In der Mitte Deutschlands entstand nach der Völkerwanderung ein mächtiges germanisches Königreich: das der Thüringer. Sein Untergang 531 gehört zu den dramatischsten Wenden der frühen deutschen Geschichte.
Die Thüringer (lateinisch Thoringi, Toringi) waren ein germanisches Volk in der Mitte Deutschlands, das in der Völkerwanderungszeit ein eigenes Königreich aufbaute. Anders als viele Stämme, die nur bei Tacitus als Name auftauchen, gehören die Thüringer zu den germanischen Völkern, die eine echte staatliche Macht bildeten – und deren Name bis heute ein ganzes deutsches Bundesland trägt.
Die Herkunft der Thüringer ist umstritten. Häufig werden sie mit den Hermunduren in Verbindung gebracht, einem elbgermanischen Stamm, den schon Tacitus im 1. Jahrhundert kannte und der im selben mitteldeutschen Raum saß. Ob die Thüringer direkt aus den Hermunduren hervorgingen oder ein neuer Verband aus mehreren Gruppen waren, lässt sich nicht sicher sagen. Sicher ist: Im 4. und 5. Jahrhundert erscheint mit den Thüringern ein mächtiges Volk zwischen Harz, Werra und Elbe.
Auf dem Höhepunkt seiner Macht reichte das thüringische Reich weit über das heutige Thüringen hinaus – nach Norden bis an die Grenzen der Sachsen, nach Süden bis zu den Alemannen und Bajuwaren. Die Thüringer waren ein Machtfaktor zwischen den großen Reichen der Franken im Westen und der Ostgoten in Italien. König Bisinus (Basin) verband sich durch Heirat mit anderen germanischen Königshäusern; seine Familie war in die große Dynastienpolitik der Völkerwanderungszeit eingebunden.
Die Thüringer waren berühmt für ihre Pferde und ihre Reiterei. Noch das später aufgezeichnete Rechtsbuch und die Sagenüberlieferung erinnern an die Bedeutung des Pferdes in ihrer Kultur. In einer Zeit, in der berittene Krieger über Sieg und Niederlage entschieden, war das ein wichtiger Machtfaktor. Die mitteldeutschen Ebenen boten gute Weide – und die Zucht kräftiger Pferde gehörte zum Rückgrat thüringischer Stärke.
Das Ende kam schnell und brutal. Um 531 verbündeten sich die Franken unter den Königen Theuderich und Chlothar mit den Sachsen gegen das thüringische Reich. In einer Entscheidungsschlacht an der Unstrut wurden die Thüringer vernichtend geschlagen. Ihr König Herminafrid (Hermanafrid) verlor das Reich; sein Land wurde zwischen Franken und Sachsen aufgeteilt. Damit endete die Selbstständigkeit des thüringischen Königreichs nach nur wenigen Generationen.
Das Schicksal Herminafrids ist besonders düster. Gregor von Tours berichtet, dass der Frankenkönig Theuderich den besiegten Thüringerkönig zu Verhandlungen nach Zülpich (Tolbiacum) einlud – in dieselbe Stadt am Rande der Eifel, in der zuvor Chlodwig die Alemannen geschlagen hatte. Dort, so die Überlieferung, stürzte Herminafrid „durch wessen Anstiftung auch immer" von der Stadtmauer in den Tod. Ob Unfall oder Mord, lässt Gregor offen – aber die Botschaft ist klar: Das Ende des thüringischen Königs fiel ausgerechnet ins Rheinland.
Aus dem Untergang ragt eine bemerkenswerte Gestalt heraus: Radegundis, eine thüringische Königstochter, die als Kriegsbeute an den Frankenhof kam und mit König Chlothar verheiratet wurde. Sie floh später aus der Ehe, gründete ein Kloster in Poitiers und wurde als heilige Radegunde zu einer der bekanntesten Frauen des Frankenreichs. Ihr Leben verbindet das untergegangene Thüringen mit der christlichen Kultur Galliens – ein menschliches Nachspiel zur politischen Katastrophe.
