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Die Wolhynier: Als aus einem Stammesnamen ein Land wurde

Geschichte & Funde Die Wolhynier: Als aus einem Stammesnamen ein Land wurde

Ein Fluss, eine Handvoll Chronikzeilen und ein Name, der seinen Stamm um mehr als tausend Jahre überlebt hat: Die Geschichte der Wolhynier ist die Geschichte davon, wie aus einer Bezeichnung für Menschen eine Bezeichnung für Land wurde.

Hellblaue Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wolodymyr mit Bronzeskulpturen im Vordergrund
Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wolodymyr (Wolhynien). Der heutige Bau ist deutlich jünger als die Zeit der Rus; das Foto steht für die Stadt, von der die Landschaft Wolhynien ihren Namen trägt. Foto: Aeou, CC BY 3.0.

Eine Zeile in der Urchronik

Wer nach den Wolhyniern sucht, findet sie nicht in einem eigenen Kapitel, sondern in einem einzigen, fast beiläufigen Nebensatz. Die sogenannte Nestorchronik – die Povest' vremennych let, die "Erzählung der vergangenen Jahre", entstanden im frühen 12. Jahrhundert in Kiew – zählt zu Beginn auf, welche slawischen Stämme sich wo niedergelassen haben. Mitten in dieser Aufzählung, direkt nach den Severjanen, steht ein Name, der sich innerhalb weniger Worte selbst korrigiert: Man nennt sie Bužane (Bužane, von "Bug", dem Fluss), doch später, so die Chronik wörtlich, habe man sie Velynjane genannt – Wolhynier.

Das ist keine beiläufige Randnotiz. Es ist die einzige Stelle in der gesamten frühen ostslawischen Überlieferung, an der ausdrücklich festgehalten wird, dass ein Stammesname durch einen anderen ersetzt wurde – und an der die Chronik selbst erklärt, warum: wegen des Flusses, an dem man saß, und wegen eines späteren Ortsnamens, der den älteren verdrängte. Wer verstehen will, wie aus einem Volk eine Landschaft wurde, muss bei diesem Satz beginnen.

Дулеби живяху по Бугу, где ныне велыняне. […] Се же токмо словенеск язык в Руси: Поляне, Деревляне, Ноугородьци, Полочане, Дреговичи, Север, Бужане, зане седоша по Бугу, послеже же велыняне.

"Die Duleben lebten am Bug, wo heute die Welynjaner [Wolhynier] sind. […] Dies also sind die slawischsprachigen Völker in der Rus': die Poljanen, die Drewlanen, die Nowgoroder, die Polotzker, die Dregowitschen, die Sewerjanen, die Bužanen, benannt so, weil sie am Bug saßen, später aber Welynjaner [genannt]."Povest' vremennych let (Nestorchronik), Anfangsteil zur Stammesübersicht, nach der Textfassung der Lawrentjew-Handschrift (vgl. Ausgabe D. S. Lichačёv, PSRL Bd. 1); eigene Übersetzung ins Deutsche, in modernisierter kyrillischer Schreibung ohne Jat-Zeichen wiedergegeben.

Vom Bug zu den Wolhyniern – ein Name in drei Schritten

Die Chronik zeichnet damit selbst eine kleine Namensgeschichte nach, die sich in drei Stufen lesen lässt. Am Anfang stehen die Duleben (Dulěby), ein Stammesverband, der schon im 6. Jahrhundert von den awarischen Reiternomaden schwer bedrängt worden sein soll – jene berüchtigte Episode, in der die Chronik erzählt, wie die Obri (Awaren) dulebische Frauen anstelle von Zugtieren vor ihre Wagen spannten. Über die Duleben und ihr Verhältnis zu Awaren und Nachbarstämmen berichtet ausführlicher unser Artikel zu den Dulebiern, weshalb wir das hier nicht wiederholen. Wichtig für die Wolhynier ist nur: Die Chronik verortet die Duleben ausdrücklich "am Bug, wo heute die Wolhynier sind" – sie behandelt beide Gruppen also als dieselbe Bevölkerung zu verschiedenen Zeiten.

