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Die germanischen Sprachen – von Urgermanisch zum Altnordischen

Runenkunde Die germanischen Sprachen – von Urgermanisch zum Altnordischen

Wenn wir „Odin" sagen und die Wikinger „Óðinn", die Sachsen „Wodan" und der Süden „Wuotan" – dann hören wir nicht drei fremde Götter, sondern denselben Namen durch verschiedene Sprachstufen einer einzigen Familie. Die germanischen Sprachen sind ein Zweig am großen Baum des Indogermanischen, und ihr Weg vom rekonstruierten Urgermanischen über das Gotische und Altnordische bis zu unserem heutigen Deutsch lässt sich erstaunlich genau nachzeichnen. Diese Reise erklärt, warum Donner und Thunder und Þórr Verwandte sind – und räumt nebenbei mit ein paar hartnäckigen Mythen auf.

Die Goldhörner von Gallehus (Nachbildungen, Nationalmuseet Kopenhagen) — ihre Runeninschrift zählt zu den ältesten germanischen Sprachdenkmälern.
Die Goldhörner von Gallehus (Nachbildungen, Nationalmuseet Kopenhagen) — ihre Runeninschrift zählt zu den ältesten germanischen Sprachdenkmälern.

Ein Zweig am Baum des Indogermanischen

Die meisten Sprachen Europas und weite Teile Asiens gehen auf eine gemeinsame, nie schriftlich bezeugte Ursprache zurück: das Indogermanische (auch Indoeuropäisch genannt). Aus ihm entwickelten sich unter anderem das Lateinische, das Griechische, die keltischen, die slawischen, die baltischen, die indoiranischen Sprachen – und eben das Germanische. Kein einziger Satz Indogermanisch ist überliefert; alles, was wir darüber wissen, ist Rekonstruktion aus dem systematischen Vergleich der Tochtersprachen. Deshalb schreibt man rekonstruierte Formen immer mit einem vorangestellten Sternchen, etwa das indogermanische *pətér- „Vater". Dieses Sternchen ist kein Schmuck: Es ist ein ehrliches Eingeständnis, dass wir die Form erschlossen und nicht in einer Quelle gelesen haben.

Aus einem indogermanischen Dialekt entstand irgendwann im ersten Jahrtausend vor unserer Zeit das Urgermanische (*Proto-Germanisch) – ebenfalls eine rekonstruierte Sprache ohne eigene Schriftzeugnisse. Sie wurde vermutlich im südlichen Skandinavien und norddeutschen Raum gesprochen, in jener Welt, die archäologisch der Nordischen Bronzezeit und der Jastorf-Kultur entspricht. Fassbar wird das Germanische für uns erst viele Jahrhunderte später: in den ältesten Runeninschriften, in Namen und Wörtern, die römische Autoren notierten, und schließlich in großen Texten wie der gotischen Bibel.

Grimms Gesetz: der Klang, der alles trennte

Was das Germanische überhaupt zu etwas Eigenem macht, ist eine Kette von Lautveränderungen, die man die Erste oder germanische Lautverschiebung nennt. Der dänische Sprachforscher Rasmus Rask beschrieb sie zuerst, populär wurde sie durch Jacob Grimm – daher der Name Grimms Gesetz. Vereinfacht gesagt wurden die indogermanischen stimmlosen Verschlusslaute im Germanischen zu Reibelauten: p wurde zu f, t wurde zu þ (dem „th"-Laut), k wurde zu h.

Man sieht das bis heute, wenn man germanische und nicht-germanische Verwandte nebeneinanderlegt. Das lateinische pater und das germanische „Vater" (englisch father) gehen auf dieselbe Wurzel zurück – nur ist aus dem p ein f geworden. Das lateinische tres und das deutsche „drei" (englisch three) zeigen den Wandel von t zu þ. Das lateinische cornu und das germanische „Horn" zeigen k zu h. Zusätzlich wurden die stimmhaften Verschlusslaute weiterverschoben: aus indogermanischem d wurde germanisches t (lateinisch decem gegen „zehn", englisch ten). Diese Verschiebung lief nicht willkürlich, sondern regelhaft durch den ganzen Wortschatz – und genau diese Regelmäßigkeit ist der Beweis, dass es sich um eine echte historische Entwicklung handelt und nicht um Zufall.

Beleg: Die germanische Lautverschiebung ist keine Spekulation, sondern über tausende Wortgleichungen abgesichert. Weil die Lautwandel ausnahmslos in dieselbe Richtung laufen (immer p→f, nie umgekehrt), lassen sich germanische Wörter zuverlässig von ihren lateinischen, griechischen oder keltischen Verwandten unterscheiden. Das ist die Grundlage der vergleichenden Sprachwissenschaft seit dem frühen 19. Jahrhundert.

