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Bier & Brauen bei den Wikingern

Alltag & Handwerk Bier & Brauen bei den Wikingern

Wenn wir an das Trinken im Norden denken, tauchen sofort volle Methörner und Trinkhallen auf. Doch das Getränk, das die Wikingerzeit wirklich durch den Tag trug, war ein anderes: öl, das Bier. Es stand auf dem Tisch des Bauern wie in der Halle des Jarls, es floss bei der Ernte und beim Erbschmaus - und über sein Brauen wissen wir zugleich verblüffend viel und erstaunlich wenig. Zeit für einen ehrlichen Blick in den Braukessel des Nordens.

öl - das Getränk für jeden Tag

Das altnordische Wort für Bier lautet öl (auch bjórr für stärkere Sorten), und es begegnet uns in Sagas, Gesetzen und Skaldendichtung immer wieder. Bier war kein Festgetränk, sondern Grundnahrungsmittel. In einer Welt ohne verlässlich sauberes Trinkwasser und ohne Kaffee oder Tee lieferte ein leichtes, tagtäglich gebrautes Bier Kalorien, Flüssigkeit und ein Stück Sicherheit: Der Brauvorgang mit seinem Erhitzen tötete viele Keime ab, und der leichte Alkoholgehalt hemmte das Verderben.

Getrunken wurde es von Alt und Jung, von Mägden und Knechten ebenso wie von der Herrin des Hofes. Das sogenannte Tafelbier oder Dünnbier war schwach und nahrhaft - eher eine trinkbare Suppe als ein Rauschmittel. Für besondere Anlässe braute man kräftigere Sude. Wer die Getränkewelt des Nordens verstehen will, muss also beim Bier anfangen, nicht beim Met.

Bier gegen Met - wer trank was?

Met, der Honigwein, hat in der Vorstellung vom Norden eine Sonderstellung - und das zu Recht, aber aus dem falschen Grund. Honig war teuer und selten, denn er musste mühsam von wilden oder gehaltenen Bienenvölkern gewonnen werden. Ein Krug Met verschlang so viel Honig, dass er der Elite und den großen Festen vorbehalten blieb. Met war das Getränk der Ehre, des Gastmahls, der Dichtung.

Bier dagegen ließ sich aus Getreide brauen, das ohnehin auf jedem Hof wuchs. Es war billig, reichlich und alltäglich. Wer also das Bild vom Wikinger zeichnet, der ständig aus dem Horn Met trinkt, verwechselt Ausnahme und Regel. Der wahre Alltag schmeckte nach Gerste, nicht nach Honig. Mehr zum edlen Honigwein und seiner Rolle im Fest findest du in unserem Beitrag über den Met.

Die Zutaten: Gerste, Wasser, Hefe

Das Rückgrat des nordischen Biers war die Gerste. Sie war das mit Abstand wichtigste Getreide der Wikingerzeit - robust, ertragreich und ideal zum Mälzen. Regional konnten Hafer oder Roggen hinzukommen, doch Gerstenmalz blieb die Grundlage. Aus Fundstellen wie Haithabu und aus Vorratsgruben kennen wir verkohlte Getreidereste, die uns zeigen, was auf den Feldern stand und in den Töpfen landete.

Das zweite Element war Wasser, in großer Menge und möglichst rein - Quell- oder Brunnenwasser. Und das dritte, unsichtbare, war die Hefe. Reinzuchthefen, wie wir sie heute kaufen, gab es nicht. Man arbeitete mit Haus- und Wildhefen: mit dem, was in der Luft, in den hölzernen Braugefäßen und in einem eigens aufbewahrten Braustock lebte. Manche Familien hüteten über Generationen einen solchen Hefering oder Braukranz aus Holz, an dem die eigene Hefekultur haftete. So bekam das Bier jedes Hofes seinen unverwechselbaren Charakter.

Statt Hopfen: Gagel, Porst und Kräuter

Hier liegt der größte Unterschied zum heutigen Bier. Der Hopfen, der modernem Bier seine herbe Bittere und Haltbarkeit gibt, spielte in der Wikingerzeit noch keine tragende Rolle. Stattdessen würzte man mit einer Mischung aus Kräutern, die man später mit dem festländischen Begriff Grut zusammenfasst. Das wichtigste Kraut war der Gagel (auch Moorporst oder Porst genannt), ein aromatischer Strauch der Moore und feuchten Heiden.

