Zwischen der Neretva-Mündung und den Hügeln der Herzegowina regierte im frühen 10. Jahrhundert ein Fürst, der gleichzeitig mit Bulgarien verbündet, vom Papst gewürdigt und von einem byzantinischen Kaiser misstrauisch beäugt wurde. Was wir über die Zachlumier wissen, verdanken wir fast vollständig einem einzigen Buch – und das verrät mehr Widersprüche, als es auf den ersten Blick scheint.

Wer im 10. Jahrhundert in Konstantinopel eine Landkarte der westlichen Balkanküste hätte zeichnen lassen, wäre auf ein Flickwerk kleiner, lose verbundener Fürstentümer gestoßen. Eines davon nennt der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos in seinem Herrschaftshandbuch De Administrando Imperio schlicht "die Zachlumier" – nach heutiger Lesart ein Fürstentum im unteren Neretva-Tal und seinem bergigen Hinterland, grob zwischen der Gegend um Mostar, Stolac und dem Gebiet nördlich von Dubrovnik. Bereits in Kapitel 30 des Werks taucht der Name beiläufig auf: Serbien, Pagania, "das sogenannte Land der Zachlumier", Travunien und das Land der Kanaliten werden dort als Gebiete aufgezählt, die zeitweise unter der – meist nur nominellen – Oberhoheit des Kaisers standen. Es ist eine knappe Randnotiz, aber sie zeigt, wie Konstantinopel diese Küstenfürstentümer sah: als lose Satelliten, deren tatsächliche Bindung an das Kaiserreich weit hinter dem diplomatischen Anspruch zurückblieb.
Das eigentliche Herzstück der Überlieferung aber ist Kapitel 33, das den Zachlumiern eine eigene, wenn auch knappe Darstellung widmet. Es ist, zusammen mit einigen westlichen Nebenquellen, praktisch alles, was uns an zeitgenössischem Text über dieses Fürstentum erhalten ist – und das macht jede einzelne Formulierung darin zu einem kostbaren, aber auch tückischen Zeugnis.
Konstantin erklärt zunächst den Namen: "Zachlumier" (Ζαχλοῦμοι) leite sich von einem Berg namens Chlumos ("Hum") ab, auf Slawisch bedeute der Name sinngemäß "hinter dem Berg". Zwei befestigte Orte auf diesem Höhenzug nennt er mit Namen, Bona und Chlum – wir kommen weiter unten darauf zurück. Dann folgt die Aussage, die seit Generationen diskutiert wird: Die heutigen Bewohner des Landes, so Konstantin, seien Serben, und zwar seit der Zeit jenes namenlosen Fürsten, der sich einst unter den Schutz von Kaiser Herakleios gestellt habe – dieselbe Gründungsgeschichte, die Konstantin zuvor für die Serben selbst ausgebreitet hat. Mit anderen Worten: Die Zachlumier werden in die serbische Wandergeschichte eingegliedert, ohne dass ein eigener Stammvater oder eine eigenständige Erzählung für ihr Land überliefert wäre.
Erst danach wird es konkret und zeitgenössisch: Konstantin nennt einen lebenden Herrscher, "den Anthypatos und Patrikios Michael, Sohn des Bouseboutzis, Fürst der Zachlumier" – also einen Mann, der zur Zeit der Niederschrift (um 945–950) tatsächlich regierte oder jedenfalls noch in lebendiger Erinnerung war, ausgestattet mit zwei hochrangigen byzantinischen Hoftiteln. Diese Titel sagen etwas Wichtiges aus: Byzanz erkannte Michael nicht als gleichrangigen Monarchen an, sondern band ihn, zumindest auf dem Papier, in die eigene höfische Rangordnung ein – eine übliche Methode, mit der Konstantinopel Grenzfürsten symbolisch unter sich einordnete, ohne tatsächliche Kontrolle über sie zu besitzen.
