Die Germanen befragten die Zukunft vor allem mit Losstäbchen, die man auf ein weißes Tuch warf, mit dem Wiehern heiliger weißer Pferde, dem Flug der Vögel und dem Wort weiser Frauen – so beschreibt es Tacitus um 98 n. Chr. in seiner Germania. Caesar ergänzt Mütter, die vor der Schlacht Lose warfen, die Sagas des Nordens kennen Losspäne beim Opfer und die Völva mit ihrem Stab. Was davon belegt ist, was Deutung – und warum das heutige „Runenorakel“ aus den 1980ern stammt, zeigen wir dir hier.
Stell dir eine Lichtung vor, irgendwo zwischen Rhein und Elbe, im ersten Jahrhundert. Ein Mann schneidet einen Zweig von einem Obstbaum, zerteilt ihn in kleine Stücke und ritzt in jedes ein Zeichen. Dann breitet er ein weißes Tuch aus, wirft die Stäbchen darauf, betet, blickt zum Himmel – und hebt drei davon auf, eins nach dem anderen. Was er jetzt sagt, entscheidet vielleicht über Krieg oder Frieden.
Diese Szene ist kein Fantasy-Kitsch, sondern steht fast genau so bei einem römischen Senator. Und sie ist nur eine von mehreren Arten, mit denen Germanen und später die Nordleute versuchten, den Willen der Götter zu erfahren. Wir gehen sie der Reihe nach durch – mit den Quellen in der Hand und mit einem klaren Blick dafür, wo das Wissen endet und die Fantasie beginnt.
Ein Orakel ist jedes Verfahren, mit dem Menschen eine Antwort höherer Mächte einholen: per Los, Tierzeichen, Traum oder durch einen Menschen, aus dem eine Gottheit spricht. Die Römer unterschieden sortes (Lose), auspicia (Vogelzeichen) und vaticinationes (Weissagungen) – genau die Begriffe, die Caesar und Tacitus für die Germanen benutzen. Wir sehen diese Orakel also fast nur durch eine römische Brille.
Eigene Texte haben die Germanen der Römerzeit nicht hinterlassen. Was wir wissen, stammt aus drei Schichten: römischen und griechischen Berichten (1.–3. Jahrhundert), frühmittelalterlichen christlichen Texten (8.–9. Jahrhundert) und der altnordischen Literatur, die erst im 12. und 13. Jahrhundert auf Island aufgeschrieben wurde. Wer diese Schichten vermischt, landet schnell bei einer „uralten Tradition“, die es so nie gab. Den größeren Rahmen zeigt unser Beitrag zur germanischen Religion.
Die berühmteste Stelle steht im zehnten Kapitel der Germania, geschrieben um 98 n. Chr. Tacitus beginnt mit einem Satz, der oft zitiert wird: Auf Vorzeichen und Lose achten die Germanen so sehr wie kaum ein anderes Volk. Dann beschreibt er das Verfahren erstaunlich genau.
„Das Losen ist bei ihnen einfach. Den Zweig eines fruchttragenden Baumes schneiden sie in Stäbchen, versehen sie mit gewissen Zeichen und streuen sie aufs Geratewohl über ein weißes Tuch. Dann hebt, wenn es um eine öffentliche Sache geht, der Priester des Stammes, bei einer privaten der Hausvater selbst, nach einem Gebet an die Götter und mit dem Blick zum Himmel dreimal je eines auf und deutet die aufgehobenen nach dem zuvor eingeritzten Zeichen.“Tacitus, Germania 10 (eigene Übertragung)
Ein paar Details lohnen den zweiten Blick. Erstens: Es gibt zwei Ebenen. Für die Gemeinschaft handelt der sacerdos civitatis, der Priester des Stammes; für die Familie der pater familiae, der Hausvater. Das Orakel war also keine Geheimwissenschaft weniger Eingeweihter, sondern konnte im eigenen Haus stattfinden. Mehr zu den Menschen, die solche Rituale leiteten, liest du bei den germanischen Priestern und Seherinnen.
Zweitens: das Holz. „Fruchttragender Baum“ (arbor frugifera) meint wohl einen Baum mit essbaren Früchten; welchen, sagt Tacitus nicht. Mehr zur Rolle der Bäume im Kult bei den heiligen Bäumen und Hainen.
Drittens: Die Stäbchen werden „aufs Geratewohl“ geworfen – durch den Zufall sprechen die Götter. Dann hebt der Deutende dreimal je eines auf: ter singulos tollit. Die Dreizahl ist im germanischen und nordischen Ritual häufig, allerdings auch in römischem.