Gagel gab dem Bier eine harzig-würzige Note und half, es haltbar zu machen. Dazu kamen je nach Landschaft und Vorrat weitere Kräuter - Schafgarbe, Wacholder, wilde Beeren, bittere Rinden. Jede Region, jeder Hof hatte seine eigene Handschrift. Das nordische Bier war damit vielfältiger und wilder im Geschmack, als es unser hopfengeprägter Gaumen erwartet.

Was belegt ist: Gerste als Hauptgetreide und Gagel als Würzpflanze sind durch archäobotanische Funde (verkohltes Getreide, Pflanzenreste) und durch den späteren, gut dokumentierten Gebrauch von Grut-Kräutern gut gestützt. Hefefunde und Rückstände in Gefäßen bestätigen den Gärvorgang. Die genaue Rezeptur eines wikingerzeitlichen Biers ist dagegen nicht überliefert - wir rekonstruieren sie aus Zutatenfunden, jüngeren Bräuchen und Experimenten.

Wie ein Sud entstand - eine Rekonstruktion

Kein einziges wikingerzeitliches Braurezept ist auf uns gekommen. Was wir über den Ablauf sagen, ist eine begründete Rekonstruktion aus späteren Bräuchen, aus Zutatenfunden und aus dem Nachbrauen durch die experimentelle Archäologie. In groben Zügen dürfte es so gegangen sein: Zuerst das Mälzen. Man weichte die Gerste ein, ließ sie ankeimen und stoppte den Keimprozess durch Trocknen oder leichtes Rösten - oft über Feuer, was dem Malz und damit dem Bier eine rauchige Note gab. Beim Keimen bilden sich Enzyme, die später die Stärke in vergärbaren Zucker verwandeln.

Dann das Maischen: Das geschrotete Malz wurde mit heißem Wasser vermengt und eine Zeit warm gehalten, damit die Enzyme arbeiten konnten. Ohne Thermometer war das Erfahrungssache - manche Brauer erhitzten Steine im Feuer und legten sie in den Sud, um die Wärme zu halten. Die süße Flüssigkeit, die Würze, wurde abgegossen, mit Gagel und Kräutern gekocht und dann abgekühlt.

Zuletzt die Gärung: In hölzerne Bottiche gefüllt und mit dem hauseigenen Braustock oder einem Rest des letzten Suds angeimpft, begann die Würze zu gären. Nach wenigen Tagen war ein trinkfertiges, frisches Bier entstanden. Haltbar war es nicht lange - man braute regelmäßig nach, ein ständiger Teil des Hofalltags.

Frauenwerk und Hofarbeit

Das Brauen gehörte, wie das Backen und die Milchverarbeitung, überwiegend in den Aufgabenbereich der Frauen des Hofes. Es war eine Kunst und ein Ansehen: Ein gutes Bier zum rechten Zeitpunkt bereitzustellen, gehörte zu den Pflichten und Fähigkeiten der Hausherrin. Für ein großes Fest musste rechtzeitig und in Menge gebraut werden - kein kleines Unterfangen, wenn Dutzende Gäste tage- oder wochenlang bewirtet werden wollten.

Diese Verankerung im Hofalltag erklärt auch, warum Bier so selbstverständlich in den Quellen auftaucht: Es war kein Luxus, den man erst herbeischaffen musste, sondern ein Erzeugnis der eigenen Wirtschaft, so grundlegend wie Brot und Käse.

Bier im Fest und im Recht: das Erbbier

Bier war das Getränk der Gemeinschaft. Kein Fest, keine Hochzeit, kein Leichenschmaus ohne öl. Besonders eindrücklich ist das Erbbier, altnordisch erfiöl: das Bier, das zum Gedächtnismahl für einen Verstorbenen gebraut und getrunken wurde. Nach altem Brauch durfte der Erbe den Hochsitz des Verstorbenen erst dann endgültig einnehmen, wenn dieses Erbbier feierlich getrunken war. Das Trinken war also nicht bloß Genuss, sondern ein rechtlich und gesellschaftlich bedeutsamer Akt - der Übergang von einer Generation zur nächsten, besiegelt mit dem Becher.

In den Trinkhallen der Großen fand das Sumbel statt, das rituelle Trinkgelage, bei dem der Becher in Runden kreiste, Trinksprüche und Gelübde gesprochen und die Götter wie die Ahnen geehrt wurden. Hier verband sich das alltägliche Bier mit dem Heiligen: Der Trunk band die Menschen aneinander und an ihre Toten.