Vernersches Gesetz: die Ausnahmen, die eine Regel wurden

Grimms Gesetz hatte scheinbare Ausnahmen: In manchen Wörtern erschien statt des erwarteten Reibelauts ein stimmhafter Laut. Der dänische Sprachforscher Karl Verner löste das Rätsel im Jahr 1875. Seine Erklärung, das Vernersche Gesetz, besagt, dass die Lautentwicklung davon abhing, wo im indogermanischen Wort ursprünglich die Betonung lag. Stand der Akzent nicht unmittelbar vor dem betroffenen Laut, wurde dieser stimmhaft. Damit war die letzte große „Unregelmäßigkeit" der germanischen Lautverschiebung erklärt – ein Triumph der Methode, weil er zeigte, dass Lautgesetze wirklich ausnahmslos wirken, wenn man alle Bedingungen kennt. Nachhall dieses Gesetzes ist der Wechsel zwischen „war" und „waren" oder englisch was und were: derselbe Wortstamm, zwei Konsonanten, weil einst die Betonung wanderte.

Die zweite Verschiebung: warum Donar im Norden Þórr heißt

Viele Jahrhunderte später traf eine zweite Lautverschiebung nur einen Teil des germanischen Sprachraums: die Zweite oder Hochdeutsche Lautverschiebung, etwa zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert im süddeutschen Raum. Sie verschob unter anderem germanisches t zu z/ss, p zu pf/ff und k zu ch. Genau diese Verschiebung trennt das Hochdeutsche vom Niederdeutschen, Niederländischen, Englischen und Nordischen.

Man erkennt sie an Wortpaaren, die bis heute die Sprachgrenze markieren: „das" gegen niederdeutsch/englisch dat, „Apfel" gegen appel, „machen" gegen maken, „Zeit" gegen tid. Und sie erklärt einen Unterschied, der für unsere Nische zentral ist: Der Donnergott heißt im hochdeutschen Süden „Donar", im nordgermanischen Altnordisch aber „Þórr" (aus urgermanisch *Þunraz). Das ist kein anderer Gott – es ist derselbe Name, den die zweite Lautverschiebung im Süden anders geformt hat als im Norden, wo sie nie stattfand. Wer verstehen will, warum Wodan, Woden und Óðinn nebeneinander existieren, findet die Antwort in solchen Lautgesetzen, nicht in verschiedenen Göttern.

Drei Zweige: Nord, Ost und West

Aus dem Urgermanischen wuchsen drei Hauptzweige. Der ostgermanische Zweig umfasste vor allem das Gotische; er ist heute vollständig ausgestorben. Der nordgermanische Zweig führte zum Altnordischen und über dieses zu den heutigen skandinavischen Sprachen: Isländisch, Färöisch, Norwegisch, Schwedisch, Dänisch. Der westgermanische Zweig brachte das Althochdeutsche, Altsächsische, Altenglische, Altfriesische und Altniederländische hervor – und damit unsere heutigen Sprachen Deutsch, Niederländisch, Englisch und Friesisch.

Wichtig ist die Einordnung: Deutsch und die skandinavischen Sprachen sind Vettern, nicht Vorfahre und Nachkomme. Sie gehen beide auf das Urgermanische zurück, haben sich aber seit über zweitausend Jahren getrennt entwickelt. Das erklärt, warum ein Deutscher altnordische Wörter oft halb versteht und doch nie ganz – die Familienähnlichkeit ist da, aber jede Sprache ist eigene Wege gegangen.

Gotisch: der älteste große Text

Für die Erforschung des Germanischen ist eine Sprache Gold wert, obwohl ihre Sprecher längst verschwunden sind: das Gotische. Im 4. Jahrhundert übersetzte der westgotische Bischof Wulfila (Ulfilas) große Teile der Bibel ins Gotische und schuf dafür eigens ein Alphabet aus griechischen, lateinischen und runischen Elementen. Der berühmteste Überlieferungsträger ist der Codex Argenteus, die „Silberbibel", heute in Uppsala. Weil dieser Text rund vierhundert Jahre älter ist als die ersten großen nordischen oder deutschen Handschriften, gibt er uns einen einzigartigen Blick auf einen sehr frühen Stand des Germanischen.

Wie nah das Gotische am Deutschen und Englischen und doch eigen ist, zeigt der Beginn des Vaterunsers in Wulfilas Übersetzung:

Atta unsar þu in himinam, weihnai namo þein, qimai þiudinassus þeins, wairþai wilja þeins, swe in himina jah ana airþai.Wulfila-Bibel, gotisches Vaterunser (Matthäus 6,9–10), 4. Jh., gemeinfrei

Man erkennt „Atta unsar" als „Vater unser", „himinam" als „Himmel", „namo" als „Name", „wilja" als „Wille", „airþai" als „Erde" – und in „airþai" steckt genau jenes þ, das Grimms Gesetz aus einem älteren t machte.