Viertens – und das wird oft übersehen – gab es Regeln für das Ergebnis. Fiel die Antwort negativ aus, durfte man am selben Tag nicht noch einmal über dieselbe Sache losen. Fiel sie positiv aus, verlangte man zusätzlich eine Bestätigung durch die Vorzeichen, also etwa die Vögel. So viel zur Vorstellung, man habe einfach so lange gewürfelt, bis das Ergebnis passte.
Hier wird es spannend, und hier fangen die meisten populären Darstellungen an zu schummeln. Tacitus schreibt notis quibusdam – „mit gewissen Zeichen“. Von Buchstaben oder einer Schrift sagt er nichts.
Die Gleichung „Zeichen = Runen“ ist verlockend, aber nicht beweisbar. Die ältesten sicher lesbaren Runeninschriften stammen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., etwa der Kamm von Vimose in Dänemark. Eine ältere Fibel aus Meldorf (1. Jahrhundert) trägt Zeichen, deren Deutung als Runen oder lateinische Buchstaben umstritten ist. Ob es um 98 n. Chr. schon ein Runenalphabet gab, das Losdeuter in ganz Germanien benutzen konnten, ist also offen. Sehr wahrscheinlich ist das nicht.
Deshalb diskutiert die Forschung andere Möglichkeiten: einfache Symbole, Eigentums- oder Hausmarken, Kerben oder Zeichen, deren Bedeutung die Deutenden kannten, die aber keine Schrift waren. Manche Runologen halten es für denkbar, dass Losstäbchen später zu einem der Anwendungsbereiche der Runen wurden. Das ist eine Hypothese, kein Befund. Und noch etwas: Tacitus war nie in Germanien. Er schrieb aus Berichten von Händlern und Soldaten und beschreibt das Verfahren mit Begriffen, die seinen römischen Lesern vertraut waren – auch Rom kannte Losorakel, etwa im Heiligtum der Fortuna in Praeneste.
Wenn du tiefer in die Frage einsteigen willst, wann und wozu die Runen entstanden, lies die Runen – eine ehrliche Einführung und unsere ausführlichere wissenschaftliche Abhandlung zur Runenkunde.
Vogelschau, schreibt Tacitus, kenne man „auch hier“ – also wie in Rom. Typisch für die Germanen aber sei etwas anderes: Sie erforschten die Vorzeichen und Warnungen von Pferden. Diese Pferde wurden auf Kosten der Gemeinschaft in denselben heiligen Wäldern und Hainen gehalten, sie waren weiß und von keiner menschlichen Arbeit berührt. Man spannte sie vor einen heiligen Wagen, Priester und König oder Stammesführer gingen nebenher und achteten auf ihr Wiehern und Schnauben.
Dann folgt der Satz, der zeigt, wie ernst das gemeint war: Keinem Vorzeichen schenke man mehr Glauben – nicht nur das Volk, auch die Vornehmen und die Priester. Die Priester hielten sich selbst für Diener der Götter, die Pferde aber für deren Vertraute. Das Tier stand den Göttern also näher als der Mensch, der es deutete. Ein schönes Detail: Der Priester ist hier nicht der Mittler, sondern nur der Dolmetscher.
Weiß gilt vielen Kulturen als Farbe des Reinen; ein Pferd, das nie gearbeitet hat, gehört gewissermaßen nur den Göttern. Mehr bei den heiligen Pferden und den Pferden der Wikinger.
Eine Parallele gibt es im Ostseeraum, allerdings slawisch und über tausend Jahre jünger: Saxo Grammaticus beschreibt um 1200, wie man im Heiligtum des Svantevit in Arkona auf Rügen ein weißes Pferd über gekreuzte Speere führte und aus seinem Schritt Glück oder Unglück eines Kriegszugs las.
Über die Vogelschau der Germanen sagt Tacitus nur einen Halbsatz: Man befrage Stimmen und Flug der Vögel. Welche Vögel, welche Richtung Glück bedeutete – das erfahren wir nicht. Es ist gut möglich, dass er hier einfach voraussetzte, was jeder Römer kannte.
Im Norden gibt es mehr, aber späte Quellen. Snorri Sturluson erzählt in der Heimskringla, Jarl Hákon habe in Götaland ein großes Opfer abgehalten; zwei Raben seien krächzend herangeflogen, und er habe das als Zeichen gedeutet, dass Odin das Opfer annahm. Ein Königsbuch des 13. Jahrhunderts, das Hákon bewusst als letzten großen Heiden zeichnet – als Ritualbeleg heikel, als Zeugnis für die Vorstellungswelt wertvoll.