Bier in der Mythologie

Auch die Götter tranken. In den Mythen ist es der Meeresriese Ägir, der den Asen ein gewaltiges Gelage ausrichtet und dafür einen riesigen Braukessel benötigt - eine ganze Erzählung dreht sich darum, wie Thor diesen Kessel beschafft. Ägir gilt geradezu als der Braumeister unter den mythischen Wesen. Mehr über ihn und seine Gemahlin Ran, die Herrin der Meerestiefe, liest du in unserem Beitrag über Ägir und Ran.

Auch die Lieder-Edda weiß um die zwiespältige Kraft des Trunks. In den Sprüchen des Hohen, dem Hávamál, warnt Odin selbst vor dem übermäßigen Becher:

Nicht ist so gut, wie gut man es nennt, das Bier für der Menschen Kinder; denn weniger weiß, je mehr er trinkt, der Mann von seinem Gemüte.Hávamál, Str. 12 (Übersetzung Karl Simrock, 1851, gemeinfrei)

Das ist bemerkenswert nüchtern: Das Trinken gehörte zum Leben, aber Maß zu halten galt als Weisheit. Der Norden feierte den Becher - und wusste zugleich um seine Gefahr.

Woraus man trank: Hörner und Becher

Getrunken wurde aus dem, was der Hof hergab. Das prächtigste Gefäß war das Trinkhorn, meist vom Rind, oft mit Metallbeschlägen am Rand und an der Spitze verziert. Weil ein Horn nicht von selbst steht, musste es geleert oder weitergereicht werden - ideal für das gesellige Trinken in der Runde. Trinkhörner waren allerdings eher Fest- und Statusgefäße als Alltagsgeschirr.

Im Alltag dominierten schlichtere Gefäße: hölzerne Becher und Schalen, gedrechselt oder geschnitzt, sowie Trinkbecher aus gebranntem Ton. Solche Keramikbecher waren robust, günstig und in jedem Haushalt zu finden - das eigentliche Alltagsgeschirr des Nordens. Wer heute in diesem Geist trinken möchte, greift gern zum handwerklich gefertigten Tonbecher - Becher hoch und Skål!

Mythos-Check: was am Bier-Bild stimmt und was nicht

Räumen wir mit drei hartnäckigen Vorstellungen auf. Erstens: Der Wikinger trank ständig Met. Falsch. Met war teuer und blieb Fest und Oberschicht vorbehalten; das Alltagsgetränk war Bier. Zweitens: Wikingerbier schmeckte wie modernes Bier. Auch das trifft nicht zu. Der Hopfen setzte sich erst im Hochmittelalter breit durch. Wikingerzeitliches Bier war in aller Regel mit Gagel und anderen Kräutern (Grut) gewürzt - herber, harziger, wilder und von Hof zu Hof verschieden.

Drittens: Man kenne das echte Rezept. Nein. Kein wikingerzeitliches Braurezept ist überliefert. Alles, was wir über konkrete Mengen und Abläufe sagen, ist Rekonstruktion aus Zutatenfunden, jüngeren Bräuchen und Nachbrau-Versuchen. Wer ein Bier als exakt nach Wikingerart verkauft, verspricht mehr, als die Quellen hergeben.

Mythos-Check: "Wikinger tranken vor allem Met" - falsch: Met war Luxus, Bier der Alltag. "Ihr Bier war Hopfenbier" - falsch: gewürzt wurde mit Gagel/Grut-Kräutern; Hopfen dominierte erst ab dem Hochmittelalter. "Wir kennen das Originalrezept" - falsch: kein wikingerzeitliches Rezept ist überliefert, jede Angabe ist Rekonstruktion.

Ein ehrlicher Schluck Geschichte

Bier war das flüssige Rückgrat des nordischen Alltags: gebraut aus Gerste, gewürzt mit Gagel, vergoren mit hauseigener Hefe, getrunken von allen und bei jeder Gelegenheit. Es nährte, es verband, es besiegelte Erbe und Eid. Der Met glänzt in den Mythen - doch die Wirklichkeit schmeckte nach Malz und Moorkraut. Wer den Norden verstehen will, hebt am besten einen schlichten Becher: Becher hoch und Skål!

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