Hier wird Kapitel 33 richtig interessant – und widersprüchlich. Denn kaum hat Konstantin die Zachlumier insgesamt zu Serben erklärt, fügt er für Fürst Michael persönlich eine ganz andere Herkunft hinzu: dessen Familie, schreibt er, stamme nicht von den Serben ab, sondern von einem ungetauften Volk namens Litziken (Λιτζίκοι), das am Fluss Weichsel in der Gegend des heutigen Kleinpolen ansässig sei. Einige Forscher identifizieren diese Litziken mit den sogenannten Lendern (Lędzianie), einem westslawischen Stamm, der an anderer Stelle in Konstantins Werk erwähnt wird.
Konstantin fasst diesen Bruch so zusammen: Michael, Sohn des Bouseboutzis, sei Fürst der Zachlumier – doch seine Vorfahren stammten nicht von den Serben, sondern von jenem ungetauften Volk an der Weichsel, das man Litziken nenne (eigene, sinngemäße Wiedergabe von Kapitel 33).
Was bedeutet dieser Bruch mitten im Text? Der serbische Historiker Tibor Živković hat darauf hingewiesen, dass die Weichsel-Region im 9./10. Jahrhundert eher als Siedlungsgebiet der "weißen Kroaten" galt und nicht der "weißen Serben" – was die Sache nur komplizierter macht. Schon der tschechisch-amerikanische Slawist Francis Dvornik vermutete, die Zachlumier seien insgesamt enger mit den Kroaten verbunden gewesen als mit den Serben, da sie vermutlich nicht gemeinsam mit den Serben, sondern mit den Kroaten auf den Balkan gelangt seien. Der kroatische Historiker Neven Budak mahnt wiederum zur Vorsicht gegenüber jeder Versuchung, moderne Vorstellungen von Ethnizität auf das frühe Mittelalter zu übertragen: Zugehörigkeit war damals in erster Linie eine Frage politischer Bindung und Loyalität, nicht biologischer Abstammung in unserem heutigen Sinn. Der rumänisch-amerikanische Byzantinist Florin Curta ergänzt, dass Konstantins "Serben"-Etikett für die Küstenfürstentümer vor allem die damalige politische Oberhoheit des serbischen Fürsten Časlav widerspiegeln dürfte – also eine Momentaufnahme der Machtverhältnisse um 950, keine verlässliche Aussage über die Wanderungsgeschichte des 7. Jahrhunderts.
Außerhalb des Kaiserbuchs taucht Michael – auch als Mihailo Višević bekannt – erstmals 912 in einer ganz anderen Quelle auf: der Chronik des venezianischen Diakons Johannes (Chronicon Venetum). Pietro, der Sohn des amtierenden Dogen von Venedig, war auf dem Rückweg von einer diplomatischen Mission in Konstantinopel, als er auf seiner Reise durch kroatisches und zachlumisches Gebiet in Michaels Hände fiel. Der Chronist nennt ihn "dux Sclavorum", einen "Fürsten der Slawen" – Michael ließ den jungen Mann kurzerhand gefangen nehmen und als Geschenk an den bulgarischen Zaren Symeon I. weiterreichen. Es ist ein kleiner, fast nebensächlich wirkender Vorfall, der aber die entscheidende politische Weichenstellung dieser Jahre markiert: Michael band sich fest an Bulgarien.
Diese Bindung erklärt auch Michaels nächsten großen Auftritt. Der serbische Fürst Petar Gojniković, der seit 897 als bulgarischer Vasall regierte, hatte begonnen, seinen Einfluss nach Westen auszudehnen – auch in Richtung des benachbarten Fürstentums der Narentaner (Pagania), und damit in unmittelbare Reibung mit Michaels eigenem Herrschaftsgebiet. Laut Konstantin, "von Eifersucht gepackt", warnte Michael seinen bulgarischen Verbündeten Symeon vor geheimen Verhandlungen zwischen Petar und Byzanz. Symeon reagierte mit einem Feldzug gegen Serbien, nahm Petar gefangen, der im Gefängnis starb – ein Ereignis, das die Forschung meist auf das Jahr 917 datiert. 924 unterstellte Symeon Serbien schließlich direkt seiner eigenen Herrschaft, wodurch Bulgarien zu Michaels unmittelbarem Nachbarn wurde. Bis zu Symeons Tod 927 blieb Michael dem bulgarischen Zaren vermutlich treu ergeben.