Noch berühmter ist das Rabenbanner: Die Annalen von St. Neots, eine englische Chronik des frühen 12. Jahrhunderts, erzählen zum Jahr 878 von einem dänischen Banner, auf dem der Rabe vor einem Sieg zu flattern schien und vor einer Niederlage still hing. Legende – aber sie zeigt, wie eng Rabe, Odin und Kriegsglück verbunden waren. Mehr bei dem Raben in der nordischen Welt und bei Hugin und Munin.
Die vierte Orakelform in Germania 10 klingt nach Arena, ist aber als Ritual gedacht. Vor schweren Kriegen fing man irgendwie einen Gefangenen aus dem Volk, mit dem man Krieg führen würde. Ihn ließ man gegen einen ausgewählten Kämpfer aus den eigenen Reihen antreten – jeder mit den Waffen seines Volkes. Der Sieg des einen oder anderen galt als Vorentscheidung, als praeiudicium, für den ganzen Krieg.
Zwei Männer stehen stellvertretend für zwei Völker, die Götter zeigen im Kleinen, wie es im Großen ausgeht. Ob das regelmäßig geschah, wissen wir nicht; weitere Belege fehlen. Der Gedanke, dass ein Zweikampf das Urteil der Götter offenbart, lebt aber im nordischen hólmganga und im mittelalterlichen gerichtlichen Zweikampf weiter. Mehr unter Kriegsführung der Germanen und Wikinger und Recht und Thing.
Gut 150 Jahre vor Tacitus schildert Gaius Julius Caesar ein Orakel, das eine echte Schlacht beeinflusste. Im Jahr 58 v. Chr. stand er im Elsass dem Suebenkönig Ariovist gegenüber. Tagelang bot Caesar die Schlacht an, Ariovist wich aus. Caesar fragte Gefangene nach dem Grund und erfuhr – so schreibt er im ersten Buch seines Gallischen Krieges –, dass bei den Germanen Sitte sei, dass die matres familiae, die Mütter der Familien, durch Lose und Weissagungen erklärten, ob es nützlich sei, eine Schlacht zu schlagen. Und diese Frauen hätten verkündet: Es sei den Germanen nicht bestimmt zu siegen, wenn sie vor dem Neumond kämpften.
„Es sei nicht fas, dass die Germanen siegten, wenn sie vor dem Neumond in die Schlacht zögen.“Caesar, De bello Gallico I, 50 (eigene Übertragung)
Caesar nutzte das kühl aus, zwang Ariovist zur Schlacht und siegte – ein seltener Fall, in dem wir ein Orakel politisch wirken sehen.
Zwei Dinge sind hier bemerkenswert. Erstens sind es Frauen, die losen und weissagen, nicht Priester. Zweitens spielt der Mond eine Rolle. Auch Tacitus erwähnt in Germania 11, dass die Germanen ihre Versammlungen bei Neumond oder Vollmond abhielten, weil diese Zeiten als günstig galten. Wie die Germanen und Nordleute die Zeit nach dem Mond rechneten, zeigt unser Mondkalender.
Bei Caesar (I, 53) steht noch eine Szene: Sein befreiter Gesandter Gaius Valerius Procillus berichtete, man habe vor seinen Augen dreimal das Los befragt, ob er sofort verbrannt werden solle – den Losen verdanke er sein Leben. Wieder das dreifache Fragen.
Neben Losen und Tieren gab es Menschen, aus denen die Zukunft sprach. Tacitus schreibt in Germania 8, die Germanen glaubten, den Frauen wohne etwas Heiliges und Vorausschauendes inne; deshalb verachteten sie weder ihren Rat noch ihre Antworten. Er nennt Veleda, die unter Kaiser Vespasian von vielen wie eine Gottheit verehrt worden sei, und eine ältere Seherin, deren Name in den Handschriften als Aurinia überliefert ist und den viele Forscher zu Albruna verbessern.
Veleda ist die bekannteste. Sie lebte beim Stamm der Brukterer an der Lippe und hatte während des Aufstands der Bataver 69/70 n. Chr. großen Einfluss; Tacitus berichtet in den Historien, sie habe den Germanen Erfolg und den Untergang der Legionen vorausgesagt. Sie wohnte in einem Turm, niemand durfte direkt zu ihr, ein Verwandter überbrachte Fragen und Antworten „wie der Bote eines Gottes“. Ihre ganze Geschichte erzählen wir bei Veleda, den Aufstand bei den Batavern.
Ganna kennen wir aus dem griechischen Historiker Cassius Dio (frühes 3. Jahrhundert). Sie war eine Jungfrau, die nach Veleda als Seherin wirkte, und reiste zusammen mit Masyos, dem König der Semnonen, zu Kaiser Domitian, der beide ehrenvoll empfing und wieder entließ.
