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Germanen und Wikinger – wie hängen sie zusammen?

Geschichte & Funde Germanen und Wikinger – wie hängen sie zusammen?

Kaum eine Frage bekommen wir in der Werkstatt öfter zu hören: „Ihr macht doch nordische Gravuren – aber waren die Wikinger nicht eigentlich Germanen? Oder ist das dasselbe?" Die kurze Antwort: verwandt ja, dasselbe nein. Die lange Antwort ist spannender – und räumt mit ein paar hartnäckigen Missverständnissen auf.

Das Nydam-Boot (um 320 n. Chr.) im Schloss Gottorf — ein Ruderschiff der Völkerwanderungszeit, Jahrhunderte vor den Wikingern.
Das Nydam-Boot (um 320 n. Chr.) im Schloss Gottorf — ein Ruderschiff der Völkerwanderungszeit, Jahrhunderte vor den Wikingern.

Zwei Begriffe, zwei Zeiten

Wer „Germanen" und „Wikinger" in einen Topf wirft, wirft dabei rund tausend Jahre durcheinander. Von „Germanen" sprechen antike Autoren wie Caesar (Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr.) und vor allem Tacitus, dessen Schrift „Germania" um 98 n. Chr. entstand. Gemeint sind damit die Stämme östlich des Rheins und nördlich der Donau – ein bunter, ständig wechselnder Flickenteppich von Völkern, den römische Beobachter unter einem Sammelnamen zusammenfassten.

„Wikinger" dagegen ist ein Wort für eine viel spätere Epoche: die Wikingerzeit, die man üblicherweise vom Überfall auf das Kloster Lindisfarne 793 bis zur Schlacht von Stamford Bridge 1066 ansetzt. Zwischen Tacitus und Lindisfarne liegen also fast siebenhundert Jahre – und dazwischen die gewaltige Völkerwanderung, in der sich die Landkarte Europas komplett neu ordnete. Germane und Wikinger im selben Atemzug zu nennen ist ungefähr so, als würde man einen Ritter des Hochmittelalters mit einem Landsknecht der Renaissance verwechseln: verwandt, aber eben nicht gleich.

Was die Römer „Germanen" nannten

Der Begriff stammt nicht von den Betroffenen selbst. Kein Stamm nannte sich „die Germanen"; das war eine römische Außensicht. Tacitus selbst rätselt in seiner Germania über Herkunft und Namen dieser Völker und greift dafür auf ihre eigenen Lieder zurück:

Celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum. Ei filium Mannum originem gentis conditoremque, Manno tris filios adsignant. – „In alten Liedern, ihrer einzigen Art von Überlieferung und Geschichtsschreibung, feiern sie den erdgeborenen Gott Tuisto. Ihm schreiben sie einen Sohn Mannus zu, den Ursprung und Stammvater ihres Volkes, und dem Mannus drei Söhne."Tacitus, Germania 2 (eigene Übersetzung)

Aus diesen drei Söhnen leitete man die großen Gruppen ab – bei Tacitus Ingaevonen, Herminonen und Istaevonen. Wichtig ist der Nebensatz: Es war ihre einzige Form der Überlieferung, also mündlich, in Versen. Es gab kein germanisches Geschichtsbuch, keine einheitliche Verwaltung, keine gemeinsame Hauptstadt. „Die Germanen" waren eine Sprach- und Kulturfamilie, kein Staat und kein Volk mit Personalausweis.

Wie aus Germanen (auch) Nordmänner wurden

Die Sprachwissenschaft teilt das Germanische grob in drei Zweige: das Ostgermanische (etwa die Goten, längst ausgestorben), das Westgermanische (aus dem später Deutsch, Niederländisch, Englisch und Friesisch hervorgingen) und das Nordgermanische – die Sprachen Skandinaviens. Die Menschen, die wir „Wikinger" nennen, sprachen Altnordisch, einen nordgermanischen Dialekt. In diesem Sinne sind die Wikinger tatsächlich Germanen: nämlich Nordgermanen. Aber eben nur ein einziger, später Zweig eines viel breiteren Stammbaums.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Wortbedeutung. „Germane" ist ein Oberbegriff für eine ganze Sprachfamilie über viele Jahrhunderte. „Wikinger" ist enger – und meint streng genommen nicht einmal ein Volk, sondern eine Tätigkeit.

