Wenn wir an Wikingerkunst denken, sehen wir Runensteine, Silberschmuck und goldene Fibeln. Doch der eigentliche Werkstoff des Nordens war Holz — und fast alles davon ist vergangen. Was in Grabhuegeln und Feuchtboeden ueberdauert hat, zeigt eine Schnitzkunst von atemberaubender Dichte. Diese Seite fuehrt durch das, was erhalten ist, durch Werkzeug und Technik, und gibt eine ehrliche Anleitung, wie du selbst ein einfaches Tierstil-Relief schnitzt.

Wir bewerten vergangene Kulturen fast immer nach dem, was von ihnen liegen bleibt — und das ist ungerecht. Von den Wikingern sind Metall, Stein und Keramik erhalten, weil sie den Boden ueberdauern. Holz dagegen verrottet in wenigen Jahrzehnten, sobald es Luft und Feuchtigkeit bekommt. Genau deshalb entsteht ein schiefes Bild: Wir halten die Wikinger fuer ein Volk der Schmiede und Steinmetze, dabei war ihr Alltag von morgens bis abends von Holz umgeben. Haeuser, Schiffe, Wagen, Betten, Tueren, Trinkgefaesse, Loeffel, Truhen, Spielsteine, Webstuehle, Werkzeugstiele, Zaeune, Boote, Skier, Schlitten — praktisch der gesamte Hausrat und die gesamte Grosstechnik bestand aus Holz.
Und dieses Holz war nicht nackt und roh. Wo Wikinger einen Gegenstand fertigten, schmueckten sie ihn gern. Ein Bettpfosten wurde zum Tierkopf, ein Schlittenbrett zum Rankenteppich, ein Kirchenportal zu einem wogenden Meer aus Schlangenleibern. Man darf annehmen, dass die kunstvollen Muster, die wir von Metallarbeiten kennen, in Wahrheit aus der Holzschnitzerei stammen — das billigere, allgegenwaertige Holz war die eigentliche Buehne der nordischen Ornamentkunst, das Edelmetall nur ihre teure Kopie.
Die wenigen Holzfunde, die wir haben, verdanken wir zwei Zufaellen: entweder einem luftdichten, feuchten Boden, der die Faeulnisbakterien fernhielt, oder einer Grabkammer, die unter einem Huegel versiegelt wurde. Der Wasserlogsboden von Handelsplaetzen wie Haithabu und Dublin hat Tausende von Holzsplittern konserviert — Loeffel, Kaemme, Griffe, Boettcherware, halbfertige Drechselarbeiten. Sie zeigen den ganz normalen Werkstattalltag.
Die grosse Kunst aber kennen wir vor allem aus einem einzigen Fund: dem Schiffsgrab von Oseberg in Norwegen, dendrochronologisch auf das Jahr 834 datiert. Unter dem Grabhuegel lagen nicht nur das reich verzierte Schiff, sondern ein vierraedriger Prunkwagen, mehrere Schlitten, Bettgestelle und fuenf geschnitzte Tierkopfpfosten. Kein anderer Fund gibt einen so tiefen Einblick in das, was nordische Schnitzer konnten, wenn sie ihr Bestes gaben.
Fuer die spaete Wikingerzeit ist das Stabkirchenportal von Urnes am Lustrafjord (um 1130) das Schluesselstueck: schlanke Vierbeiner und Schlangen, die sich in endlosen, eleganten Schlingen durchdringen. Dieser Stil ist so praegend, dass die gesamte letzte Phase der Wikingerkunst nach ihm benannt wird — der Urnes-Stil.
Das Besondere an Oseberg ist, dass sich hier mehrere Handschriften unterscheiden lassen. Die Kunsthistorikerin und Archaeologin, die das Material bearbeiteten, gaben den einzelnen Schnitzern Uebernamen, weil sie deren persoenlichen Stil an den Werkzeugspuren und der Komposition wiedererkannten. So spricht die Forschung bis heute vom Akademiker (Akademikeren), dessen Arbeit streng, klar und beherrscht wirkt, und vom Barockmeister (Barokkmesteren), dessen Tierkopf ueberquillt vor wildem, dicht verwobenem Greiftier-Ornament.
Das ist bemerkenswert: Wir kennen keinen einzigen Namen dieser Kuenstler, und doch koennen wir ueber ein Jahrtausend hinweg ihre Persoenlichkeit an der Schnittfuehrung ablesen. Der eine ist der Perfektionist, der andere der Ueberschwaengliche. Genau das macht Handwerk aus — die Hand des Machers bleibt im Werkstueck. Wer heute selbst schnitzt oder graviert, reiht sich in genau diese Tradition ein.
Die Werkzeuge der Wikinger kennen wir sehr genau, weil eine komplette Werkzeugkiste erhalten ist: die Kiste von Maestermyr auf Gotland, um 1000 im Moor versunken, mit rund 200 Werkzeugen fuer Schmied und Holzhandwerker. Sie ist unsere beste Quelle fuer das, was in einer Werkstatt lag.
Das Grundgeraet des Holzarbeiters war ueberschaubar und wirkt bis heute vertraut:
Dazu kamen Ziehmesser, Hobel-Vorlaeufer, Feilen und Punzen. Das Verblueffende: Mit dieser handvoll Geraete entstanden Werke, die maschinelle Praezision vortaeuschen.
