Das Wikingerschiff ist zum Sinnbild einer ganzen Epoche geworden – meist als schmaler Rumpf mit Drachenkopf und Schilden am Bord. Doch das war nur eine von vielen Formen. Die Nordleute bauten kein Einheitsschiff, sondern eine ganze Familie von Fahrzeugen: schmale Kriegsschiffe für Geschwindigkeit, bauchige Frachter für die Ladung, kleine Mehrzweckboote für Fjord und Küste. Wer die Typen kennt, versteht die Wikingerzeit besser – und erkennt zugleich, wie viel spätere Romantik sich in das Bild geschlichen hat.

Es gab nicht „das" Wikingerschiff. In den Quellen und im archäologischen Befund begegnet uns eine ganze Palette von Bautypen, die sich in Länge, Breite, Tiefgang und Antrieb deutlich unterscheiden. Der Grund ist einfach: Ein Schiff, das einen Fluss hinaufrudern und an einem flachen Strand landen soll, muss anders gebaut sein als eines, das schwere Wollballen, Fässer und Vieh über die offene Nordsee trägt. Die Nordleute lösten das nicht mit Kompromissen, sondern mit spezialisierten Rümpfen.
Die alte Sprache trennt grob zwischen zwei Familien: den langskip – langen, schmalen, schnellen Kriegsschiffen – und den kaupskip oder Frachtschiffen, breit, tief und ganz auf Tragfähigkeit ausgelegt. Innerhalb dieser Familien gab es zahlreiche Unterformen mit eigenen Namen. Die genaue Trennlinie zwischen den Typen ist dabei nicht immer scharf; die Begriffe überschneiden sich in den Sagas, und ein Schiff konnte je nach Größe unter mehreren Bezeichnungen laufen.
Das Langschiff (altnordisch langskip) war das Kriegsschiff des Nordens. Sein Kennzeichen ist ein extrem schlankes Verhältnis von Länge zu Breite: oft sieben zu eins oder mehr. Ein solcher Rumpf zerschneidet das Wasser mit wenig Widerstand, lässt sich schnell rudern und beschleunigt unter Segel rasch. Der geringe Tiefgang – teils weniger als ein Meter – erlaubte es, Flüsse weit hinaufzufahren und an offenen Stränden zu landen, ohne einen Hafen zu brauchen. Genau diese Beweglichkeit machte die Überfälle der Wikingerzeit möglich.
Langschiffe wurden nicht in Metern, sondern in rúm gezählt – den Räumen zwischen den Ruderbänken, also den Sitzabständen der Ruderer. Ein Schiff mit 20 Sitzen je Bord (ein „Zwanzigsitzer", altnordisch tvítugsessa) hatte demnach rund 40 Ruderer. Die königlichen Prunkschiffe der Sagas erreichten 30 und mehr Sitze je Seite. Diese Zählung sagt zugleich etwas über die Kampfkraft aus: Jeder Ruderplatz war zugleich ein Kriegerplatz.
Innerhalb der Langschiffe unterschied man nach Größe. Die snekkja („Schlange" oder „Schnalle") war das kleinste reguläre Kriegsschiff, mit etwa 20 Sitzen je Seite ein wendiger, in großer Zahl gebauter Typ – das Arbeitspferd jeder Flotte und Rückgrat des norwegischen leiðangr, des Flottenaufgebots. Die skeið war größer und länger, mit 25 bis über 30 Sitzen je Bord ein schweres Schlachtschiff der Elite und der Könige.
Diese Abstufung war praktisch: Eine Flotte bestand nicht aus lauter Riesen, sondern aus vielen mittelgroßen snekkjur und einigen großen skeiðar als Führungsschiffe. So ließ sich Geschwindigkeit, Zahl und Schlagkraft ausbalancieren.
Der Begriff dreki (Plural drekar, „Drache") bezeichnete das größte und prächtigste Langschiff, benannt nach dem geschnitzten Tierkopf an Vorder- und Achtersteven. Diese Schiffe waren keine eigene Bauklasse mit anderer Technik, sondern besonders große skeiðar mit reichem Schmuck – schwimmende Machtsymbole der Könige und Jarle. Das berühmteste Beispiel der Überlieferung ist Olav Tryggvasons Ormrinn langi, die „Lange Schlange", die in den Sagas als das größte und schönste Schiff Norwegens gefeiert wird.
