Es gibt zwei Völker, die sich Kroaten nannten – eines an der Adria, eines tief im Landesinneren zwischen Weichsel, San und Dnister. Was verbindet einen Namen, der an zwei so unterschiedlichen Orten auftaucht?

Wer heute „Kroaten" hört, denkt an die Adriaküste, an Dalmatien, an ein Land, das seit dem frühen Mittelalter diesen Namen trägt. Doch wer sich durch byzantinische und ostslawische Quellen des 10. bis 12. Jahrhunderts liest, stößt auf ein zweites Volk gleichen Namens – weit im Nordosten, irgendwo zwischen der oberen Weichsel, dem San und dem Dnister, im Vorfeld der Karpaten. Die Quellen nennen es „Weiße Kroaten". Zwei slawische Gruppen, durch hunderte Kilometer und durch die gesamte Landmasse Mitteleuropas getrennt, tragen denselben Kern in ihrem Namen: Chorvat-, Hrvat-, Chrobat- – je nachdem, welche Sprache und welches Jahrhundert man befragt. Das ist kein triviales Detail. Es ist eine der hartnäckigsten Fragen der frühslawischen Geschichte, und sie gehört zu jener seltenen Sorte historischer Rätsel, die sich nicht mit einem einzigen sauberen Fund lösen lässt. Genau darum lohnt es sich, ihr in Ruhe nachzugehen – so, wie wir es an anderer Stelle bereits mit den Kenomanen getan haben, jenem Stamm, der sowohl bei Le Mans in Gallien als auch in Oberitalien auftaucht. Auch hier gilt: ein Name, zwei Orte, und die Frage, ob dahinter mehr steckt als ein sprachlicher Zufall.
Die wichtigste Quelle ist ein Werk, das der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos um die Mitte des 10. Jahrhunderts für seinen Sohn zusammenstellen ließ: De Administrando Imperio, ein außenpolitisches Handbuch, kein Geschichtsbuch im modernen Sinn. In den Kapiteln 30 und 31 erzählt der Text, wie die Kroaten nach Dalmatien gekommen seien. Ich gebe den Inhalt hier bewusst als vorsichtige Paraphrase wieder, nicht als wörtliches Zitat einer modernen, urheberrechtlich geschützten Übersetzung: Der griechische Text berichtet, die Kroaten hätten ursprünglich „jenseits von Bagibareia" gesessen, wo nun die „Weißen Kroaten" (in einer Passage explizit als ἄσπρη Χρωβατία, „weißes Chrobatien", bezeichnet) wohnten – unbeknamnttauft, dem fränkischen König Otto tributpflichtig, in Nachbarschaft zu einem Ort namens Belegrada und, nach Aussage des Textes, freundschaftlich mit den „Türken" (gemeint sind hier die Ungarn) verbunden. Von dort seien unter sieben Stammesführern und zwei Schwestern Gruppen nach Süden gezogen, hätten die Awaren aus Dalmatien vertrieben und sich dort niedergelassen. Ein Teil des Volkes, so der Text weiter, sei in der alten Heimat „jenseits von Ungarn, neben Francia" zurückgeblieben und brauche „dreißig Tagesreisen" bis zu einem Meer, das der Text als „dunkel" bezeichnet.
Diese wenigen Sätze haben eine enorme Wirkung entfaltet – weit über ihren tatsächlichen Informationsgehalt hinaus. Schon die Ortsangaben sind vieldeutig: „Bagibareia" wird meist als Bayern gelesen, doch manche Forscher denken auch an die Babia Góra südlich von Krakau. Die Identität von „Belegrada" ist umstritten; die Zeitangabe von dreißig Tagesreisen zu einem „dunklen Meer" lässt sich sowohl auf die Ostsee als auch, mit anderer Route gerechnet, auf das Schwarze Meer beziehen – die Meinungen der Fachleute gehen hier tatsächlich auseinander. Und die Erwähnung eines Königs Otto ist chronologisch heikel: Ein ostfränkischer König dieses Namens regiert erst ab 936 – Jahrhunderte nach der angeblichen Auswanderung im 7. Jahrhundert, aber genau in der Zeit, in der Konstantin schreibt. Der Text vermengt damit erkennbar unterschiedliche Zeitschichten: eine alte Wanderungserzählung und zeitgenössisches Wissen des 10. Jahrhunderts.
