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Die Kuren – Nachbarn, Gegner und Tributpflichtige an der Ostsee

Geschichte & Funde Die Kuren – Nachbarn, Gegner und Tributpflichtige an der Ostsee

Die Kuren waren keine Wikinger. Sie sprachen eine baltische Sprache, verwandt mit dem Lettischen und Litauischen, und sie saßen an der Küste, auf die schwedische und gotländische Schiffe als Erstes trafen, wenn sie nach Osten fuhren. Um 850 wollten sie keinen Tribut mehr zahlen. Ein dänisches Heer holte sich bei ihnen eine blutige Niederlage, dann kam der Schwedenkönig Olof und brannte eine ihrer Burgen nieder. So erzählt es ein Mönch aus Hamburg. Was davon stimmt, was Grobiņa im Boden zeigt und wie aus den Kuren später die „Wikinger des Baltikums" wurden – eine Spurensuche.

Runenstein Sö 198 von Mervalla mit Schlangenband und Kreuz
Runenstein Sö 198 von Mervalla in Södermanland. Sigríðr ließ ihn für ihren Mann Sven setzen, der oft nach Semgallen gefahren sei, mit seinem Schiff um Domesnes, die Spitze Kurlands. Foto: Berig, CC BY-SA 3.0.

Ein baltisches Volk am Rand der Wikingerwelt

Die Kuren lebten im Westen des heutigen Lettland und im Nordwesten Litauens, zwischen der Ostseeküste und dem Hinterland um Kuldīga. Das Land trägt bis heute ihren Namen: Kurland, lettisch Kurzeme. In altnordischen Texten heißt es Kúrland, bei Rimbert und Adam von Bremen heißen die Leute Cori.

Ihre Sprache gehörte zum baltischen Zweig, nicht zum germanischen. Sie ist im Lauf der frühen Neuzeit im Lettischen aufgegangen und nur über Orts- und Personennamen greifbar. Wer also „die Kuren" in eine Reihe mit Dänen, Norwegern und Schweden stellt, verwechselt Nachbarschaft mit Verwandtschaft. Die Kuren waren Nachbarn der Skandinavier, Handelspartner, Gegner, zeitweise Tributzahler. Ein Wikingervolk waren sie so wenig wie die Skandinavier selbst: „Wikinger" war eine Tätigkeit, kein Volk.

Rimbert, Kapitel 30: Die Dänen scheitern

Die älteste Nachricht über die Kuren steht in der Vita Anskarii, der Lebensbeschreibung des Missionars Ansgar, die sein Nachfolger Rimbert in den Jahren nach Ansgars Tod 865 schrieb, spätestens um 876. Im 30. Kapitel schiebt Rimbert einen Kriegsbericht ein. Ein Volk weit weg von den Schweden, die Cori, sei einst der Herrschaft der Schweden unterworfen gewesen, habe sich aber längst losgesagt.

Das hätten die Dänen ausnutzen wollen. Sie seien mit einer großen Flotte gekommen, um die Kuren zu plündern und zu unterwerfen. Die Kuren aber hätten sich gesammelt und die Dänen geschlagen; die Hälfte der Dänen sei gefallen, ihre Schiffe seien geplündert worden, die Sieger hätten Gold, Silber und viel Beute gemacht.

Rimbert nennt kein Jahr. Er setzt die Ereignisse in die Zeit von Ansgars zweitem Aufenthalt in Birka, den die Forschung um 852 ansetzt. Damit landet der Feldzug in den frühen 850er-Jahren. Genauer geht es nicht.

Olof vor Seeburg und Apulia

Als der Schwedenkönig Olof hörte, dass die Dänen gescheitert waren, zog er nach Rimbert mit einem großen Heer selbst gegen die Kuren. Er griff zuerst eine Burg namens Seeburg an, in der siebentausend Kämpfer gelegen hätten, eroberte sie, plünderte und brannte sie nieder.

Danach wandte er sich gegen eine zweite Burg, Apulia. Dort sollen fünfzehntausend Mann gestanden haben. Acht Tage lang wurde gekämpft, ohne dass die Schweden durchkamen. Die Männer wollten abziehen, schreibt Rimbert, und warfen das Los, um zu erfahren, ob ihre Götter helfen würden. Die Götter schwiegen. Da hätten Kaufleute, die Ansgars Lehre kannten, geraten, den Gott der Christen zu fragen, und das Los sei günstig gefallen.

Am Ende schlossen die Kuren Frieden. Sie gaben das Gold und die Waffen heraus, die sie im Vorjahr den Dänen abgenommen hatten, zahlten für jeden Mann in der Burg ein halbes Pfund Silber, versprachen, künftig wieder Tribut zu leisten, und stellten dreißig Geiseln.