„Das war das größte und sorgfältigste Schiff, das damals in Norwegen gebaut worden ist."Snorri Sturluson, Heimskringla, Saga von Olav Tryggvason (über die Lange Schlange); Übersetzung nach Laing/Simrock, gemeinfrei
Wichtig ist: Der Drachenkopf war ein Zeichen des Ranges, kein Standardmerkmal. Er saß nicht auf jedem Schiff, und er war abnehmbar – dazu gleich mehr im Mythos-Check. Und der dreki war die Ausnahme, nicht die Regel: Auf einen königlichen Prunkschiff kamen viele schlichte snekkjur ohne jeden Tierkopf. Das prächtige Drachenschiff prägt unser Bild, weil die Sagas es feiern – im Alltag der Flotten war es eine Seltenheit.
Der karvi war ein kleineres Mehrzweckschiff, das zwischen Kriegsschiff und Frachter stand. Mit meist um die 13 bis 16 Sitzen je Seite eignete es sich für Küstenfahrten, Warentransport, Repräsentation und im Notfall auch für den Kampf. Es war das Schiff eines wohlhabenden Bauern oder kleineren Häuptlings – groß genug für Ansehen, klein genug für den Alltag.
Das berühmte Gokstad-Schiff aus Norwegen wird meist diesem Typ zugeordnet: ein rund 23 Meter langes, überraschend seetüchtiges Fahrzeug mit 16 Ruderpforten je Bord. Sein Nachbau überquerte 1893 den Atlantik – ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass diese Boote weit mehr konnten als Küstenfahrt.
So sehr das Langschiff das Bild prägt: Die eigentliche Grundlage der Wikingerwelt war der knörr (Plural knerrir). Dieser Typ war breit, tief und hochbordig, mit einem geräumigen offenen Laderaum in der Mitte. Er lebte vom Segel, nicht vom Ruder – nur an Bug und Heck saßen wenige Ruderer für Manöver im Hafen. Der knörr trug die Wolle, das Getreide, das Bauholz, das Vieh und die Vorräte, die eine Kolonie erst möglich machten.
Ohne den knörr hätte es keine Besiedlung von Island, Grönland und Vinland gegeben. Die weiten Atlantiküberfahrten wurden von diesen robusten, hochseetüchtigen Frachtern getragen, nicht von den schmalen Kriegsschiffen. Wer die Wikingerzeit als reine Raubgeschichte liest, übersieht, dass die meisten Schiffe Handelsschiffe waren.
Neben dem großen knörr gab es den byrðingr, einen kleineren Frachter für Küsten- und Ostseehandel. Er war handlicher, konnte engere Gewässer befahren und trug leichtere Ladungen über kürzere Strecken. Für den Alltag am Fjord dienten kleine Ruderboote wie das færing (ein Vierruderer) und noch kleinere Kähne zum Fischen, Übersetzen und für Botengänge. Diese unscheinbaren Boote waren zahlenmäßig sicher am häufigsten – nur schreiben die Sagas selten über sie, weil sie weder Ruhm noch Beute versprachen. Für die Menschen am Fjord aber waren sie das tägliche Werkzeug, mit dem sie fischten, Waren übersetzten und von Hof zu Hof gelangten.
Die Zählung nach rúm ist mehr als eine technische Marotte – sie verrät das ganze Denken hinter dem Langschiff. Jeder Ruderplatz stand für einen Mann, und jeder Mann war zugleich Ruderer und Krieger. Ein „Zwanzigsitzer" verlangte also rund 40 Ruderer, dazu kamen Steuermann, Ausguck und oft weitere Kämpfer, die während der Fahrt ruhten. Auf einem Kriegszug bedeutete ein größeres Schiff nicht nur mehr Geschwindigkeit, sondern schlicht mehr Schwerter. Genau darum war die Sitzzahl in den Sagas ein Statuswert: Wer ein Schiff mit 30 Sitzen je Bord führte, führte auch eine kleine Armee.
