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Die Salme-Krieger: Schweden auf Saaremaa um 750

Geschichte & Funde Die Salme-Krieger: Schweden auf Saaremaa um 750

2008 stießen Arbeiter im Dorf Salme auf der estnischen Insel Saaremaa beim Ausheben eines Kabelgrabens auf Knochen und Eisen. Was sie gefunden hatten, war ein Schiff. Zwei Jahre später lag daneben ein zweites, größeres. Darin: mehr als vierzig tote Männer, Dutzende Schwerter, Hunderte Spielsteine. Sie starben um 750, gut vierzig Jahre vor Lindisfarne, und sie waren nicht von hier. Isotope und DNA weisen über die Ostsee nach Westen, in die Landschaften um den Mälaren. Salme ist der älteste Beleg für einen bewaffneten Zug aus Skandinavien, den man ausgraben kann.

Verrostetes Schwert aus den Schiffsgräbern von Salme an der Fundstelle
Ein Schwert aus den Schiffsgräbern von Salme, fotografiert an der Fundstelle auf Saaremaa. Es war bei Bauarbeiten aus seiner ursprünglichen Lage gerissen worden – so kamen die Gräber überhaupt erst ans Licht. Foto: Rsaage, CC BY-SA 3.0.

Ein Kabelgraben in Salme

Salme liegt im Süden von Saaremaa, dort, wo die Insel in die schmale Halbinsel Sõrve übergeht. Heute ist das Meer ein Stück entfernt. Um 750 lag der Fundplatz am Strand: Das Land hat sich seit der Eiszeit gehoben, und die Küste ist seither nach außen gewandert. Die beiden Schiffe wurden also nicht landeinwärts geschleppt, sondern dort begraben, wo sie angelandet waren oder angelandet worden waren.

Das erste Schiff, heute Salme I genannt, wurde 2008 bei Erdarbeiten entdeckt und im selben Jahr ausgegraben. 2010 folgte Salme II, ganz in der Nähe. Die Grabungen leitete der estnische Archäologe Jüri Peets, die Anthropologin Raili Allmäe bearbeitete die menschlichen Reste, die Archäozoologin Liina Maldre die Tierknochen. Ihre Berichte sind die Grundlage für alles, was folgt.

Zwei Schiffe, einundvierzig Tote

Salme I ist ein Ruderboot von etwa 11,5 Metern Länge. Darin lagen sieben junge Männer. Salme II ist mit gut 17 Metern Länge und etwa 3 Metern Breite deutlich größer, gebaut in Klinkertechnik mit Kiel. Die Ausgräber halten es für möglich, dass es ein Segel trug; das wäre einer der frühesten Hinweise auf Segel im Ostseeraum. Sicher ist das nicht, denn Mast und Segel selbst sind nicht erhalten.

In Salme II lagen mindestens vierunddreißig Männer, in vier Schichten übereinander. Das Wort, das in Berichten immer wieder fällt, ist „wie Brennholz". Dabei war die Anordnung nicht achtlos: Die Toten waren sorgfältig in den Schiffsrumpf gelegt, und manches spricht dafür, dass man sie mit Mänteln oder Tuch bedeckte, bevor Sand darüber kam. Zusammen sind es einundvierzig Tote aus zwei Gräbern, die zur selben Zeit angelegt wurden.

Viele Skelette tragen Spuren von Gewalt. An Schädeln finden sich Hiebverletzungen durch Klingen, an anderen Knochen Schnitte und Stiche, im Schiff lagen Pfeilspitzen verstreut, über neunzig insgesamt. Diese Männer sind nicht an einer Seuche gestorben und nicht im Sturm ertrunken. Sie sind in einem Kampf gefallen, und die Überlebenden haben sie begraben.

Was mit ins Grab kam

Die Beigaben passen zu Kriegern von Rang. Aus Salme II stammen rund vierzig Schwerter, einige mit Griffen aus vergoldeter Bronze, mit Granat besetzt. Dazu Speerspitzen, Messer, Äxte, Schildbuckel, Wetzsteine, Kämme aus Geweih, Perlen und Anhänger aus Bärenzähnen.