Waluburg ist die überraschendste. Ihr Name steht auf einer griechisch beschriebenen Tonscherbe (Ostrakon) des 2. Jahrhunderts von der Nilinsel Elephantine, heute in der Berliner Papyrussammlung (P. 12682, SB III 6221). In dieser Namensliste, wohl aus dem Umfeld eines römischen Statthalters, erscheint sie als Semnonin und Sibylle, also Wahrsagerin. Wie sie nach Ägypten kam, wissen wir nicht – vielleicht als Kriegsgefangene. Ein seltenes Originaldokument.
Wie Frauen insgesamt in diesen Gesellschaften dastanden, liest du bei Frauen bei Germanen und Wikingern.
Aus den Jahrhunderten zwischen Tacitus und den Sagas berichten christliche Texte vom Losen. Rimbert schreibt in seiner Vita des Missionars Ansgar (um 870), die Schweden hätten vor einem Angriff auf Birka geloost, ob die Götter die Zerstörung wollten – das Los verneinte. Später ließ König Olof das Los über die Zulassung der Mission entscheiden. Rimbert erzählt das freilich als Missionar, der Gottes Wirken selbst in heidnischen Losen zeigen will.
Alkuin berichtet in der Lebensbeschreibung Willibrords (um 800), der Friesenkönig Radbod habe drei Tage lang dreimal täglich gelost, welcher Missionar für den Frevel an einem Heiligtum sterben sollte. Und das friesische Volksrecht, die Lex Frisionum, kennt zwei Losstäbchen, eines mit einem Kreuz gezeichnet, um in einer unklaren Totschlagssache den Schuldigen zu finden – nun auf dem Altar. Das alte Verfahren überlebte, indem es einen neuen Gott bekam. Mehr zu den Friesen.
In der altnordischen Literatur tauchen Wörter auf, die direkt an Tacitus erinnern. Das hlaut war das Opferblut, der hlautteinn der „Blutzweig“, mit dem man es versprengte. Am Anfang der eddischen Hymiskviða heißt es, die Götter hätten „Zweige geschüttelt und auf das Blut geschaut“ (sinngemäß) – offenbar ein Wahrsageritual, bei dem Zweige und Opferblut zusammenwirken. Und in der Völuspá wählt nach dem Weltende der Gott Hœnir den hlautviðr, das „Losholz“: Selbst in der erneuerten Welt wird also wieder gelost.
Das zweite Schlüsselwort ist blótspánn, wörtlich „Opferspan“. Die Wendung fella blótspán, „den Opferspan fallen lassen“, findet sich nach dem großen Altisländisch-Wörterbuch von Cleasby und Vigfússon unter anderem in der Hervarar saga, in der Fagrskinna und im Landnámabók – jeweils dort, wo jemand vor einer Entscheidung die Götter befragt. Wie diese Späne aussahen und ob sie Zeichen trugen, sagen die Texte nicht. Wie ein Opfer, ein blót, ablief und wo es stattfand, beschreiben wir bei den Blót-Orten und bei den germanischen Opfern und Heiligtümern.
Die ausführlichste Orakelszene der ganzen nordischen Literatur steht in der Eiríks saga rauða, der Saga von Erik dem Roten, die in zwei Handschriften erhalten ist – eine davon ist das Hauksbók aus dem frühen 14. Jahrhundert. In Grönland herrscht Hungersnot. Der Bauer Þorkell lädt eine Seherin ein, Þorbjörg, die „kleine Völva“. Die Saga beschreibt sie bis ins Detail: blauer Mantel mit Steinen besetzt, eine Kapuze aus schwarzem Lammfell, innen mit weißem Katzenfell gefüttert, ein Stab mit Messingknauf, ein Beutel am Gürtel, Handschuhe aus Katzenfell. Sie bekommt einen Hochsitz mit einem Kissen aus Hühnerfedern und ein Mahl aus Ziegenmilchbrei und den Herzen aller Tiere, die auf dem Hof zu haben sind.
Am nächsten Tag singt die junge Christin Guðríðr nach einigem Zögern die nötigen Zauberlieder, die varðlokkur, so schön, dass sich viele Geister versammeln. Dann sagt Þorbjörg voraus: Die Hungersnot endet mit dem Frühling, und Guðríðr steht eine glänzende Zukunft bevor.
Diese Szene ist kein Protokoll aus dem 10. Jahrhundert, sondern Literatur christlicher Isländer des 13. Jahrhunderts. Trotzdem fanden Archäologen in Frauengräbern der Wikingerzeit Metallstäbe, die Neil Price und andere als Seherinnenstäbe deuten – gut begründet, aber nicht in jedem Fall sicher. Die Völva wirkt wie eine nordische Erbin der Veleda; eine ungebrochene Linie lässt sich allerdings nicht beweisen.