Auch nach dem Ende des Königreichs blieben die Thüringer ein eigenes Volk mit eigenem Recht. Das „Gesetz der Thüringer" (Lex Thuringorum), aufgezeichnet in karolingischer Zeit um 802/803, überliefert altes thüringisches Recht – etwa zu Wergeld, Erbrecht und Standesunterschieden. Es zeigt, dass die thüringische Identität den politischen Untergang überdauerte und dass die Karolinger das Volk als eigene Rechtsgemeinschaft anerkannten. Wie bei allen Leges gilt aber: Der Text ist jünger als die beschriebene Welt und muss vorsichtig gelesen werden.
Das Wichtigste, was die Thüringer hinterließen, ist ihr Name. Aus dem untergegangenen Königreich wurde eine dauerhafte Landschaft: das mittelalterliche Landgrafentum Thüringen, später das Land Thüringen, das bis heute besteht. Kaum ein anderes germanisches Volk der Völkerwanderungszeit hat seinen Namen so ungebrochen bis in die Gegenwart getragen. Die Wartburg, die Landgrafen und die reiche Geschichte Mitteldeutschlands stehen alle auf dem Fundament, das dieses früh untergegangene Volk gelegt hat.
Die Thüringer zeigen die ganze Dramatik der Völkerwanderungszeit: den Aufstieg eines germanischen Königreichs in der Mitte Europas, seine Rolle im Spiel der Großmächte, den jähen Untergang durch ein Bündnis der Nachbarn und das Weiterleben in Recht, Sage und Landschaftsname. Für uns ist auch der Rheinland-Bezug bemerkenswert: Der letzte Thüringerkönig fand sein Ende in Zülpich, nur wenige Kilometer von unserer Heimat entfernt.
Die wichtigste Quelle ist Gregor von Tours (Fränkische Geschichte, 6. Jh.), dazu die Lex Thuringorum und verstreute Nachrichten bei anderen fränkischen Autoren. Alle diese Quellen sind fränkisch oder christlich und sehen die Thüringer von außen und meist als Besiegte. Die Archäologie Mitteldeutschlands (reiche Gräber der Völkerwanderungszeit, etwa in der „thüringischen" Fundgruppe) ergänzt das Bild. Beleg und Deutung halten wir auseinander: Reich, Unstrut-Schlacht und Namensfortleben sind gut bezeugt; die Herkunft aus den Hermunduren bleibt Hypothese.
Die Archäologie Mitteldeutschlands hat für die Völkerwanderungszeit eine eigene „thüringische" Fundgruppe herausgearbeitet: reiche Körpergräber mit kunstvollen Bügelfibeln, Perlen, Waffen und Pferdegeschirr. Besonders die Frauengräber zeigen aufwendigen Trachtschmuck, der auf weitreichende Kontakte bis nach Skandinavien und ins Frankenreich verweist. Diese Funde bestätigen das Bild der Schriftquellen: ein wohlhabendes, gut vernetztes Volk mit einer selbstbewussten Oberschicht. Die Pferdebestattungen unterstreichen zudem die überlieferte Bedeutung der thüringischen Reiterei.
Nach 531 verschwanden die Thüringer nicht, aber ihre Eigenständigkeit war dahin. Ihr Land wurde fränkisches Grenzland gegen Sachsen und Slawen; später regierten hier Herzöge, dann die berühmten Landgrafen von Thüringen mit ihrem Sitz auf der Wartburg. Von der Landgrafenzeit führt eine lange Linie über das Reformationszeitalter (Luther auf der Wartburg) bis zum heutigen Bundesland. So wurde aus einem früh untergegangenen germanischen Königreich eine der geschichtsträchtigsten Landschaften Deutschlands – der Name aber blieb über anderthalb Jahrtausende derselbe.
So sind die Thüringer ein Volk, das sein Reich verlor, aber seinen Namen behielt – ein stiller Sieg über die Zeit, den nur wenige germanische Stämme errungen haben.
„Herminafrid aber stürzte, während er auf der Mauer stand und mit Theuderich sprach, durch wessen Hand auch immer hinab und starb."nach Gregor von Tours, Historien III (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Die Hermunduren · Schlacht von Zülpich · Die Franken.
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