Dazwischen liegt die Völkerwanderung, die alles durcheinanderwirbelte. Aus westgermanischen Stämmen wurden über die Jahrhunderte Franken, Sachsen, Alemannen und Bayern; die Ostgermanen verschwanden mit ihren Reichen fast vollständig von der Bildfläche; und im Norden, in Skandinavien, blieb eine dritte Linie über. Diese nordgermanischen Gemeinschaften wurden nicht von der großen Wanderung erfasst wie die anderen und entwickelten sich vergleichsweise ungestört weiter – bis sie in der Wikingerzeit selbst zur bewegenden Kraft wurden. Der „Wikinger" ist damit kein direkter Nachbar des Tacitus-Germanen, sondern sein ferner Vetter am anderen Ende einer langen, verzweigten Familiengeschichte.

„Wikinger" ist keine Volkszugehörigkeit

Im Altnordischen bezeichnet víkingr einen Mann, der auf víking fuhr – also auf Raub- und Handelsfahrt über See ging. Man war nicht Wikinger, so wie man Däne oder Norweger war; man ging auf Wikingfahrt. Der Bauer, der im Frühjahr sein Feld bestellte und im Sommer mit dem Nachbarn ein Schiff ausrüstete, war den Rest des Jahres schlicht Bauer. Frauen, Kinder, Handwerker, Skalden und Bauern der Wikingerzeit hätten sich selbst kaum als „Wikinger" verstanden.

Wir benutzen das Wort heute als bequemen Sammelbegriff für die skandinavische Gesellschaft dieser Epoche – und das ist in Ordnung, solange man weiß, dass man damit eine ganze Kultur nach ihrem spektakulärsten Randberuf benennt. So, als würde man das England des 16. Jahrhunderts pauschal „die Freibeuter" nennen.

Der rote Faden: gemeinsame Wurzeln der Religion

Am deutlichsten wird die Verwandtschaft im Glauben. Der Gott, den die Wikinger Óðinn nannten, hieß bei den festländischen Germanen Wodan oder Wotan; der Donnergott Þórr entspricht dem kontinentalen Þunraz, in deutschen Ohren als Donar erhalten. Man muss nicht raten, um das zu sehen: Die Wochentage verraten es bis heute. Mittwoch war einst „Wodans Tag" (englisch Wednesday, Wodan's day), Donnerstag ist der Tag des Donnergottes (englisch Thursday, Thor's day), Freitag der Tag einer Göttin (Frija bzw. Frigg).

Diese Namen zeigen: Nordische und festländisch-germanische Mythologie wuchsen aus einer gemeinsamen Wurzel. Aber – und das ist der ehrliche Teil – wir kennen die Götterwelt fast ausschließlich in ihrer nordischen Ausprägung. Fast alles, was wir über Odin, Thor, Loki und Ragnarök zu wissen glauben, stammt aus der Lieder-Edda und aus Snorri Sturlusons Prosa-Edda. Beide wurden erst im 13. Jahrhundert in Island aufgeschrieben – gut zweihundert Jahre nach der Christianisierung, von einem christlichen Gelehrten. Von der Religion der festländischen Germanen zur Zeit des Tacitus wissen wir dagegen sehr viel weniger: ein paar Götternamen, Weihesteine, Ortsnamen und die knappen Notizen römischer Autoren. Wer die Edda liest, liest die nordische Spätform – nicht das Handbuch der alten Germanen. Mehr dazu in unserem Beitrag Die germanische Religion.

Die gemeinsame Sprache dahinter

Hinter beiden steht dieselbe Sprachfamilie. Deutsch und Altnordisch sind wie Cousins, die auf denselben Urgroßvater zurückgehen: das Urgermanische. Wörter wie „Vater/faðir", „Bruder/bróðir" oder „Haus/hús" sind kein Zufall, sondern gemeinsames Erbe. Genau deshalb klingen viele altnordische Namen und Begriffe für deutsche Ohren zugleich fremd und seltsam vertraut. Wer sich für die Verwandtschaft der Sprachen interessiert, findet die Zusammenhänge in unserem Artikel Die germanische Sprache.

Die Verwandtschaft reicht sogar bis in die Schrift. Die älteren Runen – das sogenannte ältere Futhark mit seinen 24 Zeichen – waren ursprünglich kein spezifisch „nordisches" Alphabet, sondern gemeingermanisch. Man findet sie auf Fundstücken vom Kontinent ebenso wie in Skandinavien. Erst in der Wikingerzeit vereinfachte der Norden die Reihe zum jüngeren Futhark mit nur noch 16 Zeichen. Die Runen, die heute so untrennbar mit „den Wikingern" verbunden scheinen, sind also in Wahrheit ein Erbe, das die Nordmänner mit den festländischen Germanen teilten – und weiterentwickelten. Auch hier gilt: gemeinsame Wurzel, eigene Spätform.

