Ein Stein, den man gegen den bedeckten Himmel hält und der einem sagt, wo die Sonne steht: Das ist eine der schönsten Geschichten, die über die Seefahrt des Nordens erzählt werden. Sie steht in Physik-Aufsätzen, in Museen und in jeder zweiten Dokumentation. Nur in einem Punkt ist sie erstaunlich dünn: In keinem Grab, keinem Schiffswrack und keiner Siedlung der Wikingerzeit hat je jemand einen Sonnenstein gefunden. Was es gibt, sind ein Wort, zwei Kristallfunde aus späterer Zeit und eine Reihe von Experimenten.

Altnordisch heißt das Ding sólarsteinn, Sonnenstein. Das Wort ist belegt – aber die Texte, in denen es steht, sind jünger als die Wikingerzeit und reden nicht von Navigation.
Die einzige Stelle, die überhaupt eine Handhabung beschreibt, findet sich im Rauðúlfs þáttr, einer erbaulichen Erzählung aus dem späten 12. oder 13. Jahrhundert, überliefert unter anderem in der Flateyjarbók. König Olav Haraldsson ist dort zu Gast bei einem Mann namens Rauðúlfr. Bei bedecktem, schneeigem Himmel fragt der König seinen Gastgeber-Sohn Sigurd, wo die Sonne stehe. Sigurd antwortet. Dann lässt der König den Sonnenstein holen, hält ihn hoch und sieht, wohin der Strahl aus dem Stein weist – genau dorthin, wohin Sigurd gezeigt hatte.
Diese Szene spielt an Land, nicht an Bord. Sie ist Teil einer Erzählung, die vor allem von Visionen, Zahlensymbolik und königlichem Vorauswissen handelt. Sie dient dazu, die Gabe des jungen Mannes zu bestätigen. Als Bericht über Seemannskunst wurde sie erst im 20. Jahrhundert gelesen.
Dazu kommen Einträge in isländischen Kirchen- und Klosterverzeichnissen des 14. und 15. Jahrhunderts, die einen sólarsteinn unter dem Inventar aufführen. Was dieser Gegenstand war und wozu er diente, steht nirgends. Ein Kristall? Ein Brennglas? Ein Schmuckstück? Die Verzeichnisse schweigen. Auch die Hrafns saga Sveinbjarnarsonar aus dem 13. Jahrhundert nennt den Sonnenstein, ohne dass sich daraus ein Gebrauch ableiten ließe.
Ein Missverständnis gleich vorweg: Der moderne Schmuckstein, der im Handel „Sonnenstein" heißt, ein schimmernder Feldspat, hat mit alldem nichts zu tun.
1967 brachte der dänische Archäologe Thorkild Ramskou den Vorschlag auf, der seitdem das Feld beherrscht: Der sólarsteinn sei ein doppelbrechender Kristall gewesen, Kalkspat oder Cordierit, mit dem man die Polarisationsrichtung des Himmelslichts bestimmen kann.
Die Physik dahinter ist unstrittig. Sonnenlicht, das an der Atmosphäre gestreut wird, ist polarisiert, und zwar in Ringen um die Sonne herum. Dieses Muster bleibt auch dann bestehen, wenn die Sonne selbst hinter Wolken oder knapp unter dem Horizont steht – vorausgesetzt, irgendwo ist ein Stück blauer oder wenigstens heller Himmel zu sehen. Ein Kalkspatkristall spaltet einen Lichtstrahl in zwei Bilder auf, deren Helligkeit sich beim Drehen des Kristalls verschiebt. Dreht man ihn so, dass beide Bilder gleich hell sind, steht der Kristall in einer bestimmten Beziehung zur Polarisationsrichtung – und damit zur Sonne.
Der beste Kalkspat der Welt kommt ausgerechnet aus Island: das silfurberg aus der Grube Helgustaðir bei Eskifjörður im Osten der Insel. An diesem Material beschrieb Rasmus Bartholin 1669 als Erster die Doppelbrechung. Der Haken ist nur: Abgebaut wurde dort ab dem 17. Jahrhundert. Dass wikingerzeitliche Isländer dieses Vorkommen kannten und nutzten, lässt sich nicht belegen.
2002 barg man aus einem Wrack vor Alderney im Ärmelkanal ein trübes, stark angegriffenes Stück Kalkspat, ungefähr so groß wie ein Stück Seife. Das Schiff war ein elisabethanischer Segler, gesunken 1592. Der Kristall lag in der Nähe von Navigationsgerät, unter anderem einem Zirkel.