Beim Frachtschiff dreht sich das Verhältnis um. Hier zählte nicht die Zahl der Ruderer, sondern der Rauminhalt des Laderaums. Ein knörr fuhr mit einer kleinen Mannschaft von vielleicht einem halben Dutzend Leuten und überließ die Arbeit dem Segel. Diese wenigen Hände genügten, weil das Schiff für die weite Strecke gebaut war, nicht für das schnelle Manöver im Gefecht. Kriegsschiff und Frachter unterscheiden sich damit nicht nur in der Form, sondern in der ganzen Logik ihres Einsatzes.
Wie viel ein knörr fasste, lässt sich am Skuldelev-1-Schiff abschätzen: Der geräumige Rumpf konnte in der Größenordnung von rund zwei Dutzend Tonnen Ladung tragen – Wolle, Getreide, Speckstein, Eisenbarren, Bauholz, Fässer mit Vorräten, dazu Zugtiere und Menschen, die eine neue Siedlung gründen wollten. Für den Nordatlantik, wo Island fast baumlos und Grönland auf Importe angewiesen war, war diese Tragfähigkeit überlebenswichtig. Ein Langschiff hätte weder die Ladung noch die Vorräte für eine solche Fahrt gefasst.
Zugleich waren diese Frachter erstaunlich hochseetüchtig. Der hohe Bord hielt die Wellen draußen, der tiefe Rumpf lag stabil im Wasser, und das große Rahsegel trug das Schiff über Wochen. Die berühmten Segelanweisungen der isländischen Quellen – „von Hernar in Norwegen westwärts nach Hvarf in Grönland" – setzen genau solche Schiffe voraus: Sie segelten auf einem Breitengrad nach Westen, orientiert an Sonne, Sternen und der Höhe von Land über dem Horizont.
Eine Seeschlacht der Wikingerzeit war selten ein Gefecht auf hoher See. Meist banden die Flotten ihre Langschiffe an Bug und Heck zusammen, sodass eine schwimmende Kampfplattform entstand – eine Landschlacht auf dem Wasser. Von dieser Plattform aus schoss man Pfeile und Speere und enterte schließlich das feindliche Schiff. Das Königsschiff mit den meisten Sitzen bildete die Mitte, die kleineren snekkjur bildeten die Flügel. Wer das größte Schiff hatte, kämpfte buchstäblich von oben herab.
Für die Fahrt selbst galt: Rudern war Schwerstarbeit und diente vor allem dem Manöver, dem Auslaufen und dem Kampf. Über weite Strecken segelten auch die Langschiffe. Das Bild vom pausenlos rudernden Wikinger ist übertrieben – das Rahsegel war der eigentliche Motor, das Ruder die Reserve für Flauten und enge Gewässer.
Wie gut diese Typenlehre den Befund trifft, zeigt ein einziger Fundort: Skuldelev im Roskilde-Fjord. Um 1070 versenkten die Dänen dort mehrere ausgediente Schiffe als Sperre, um die Zufahrt zur Stadt Roskilde zu schützen. Geborgen wurden fünf Schiffe – und jedes steht für einen anderen Typ, wie ein archäologischer Musterkatalog.
Skuldelev 1 ist ein hochseetüchtiger knörr, breit und tief, aus norwegischer Kiefer – der klassische Atlantikfrachter. Skuldelev 2 ist eine große skeið, ein Kriegsschiff für rund 60 Mann, dendrochronologisch datiert auf einen Bau bei Dublin um 1042. Skuldelev 3 ist ein kleinerer Frachter (oft als byrðingr gedeutet), Skuldelev 5 eine kleinere snekkja, und Skuldelev 6 ein leichtes Fischer- und Frachtboot. Mehr zu diesem Schlüsselbefund steht in unserem Beitrag zu den Skuldelev-Schiffen.