Altnordisch: die Sprache der Wikingerzeit

Die Sprache, in der die Edda-Lieder, die Sagas und die meisten Runensteine der Wikingerzeit verfasst sind, ist das Altnordische. Es entstand aus dem gemeinsamen Urnordischen und spaltete sich im Lauf der Wikingerzeit in zwei Hauptzweige: das Westnordische (Norwegen, Island, die Atlantikinseln) und das Ostnordische (Dänemark, Schweden). Ein oft genanntes Beispiel für den Unterschied ist das Wort für „Stein": westnordisch steinn, ostnordisch sten. Solche kleinen Lautunterschiede setzten sich fort und führten am Ende zu den getrennten Nationalsprachen Norwegisch, Isländisch, Schwedisch und Dänisch.

Bemerkenswert ist, wie konservativ das Isländische geblieben ist: Wer heute Isländisch spricht, kann mittelalterliche Sagatexte mit etwas Übung noch lesen. Andere Zweige haben sich stärker verändert. Für unsere Arbeit ist das Altnordische die Quellsprache aller echten Götternamen und Formeln – und der Grund, warum wir bei Gravuren so genau auf Fälle und Formen achten: Óðins ist der Genitiv von Óðinn, Þórs der von Þórr. Wer die Wörterbuchform blind graviert, schreibt schnell einen grammatisch falschen Satz.

Runen: eine Schrift, kein Zauberalphabet

Die Germanen schrieben lange vor der Wikingerzeit – nämlich mit Runen. Das ältere Futhark mit 24 Zeichen ist seit den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung bezeugt, das jüngere Futhark mit 16 Zeichen prägte die Wikingerzeit, das angelsächsische Futhorc mit bis zu über 30 Zeichen war in England und Friesland in Gebrauch. Runen sind eine gewöhnliche Schrift zum Aufschreiben von Sprache – Namen, Besitzvermerke, Gedenkinschriften, Alltagsnotizen. Wer tiefer einsteigen will, findet bei uns eine eigene, ausführliche Runenkunde. Für die Sprachgeschichte ist wichtig: Die ältesten Runeninschriften sind unsere frühesten direkten Zeugnisse des Germanischen überhaupt, älter als jedes Buch.

Die germanischen Wochentage

Ein Stück lebendige germanische Sprachgeschichte trägt jeder von uns im Kalender. Als die Germanen die römische Sieben-Tage-Woche mit ihren nach Göttern benannten Tagen übernahmen, ersetzten sie die römischen Gottheiten durch die eigenen – eine sogenannte interpretatio. So wurde aus dem Tag des Mars der Tag des Kriegsgottes Tíw/Týr (englisch Tuesday, süddeutsch früher Ziestag), aus dem Tag des Merkur der Tag des Wodan (englisch Wednesday = Woden's day; im Deutschen setzte sich stattdessen der neutrale „Mittwoch" durch), aus dem Tag des Jupiter der Tag des Donnergottes Þunor/Þórr (Donnerstag, englisch Thursday), und aus dem Tag der Venus der Tag der Göttin Frijjō/Frigg (Freitag, englisch Friday). In diesen Namen leben die alten Götter bis heute weiter, ganz ohne dass es den meisten Menschen bewusst wäre.

Mythos-Check: Mehrere populäre Vorstellungen halten der Prüfung nicht stand. Erstens: „Die Wikinger sprachen eine Geheimsprache." Falsch – Altnordisch war eine ganz normale Volkssprache, in der man handelte, stritt und Gesetze sprach, keine verschlüsselte Priestersprache. Zweitens: „Runen sind ein magisches Alphabet." Runen sind zuallererst Schrift; magische Verwendung gab es, aber das Zeichen selbst ist ein Buchstabe, kein Zauber. Drittens: „Deutsch stammt von den Wikingern / vom Altnordischen ab." Falsch – Deutsch gehört zum westgermanischen Zweig und ist ein Vetter, kein Nachkomme des Nordischen; beide gehen unabhängig auf das Urgermanische zurück. Und viertens: Etymologien sind fast nie „sichere Wahrheit". Rekonstruierte Urformen wie *Þunraz oder *Wōðanaz sind erschlossen, nicht überliefert – deshalb das Sternchen, das ehrlich sagt: gut begründete Vermutung, kein Zitat aus einer Quelle.

Warum uns das wichtig ist

Sprachgeschichte ist kein trockenes Schulthema, sondern die ehrlichste Brücke zwischen uns und den Menschen der Wikingerzeit. Wer versteht, dass „Donner", thunder und Þórr Kinder desselben urgermanischen Wortes sind, hört in seiner eigenen Alltagssprache plötzlich die Stimme einer sehr alten Welt. Genau in diesem Geist arbeiten wir: Wir wollen das Echte zeigen, mit Namen und Formen, die belegt sind – und dort, wo wir rekonstruieren oder vermuten, sagen wir es offen. Ein Sternchen an der richtigen Stelle ist uns lieber als eine schöne, aber falsche Gewissheit.

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