2013 veröffentlichte eine Arbeitsgruppe um Albert Le Floch und Guy Ropars in den Proceedings of the Royal Society A eine Untersuchung dazu. Ihre These: Der Kristall könne als optischer Referenzkompass gedient haben – als Rückversicherung für den Magnetkompass, den die eisernen Geschütze an Bord verfälschten.
Der Fund ist echt, die Fundlage ist interessant, und die Schlussfolgerung ist ein Angebot, keine Tatsache. Vor allem aber: 1592 liegt rund fünfhundert Jahre nach der Wikingerzeit. Als Beleg für die Navigation des 10. Jahrhunderts taugt der Stein von Alderney nicht. Er zeigt nur, dass jemand in der frühen Neuzeit Kalkspat an Bord hatte.
Seit den 2000er-Jahren ist die Frage vor allem von Physikern bearbeitet worden, und zwar gründlich.
Gábor Horváth und Kollegen haben von Ungarn aus über Jahre die Polarisationsmuster des Himmels vermessen, auch unter Nebel und Wolken; die Grundlagenarbeit von Hegedűs, Åkesson, Wehner und Horváth erschien 2007. Ergebnis: Unter dünner Bewölkung und bei Nebel bleibt das Muster oft brauchbar, unter dichter Wolkendecke nicht.
Guy Ropars und sein Team legten 2011 und 2012 Laborversuche vor, in denen sich mit Kalkspat die Sonnenrichtung auf wenige Grad genau ermitteln ließ. 2018 rechneten Dénes Száz und Gábor Horváth in Royal Society Open Science tausend simulierte Fahrten von Norwegen nach Grönland durch. Ihr Befund: Wer mindestens alle drei Stunden den Himmel prüfte, kam in der Simulation fast immer an. Wer seltener prüfte, oft nicht.
Alles das beweist, dass die Methode funktionieren kann. Es beweist nicht, dass sie benutzt wurde. Und sie ist nicht so simpel, wie sie in Dokumentationen aussieht. Dieselbe Budapester Arbeitsgruppe hat 2016 in Royal Society Open Science untersucht, wie genau Menschen den Kristall überhaupt einstellen – schon dieser erste Schritt produziert je nach Material und Übung erhebliche Fehler, die sich in den folgenden Schritten fortpflanzen.
Der zweite Baustein der Geschichte ist ein Holzfragment. 1948 grub der dänische Archäologe Christen Vebæk auf dem norrönen Platz Ø149 am Uunartoq-Fjord im Süden Grönlands – dem Gelände eines Benediktinerinnenklosters – ein rundes Stück Holz aus, rund sieben Zentimeter breit, etwa einen Zentimeter dick, mit einem Loch von knapp zwei Zentimetern in der Mitte. Erhalten ist etwa die Hälfte. Am Rand sitzen eingekerbte Zacken, auf der Fläche laufen geritzte Linien.
Der dänische Kapitän und Marinehistoriker Carl V. Sølver erklärte das Stück zum Peilscheiben-Fragment: ein Sonnenkompass, bei dem ein Stift in der Mitte einen Schatten wirft, dessen Spitze im Tagesverlauf eine Kurve beschreibt. Trifft der Schatten die eingeritzte Kurve, ist die Nordrichtung bestimmt. Søren Thirslund hat diese Deutung weiter ausgebaut, Museen haben sie übernommen, und in vielen Büchern steht sie heute als Tatsache.
Sie ist es nicht. Christian Keller und Arne Emil Christensen haben darauf hingewiesen, dass das Objekt mehrdeutig ist, und einen anderen Vorschlag gemacht: eine skriftaskífa, eine Beichtscheibe, mit der Geistliche notierten, wer zur Beichte erschienen war. Auch das ist nicht gesichert – die bekannten Vergleichsstücke sind jünger. Aber es erinnert daran, dass die Scheibe in einem Kloster lag, nicht in einem Schiff.
2014 schlug die Gruppe um Balázs Bernáth und Gábor Horváth vor, die Scheibe habe als „Dämmerungskompass" gedient, zusammen mit einem Kalkspat, und habe die Nordrichtung noch bis zu knapp einer Stunde nach Sonnenuntergang liefern können. Das ist eine Konstruktion, die auf einer Deutung aufbaut, die selbst nicht gesichert ist. Ein ähnliches Holzstück aus Wolin in Polen wird ebenfalls diskutiert – und ebenfalls bestritten.
