Am 18. September 887 fällt vor der dalmatinischen Küste ein Doge von Venedig im Kampf, und zwar gegen Männer von der Neretva. Es ist ein Satz, der in fast jeder Darstellung der Adria im frühen Mittelalter steht, meist mit dem Wort „Piraten“ davor. Dabei stammt beinahe alles, was wir über die Narentaner wissen, aus der Feder ihrer Gegner oder aus der Sicht eines Kaisers, der nie dort war. Dieser Artikel legt die Quellen nebeneinander, trennt, was dort steht, von dem, was Historiker daraus gemacht haben, und fragt, wie viel „Seeräubervolk“ übrig bleibt, wenn man genau liest.

Die Narentaner, in der Forschung auch Neretljani oder nach dem byzantinischen Kaiser Pagani genannt, lebten im 9. und 10. Jahrhundert an der mittleren Adriaküste zwischen der Mündung der Neretva und dem Küstenstreifen bei Makarska, auf Inseln wie Korčula, Mljet, Hvar und Brač. So steht es im Kern in den Schriften, doch schon diese Landkarte ist nicht unumstritten. Ein Zeugnis in eigener Sprache gibt es nicht: keine Inschrift, keinen Brief, keine Chronik der Neretva-Leute über sich selbst. Was wir haben, sind ein byzantinisches Handbuch aus der Mitte des 10. Jahrhunderts und venezianische Geschichtsschreibung, die um 1000 beginnt und im 14. Jahrhundert weiter ausgeschmückt wird.
Dass dieses Ungleichgewicht das Bild bestimmt, sollte man im Kopf behalten. Eine Gruppe, die nur durch ihre Feinde und durch einen fernen Beobachter überliefert ist, erscheint zwangsläufig als Bedrohung. Verwandte Fälle südslawischer Gruppen am Rand der großen Reiche sind die Kroaten, die Serben und die Weißen Kroaten; bei allen steht dieselbe Quelle am Anfang, und bei allen gilt dieselbe Vorsicht.
„Narentaner“ geht auf den Fluss zurück, der im Lateinischen Narenta heißt und in der Antike Naro hieß; die römische Stadt Narona lag an seinem Unterlauf. Der Flussname ist also älter als die Slawen in der Region. Die Venezianer nannten die Leute Narentani, serbokroatisch heißen sie Neretljani oder Neretvani. Das ist eine Ableitung vom Flussnamen und gilt als gesichert genug, um sie hier zu übernehmen; Ableitungen von Flussnamen auf Völkernamen sind ein häufiges Muster.
Anders steht es um „Pagani“. Konstantin Porphyrogennetos, der byzantinische Kaiser, erklärt den Namen selbst: Sie hießen so, weil sie sich nicht hatten taufen lassen, als alle Serben getauft wurden; im Slawischen bedeute das Wort „ungetauft“. Das ist die Deutung des Kaisers beziehungsweise seiner Gewährsleute. Das Wort geht auf das lateinische paganus zurück, das später „Heide“ bedeutete, und ob die Narentaner sich je so nannten, wissen wir nicht. Vielleicht war es ein Etikett, das Außenstehende an eine Gruppe hängten, die länger bei ihren alten Bräuchen blieb. Dass Konstantin den Namen unmittelbar erklärt, zeigt immerhin, dass er in Konstantinopel geläufig war.
Das Handbuch De administrando imperio, um 948 bis 952 für den Sohn des Kaisers zusammengestellt, widmet den Pagani ein eigenes Kapitel (36); verwandte Angaben stehen in den Kapiteln 29 bis 35 über Serben, Kroaten, Zachlumier und andere. Die Herkunftserzählung lautet sinngemäß: Die Pagani stammen von den ungetauften Serben ab, und zwar aus der Zeit jenes Fürsten, der sich unter den Schutz des Kaisers Herakleios (610–641) gestellt hatte. Das ist keine Geschichte, die sich nachprüfen lässt, sondern die Rückprojektion eines 10. Jahrhunderts, in dem die Byzantiner die Adriaküste in ein Gerüst aus Stammesgruppen und Ansprüchen gliederten.