Ein Stück vergessene Heimat – die Germanen vor Aachens Toren

Für uns in der Werkstatt ist das keine ferne Geschichte. Das Rheinland war jahrhundertelang germanisch geprägtes Grenzland. Zwischen Rhein und römischer Provinz saßen Stämme, deren Namen bis heute in der Landschaft nachklingen. Wer von Alsdorf oder Aachen nach Osten blickt, blickt in eine Region, in der germanische Kultur und römische Welt aufeinandertrafen.

Und die Wikinger? Auch die kamen näher, als viele denken. Im Winter 881/882 zogen nordische Heere den Rhein und die Maas herauf und verwüsteten das Rheinland – Aachen, Köln, Jülich und das Kloster Prüm in der Eifel gehörten zu den betroffenen Orten. Die Pfalzkapelle Karls des Großen soll dabei als Pferdestall gedient haben; ob das buchstäblich stimmt oder eine spätere Zuspitzung ist, lässt sich schwer beweisen. Sicher aber ist: Die Wikingerzeit war hier kein fernes Ereignis aus dem Norden, sondern hat unsere Heimat direkt berührt. Die ganze Geschichte erzählen wir in Die Wikinger in Aachen und im Rheinland. Wer heute ein nordisches Motiv graviert bekommt, holt sich damit auch ein Stück vergessene Heimat zurück.

Beleg: Dass die Wikinger sprachlich und religiös aus der germanischen Familie stammen, ist unstrittig: Altnordisch ist ein nordgermanischer Zweig, die Götternamen Óðinn/Wodan und Þórr/Þunraz gehen nachweislich auf gemeinsame Formen zurück, und die germanischen Wochentagsnamen (Wodans-, Donars-, Frijas-Tag) belegen den kontinentalen Kult unabhängig von der Edda. Für die Rheinland-Züge sind die fränkischen Reichsannalen und Regino von Prüm die zentralen Quellen; für den Begriff „Germanen" die Germania des Tacitus.

Mythos-Check: Wo die Gleichsetzung schiefgeht

Genau an diesem Punkt entstehen die meisten Irrtümer. Räumen wir mit den drei häufigsten auf.

„Germanen = Wikinger." Falsch, weil es zwei verschiedene Epochen sind. Ein Cherusker zur Zeit der Varusschlacht (9 n. Chr.) und ein dänischer Seefahrer des 10. Jahrhunderts trennen fast tausend Jahre. Die Wikinger sind Nachfahren germanischsprachiger Menschen – aber „Germane" und „Wikinger" sind keine Synonyme, sondern Ober- und Unterbegriff, dazu aus ganz unterschiedlichen Zeiten.

„Die Germanen waren ein einheitliches Volk." Auch das ist ein Trugbild. Es gab kein „Germanenreich", keine gemeinsame Sprache im Sinne einer Standardsprache, keine gemeinsame Identität. Es gab Dutzende Stämme, die sich befehdeten, verbündeten, wanderten und wieder auflösten. Ob „Germanen" überhaupt ein sinnvoller einheitlicher Begriff ist oder nur eine römische Ordnungsschublade, ist bis heute Gegenstand ernsthafter Forschungsdebatten. Wer mehr über die einzelnen Stämme wissen will, findet den Überblick in Die germanischen Stämme.

„Reines Germanentum" und die Hörnerhelme. Hier wird es ernst. Das Bild vom hörnergeschmückten Wikinger stammt aus der Oper und der Malerei des 19. Jahrhunderts, nicht aus einem einzigen Grabfund – kein echter Wikingerhelm hatte Hörner. Noch problematischer ist die Vorstellung eines „reinen", ununterbrochenen Germanentums von Tacitus bis heute. Diese Idee wurde im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert konstruiert und von völkischen und nationalsozialistischen Ideologen missbraucht, um einen erfundenen „Volkskörper" zu begründen. Die historischen Germanen waren das genaue Gegenteil: mobil, gemischt, ständig in Bewegung, kulturell durchlässig. Wer sich für nordische Geschichte begeistert, tut das mit Neugier und Respekt vor den Quellen – nicht mit einem Reinheitsmythos, den es nie gegeben hat.