Hier liegt einer der wichtigsten und zugleich am haeufigsten missverstandenen Punkte. Ein Wikingerschnitzer griff nicht zur Saege, um ein Brett zu machen. Er spaltete den Stamm radial — wie ein Kuchen in Tortenstuecke — entlang der natuerlichen Fasern. So entstanden keilfoermige Planken, die anschliessend mit Beil und Dechsel flach gearbeitet wurden.
Das ist kein Ruecksstand, sondern hoehere Kunst: Radial gespaltenes Holz folgt der Faser, reisst nicht, verzieht sich kaum und ist deutlich fester als ein durchgesaegtes Brett, bei dem die Fasern angeschnitten werden. Aus einer einzigen Eiche gewann man auf diese Weise Dutzende ebenmaessiger Planken fuer ein Schiff. Saegen kannte man zwar, doch sie spielten im Holzbau eine untergeordnete Rolle — sie waren aufwendig herzustellen und stumpften schnell. Das Bild vom Wikinger, der Bretter saegt, ist ein modernes Missverstaendnis (siehe Mythos-Check unten).
Nordische Schnitzer beherrschten im Wesentlichen drei Techniken, oft kombiniert:
Der Kerbschnitt ist die aelteste und einfachste: Mit dem Messer werden kleine, gegeneinander gestochene Dreiecke und Rillen aus der Oberflaeche gehoben. So entstehen geometrische Muster, Flechtbaender und Fuellungen. Kerbschnitt braucht wenig Werkzeug und ist der ideale Einstieg.
Das Flachrelief ist der Kern der grossen Tierstile. Das Motiv bleibt auf der Oberflaeche stehen, waehrend der Grund ringsum abgesenkt wird. Dadurch heben sich Tierleiber und Ranken plastisch ab, ohne dass Material vollstaendig durchbrochen wird. Fast alle Oseberg-Schnitzereien sind Flachrelief.
Der Durchbruch schliesslich schneidet Oeffnungen ganz durch das Holz, sodass ein Gitter aus Ornament entsteht. Man kennt ihn von Stuhllehnen, Schlittengestellen und den offenen Rankenwerken der Prunkstuecke. Er ist anspruchsvoll, weil das duenne, durchbrochene Holz leicht bricht.
Die Wikingerkunst ist keine erzaehlende Bildkunst wie die Antike, sondern reine Ornamentik. Ueber rund dreihundert Jahre wandelte sie sich in erkennbaren Stufen, die die Forschung nach Fundorten benannt hat. Der Broa- und Oseberg-Stil (8./9. Jahrhundert) bringt das Greiftier hervor — kleine Tiere, die mit Pfoten den Rahmen und einander packen. Der Borre-Stil setzt auf das Ringkettenmuster und gedrungene Tiere. Der Jellinge-Stil streckt die Leiber zu baendrigen, s-foermigen Schlangen. Der Mammen-Stil fuellt sie mit Ranken und Ausbuchtungen. Der Ringerike-Stil laesst elegante Bluetenranken wuchern. Und der Urnes-Stil schliesslich loest alles in die schlanken, sich durchdringenden Schlingen auf, die dem Kirchenportal seinen Namen gaben.
Fuer die eigene Arbeit heisst das: Ein sauberes Tierstil-Motiv folgt Regeln. Es ist symmetrisch oder rhythmisch, die Leiber bilden geschlossene Schlaufen, es gibt keine leeren Flaechen, und die Baender ueberkreuzen sich abwechselnd ober- und unterhalb — wie ein echtes Geflecht.
Diese Anleitung ist bewusst als moderner Einstieg gedacht — mit heutigem Werkzeug, aber im Geist der alten Technik. Nimm dir Zeit; ein erstes Relief entsteht nicht an einem Abend.
Weisst du zu ritzen? weisst du zu raten? / Weisst du zu finden? weisst du zu forschen? / Weisst du zu bitten? weisst du zu bloten? / Weisst du zu senden? weisst du zu opfern?Hávamál 144, Übersetzung Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Die Zeile aus dem Hávamál klingt geheimnisvoll, und tatsaechlich rankt sich um das Ritzen von Runen ins Holz viel Esoterik. Die Quellenlage ist nuechterner. Runen wurden staendig ins Holz geritzt — auf Kerbhoelzer, Eigentumsmarken, Botenstaebe, Handelsnotizen. Der grosse Bestand an Bryggen-Inschriften aus dem mittelalterlichen Bergen zeigt Geschaeftsbriefe, Namensschilder und derbe Sprueche auf Holzstaeben. Das war schlicht Schreiben, wie andere auf Pergament schrieben. Runen ins Holz zu bringen war Alltag, nicht Magie (mehr dazu im Mythos-Check).
Die Verbindung von Holz und nordischer Ornamentik ist bei Glanz & Gravur kein Zufall. Unsere Holzscheiben werden von Hand geschliffen und geoelt — dieselbe Grundidee wie beim wikingerzeitlichen Schnitzer, der seine fertige Arbeit mit Oel schuetzte, damit die Maserung lebt und das Motiv Tiefe bekommt. Wo der Schnitzer von Oseberg mit Beitel und Messer arbeitete, setzen wir den Laser ein: praezise, wiederholbar und materialschonend. Das Ziel ist dasselbe geblieben — ein Stueck Holz, das eine Geschichte traegt.
Wer selbst zum Messer greifen moechte, dem sei Mut gemacht: Die alten Meister hatten keine Maschinen, nur scharfes Eisen, gutes Holz und Geduld. Ihr Werk ueberdauert dort, wo der Boden es geschuetzt hat — und ihre Handschrift ist bis heute lesbar. Genau das ist der Reiz des Handwerks: Was du machst, traegt deine Hand in sich.

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