Unabhängig davon, wie man die Ursprungslegende bewertet, deuten mehrere Quellen und archäologische Befunde auf eine slawische Bevölkerungsgruppe im Karpatenvorland hin, die sich selbst – oder von außen benannt – Kroaten nannte. Das Gebiet wird meist zwischen der oberen Weichsel und dem San im Westen und dem oberen Dnister im Osten verortet, mit Schwerpunkten um das spätere Przemyśl, um befestigte Siedlungsplätze wie Plisnesk und Stilsko nahe dem heutigen Lemberg sowie weiter östlich um Halytsch. Archäologisch lassen sich hier zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert zahlreiche befestigte Höhensiedlungen (Grodys) mit Wall- und Grabensystemen, Steinöfen und teils beachtlicher Größe nachweisen – Zeugnisse einer dicht besiedelten, politisch offenbar segmentierten slawischen Landschaft, aber kein einziger Fund, der sich zweifelsfrei einem „Reich Weißkroatien" mit festen Grenzen zuordnen ließe. Genau das ist der Unterschied zwischen dem, was Archäologie zeigen kann, und dem, was die Schriftquellen behaupten: Die materielle Kultur bezeugt Siedlungsdichte und Verteidigungsanstrengungen, aber keine politische Einheit namens Kroatien.
Eng verbunden mit dieser Region sind die sogenannten Tscherwenstädte (russ. Червенские города), eine Gruppe befestigter Orte um Przemyśl, deren Zugehörigkeit zwischen dem entstehenden Polen und der Kiewer Rus über Jahrzehnte umstritten war. Die Nestorchronik berichtet zum Jahr 981, Großfürst Vladimir I. von Kiew habe die Tscherwenstädte „den Ljachen" (Polen) abgenommen. Ob die dort lebende Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt noch als „Kroaten" verstanden wurde, sagt die Quelle nicht ausdrücklich – der geographische Zusammenhang mit den weiter im Osten vermuteten Weißen Kroaten ist aber naheliegend und wird in der Forschung breit diskutiert, ohne dass er als gesichert gelten kann.
Neben dem byzantinischen Kaiserhof kennt auch die altostslawische Historiographie die Weißen Kroaten. Die sogenannte Nestorchronik (Povest' vremennych let, im frühen 12. Jahrhundert in Kiew zusammengestellt, aber ältere Vorlagen verarbeitend) zählt in ihrer knappen ethnographischen Einleitung die slawischen Völker auf, die sich nach der gemeinsamen Donauheimat in alle Richtungen zerstreut hätten. In dieser Aufzählung – zwischen Mähren, Böhmen und den Polanen – erscheinen die Weißen Kroaten in einem Atemzug mit den Serben und den Chorutanen (den Vorfahren der Kärntner Slawen, siehe dazu auch unseren Artikel zu den Karantanern). Es ist ein einziger, unscheinbarer Nebensatz – doch er ist eine der frühesten eigenständigen Bestätigungen dafür, dass es einen slawischen Stamm dieses Namens tatsächlich gab, unabhängig von Konstantins Bericht:
А се ти же словѣне: Хорвате Бѣлии, и Серебь, и Хорутане.
„Und dies sind ebenfalls Slawen: die Weißen Kroaten, und die Serben, und die Chorutanen." (eigene Übersetzung)Povest' vremennych let (Nestorchronik), Laurentianische Redaktion, Einleitungskapitel zur Verteilung der slawischen Stämme, entstanden im frühen 12. Jh.; zitiert nach der gängigen kyrillischen Standardwiedergabe des Textes, eigene Übersetzung
Bemerkenswert ist, dass die Chronik die Weißen Kroaten hier in eine Reihe mit Völkern stellt, die man heute im südslawischen Raum verortet – Serben und Chorutanen –, obwohl der geographische Kontext der Passage insgesamt eher auf den mittel- und osteuropäischen Raum verweist. Das zeigt, dass schon die mittelalterlichen Chronisten selbst mit der Frage rangen, wie diese wandernden, sich aufspaltenden und neu benennenden slawischen Gruppen sauber zu ordnen seien.