Mitten in diese Bulgarien-Allianz fällt ein zweites, ganz anderes Kapitel in Michaels Biografie: seine Beziehungen zu Rom und zum benachbarten Königreich der Kroaten. 925 fand in Split ein Kirchenkonzil statt, das die Vormachtstellung des dortigen Erzbistums über ganz Dalmatien festigen sollte – daneben ging es um die heikle Frage, ob der Gottesdienst auf Latein oder auf Slawisch gehalten werden dürfe, ein Streit, der auf das Erbe von Kyrill und Method zurückging. Das spätere Geschichtswerk Historia Salonitana des Erzdiakons Thomas von Split, dessen Abfassung erst im 13. Jahrhundert begann, überliefert einen Brief Papst Johannes X. an den kroatischen König Tomislav – und erwähnt, dass auch Vertreter Michaels an diesem Konzil teilnahmen. In diesem Brief wird Michael als "excellentissimus dux Chulmorum" bezeichnet, als "trefflichster Fürst der Zachlumier". Ob dieser Brief in der von Thomas überlieferten Form tatsächlich authentisch ist oder erst Jahrhunderte später literarisch ausgeschmückt wurde, ist unter Historikern nicht abschließend geklärt – eine Vorsicht, die für viele Urkunden dieser frühen Zeit gilt.
Excellentissimus dux Chulmorum.
"Der trefflichste Fürst der Zachlumier."Papst Johannes X., Brief von 925, überliefert bei Thomas von Split, Historia Salonitana (13. Jh.); eigene Übersetzung aus dem Latein
Manche Historiker haben aus Michaels Teilnahme am Konzil und aus dem Titelunterschied zu Tomislav (der als "rex" bezeichnet wird) geschlossen, Zachlumien sei zu dieser Zeit dem kroatischen König untergeordnet gewesen. John V. A. Fine widerspricht dieser Lesart: Es handle sich um eine kirchliche Angelegenheit von gesamtdalmatinischer Bedeutung unter päpstlicher Autorität, keinen Beleg für politische Unterordnung. Fine verweist zudem darauf, dass Michael sich 926, als Kroatien und Bulgarien gegeneinander Krieg führten, auffällig neutral verhielt – ein Indiz dafür, dass er zu beiden Mächten gleichzeitig gute Beziehungen zu wahren versuchte. Interessant ist dabei, was Konstantin VII. selbst verschweigt: Weder das Konzil von Split noch – was noch bemerkenswerter ist – Michaels folgenreichste militärische Aktion erwähnt er mit einem Wort.
Am 10. Juli 926 nahm, so vermerken es westliche Quellen, ein "Michael, rex Sclavorum" den byzantinischen Hafen Siponto in Apulien ein. Die Forschung ist sich inzwischen weitgehend einig, dass Michael hier nicht als kaiserlicher Verbündeter auftrat, sondern als Partner Bulgariens gegen byzantinische Interessen handelte – ein Küstenraub mitten im Mittelmeer, ausgeführt von einem Fürsten, dessen Kerngebiet mehrere hundert Kilometer entfernt lag. Es ist ein Beleg dafür, dass zachlumische Flotten auf der Adria durchaus seetüchtig und schlagkräftig genug waren, um weit über die eigene Küste hinaus zuzuschlagen – eine Fähigkeit, die man sonst eher den benachbarten Narentanern zuschreibt, deren Piraterie in zahlreichen venezianischen und fränkischen Quellen gefürchtet war.
Nach 925 verliert sich Michaels Spur in den erhaltenen Quellen weitgehend. Fine vermutet, dass seine Herrschaft noch bis in die 940er-Jahre hineinreichte – gestützt vor allem auf die Erwähnung bei Konstantin, der um 950 schreibt und Michael offenbar noch als Fürst kennt oder ihn zumindest für erwähnenswert genug hält, einen aktuellen Herrscher zu benennen. Mit Symeons Tod 927 verlor Michael seinen mächtigsten Schutzpatron, und manche Historiker lesen die hochrangigen, aber letztlich machtlosen byzantinischen Hoftitel als Zeichen eines Fürsten, der fortan eher auf diplomatisches Geschick als auf militärische Stärke angewiesen war.