Alle diese Typen teilen dieselbe Bautechnik: die Klinkerbauweise. Dabei überlappen sich die Planken dachziegelartig und werden mit Eisennieten verbunden, der Rumpf zuerst gebaut und erst danach innen ausgesteift. Das ergibt eine leichte, elastische Schale, die sich in der See mitbewegt statt zu brechen. Herzstück ist der durchgehende Kiel, der dem schlanken Rumpf Längssteifigkeit gibt und beim Langschiff die Voraussetzung für hohe Geschwindigkeit ist. Dazu kam das Rahsegel aus Wolle, das die Wikinger überhaupt erst zu Seefahrern der weiten Strecken machte. Wer tiefer einsteigen will, findet die Details im Beitrag zum Wikinger-Schiffbau und zu den Langschiffen.
Die Typen waren keine starren Schubladen, sondern entwickelten sich über die Jahrhunderte. In der frühen Wikingerzeit ähnelten sich Kriegs- und Handelsschiffe noch stärker; erst im Lauf der Zeit trennten sich die Linien immer deutlicher – hier der immer schmalere Renner, dort der immer bauchigere Lastträger. In der Ostsee, wo die Wege kürzer und die Gewässer flacher waren, dominierten kleinere Typen wie der byrðingr; auf dem Nordatlantik brauchte man den robusten knörr. Auch der Baustoff richtete sich nach der Landschaft: In der waldarmen Inselwelt musste Bauholz oft weit herangeschafft werden, was Reparaturen mit fremdem Holz erklärt, wie sie an manchen Funden nachweisbar sind.
Am Ende der Wikingerzeit lief die Entwicklung weiter: Aus den bauchigen Frachtern wurden über Zwischenstufen die hochbordigen Handelsschiffe des Mittelalters, während die Klinkerbauweise im Norden noch lange lebendig blieb. Die scharfe Trennung von schnellem Kriegsschiff und breitem Frachter aber war die entscheidende Erfindung, die den Nordleuten beides erlaubte: den Überfall und den Aufbau einer Welt aus Handelswegen und Kolonien.
Gesteuert wurde nicht mit einem Ruder am Heck, sondern mit einem seitlichen Steuerruder, dem stýri. Es saß auf der rechten Seite des Schiffs – der stýribord, aus dem unser „Steuerbord" wurde. Weil dieses Ruder rechts hing, legte man mit der linken, freien Seite am Kai an: dem bakbord, englisch port. Diese kleine sprachliche Spur lebt bis heute in der Seemannssprache weiter – ein sympathisches Erbe der Wikingerschiffe.
Was belegt ist: Die Typenvielfalt ist archäologisch klar gesichert. Der Fundort Skuldelev lieferte fünf verschiedene Schiffe, vom Hochsee-knörr (Skuldelev 1) bis zur großen skeið (Skuldelev 2, dendrochronologisch auf einen Bau bei Dublin um 1042 datiert). Die Zählung von Kriegsschiffen nach rúm/Ruderbänken ist in den altnordischen Quellen belegt (etwa tvítugsessa = Zwanzigsitzer). Das Wort stýribord für die rechte Seite ist die nachweisbare Wurzel von „Steuerbord".
Mythos-Check: „Drakkar" ist kein Wikingerwort. Der Begriff geht auf den französischen Marinehistoriker Augustin Jal (1840) zurück, der eine altnordische Pluralform missverstand; die Nordleute selbst sagten langskip, skeið oder dreki. Auch die Drachenköpfe gehörten nicht auf jedes Schiff: Sie waren Rangzeichen, und nach dem isländischen Recht mussten die drohenden Tierköpfe vor der Heimatküste abgenommen werden, um die schützenden Landgeister (landvættir) nicht zu erschrecken. Und die oft zitierten „20 Knoten" sind Legende – Nachbauten wie das Skuldelev-2-Schiff erreichten unter guten Bedingungen deutlich weniger; realistisch sind Spitzenwerte im mittleren einstelligen bis niedrigen zweistelligen Knotenbereich, nicht dauerhaft. Und schließlich: Die meisten Fahrten der Wikingerzeit brauchten den breiten knörr, nicht das schmale Langschiff – Handel und Besiedlung wogen schwerer als der Überfall.

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