Die Nestorchronik erwähnt die Kroaten noch ein zweites Mal, in anderem Zusammenhang: als militärisches Ziel. Für das Jahr 992 – wenige Jahre nach der Christianisierung der Rus – verzeichnet die Chronik einen Feldzug Vladimirs I. „gegen die Kroaten". Danach verlieren sich die Spuren der östlichen Weißen Kroaten in den Schriftquellen fast vollständig. Das Gebiet um Przemyśl und die Tscherwenstädte blieb über die folgenden Jahrhunderte Zankapfel zwischen Kiewer Rus, Polen und später dem Königreich Galizien-Wolhynien – eine Grenzregion im wörtlichen wie im historiographischen Sinn, in deren Nachbarschaft auch andere ostslawische Stammesverbände wie die Dulęben und die Tiwerzen siedelten. Ob sich die namentliche Identität „Kroate" hier allmählich in der werdenden Rus auflöste, ob sie regional als Eigenbezeichnung fortlebte, oder ob der Name ohnehin nur eine von außen verwendete Sammelbezeichnung für mehrere Kleinverbände war – das lässt sich mit dem heutigen Quellenbestand nicht sicher entscheiden.
Während die Weißen Kroaten aus den Quellen verschwinden, entsteht zur gleichen Zeit an der Adriaküste ein politisches Gebilde, das denselben Namen trägt und sehr wohl in die Geschichte eingeht: das mittelalterliche Kroatien, aus dem sich – über Fürstentum, Königreich und wechselnde Unionen mit Ungarn und später mit den Habsburgern – der heutige Staat entwickelt. Die südslawischen Kroaten, ihre Herrscher, ihre Christianisierung und ihre staatliche Entwicklung haben wir in einem eigenen Artikel ausführlich behandelt: Die Kroaten an der Adria. Für unsere heutige Frage ist entscheidend, dass genau diese Gruppe es ist, deren Ursprungsgeschichte Konstantin VII. in Kapitel 31 erzählt – und dass er sie explizit mit den nordöstlichen Weißen Kroaten als Herkunftsvolk verknüpft. Die beiden Artikel sind also zwei Seiten derselben Quellenfrage: Hier das Volk, das den Namen bis heute trägt und zu einem Staat wurde; dort das Volk, dessen Namensträger irgendwann in den Quellen verstummen.
Genau hier beginnt die eigentliche Forschungsdebatte, und sie ist alles andere als abgeschlossen. Ein zentraler Einwand kommt von dem Frühmittelalter-Historiker Francesco Borri, der 2011 in der Fachzeitschrift Early Medieval Europe darauf hinwies, dass Konstantins Wanderungserzählung durch keine einzige andere, unabhängige Quelle – weder zeitgenössisch noch später – gestützt wird. Borri liest die Geschichte der sieben Brüder und zwei Schwestern nicht als verlässlichen Bericht eines Ereignisses aus dem 7. Jahrhundert, sondern als literarisches Deutungsmuster, mit dem der byzantinische Hof im 10. Jahrhundert die Herkunft einer neuen, in Dalmatien dominant gewordenen Elite erklärte – eine Art nachträglich konstruierter Gründungsmythos, keine Chronik im modernen Sinn.
Andere Forscher kommen zu ähnlich vorsichtigen Schlüssen, wenn auch mit unterschiedlicher Betonung. Der kroatische Historiker Neven Budak hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die im Text beschriebene „siebte-Jahrhundert-Heimat" auffällig gut zu dem passt, was Byzanz im 10. Jahrhundert über die Weißen Kroaten wusste – ein Hinweis darauf, dass ältere Wanderungssage und jüngeres Gegenwartswissen im Text verschmolzen wurden, nicht sauber getrennt sind. Der russische Archäologe Valentin Sedov vertrat eine ähnliche Position aus archäologischer Perspektive. Der serbische Byzantinist Tibor Živković ging noch weiter und vermutete, Teile der Erzählung ließen sich eher auf Verhältnisse im böhmischen Herrschaftsraum des 10. Jahrhunderts beziehen als auf ein frühes Karpatenkroatien. Auf polnischer Seite hat schon Henryk Łowmiański in seinem monumentalen Werk zu den Anfängen Polens betont, dass eine Existenz und genaue Lage „Weißkroatiens" im 6./7. Jahrhundert durch keine Quelle wirklich bewiesen sei. Demgegenüber stehen Forscher wie der russische Historiker Alexander Majorov oder der ukrainische Mediävist Leontij Vojtovyč, die – gestützt auf die Karpaten-Archäologie und auf lokale Ortsnamen – für eine tatsächliche, wenn auch nicht politisch geeinte, kroatische Stammesidentität im Karpatenvorland plädieren. Der Streit ist also nicht zwischen „Legende" und „Fakt" entschieden, sondern läuft mitten durch die Fachwelt: Existierte im frühen Mittelalter tatsächlich eine ethnische Gruppe namens Kroaten in den Karpaten – nur eben ohne die von Konstantin geschilderte dramatische Massenwanderung? Oder ist selbst dieser Kern spätere Rückprojektion?