Die von Konstantin gegebene Erklärung des Namens – "hinter dem Berg" – lässt sich bis heute an der Landschaft nachvollziehen. Der Hügel Hum erhebt sich über der Quelle der Buna bei Blagaj, unweit von Mostar; die antike Bona, von Konstantin als Festung genannt, ist mit dieser Gegend identisch. Auf dem späteren Burgberg von Blagaj lassen sich Bauphasen bis in die Spätantike zurückverfolgen, mit einer deutlich erkennbaren Ausbauphase aus der Zeit Justinians im 6. Jahrhundert; erst nach dem 10. Jahrhundert entwickelte sich der Ort zu einem Zentrum des Fürstentums Hum, wie es später genannt wurde, mit einem Fürstenhof unter dem später bezeugten Herrscher Miroslav. Die Etymologie "za Hlmom" – "hinter dem Hügel" – gilt in der Forschung als plausibel und wird im Kern bereits von Konstantin selbst so erklärt, lässt sich aber naturgemäß nicht unabhängig von seiner eigenen Darstellung gegenprüfen; sie bleibt eine sprachlich einleuchtende, aber letztlich nicht beweisbare toponymische Deutung.
Wer durch dieselbe Landschaft bei Stolac reist, stößt zudem auf die beeindruckenden Ruinen von Daorson, der befestigten Hauptstadt des illyrischen Stammes der Daorser, mit ihren monumentalen Zyklopenmauern aus dem 4. bis 1. Jahrhundert vor Christus. Das ist ein verlockender archäologischer Fixpunkt – aber ein gutes Jahrtausend älter als Michael und seine Zachlumier und ohne belegte Kontinuität zur slawischen Besiedlung. Der bosnische Archäologe und Historiker Pavao Anđelić, der sich in seinen Studien zur territorialen Gliederung des mittelalterlichen Bosnien intensiv mit der historischen Topographie der Region um Hum befasst hat, warnte selbst davor, vorslawische und frühslawische Fundorte in dieser dicht besiedelten Flusslandschaft vorschnell zu vermischen.
Nach Michael verdichten sich die Quellen nicht wieder zu einem vergleichbar klaren Bild. Der serbische Fürst Časlav, der nach Symeons Tod die Macht in Serbien übernahm, könnte Teile des zachlumischen Gebiets beansprucht haben, doch Konstantin selbst führt Zachlumien um 950 weiterhin ausdrücklich als eigenständiges Fürstentum auf – ein Hinweis darauf, dass eine vollständige Eingliederung zu Lebzeiten des Kaisers jedenfalls noch nicht vollzogen war. Erst in den folgenden anderthalb Jahrhunderten geriet das Gebiet, das nun zunehmend "Hum" genannt wurde, abwechselnd in den Einflussbereich kroatischer, bosnischer und serbischer Mächte, bis es im 12. Jahrhundert endgültig Teil größerer Nachbarreiche wurde – ein langer, uneinheitlicher Prozess, der über das engere Thema dieses Artikels, das frühmittelalterliche Fürstentum des 9. und 10. Jahrhunderts, bereits deutlich hinausreicht.
Was bleibt, ist das Bild eines kleinen Küstenfürstentums, das sich zwischen weit größeren Mächten – Byzanz, Bulgarien, dem Papsttum, dem kroatischen und dem serbischen Fürstenhaus – mit erstaunlichem Geschick behauptete, solange ein kluger Kopf wie Michael Višević am Ruder stand. Und es bleibt die Erkenntnis, wie viel von unserem gesamten Wissen über solche Fürstentümer an einem einzigen, selbst in sich widersprüchlichen Kapitel eines kaiserlichen Handbuchs hängt. Gerade diese Brüche im Text, die doppelte Abstammung, das Verschweigen von Siponto, der zweifelhafte Papstbrief, machen die Zachlumier zu einem Lehrstück dafür, wie vorsichtig man mit frühmittelalterlichen Quellen umgehen muss – und wie lebendig die Geschichten dahinter trotzdem bleiben. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Die Narentaner · Die Kroaten · Die Serben · Die Travunier.
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