Weitere Sagas kennen ähnliche Figuren. In der Vatnsdæla saga sagt eine Seherin dem Norweger Ingimundr voraus, er werde sich in Island niederlassen – ein Land, das er noch nie gesehen hat. Wie die Seherinnen arbeiteten und welche Rolle Freyja und Odin dabei spielen, haben wir ausführlich bei der Völva und beim seiðr beschrieben. Und wer die berühmteste Weissagung des Nordens im Original lesen möchte, findet sie bei unserer Völuspá.
Und jetzt das Kapitel, das manche ungern hören. Das Runenorakel, wie du es heute in Buchhandlungen und Apps findest – ein Beutel mit 24 Steinen, jede Rune mit einer festen Bedeutung, Legemuster wie beim Tarot –, ist eine moderne Schöpfung. Seinen großen Durchbruch hatte es mit dem Buch The Book of Runes des US-Amerikaners Ralph Blum aus dem Jahr 1982. Blum fügte sogar eine leere Rune hinzu, die er mit dem Schicksal verband – sie kommt in keiner historischen Runenreihe vor. Wie dieses „Schicksalsnetz“-Denken entstand, zeigen wir beim Web of Wyrd.
Die heutigen Runenbedeutungen stützen sich teils auf die mittelalterlichen Runengedichte aus Norwegen, Island und England. Die erklären aber nur die Runennamen in kurzen Versen und sagen nichts über Wahrsagung. Das Ziehsystem selbst – ein Stein, drei Steine, Kreuzlegung – hat keine historische Grundlage.
Heißt das, man darf es nicht nutzen? Natürlich nicht. Viele Menschen ziehen eine Rune als Impuls zum Nachdenken, und das ist völlig in Ordnung – solange man weiß, was man tut. Genau so verstehen wir auch unsere Tagesrune: als modernen Denkanstoß mit echten historischen Zeichen, nicht als Wiederbelebung eines verlorenen Rituals. Wenn du nach einer Rune suchst, die dich begleitet, hilft dir unser Beitrag Welche Rune soll ich gravieren lassen? – und zwar mit ehrlichem Blick auf das, was die Funde hergeben.
Wir in Alsdorf finden diese Ehrlichkeit nicht ernüchternd, sondern spannend. Die echten Orakel der Germanen sind fremder, rauer und eindrucksvoller als jedes Kartenset: ein weißes Tuch auf dem Waldboden, ein schnaubendes Pferd vor dem heiligen Wagen, eine Frau in einem Turm an der Lippe, deren Wort Legionen fürchteten.

Wie haben die Germanen die Zukunft vorhergesagt? Laut Tacitus (Germania 10) mit Losstäbchen auf einem weißen Tuch, mit dem Wiehern heiliger weißer Pferde, dem Flug und den Rufen von Vögeln und mit einem Zweikampf vor Kriegen. Dazu kamen Seherinnen wie Veleda.
Haben die Germanen mit Runen orakelt? Das ist nicht belegt. Tacitus spricht nur von „gewissen Zeichen“ auf den Stäbchen; die ältesten sicheren Runeninschriften sind jünger als die Germania.
Was ist ein blótspánn? Ein altnordischer „Opferspan“, ein Losholz, das man beim Opfer fallen ließ, um den Willen der Götter zu erfahren. Die Sagas nennen die Wendung, beschreiben das Aussehen aber nicht.
Wer war die bekannteste germanische Seherin? Veleda vom Stamm der Brukterer, die während des Bataveraufstands 69/70 n. Chr. großen Einfluss hatte und bei Tacitus beschrieben wird.
Wie alt ist das Runenorakel? Das heutige Runenorakel mit festen Bedeutungen und Legemustern wurde vor allem durch Ralph Blums „The Book of Runes“ (1982) verbreitet. Es ist eine moderne Schöpfung mit historischen Zeichen.
Warum kämpfte Ariovist nicht vor dem Neumond? Nach Caesar hatten die Mütter der Familien durch Lose und Weissagungen verkündet, die Germanen könnten nicht siegen, wenn sie vor dem Neumond kämpften.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Germanische Priester & Seherinnen · Germanische Opfer & Heiligtümer · Die germanische Religion · Der Hain der Semnonen · Nerthus – die Erdgöttin.
Während anderswo ein rundlicher Mann mit Rentierschlitten anrückt, kommen in Island dreizehn Trolljungen vom Berg …
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