Und Spiel. Zusammen fanden sich 326 Spielsteine, 75 in Salme I und 251 in Salme II, viele aus Walknochen, dazu Würfel. Bei einem Mann in Salme II lag ein Spielstein mit einem Eisenstift nahe beim Mund; viele Darstellungen machen daraus den „König im Mund". Ob der Stein bewusst in den Mund gelegt wurde oder dorthin gerutscht ist, lässt sich am Befund nicht sicher sagen. Welches Spiel sie spielten, wissen wir ebenfalls nicht genau. Ein Vorläufer des Brettspiels, das man später Hnefatafl nannte, ist eine naheliegende Vermutung, mehr nicht.

In Salme I lagen die Reste zweier geköpfter Greifvögel, nach den Ausgräbern Habichte. In Salme II fand sich ein Hund, in zwei Hälften geteilt; über beide Gräber sollen es mindestens sechs Hunde gewesen sein. Beizvögel waren teuer, ihre Abrichtung ein Zeitvertreib für Leute mit Mitteln. Tierknochen von Schwein, Schaf oder Ziege und Rind deuten auf ein Mahl am Grab. Wer diese Männer begrub, nahm sich Zeit. Das ist kein hastiges Verscharren auf der Flucht.

Woher sie kamen: die Isotope

Die Ausstattung sah von Anfang an skandinavisch aus. Die Schwerter, die Schiffe, die Art der Bestattung erinnern an das, was man aus dem Mälargebiet der späten Vendelzeit kennt. Ein Stil ist aber noch keine Herkunft. Waffen wurden gehandelt, verschenkt, erbeutet.

2016 legten T. Douglas Price, Jüri Peets, Raili Allmäe, Liina Maldre und Ester Oras eine Isotopenstudie vor. Sie untersuchten Zahnschmelz, vor allem das Verhältnis der Strontium-Isotope, dazu Sauerstoff und Kohlenstoff. Strontium gelangt über Wasser und Nahrung in den Körper und wird im Zahnschmelz der Kindheit festgehalten. Es spiegelt den Untergrund der Gegend, in der jemand aufwuchs.

Das Ergebnis war deutlich: Die Werte passen nicht zu Saaremaa und nicht zum übrigen Ostbaltikum. Sie passen zu Mittelschweden. Die Autoren nennen, aus Isotopen und archäologischem Befund zusammen, das Mälargebiet als wahrscheinlichste Heimat, also die Gegend um Uppsala und das spätere Birka. Die Männer waren über die Ostsee gekommen.

Brüder im selben Schiff: die DNA

2020 erschien in der Zeitschrift Nature die bis dahin größte genetische Untersuchung zur Wikingerzeit, federführend Ashot Margaryan und Eske Willerslev, mit Genomen von über vierhundert Menschen. Unter ihnen waren Tote aus Salme II. Zwei Ergebnisse sind für uns wichtig.

Erstens bestätigt die DNA die Isotope: Die Salme-Männer stehen genetisch den Bevölkerungen des heutigen Schweden am nächsten. Zweitens fanden sich Verwandte. Vier Männer waren Brüder und lagen nebeneinander. Ein weiterer war mit ihnen im dritten Grad verwandt, etwa ein Onkel oder Vetter. Hier fuhren Familien zusammen, nicht zusammengewürfelte Söldner.

Das passt zu dem, was man über spätere Fahrten aus Runensteinen weiß, auf denen Brüder und Väter gemeinsam auftauchen. Salme zeigt es gut zweihundertfünfzig Jahre früher, und zwar nicht in einer Inschrift, sondern in den Knochen.

Kriegszug oder Gesandtschaft?

Was diese Männer auf Saaremaa wollten, sagen weder Isotope noch DNA. Hier beginnt die Deutung, und sie ist offen.

Die naheliegende Lesart ist ein Raubzug, der schiefging. Bewaffnete Männer aus dem Mälargebiet landen an einer fremden Küste, werden angegriffen, verlieren über vierzig Mann und begraben sie, bevor sie abziehen. Die Ostküste der Ostsee war kein leeres Land. Auf Saaremaa und an der Küste des heutigen Lettland lebten Völker, die selbst zur See fuhren, darunter die Kuren. Rimbert berichtet in seiner Lebensbeschreibung Ansgars aus dem 9. Jahrhundert von Kriegszügen der Svear gegen die Kuren. Salme liegt hundert Jahre früher, aber in derselben Welt.

Andere Forscher weisen auf die Beizvögel, die kostbaren Schwerter und die Spielsteine hin. Das seien nicht die Dinge, die man auf einen Raubzug mitnimmt, sondern die einer Gesandtschaft oder einer Gesellschaft von hohem Rang, die unterwegs überfallen wurde. Man hat an eine Reise zu Verhandlungen, zu einem Bündnis, vielleicht an eine Brautfahrt gedacht.

Eine Entscheidung gibt der Befund nicht her. Sicher ist: Die Männer gehörten zu einer Oberschicht, sie kamen gemeinsam, sie starben gemeinsam, und ihre Gefährten hatten die Zeit und die Mittel, sie mit allen Ehren zu begraben. Das spricht eher dafür, dass die Gruppe als Ganzes den Kampf überstand.

König Yngvar: eine Sage, die man gern darüberlegt

Kaum war Salme bekannt, tauchte in Zeitungen ein Name auf: Yngvar. In der Ynglinga saga, die Snorri Sturluson um 1230 in Island aufschrieb, gibt es einen Schwedenkönig dieses Namens, Sohn des Eysteinn. Er habe mit den Dänen Frieden geschlossen und sei dann nach Osten gezogen:

Á einu sumri hafði hann her úti ok fór til Eistlands ok herjaði þar um sumarit, sem heitir at Steini. […] Hann er heygðr þar við sjá sjálfan; þat er á Aðalsýslu.

„In einem Sommer war er mit einem Heer unterwegs, fuhr nach Estland und heerte dort im Sommer an dem Ort, der ‚am Stein' heißt. […] Er liegt dort im Hügel direkt am Meer; das ist in Aðalsýsla."Snorri Sturluson, Ynglinga saga, Kapitel über Yngvarr (Kap. 36 nach heimskringla.no, Zählung je nach Ausgabe verschieden); Übertragung von uns

Die Estländer hätten ein großes Heer gesammelt, Yngvar sei gefallen und seine Leute seien geflohen. Snorri stützt sich dabei auf eine Strophe des Ynglingatal, eines Gedichts, das Þjóðólfr von Hvinir zugeschrieben wird. Es spricht vom Volk der Sýsla und vom Ostmeer.

Man sieht, warum die Verbindung verlockt: ein Schwedenkönig, ein Kampf in Estland, ein Grab am Meer. Aber sie trägt nicht. Die Ynglinga saga ist rund fünfhundert Jahre jünger als Salme. Das Alter des Ynglingatal ist umstritten, die Datierungen reichen vom 9. bis ins 12. Jahrhundert. Aðalsýsla meint in den nordischen Quellen in der Regel das estnische Festland, Saaremaa dagegen heißt Eysýsla, die Insel-Sýsla. Und Snorri spricht von einem Grabhügel für einen König, nicht von zwei Schiffen mit einundvierzig Toten. Salme beweist Yngvar nicht, und Yngvar erklärt Salme nicht. Was die Sage allenfalls zeigt: Die Erinnerung an Kriegszüge der Svear nach Estland war im Norden noch Jahrhunderte später lebendig. Mehr zu diesen Svear und ihren Flotten steht bei den Suionen.

Befund, Sage, Deutung – sauber getrennt

Archäologisch belegt sind zwei gleichzeitige Schiffsgräber um 750 mit mindestens einundvierzig Männern, von denen viele gewaltsam starben, dazu Schwerter, Spielsteine, Beizvögel und die Reste eines Mahls. Isotope und DNA weisen die Toten als Leute aus Mittelschweden aus, wahrscheinlich aus dem Mälargebiet; vier von ihnen waren Brüder.

Zeitgenössische Schriftquellen gibt es für Salme nicht. Um 750 schreibt im Ostseeraum niemand.

Spätere Überlieferung ist die Geschichte von König Yngvar in der Ynglinga saga des 13. Jahrhunderts und im Ynglingatal. Sie ist eine Legende und lässt sich mit Salme nicht verbinden.

Moderne Deutung ist die Frage, ob in Salme ein Raubzug, eine Gesandtschaft oder etwas dazwischen endete, und ob das größere Schiff ein Segel trug.

Einundvierzig Männer, die nicht nach Hause kamen, begraben von denen, die es taten. Sie haben keinen Runenstein bekommen. Wir kennen sie trotzdem. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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