Pagani heißen sie, weil sie sich nicht taufen ließen, als alle Serben getauft wurden. Denn „pagani“ bedeutet in der Sprache der Slawen „ungetauft“.Konstantin VII. Porphyrogennetos, De administrando imperio, Kap. 36 (Mitte 10. Jh.); Paraphrase nach dem griechischen Text in eigener Übersetzung, sinngemäß, nicht Wort für Wort zitiert
Die Passage ist kurz, und sie sagt nichts über Seefahrt oder Raub. Sie liefert eine Herkunft, eine Namenserklärung und eine religiöse Zuordnung. Alles Weitere über die Pagani in diesem Kapitel ist Geografie, und auch sie ist dünn.
Konstantin nennt für Pagania drei Verwaltungsbezirke (griechisch zoupania), Rhastotza, Mokros und Dalen, von denen die ersten beiden an der Küste, der dritte im Binnenland liegen. Dazu führt er vier bewohnte Plätze (kastra oikoumena) an: Mokron, Beroullia, Ostrok und Slavinetza. Mehr Ortsangaben gibt der Text nicht, und er beschreibt keinen dieser Plätze.
Wo diese Burgen lagen, ist eine Frage der Deutung. Üblich ist die Gleichsetzung von Mokron mit Makarska, von Beroullia mit Brela, von Ostrok mit Zaostrog und von Slavinetza mit einem Ort bei Gradac. Miodrag Marković hat 2013 im Zbornik radova Vizantološkog instituta die Lokalisierungsversuche überblickt und eigene Vorschläge gemacht, darunter Mokron bei dem Dorf Makar am Biokovo, Beroullia bei Vrulja nahe Podgora, Ostrok bei Zaostrog und Slavinetza im Gebiet der Baćina-Seen oder bei Gradac. Schon dieser Unterschied zwischen den Vorschlägen zeigt, dass die Namensähnlichkeit allein nicht trägt. Wer „Mokron = Makarska“ liest, liest eine plausible Hypothese, kein Ergebnis.
Die Archäologie kann hier bislang wenig entscheiden. Frühmittelalterliche slawische Gräber und Siedlungsspuren gibt es an der Küste und im Hinterland, aber ein Fund, der sich einer bestimmten Gruppe namens Narentaner zuweisen ließe, ist mir nicht bekannt; Keramik und Grabbeigaben sagen wenig über Selbstbezeichnungen. Die Neretva-Mündung selbst ist ein Schwemmland, in dem sich Spuren schlecht erhalten, und das römische Narona verlor im Frühmittelalter an Bedeutung. Das ist ein Mangel der Überlieferung, kein Beweis gegen eine Gruppe.
Zu Pagania zählt Konstantin vier Inseln: Kourkra (Korčula), Meleta (Mljet), Phara (Hvar) und Bratzis (Brač); die Gleichsetzungen sind üblich, und die Inselnamen sind eindeutiger als die Burgnamen. Er bemerkt, dass die Bewohner der Inseln Vieh hielten, ein Hinweis auf Weidewirtschaft, der selten zitiert wird, weil er zum Bild des Seeräubers nicht passt. Zugleich beschreibt er zwei Bezirke als solche mit Küstenschiffen. Aus dem Text lässt sich also lesen, dass an dieser Küste Boote gebaut und gefahren wurden. Mehr nicht. Über Zahl, Größe oder Bauart schweigt das Kapitel.
Man darf das nicht kleinreden. Die Südslawen an der Adria waren Seeleute, und Konstantin selbst überliefert an anderer Stelle, dass die Rus ihre Einbäume (monoxyla) von slawischen Tributpflichtigen bauen ließen. Auch im Norden kennen die Quellen Slawen auf dem Wasser: Helmold von Bosau beschreibt im späten 12. Jahrhundert die Ranen auf Rügen als Seeräuber, ein ebenfalls einseitiges Zeugnis. Dass Slawen Schiffe bauen und Küsten befahren konnten, ist also gut belegt. Wie ihre Schiffe aussahen, im Vergleich zu den Langschiffen der Nordmänner, lässt sich für die Narentaner nicht sagen, denn kein Wrack und keine Zeichnung ist überliefert. Wer sie als „Wikinger der Adria“ bezeichnet, malt ein Bild, das nicht aus den Quellen stammt.
Die zweite Spur führt nach Venedig. Johannes Diaconus, ein Kaplan des Dogen Pietro II. Orseolo, schrieb um 1008 eine Geschichte der Venezianer (Istoria Veneticorum, auch Chronicon Venetum genannt); der Doge Andrea Dandolo fasste die Überlieferung im 14. Jahrhundert in seiner Chronik zusammen und baute sie aus. Beide schreiben also aus venezianischer Sicht und viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach den Ereignissen; für die frühen Jahre ist zu beachten, dass Johannes zum Teil auf ältere, uns nicht erhaltene Aufzeichnungen zurückgriff.