Man muss diese Geschichte lesen, wie Rimbert sie gemeint hat: als Missionserzählung. Der Krieg ist Kulisse, der eigentliche Held ist der Christengott, der den Schweden hilft, als ihre eigenen Götter versagen. Die Zahlen – siebentausend, fünfzehntausend – sind Zahlen eines Erzählers, der weit weg in Hamburg und Bremen saß. Dass es einen schwedischen Feldzug gegen die Kuren gab, dass die Kuren tributpflichtig gewesen waren und dass zwei ihrer Burgen Seeburg und Apulia hießen, halten die meisten Historiker trotzdem für glaubwürdig. Einen König Olof um 850 kennt allerdings keine andere Quelle.

Grobiņa: Skandinavier auf kurischem Boden

Seeburg wird heute fast allgemein mit Grobiņa bei Liepāja gleichgesetzt, Apulia mit dem Burgberg von Apuolė im Nordwesten Litauens. Beide Gleichsetzungen sind gut begründet, bewiesen sind sie nicht. Andere Vorschläge gab es, etwa für Apulia Pilten bei Ventspils.

Was Grobiņa so bedeutend macht, liegt im Boden. Um den Burgberg Skabārža kalns herum liegen mehrere Gräberfelder – Priediens, Smukumi, Porāni und Atkalni –, die ganz oder teilweise skandinavisch geprägt sind. Der schwedische Archäologe Birger Nerman grub hier 1929 und 1930, lettische Archäologen setzten die Arbeit bis Ende der 1980er-Jahre fort. Allein Priediens umfasste ursprünglich wohl um die zweitausend Grabhügel.

Die Gräber reichen etwa von der Mitte des 7. bis ins 9. Jahrhundert. Nerman unterschied zwei Gruppen: Frauen- und Familiengräber mit Schmuck gotländischer Art, die er Siedlern aus Gotland zuschrieb, und Hügel mit Waffen, die er mit Kriegern aus dem Mälargebiet verband. Diese Aufteilung ist bis heute der Ausgangspunkt, im Einzelnen aber diskutiert. Dazu kommt ein Bildstein nach gotländischer Art aus Priediens, mit zwei Wasservögeln verziert – ein Stück Gotland an der kurischen Küste.

Das Bild, das sich ergibt, ist keine Eroberung, sondern ein Nebeneinander. Neben den skandinavischen Friedhöfen liegen kurische, und beide Seiten übernahmen Formen voneinander. Grobiņa war ein Handelsplatz mit einer skandinavischen Gemeinde, vielleicht mit Schutzgeld nach Schweden, vielleicht auch ohne. Mit dem 9. Jahrhundert enden die skandinavischen Gräber. Ob das mit Olofs Zug zusammenhängt, wissen wir nicht. Es passt zu Rimbert, aber Archäologie und Text lassen sich hier nicht auf das Jahr verklammern.

Etwa ein Jahrhundert älter als die jüngsten Gräber von Grobiņa sind die Bootsgräber von Salme auf Saaremaa: dort Skandinavier, die fern der Heimat im Kampf fielen, hier Skandinavier, die sich an einer fremden Küste niederließen. Beide Funde zeigen, dass die Ostsee lange vor 793 ein Meer der Wege war.

Runensteine und Sagas

Wer nach Runensteinen sucht, die ausdrücklich die Kuren nennen, wird enttäuscht. Viel eindeutiger ist ein Stein aus Södermanland, Sö 198 von Mervalla auf der Insel Selaön im Mälaren, aus dem 11. Jahrhundert:

Sigríðr lét reisa stein þenna at Svein, bónda sinn. Hann opt sigldi til Seimgala dýrum knerri um Dómisnes.

„Sigrid ließ diesen Stein errichten für Sven, ihren Mann. Er segelte oft nach Semgallen mit kostbarem Knorr um Domesnes."Runenstein Sö 198, Mervalla; normalisierte Lesung nach der Samnordisk runtextdatabas, Übertragung von uns

Domesnes ist das Kap Kolka, die Nordspitze Kurlands, wo Riffe weit ins Meer reichen. Semgallen liegt südlich davon am Rigaischen Meerbusen. Sven fuhr also an der kurischen Küste entlang, als Händler, nicht als Räuber. Auf Gotland nennt der Stein G 135 aus Sjonhem einen Ort, an dem ein Mann starb; manche lesen ihn als Windau, das heutige Ventspils in Kurland. Sicher ist diese Deutung nicht.

In der isländischen Literatur des 13. Jahrhunderts wird Kurland zum Abenteuerland. Die Egils saga lässt im 46. Kapitel Thorolf und Egil Skallagrímsson in Kurland heeren; Egil gerät in Gefangenschaft, befreit sich und plündert einen Hof. Das ist gute Erzählung, aber keine Nachricht über das 10. Jahrhundert. Die Saga ist rund dreihundert Jahre jünger als die Ereignisse, die sie schildert.

