR 55)
Die Inschrift nennt Tófa als „Tochter des Mistivi". Mistivi (Mstivoj) war ein Fürst der Obodriten, eines mächtigen westslawischen Verbands an der mecklenburgischen Ostseeküste. Tófa selbst aber war, wie der Stein sagt, die Gattin des dänischen Königs Harald Blauzahn – „Harald des Guten, Gorms Sohn". In einem einzigen Satz treffen hier also die dänische Königsdynastie und ein slawisches Fürstenhaus aufeinander.
Was auf den ersten Blick wie eine bloße Familiennotiz wirkt, ist in Wahrheit hohe Politik. Die Ehe zwischen Tófa und Harald war ein Heiratsbündnis über die See hinweg, das zwei mächtige Häuser rund um die südliche Ostsee verband. Solche Verbindungen sicherten Frieden, Handelswege und militärischen Rückhalt – eine Prinzessin war im Norden wie überall in Europa auch ein diplomatisches Unterpfand.
Dass es ausgerechnet eine Frau ist, die den Stein setzen lässt und deren Name und Herkunft im Zentrum stehen, macht das Denkmal doppelt wertvoll. Es zeigt, dass Frauen der Oberschicht als Stifterinnen, als Trägerinnen von Abstammung und als Knotenpunkte politischer Bündnisse eine sichtbare Rolle spielten.
Für unsere Region – die verwobene Welt zwischen Nordsee, Ostsee und Rheinland – ist der Sønder-Vissing-Stein ein besonders schönes Zeugnis. Er erinnert daran, dass „die Wikinger" nie ein abgeschottetes Volk irgendwo im hohen Norden waren, sondern Teil eines weiten europäischen Netzes aus Handel, Diplomatie und Verwandtschaft. Dänen, Slawen, Sachsen und Schweden handelten, kämpften und heirateten rund um die Ostsee, und die Grenzen zwischen den Völkern waren durchlässiger, als es der spätere Nationalgedanke wahrhaben wollte.
Genau diese Verflechtung fasziniert uns. Wenn wir nordische Motive gravieren, erzählen wir nicht die Geschichte eines isolierten Kriegervolks, sondern eines lebendigen, weit vernetzten Kulturraums – eines Nordens, der bis vor die Tore Mitteleuropas reichte. Der Sønder-Vissing-Stein ist dafür ein stiller, steinerner Zeuge.
Die Obodriten, aus deren Fürstenhaus Tófa stammte, waren keine Randfiguren. Sie beherrschten weite Teile der heutigen mecklenburgischen Küste und der angrenzenden Ostsee, mit bedeutenden Handelsorten und Fürstensitzen. Zwischen ihnen, den Dänen, den Sachsen und dem ostfränkisch-deutschen Reich verlief eine hochpolitische Grenzzone, in der sich Bündnisse und Konflikte ständig verschoben. Eine Ehe zwischen einer Obodritentochter und dem dänischen König band zwei dieser Mächte für eine Zeit aneinander.
Harald Blauzahn, Tófas Mann, war zudem der König, der Dänemark einte und zum Christentum führte – seine berühmten Jelling-Steine gelten als „Taufschein Dänemarks". Dass in seinem Umfeld eine Frau aus einem noch weithin heidnisch-slawischen Fürstenhaus auftaucht, zeigt, wie eng verwoben Glaube, Macht und Familie in dieser Umbruchszeit waren. Der kleine Stein von Sønder Vissing ist so ein Fenster in eine ganze Epoche.

Harald Blauzahn · Runen · Haithabu & die Ostsee · Frauen der Wikingerzeit.
Sønder-Vissing-Stein (DR 55); Danmarks runeindskrifter. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Adam von Bremen. Bildnachweis Titelbild: Sønder-Vissing-Stein, Foto Twid, CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons).