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Nordische Tierornamente zeichnen – die Wikingerstile Schritt für Schritt

Symbole & Kunst Nordische Tierornamente zeichnen – die Wikingerstile Schritt für Schritt

Ein sauberes nordisches Tierornament ist kein Zufall und kein „Wikinger-Gekritzel". Dahinter stehen sechs klar unterscheidbare Kunststile aus rund dreihundert Jahren – jeder mit eigenen Leitfunden, eigenem Formgefühl und eigenen Regeln. Wer sie kennt, zeichnet nicht irgendetwas Verschlungenes, sondern ein Bandtier, das in seine Zeit gehört. Hier bekommst du beides: den Überblick über die Stile mit ihren Erkennungsmerkmalen und eine praktische Anleitung, wie du ein Flechttier von Grund auf aufbaust – so, dass es auch auf einer Gravur trägt.

Die Axt von Mammen — ihre silbertauschierte Tierornamentik gab dem Mammen-Stil den Namen.
Die Axt von Mammen — ihre silbertauschierte Tierornamentik gab dem Mammen-Stil den Namen.

Worum es beim nordischen Tierstil wirklich geht

Das Herzstück der wikingerzeitlichen Kunst ist das Tier – nicht das abstrakte Muster. Was aus der Ferne wie ein reines Flechtwerk aussieht, ist bei näherem Hinsehen fast immer ein Körper: ein Kopf mit Auge und Maul, ein bandförmiger Leib, Hüften, Beine, Greiffüße. Die Verschlingungen sind Gliedmaßen und Nachbartiere, die sich umschlingen, packen und beißen. Genau das unterscheidet den nordischen Tierstil von allem anderen Flechtwerk: Er erzählt immer von Wesen, nie von leerer Geometrie.

Über die Wikingerzeit hinweg lösen sich sechs Stile ab, und sie tun das erstaunlich diszipliniert. Man kann eine Schnalle, einen Anhänger oder einen Runenstein oft allein an der Formsprache datieren. Für uns in der Werkstatt heißt das: Wer ein Motiv graviert, sollte sich für einen Stil entscheiden und ihn durchhalten. Ein Greiftier neben einer Ringerike-Ranke ist so, als würde man gotische Schrift mit einem Smartphone-Emoji mischen – technisch möglich, aber es passt nicht zusammen.

Beleg: Die Stilabfolge ist keine moderne Erfindung, sondern beruht auf datierbaren Leitfunden: dem Oseberg-Schiffsgrab (Grabkammer dendrochronologisch 834), Gorms Silberbecher aus Jelling (Nordhügel, ~958/59), der Mammen-Axt aus Bjerringhøj (~970er Jahre), dem Vang-Stein und den vergoldeten Wetterfahnen von Heggen und Källunge sowie dem Nordportal der Stabkirche Urnes (~1070). An diesen Ankerstücken haben Kunsthistoriker wie Wilson und Klindt-Jensen die Reihe festgemacht.

Woher der Tierstil kommt: Salin I und II

Bevor es „wikingerzeitlich" wird, gibt es die germanischen Tierstile der Völkerwanderungszeit. Der schwedische Forscher Bernhard Salin ordnete sie um 1904 in seine berühmten Stufen. Salin Stil I (ca. 5.–6. Jahrhundert) zerlegt das Tier in einzelne Glieder, die über die Fläche verstreut liegen – man muss die Körperteile fast suchen. Salin Stil II (ca. 6.–7. Jahrhundert) zieht diese Glieder in lange, glatte, ineinander verschlungene Bänder aus; hier entsteht zum ersten Mal das ruhige, endlos wirkende Flechttier, das die Wikingerkunst später prägt. Wer die Wikingerstile verstehen will, sollte Salin II als deren Großvater begreifen: das Bandtier ist geboren, die Wikinger bauen es nur immer wieder neu.

Die sechs Wikingerstile im Überblick

1. Oseberg (Broa), ca. 800–875. Der Auftakt. Sein Kennzeichen ist das Greiftier: ein kleines Wesen mit rundem Kopf, großen starrenden Mandelaugen und Pfoten, die alles packen – den Rahmen, die eigenen Glieder, das Nachbartier. Die Fläche ist dicht, unruhig, restlos gefüllt und symmetrisch verschränkt. Leitfunde sind die Oseberg-Tierkopfpfosten und die Broa-Zaumzeugbeschläge von Gotland.

2. Borre, ca. 850–950. Der einzige Stil mit der berühmten Ringkette: einem doppelsträngigen Zopf, dessen Ringe an den Kreuzungen wie mit Bändern gebunden wirken, sodass Kreise und Rauten entstehen. Dazu ein Greiftier mit dreieckig-katzenhaftem Maskenkopf, runden Ohren und Glotzaugen. Streng symmetrisch, geometrisch, meist in gegossener vergoldeter Bronze.

3. Jelling, ca. 900–975. Schlank und elegant. Hier verschlingen sich paarweise S-förmige Bandtiere, doppelt konturiert, mit einer feinen Perl- oder Niello-Mittellinie im Körper. Die Köpfe stehen streng im Profil, das Maul ist offen, eine gekräuselte Oberlippe und eine einzelne spiralige Nackenranke gehören dazu. Kein Greiftier mehr. Typobjekt: Gorms Silberbecher.

4. Mammen, ca. 950–1025. Jetzt wird das Tier fleischig. Ein einzelnes Großtier, doppelt konturiert, der Körper dicht mit Punkten (Pellets) gefüllt, mit Spiralhüften und Lippenlappe. Aus Kopf und Schwanz wachsen erstmals kurze, gekringelte Ranken – der erste botanische Einschlag der nordischen Kunst. Typobjekt: die silbertauschierte Mammen-Axt.

5. Ringerike, ca. 1000–1050. Das Großtier bleibt (löwenartig, schreitend, mit Doppelkontur und Mandelauge), aber es wird umkränzt von langen, dünnen, sich verjüngenden Pflanzenranken, die aus paarigen Muschelspiralen entspringen, sich kreuzen und in lappige Blattspitzen einrollen. Offen, dynamisch, ausgewogen. Leitfunde: der Vang-Stein und die Wetterfahnen von Heggen, Källunge und Söderala.

6. Urnes, ca. 1050–1125. Der letzte und eleganteste Stil. Ein einziges schlankes, windhundartiges Großtier mit geschwungenem Leib und fadendünnen Beinen kämpft mit einer oder mehreren sehr dünnen Schlangen, alles verwoben in offenen Achterschlaufen. Die Linien schwellen an und verjüngen sich (dick–dünn), die Fläche ist kaum gefüllt, die Komposition asymmetrisch. Typobjekt: das Nordportal der Stabkirche Urnes.

Die schnelle Diagnose: welcher Stil ist das?

Fünf Faustregeln genügen, um fast jedes echte Ornament einzuordnen:

Werkzeug und Vorbereitung

Du brauchst nicht viel: einen weichen Bleistift (HB und 2B), einen Radierer, dünnes Transparent- oder Rasterpapier und einen feinen Fineliner zum Ausziehen. Wer digital arbeitet, nimmt eine Ebene für das Raster, eine für den Bleistiftaufbau und eine für die Reinzeichnung. Das Prinzip ist in beiden Fällen gleich: erst die Struktur, dann das Tier, zuletzt die saubere Linie.

Der wichtigste Grundsatz vorweg: Ein Bandtier ist ein durchgehendes Band, das an bestimmten Stellen zum Kopf, zur Hüfte und zum Fuß anschwillt. Es ist kein Haufen einzelner Striche, sondern ein Körper, der sich durch die Fläche schlängelt. Wenn du das im Kopf behältst, wird jede Flechtung logisch.

Schritt für Schritt: ein Bandtier aufbauen

  1. Feld und Symmetrieachse festlegen. Zeichne die Umrissform, die das Motiv füllen soll (Kreis, Mandel, Rechteck). Lege eine Mittelachse fest. Viele Stile – vor allem Jelling und Borre – sind streng symmetrisch; Urnes ist bewusst asymmetrisch. Entscheide dich jetzt, nicht später.
  2. Grundband als Skelett ziehen. Zeichne mit lockerem Bleistift eine einzige geschwungene Linie, die den Weg des Tierkörpers durch die Fläche beschreibt – noch ohne Dicke. Diese „Route" ist das Wichtigste. Sie soll die Fläche gleichmäßig durchlaufen, ohne große Löcher zu lassen.
  3. Kopf, Hüfte und Greiffuß setzen. Markiere auf der Route drei Zonen: vorn den Kopf (Mandelauge, offenes Maul, bei Jelling/Mammen eine gekräuselte Lippenlappe), in der Mitte die Hüfte (eine Spirale, aus der das Bein wächst) und das Bein mit Greiffuß. Diese drei Ankerpunkte geben dem Band seinen Rhythmus.
  4. Das Band verdoppeln. Zeichne beidseitig der Route eine Kontur, sodass aus der Linie ein Körper mit gleichmäßiger Breite wird. Bei Urnes lässt du die Breite bewusst anschwellen und wieder verjüngen (dick–dünn); bei Jelling und Ringerike ziehst du eine feine zweite Innenlinie (Doppelkontur), bei Mammen füllst du die Fläche mit Punkten.
  5. Über-Unter-Flechtung festlegen. An jeder Kreuzung entscheidet sich, welches Band oben und welches unten liegt. Die eiserne Regel: abwechselnd – wo ein Band an einer Kreuzung oben lag, liegt es an der nächsten unten. Zeichne die Unterführungen als kurze Unterbrechung des hinteren Bandes. Wenn du konsequent abwechselst, „webt" sich das Muster wie von selbst.
  6. Ranken oder Schlange ergänzen (stilabhängig). Ab Mammen kommen kurze gekringelte Ranken aus Kopf und Schwanz dazu; bei Ringerike werden daraus lange, dünne Stängel aus Muschelspiralen; bei Urnes verwebst du eine oder mehrere fadendünne Schlangen in die Achterschlaufen. In den frühen Stilen (Oseberg, Borre, Jelling) gibt es keine Pflanzenranken – lass sie dort weg.
  7. Prüfen, dann ausziehen. Kontrolliere: Ist es ein durchgehender Körper? Stimmt die Über-Unter-Folge überall? Sitzt der Kopf sauber? Erst dann mit dem Fineliner (oder auf der Reinzeichnungs-Ebene) sauber nachziehen und die Bleistiftlinien wegradieren.

Tipps für saubere Flechtwerke

Ein paar Handgriffe machen den Unterschied zwischen „verheddert" und „stilrein":

„Aus Odins Munde ging es aus, zu den Asen zuerst, zu den Alfen dann, den Wanen einige, einige den Menschen." Hávamál, Strophe 143 (Übersetzung Karl Simrock, 1851; gemeinfrei) – über die Runen, die Schwesterkunst des Ritzens und Schnitzens.

Warum sich die Stile abgelöst haben

Die sechs Stile sind keine bloße Modelaune, sondern eine nachvollziehbare Entwicklung. Am Anfang (Oseberg, Borre) steht das Bedürfnis, die Fläche vollständig zu füllen: Das Greiftier packt sich in jede Ecke, nichts bleibt leer, alles ist verzahnt. Mit Jelling beginnt eine Beruhigung – aus dem gedrängten Gewimmel werden zwei elegante Bandtiere, klar lesbar, gestreckt. Mammen bringt dann das Fleisch und die erste Pflanze ins Spiel: Das Tier bekommt Volumen, die Punktfüllung gibt ihm Textur, und aus dem Schwanz kringelt sich die erste Ranke. Ringerike treibt genau diese Ranke ins Große: lange, dünne Stängel, die das Tier wie ein Blätterkranz umspielen. Und Urnes schließlich reduziert alles wieder aufs Wesentliche – ein schlankes Tier, dünne Schlangen, offene Schlaufen, viel Luft. So schwingt die nordische Kunst über drei Jahrhunderte einmal vom Dichten zum Leeren, vom Verzahnten zum Fließenden.

Für die Praxis ist das mehr als Kunstgeschichte: Es sagt dir, welches Formgefühl du treffen musst. Ein Oseberg- oder Borre-Motiv darf ruhig „zu viel" wirken; ein Urnes-Motiv lebt vom Weglassen. Wer ein Urnes-Tier mit Oseberg-Dichte füllt, hat den Geist des Stils verfehlt, auch wenn jede einzelne Linie „nordisch" aussieht.

Häufige Anfängerfehler und wie du sie behebst

Die meisten misslungenen Ornamente scheitern an denselben drei Punkten. Erstens: Es ist gar kein Tier. Wer sofort loslegt und Bänder verschlingt, landet beim keltischen Endlosknoten – schön, aber falsch. Abhilfe: Immer mit der Route beginnen und Kopf, Hüfte, Fuß bewusst setzen, bevor du flichst. Zweitens: Die Über-Unter-Folge stimmt nicht. Sobald ein Band zweimal hintereinander oben liegt, zerfällt die Illusion, und das Auge sieht nur noch Striche. Abhilfe: jede Kreuzung einzeln prüfen und notfalls mit hellem Bleistift „O" und „U" markieren. Drittens: Stile werden gemischt. Ein Punktkörper mit langen Ringerike-Ranken und einer Borre-Ringkette mag „reich" aussehen, ist aber ein Zeitreise-Unfall. Abhilfe: vor dem ersten Strich einen Stil festlegen und die Merkmalsliste danebenlegen.

Ein vierter, feinerer Fehler betrifft die Proportion des Kopfes. Der Kopf ist der Anker, an dem das Auge das Tier erkennt. Ist er zu klein, wirkt das Ornament kopflos und abstrakt; ist er zu groß, zerbricht der Bandfluss. Zeichne den Kopf früh, prüfe ihn im Verhältnis zur Bandbreite, und lass Auge, Maul und – ab Jelling – die Lippenlappe klar sitzen. Ein sauberer Kopf verzeiht viele kleine Unsauberkeiten im Flechtwerk; ein misslungener Kopf macht selbst das perfekteste Band wertlos.

Mythos-Check: was NICHT ins nordische Tierornament gehört

Mythos-Check: Der keltische Endlosknoten ist kein Wikingerdesign. Insulare und nordische Kunst haben sich beeinflusst, aber der keltische Knoten ist ein abstraktes, geometrisches Endlosband ohne Tier – das nordische Ornament besteht dagegen fast immer aus Tierkörpern mit Kopf, Auge und Greiffuß. Wer „keltische Knoten" als „Wikinger" verkauft, mischt zwei eigenständige Traditionen. Ebenso gehören Vegvísir, Ægishjálmur und das „Web of Wyrd" nicht in echten Tierstil: Das sind isländische Zauberzeichen aus Handschriften des 16. bis 19. Jahrhunderts beziehungsweise moderne Erfindungen, keine wikingerzeitlichen Ornamente. Und der häufigste Fehler von allen: die Stile nicht vermischen. Jeder Stil ist eine Epoche. Ein Borre-Greiftier neben einer Ringerike-Ranke oder eine Urnes-Achterschlaufe mit Mammen-Punktfüllung ergibt kein „besonders nordisches" Motiv, sondern eines, das es historisch nie gab. Ein Motiv, ein Stil – das ist die eiserne Regel.

Vom Blatt auf das Material

Für die Gravur bewährt sich klare, kräftige Linienkunst in einer Farbe – sauber schwarz auf Weiß gedacht, mit selbstbewussten Strichen, ohne Grauverläufe. Das entspricht der Herkunft der Vorlagen: Holzschnitzerei, Silbertauschierung, Bronzeguss, Stein. Diese Materialien leben von der klaren Linie und vom Relief, nicht von weichen Schatten. Ein stilreines Bandtier, sauber geflochten und materialgerecht gedacht, überträgt sich deshalb wunderbar auf Schiefer, Holz oder Glas.

Wenn du tiefer in die einzelnen Stile und ihre Fundwelt einsteigen willst: siehe unsere Artikel zum Oseberg-Schiff, zum Urnes-Portal und zur Übersicht der Wikinger-Kunststile. Und wer sein eigenes Motiv graviert haben möchte, findet in unserer individuellen Gravur den passenden Weg vom Entwurf zum fertigen Stück.

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Die Kunststile der Wikingerzeit · Das Oseberg-Schiff & die zwei Frauen · Das Urnes-Portal – der letzte Tierstil.

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