Für die 830er Jahre berichten die Venezianer, Narentaner hätten Kaufleute auf der Rückreise von Benevent überfallen; im Jahr 839 ließ Doge Pietro Tradonico gegen sie rüsten, und es kam zu einem Frieden mit ihrem Anführer. Die Namen und Jahre, die in Überblicken kursieren, schwanken, und die Einzelheiten solcher Episoden stehen in den Chroniken knapper, als es die Darstellungen nahelegen. Mit Sicherheit lässt sich sagen: Die venezianische Überlieferung kennt für das 9. Jahrhundert wiederholte Auseinandersetzungen um die Seewege und schließt Frieden mit den Narentanern. Das klingt nach zwei Mächten, die sich begegnen, nicht nach einem Verbrecherstaat gegen eine Ordnungsmacht. Auch Doge Domagoj, den Johannes Diaconus als schlimmsten Slawenfürsten bezeichnet, war Fürst der Kroaten und nicht der Narentaner, und wer die beiden verwechselt, schreibt eine Geschichte, die keine der Quellen erzählt.
Das bekannteste Ereignis steht für 887 in den Chroniken: Doge Pietro I. Candiano zog gegen die Narentaner und fiel am 18. September im Kampf. Er war nach der gängigen Darstellung der erste Doge, der in einer Schlacht umkam. Der Kampfort wird üblicherweise bei Makarska gesucht, in der Gegend von Mokron; die Gleichsetzung ist eine Deutung. Wie die Schlacht verlief, wie groß die Flotten waren und warum Candiano dort Krieg führte, geben die Quellen nur in knapper und von Erzählern geformter Form wieder. Dass der Doge starb und Venedig die Niederlage erlitt, steht fest, alles weitere gehört in den Bereich der Rekonstruktion.
Wichtig ist, was daraus folgt und was nicht. Dass die Narentaner eine venezianische Flotte schlagen konnten, zeigt, dass sie über eine kampffähige Mannschaft verfügten; ob sie dafür Schiffe in nennenswerter Zahl hatten oder die Venezianer an Land angriffen, wissen wir nicht.
Konstantin rechnet die Pagani zu den Serben, und das hat in den Debatten des 19. und 20. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt. Andere, darunter Neven Budak, sehen in ihnen eine eigenständige Gruppe, deren Zuordnung eher eine politische als eine ethnische Entwicklung spiegelt. Wieder andere stellen in Frage, ob „Narentaner“ überhaupt eine abgegrenzte Gemeinschaft waren; Mladen Ančić argumentiert, die Quellen bezeichneten mit verschiedenen Namen dieselben Leute im Hinterland, die er als „Humljani“ deutet. Florin Curta liest die serbische Zuordnung bei Konstantin als Hinweis auf eine zeitweilige serbische Oberherrschaft im frühen 10. Jahrhundert. Vor den Karten, die auf Briefmarken und in Schulbüchern kursieren, sei also gewarnt: Die Narentaner sind keine Vorfahren einer modernen Nation, und mit den Begriffen von heute lassen sie sich nicht fassen. Vergleichbare Fragen stellen sich bei den Bulgaren und Slawen auf dem Balkan insgesamt.
Wenn Konstantin die Pagani „ungetauft“ nennt, schreibt er über die Vergangenheit: Sie hätten sich nicht taufen lassen, damals. Er selbst nennt später Taufen, die unter Kaiser Basileios I. (867–886) stattgefunden haben sollen, und die gängige Lesart sieht darin die Christianisierung der südslawischen Küstenvölker. Wie vollständig und wie dauerhaft sie war, ist offen. Neuere Darstellungen vermuten, dass die Taufe der Narentaner politisch motiviert war und sich lange hinzog, aber auch diese Einschätzung ist eine Deutung. Der Name „Pagani“ blieb jedenfalls im Gebrauch, als die Gruppe längst christlich gewesen sein kann, so wie Namen eben bleiben.
Wer sich für Missionsgeschichte interessiert, findet im Vergleich mit den Karantanen ein anderes Muster, in dem die Taufe vom Salzburger Raum ausging. Für die Narentaner fehlt eine Missionsgeschichte völlig; wir wissen nicht, wer sie taufte, wann, und in welcher Form ihre alten Bräuche weiterlebten. Die Archäologie von Gräbern könnte hier einmal Antworten liefern, tut es aber bisher nicht.