Mythos: „Die Wikinger waren die reinen, unverfälschten Germanen." – Weder rein noch unverfälscht: Skandinavien der Wikingerzeit war über Handel und Fahrten mit halb Europa und dem Orient verbunden, genetisch wie kulturell durchmischt. „Reines Germanentum", Hörnerhelme und die direkte Gleichsetzung Germane = Wikinger sind allesamt neuzeitliche Konstrukte des 19./20. Jahrhunderts – historisch nicht haltbar und im völkischen Gebrauch bewusst verfälscht.

Was die Wikinger von ihren Vorfahren unterschied

Wenn die Wikinger nordgermanische Nachfahren waren – was machte sie dann eigentlich zu „Wikingern"? Nicht der Glaube und nicht die Sprache, denn beides teilten sie mit ihren Vorfahren. Es war das Schiff. Die germanischen Stämme der Antike waren Landvölker; sie kannten Boote, aber keine hochseetüchtigen Segelschiffe. Erst in den Jahrhunderten vor der Wikingerzeit entwickelte sich in Skandinavien der Klinkerbau zu jener Perfektion, die das lange, flache, zugleich seetüchtige und flussgängige Langschiff hervorbrachte. Dieses Schiff war die eigentliche Revolution: Es machte aus Bauern und Händlern plötzlich Menschen, die in wenigen Tagen an fremden Küsten stehen konnten – ob als Kaufleute in Haithabu und Birka oder als Räuber vor Lindisfarne.

Der zweite Unterschied ist die Reichweite. Die Germanen der Völkerwanderung zogen über Land – Goten bis nach Italien und Spanien, Vandalen bis Nordafrika. Die Wikinger dagegen spannten ein Netz über das Wasser: nach Island, Grönland und für kurze Zeit bis Neufundland im Westen, über die russischen Flüsse bis nach Byzanz und ins Kalifat im Osten. Nicht „germanischer" als ihre Vorfahren, aber ungleich weiter unterwegs. Genau diese Mobilität ist auch der Grund, warum das Bild vom abgeschotteten „reinen" Nordmann historisch keinen Bestand hat.

Warum das Missverständnis so hartnäckig ist

Woher kommt dann die verbreitete Verwechslung? Zum großen Teil aus dem 19. Jahrhundert. Nationalromantik, Wagners Opern, Historienmalerei und die aufkommende Altertumsbegeisterung schufen ein Sehnsuchtsbild vom „nordisch-germanischen" Helden, das Antike und Wikingerzeit kurzerhand zu einer einzigen goldenen Vorzeit verschmolz. Der Hörnerhelm ist das bekannteste Requisit dieser Erfindung – er steht bis heute für ein Fantasiebild, das mit den Quellen nichts zu tun hat.

Verstärkt wird das durch die moderne Popkultur: Serien, Spiele und Filme setzen „Wikinger" mit einem diffusen „germanischen Urwesen" gleich und mischen Jahrhunderte munter durcheinander. Das ist als Unterhaltung völlig in Ordnung – solange man weiß, dass es eben Unterhaltung ist und keine Geschichtsstunde. Uns ist der Unterschied wichtig, weil er den echten Reichtum der Sache erst sichtbar macht: Wer die Epochen auseinanderhält, sieht statt eines Klischees plötzlich tausend Jahre lebendige, widersprüchliche, faszinierende Geschichte.

Die ehrliche Kurzfassung

Wie hängen Germanen und Wikinger also zusammen? So: Die Wikinger waren nordgermanische Nachfahren – ein später, skandinavischer Zweig einer großen germanischen Sprach- und Kulturfamilie. „Germane" ist der weite Oberbegriff über viele Stämme und viele Jahrhunderte; „Wikinger" der schmale Begriff für die skandinavische Gesellschaft einer bestimmten Epoche, benannt nach einer Tätigkeit. Verbunden sind beide durch Sprache und Religion mit gemeinsamen Wurzeln – getrennt durch fast tausend Jahre Geschichte.

Für uns bei Glanz & Gravur ist genau das der Reiz. Wenn wir ein Runenband, einen Weltenbaum oder einen Thorshammer in Schiefer oder Holz gravieren, gravieren wir kein Fantasy-Kostüm, sondern das ehrliche Erbe einer Kultur, die auch hier bei uns am Rhein ihre Spuren hinterlassen hat. Geschichte statt Kitsch – das ist uns lieber, und wir glauben, unseren Vorfahren auch.

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