Hier lohnt der Blick von der anderen Seite: Was braucht man, um von Norwegen nach Island zu kommen, wenn man keinen Kristall hat? Weniger, als man denkt. Wie das Gesamtbild aussieht, steht bei uns unter Wie die Wikinger navigierten; hier nur die Punkte, an denen der Sonnenstein gemessen werden muss.
Breitensegeln. Man fährt an der Küste so weit nach Norden oder Süden, bis die Sonne mittags die gewohnte Höhe über dem Horizont erreicht, dann hält man ostwärts oder westwärts und behält diese Höhe bei. Eine Anweisung dieser Art ist in der Hauksbók-Fassung der Landnámabók erhalten: eine Route von Hernar in Norwegen nach Hvarf an der Südspitze Grönlands, nördlich an Shetland vorbei und südlich an den Färöern, mit Angaben dazu, wie die Inseln dabei am Horizont stehen sollen. Das ist Navigation nach Sichtmarken und Sonnenhöhe, kein Kristall weit und breit.
Landmarken und Zeichen. Wolkenbänke über Gletschern sind aus großer Entfernung sichtbar. Island kündigt sich so an, lange bevor Land zu sehen ist. Dazu kommen Wasserfarbe, Treibholz, Dünung, Wale.
Vögel. Die Landnámabók erzählt von Hrafna-Flóki, der drei Raben mitnahm. Der erste flog zurück zu den Färöern, der zweite kehrte zum Schiff zurück, der dritte flog voraus – und in dessen Richtung lag Island. Ob das je so geschehen ist, wissen wir nicht; die Landnámabók ist Jahrhunderte jünger als das Ereignis. Das Verfahren als solches ist aber alt und aus mehreren Kulturen bekannt.
Und das Scheitern. Das Altnordische hat ein eigenes Wort dafür, die Orientierung auf See zu verlieren: hafvilla. Es steht immer wieder in den Sagas. Schiffe kamen an Orten an, die sie nicht angesteuert hatten, oder gar nicht an. Diese Nüchternheit gehört zum Bild dazu – ein Volk mit einem zuverlässigen Wunderkristall hätte dieses Wort nicht gebraucht. Wie riskant die Nordatlantikrouten waren, zeigen die Fahrten nach Island, Grönland und Vinland, und wie schmal die Verbindung nach Westen am Ende wurde, die Geschichte der Grönländer.
Es ist nie ein Sonnenstein aus der Wikingerzeit gefunden worden. Kein Kristall in einem Bootsgrab, keiner in einem Wrack, keiner in einer Werft- oder Hafensiedlung, keiner in einem der großen Horte. Nichts.
Das ist kein Beweis dafür, dass es ihn nicht gab – Kalkspat ist weich, wasserlöslich und im Boden schlecht erhaltungsfähig, und ein unauffälliges Stück Stein wird bei einer Grabung nicht zwangsläufig als Gerät erkannt. Aber es ist der Stand. Und solange der so ist, gehört der Sonnenstein in die Rubrik „möglich, nicht belegt" – zusammen mit vielem anderen, was über die Schiffe des Nordens erzählt wird.
Sprachlich belegt ist das Wort sólarsteinn in isländischen Texten und Inventaren des 13. bis 15. Jahrhunderts. Was es bezeichnete, steht dort nicht.
Spätere Überlieferung ist die einzige Handlungsszene, der Rauðúlfs þáttr – an Land, in einer erbaulichen Erzählung, mindestens zweihundert Jahre nach der Wikingerzeit aufgeschrieben.
Archäologisch belegt ist ein Kalkspatkristall aus einem Wrack von 1592 und ein Holzfragment aus einem grönländischen Kloster, dessen Funktion umstritten ist. Beides ist nachwikingerzeitlich oder mehrdeutig. Ein wikingerzeitlicher Sonnenstein ist nicht darunter.
Moderne Deutung sind Ramskous Kalkspat-Hypothese von 1967, die Polarisationsexperimente seit 2007, die Simulationen von 2018 und die Umdeutung der Uunartoq-Scheibe zum Dämmerungskompass. Alles davon ist seriöse Arbeit. Nichts davon ist ein Fund.
Uns ist die belegte Geschichte lieber als die schönere. Menschen, die ohne Kompass über den Nordatlantik fuhren, nach Sonnenhöhe, Dünung, Wolken und Vögeln, brauchen kein Wunderding, um beeindruckend zu sein. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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