Die venezianische Überlieferung erzählt für 948 einen neuen Krieg, der mit einer Niederlage endete; seitdem, so heißt es, habe Venedig den Narentanern einen Tribut für die Durchfahrt gezahlt. Das ist eine Aussage, die erst die spätere Geschichtsschreibung festhält, nachdem das Ende des Tributs gefeiert wurde, und in solchen Fällen ist Vorsicht geboten.
Um das Jahr 1000 rüstete Doge Pietro II. Orseolo, derselbe, dem Johannes Diaconus diente, eine Flotte. Nach der üblichen Datierung segelte sie am Himmelfahrtstag des Jahres 1000 aus, ein Datum, das später zum Stadtfest der Sensa wurde. Der Doge nahm Küstenstädte unter seinen Schutz und zog gegen die Narentaner. Die Chronik berichtet, Korčula habe sich unterworfen, während Lastovo, nach Venedigs Darstellung ein Stützpunkt der Narentaner, nach Verweigerung der Unterwerfung zerstört worden sei. Der Doge nahm danach den Titel eines Herzogs der Dalmatiner an. Dass der Narentanerfürst auf die „alte Abgabe“ verzichtete, steht ebenfalls in der Darstellung. Auch hier gilt: Das ist die Geschichte der Sieger, geschrieben von einem Angehörigen des Hofs, der den Doge feierte. Wie die Gegenseite die Dinge sah, erfahren wir nicht.
Spätestens mit den Gebietsverschiebungen des 11. Jahrhunderts, als Kroaten und Venezianer um die Küste rangen, verschwindet der Name der Narentaner aus den Quellen. Ein Ereignis, das ihr Ende markiert, nennt keiner der Texte; wahrscheinlich gingen sie in der kroatischen Herrschaft und später in den Bezeichnungen des Hinterlands auf.
Das Wort „Pirat“ taucht in der modernen Darstellung der Narentaner ständig auf. In den frühen Quellen ist es nicht das beherrschende Bild: Konstantin, die einzige nichtvenezianische Quelle, erwähnt keinen Seeraub. Die Venezianer sprechen von Überfällen und von Gefangenen, doch sie berichten auch von Friedensschlüssen und Zahlungen, und das lässt sich auf mehrere Arten lesen. Man kann darin tatsächliche Räuberei sehen, die hinter einem Tribut als Schutzgeld stand. Man kann auch eine Konkurrenz um Handelswege annehmen, in der Venedig, das im 10. Jahrhundert seinen Fernhandel ausbaute, die Küstenbewohner schlicht als Hindernis darstellte. Beide Lesarten sind Deutungen, und die zweite ist ebenso wenig bewiesen wie die erste.
Für ähnliche Fälle im Mittelmeer ist die Quellenlage vergleichbar; wie einseitig Raubzug-Berichte sein können, haben wir am Beispiel der Wikinger im Mittelmeer gezeigt. Häufig kursiert außerdem die Behauptung, die Narentaner hätten ihre Gefangenen als Sklaven verkauft; zum Hintergrund siehe Wikinger und Sklaverei. Ein belastbarer Einzelbeleg dafür, dass die Narentaner selbst Menschenhandel in größerem Umfang betrieben, ist mir in den Primärquellen nicht begegnet; die Behauptung stammt aus Überblicksdarstellungen und bleibt bis zum Nachweis eine Vermutung.
Ein byzantinisches Kapitel mit vier Burgnamen, ein Doge, der 887 fällt, ein Feldzug um das Jahr 1000 und ein Name, der aus einem römischen Flussnamen entstand: Das ist die belastbare Substanz. Dazu kommen Inseln, Küstenstreifen und Boote, über die wir wenig wissen, und eine Handvoll Hypothesen über Burgstandorte, Herkunft und Taufe. Die Piraterie, die so selbstverständlich zu ihnen zu gehören scheint, ist das Bild einer Seite, die den Konflikt aufgeschrieben hat. Wer ehrlich bleibt, sagt: Es gab an dieser Küste ein selbstbewusstes Gemeinwesen mit Schiffen, das mit Venedig im Wechsel von Krieg und Vertrag lebte, und mehr als das lässt sich nicht aus den Quellen belegen.

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