Adam von Bremen: Gold, Pferde und Wahrsager

Um 1075 beschreibt Adam von Bremen im vierten Buch seiner Hamburgischen Kirchengeschichte die Inseln und Küsten der Ostsee. Kurland, bei ihm Churland, hält er für eine Insel. Die Leute dort seien wegen ihres Götzendienstes gefürchtet, es gebe viel Gold und sehr gute Pferde, und alle Häuser seien voll von Wahrsagern, Zeichendeutern und Zauberern. Menschen aus aller Welt, besonders aus Spanien und Griechenland, kämen, um dort Orakel einzuholen. Eine einzige Kirche gebe es, gebaut auf Betreiben eines Kaufmanns, den der Dänenkönig mit Geschenken dazu gebracht habe.

Adam war nie in Kurland. Sein Bild ist das eines Kirchenmannes, der von Kaufleuten und wohl auch vom dänischen König Sven Estridsson hörte, was jenseits der Ostsee lag. Die Wahrsager aus Spanien darf man getrost als Übertreibung lesen. Brauchbar ist die Nachricht, dass Kaufleute dort verkehrten und dass die Kuren um 1075 noch Heiden waren.

Die Seeräuber: ein Bild des 11. bis 13. Jahrhunderts

Den Ruf als gefürchtete Seefahrer erwarben die Kuren vor allem später. Die Quellen dafür stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert: Saxo Grammaticus erwähnt Kämpfe dänischer Könige mit Kuren und Esten, und die Livländische Chronik Heinrichs von Lettland, geschrieben um 1225, berichtet, wie 1210 eine kurische Flotte die junge Stadt Riga angriff. In dieser Zeit waren die Kuren tatsächlich ein Machtfaktor auf See, bis der Deutsche Orden Kurland in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts unterwarf.

Wer Sigtuna 1187 zerstörte, ist dagegen offen. Die Erikschronik aus dem frühen 14. Jahrhundert nennt Karelier, spätere Überlieferung Esten, moderne Darstellungen oft auch Kuren. Belegt ist keine dieser Zuschreibungen sicher. Ebenso steht es mit dem Satz, man habe in dänischen Kirchen um Schutz vor den Kuren gebetet: Er geistert durch Bücher und Webseiten, einen mittelalterlichen Beleg dafür haben wir nicht gefunden.

Daraus ist das Schlagwort von den „Wikingern des Baltikums" geworden. Es ist griffig und nicht ganz falsch, aber es verschiebt die Zeit. Für das 9. Jahrhundert zeigen die Quellen die Kuren vor allem als Angegriffene, die sich erfolgreich wehrten – gegen die Dänen – und dann doch unterlagen – gegen die Schweden. Die kurischen Flotten gehören ins Hochmittelalter, als die Wikingerzeit in Skandinavien längst vorbei war.

Die „Kurenkönige" – ein später Name

Ein Name führt besonders leicht in die Irre: die Kurenkönige, lettisch kuršu ķoniņi. Das waren keine Herrscher der Wikingerzeit, sondern die Bewohner von sieben Dörfern zwischen Kuldīga und Aizpute, die unter dem Deutschen Orden als freie Bauern mit eigenem Land lebten und leichte Reiterdienste leisteten. Die erste Urkunde über ihre Sonderstellung stammt von 1320, ihre Rechte endeten erst mit der lettischen Agrarreform von 1920. Ob ihre Vorfahren kurischer Adel waren, ist eine verbreitete Annahme, belegt ist sie nicht.

Beleg, Saga, Deutung – sauber getrennt

Zeitgenössische Schriftquelle ist Rimberts Vita Anskarii aus den Jahren zwischen 865 und etwa 876, aus der Sicht eines Missionars geschrieben und mit Zahlen, denen man nicht trauen muss. Dazu kommen Adam von Bremen um 1075 und für die spätere Zeit Heinrich von Lettland und Saxo.

Archäologisch belegt sind die skandinavischen Gräberfelder von Grobiņa vom 7. bis 9. Jahrhundert, gotländische und mittelschwedische Formen, der Bildstein von Priediens und das Nebeneinander mit kurischen Friedhöfen. Der Runenstein von Mervalla belegt die Fahrt um Domesnes im 11. Jahrhundert.

Spätere Überlieferung sind Egils Beutezug in Kurland und die Kurlandfahrten anderer Sagahelden.

Moderne Deutung sind die Gleichsetzung von Seeburg mit Grobiņa und Apulia mit Apuolė, das Ende der Siedlung durch Olofs Zug und das Etikett „Wikinger des Baltikums".

Die Kuren waren keine Nebenfiguren in einer skandinavischen Geschichte. Sie waren das Volk auf der anderen Seite des Meeres, mit dem die Schweden und Gotländer handelten, stritten und zusammenlebten. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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