Damit bleibt die eigentliche Ausgangsfrage: Warum trugen zwei slawische Gruppen an so unterschiedlichen Orten denselben Namen? Die Forschung diskutiert im Wesentlichen mehrere, einander nicht zwingend ausschließende Erklärungen. Die erste, älteste und in der älteren Literatur beliebteste ist genau jene, die Konstantin selbst erzählt: eine tatsächliche Abspaltung, bei der ein Teil eines ursprünglich karpatischen Stammes nach Süden zog und den alten Namen mitnahm. Diese Erklärung hat den Charme der Einfachheit, aber – wie oben gezeigt – kaum unabhängige Bestätigung. Eine zweite Möglichkeit ist, dass der Name kein Stammesname im engeren Sinn war, sondern ein Titel oder eine Selbstbezeichnung einer kriegerischen Elite oder Gefolgschaft, die sich unabhängig voneinander an zwei Orten etablierte und dabei denselben, vielleicht ursprünglich nicht-slawischen (unter anderem wird eine iranisch-sarmatische Wurzel diskutiert, mit Verweis auf die sogenannten Tanais-Tafeln aus der Region des Don) Begriff verwendete. Eine dritte, nüchterne Möglichkeit ist schlicht sprachlicher Zufall bei der Wortbildung – von den meisten Fachleuten allerdings als eher unwahrscheinlich angesehen, da der Lautkörper zu spezifisch ist, um zweimal unabhängig zu entstehen.
Was man dagegen klar von der seriösen Forschung trennen muss, ist die politisch aufgeladene Rezeptionsgeschichte des Themas. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde „Weißkroatien" von unterschiedlichen nationalen Historiographien – großkroatischen, panslawischen, teils auch großpolnischen – als Beleg für weitreichende historische Gebietsansprüche oder für eine besonders alte, besonders reine Volksidentität instrumentalisiert. Solche Deutungen arbeiteten oft mit denselben wenigen, mehrdeutigen Sätzen aus Konstantins Text, zogen daraus aber Schlüsse, die die Quelle nicht hergibt, und dienten erkennbar politischen statt wissenschaftlichen Zwecken. Ernsthafte moderne Forschung – ob in Zagreb, Warschau, Kiew oder Sankt Petersburg – behandelt die Frage inzwischen deutlich zurückhaltender: als eine offene, quellenkritisch schwierige Frage der Frühgeschichte, nicht als Bestätigung moderner nationaler oder territorialer Ansprüche. Diese Trennung zwischen belegbarer Frühgeschichte und späterer politischer Vereinnahmung ist uns wichtig, gerade weil das Thema so leicht für Gegenwartszwecke missbraucht werden kann.
Am Ende steht kein abschließendes Urteil, sondern ein ehrliches Bild der Quellenlage: Zwei slawische Gruppen des frühen Mittelalters trugen denselben Namen, die eine an der Adria, die andere in den Karpaten. Die eine wurde zum Kern eines bis heute bestehenden Staates, die andere verschwand als eigenständig benannte Gruppe im Sog der entstehenden Rus und Polens. Ob echte Verwandtschaft, geteilte Elitenbezeichnung oder etwas dazwischen dahintersteckt, wissen wir nicht mit Sicherheit – und genau das macht die Geschichte der Weißen Kroaten zu einem der interessantesten offenen Kapitel der frühslawischen Ethnogenese. Wer sich in solche Rätsel vertieft, merkt schnell: Die Frühgeschichte der Slawen, der Germanen und der keltischen Völker Europas ist selten ein glattes Narrativ – sie ist ein Puzzle aus Bruchstücken, bei dem jedes neue Fundstück, jede neue Lesart einer alten Chronik das Bild wieder verschiebt. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Die Kroaten · Die Karantanen · Die Dulebier · Die Tiwerzen.
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