Die zweite Stufe sind die Bužane, die Bužanen – benannt schlicht nach dem Fluss Bug, ganz so, wie andere Stammesnamen der Chronik von Flüssen oder Landschaften abgeleitet sind. Ihre Geschichte und die genaue Herkunft dieses Namens behandelt der parallel entstandene Artikel über die Bužanen ausführlich; wer sich für die Bug-Etymologie und die frühe Erwähnung dieser Gruppe interessiert, findet dort mehr. Für unser Thema zählt der dritte Schritt: Die Chronik hält fest, dass die Bužanen "später" – posleže, ein Wort, das schlicht zeitliche Abfolge markiert, ohne ein genaues Datum zu nennen – Welynjaner genannt wurden.

Woher dieser neue Name kam, sagt die Chronik nicht ausdrücklich, doch die Forschung ist sich hier weitgehend einig: Er geht auf einen Ort zurück, nicht umgekehrt. Westlich des heutigen Volodymyr (Wolodymyr-Wolynskyj), nahe dem Oberlauf des Bug, lag eine Siedlung namens Velyn' beziehungsweise Volyn', die bereits vor der Stadtgründung Volodymyrs eine gewisse Bedeutung besessen haben dürfte. Aus dem Ortsnamen wurde der Gruppenname, aus dem Gruppennamen später der Landschaftsname – eine Ableitungsrichtung, die in der frühen Namenkunde Osteuropas keineswegs die Ausnahme ist, sondern für etliche Stammesnamen der Chronik angenommen wird, die auf Flüsse, Sümpfe oder eben einzelne befestigte Orte zurückgehen.

Byzanz und die Wolhynier: eine Leerstelle, die etwas sagt

An dieser Stelle lohnt sich Ehrlichkeit mehr als Effekthascherei: Die Wolhynier tauchen in den zeitgenössischen byzantinischen Quellen nicht namentlich auf. Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos verfasste um die Mitte des 10. Jahrhunderts sein Handbuch De administrando imperio, in dem er unter anderem den Weg der Rus'-Kaufleute von Kiew nach Konstantinopel beschreibt und dabei mehrere slawische Gruppen nennt, die den Rus' Einbäume (Monoxyla) für die Fahrt lieferten. Eine dieser Gruppen heißt bei ihm Lenzaninoi (Λενζανηνοί). Es ist verlockend, in diesem Namen die Wolhynier wiederzuerkennen – die klangliche Nähe zu "Lendianer" beziehungsweise polnisch Lędzianie liegt jedoch näher, und genau als diese werden die Lenzaninoi in der Forschung ganz überwiegend gedeutet: als ein Stammesverband weiter westlich, im Bereich des oberen Weichsel- und San-Gebiets, dessen Name später über das altrussische Ljach beziehungsweise Lach zur Fremdbezeichnung für die Polen insgesamt wurde. Mit den Wolhyniern am Bug ist dieser Name nicht identisch, auch wenn beide Gruppen benachbart gelebt haben dürften und die Grenzen zwischen ihnen archäologisch kaum scharf zu ziehen sind.

Festzuhalten bleibt also: Ein direkter, gesicherter byzantinischer Beleg für den Namen "Wolhynier" existiert nicht. Das ist an sich schon eine Aussage – sie zeigt, dass der Name zur Zeit Konstantins entweder noch nicht in Gebrauch oder für Byzanz schlicht nicht von Interesse war, während benachbarte Gruppen wie die Lendianer oder die Kriwitschen (denen wir einen eigenen Artikel gewidmet haben) den Weg in die kaiserliche Kanzlei fanden, weil sie direkt am beschriebenen Handelsweg lagen.

Ein Echo aus arabischen Quellen?

Etwas anders liegt der Fall bei zwei arabischsprachigen Autoren des 10. Jahrhunderts, dem Historiker al-Mas'ūdī und dem jüdisch-andalusischen Reisenden Ibrahim ibn Ya'qub. Beide erwähnen einen slawischen Stammesverband namens Walīnāna oder Walītāba, den sie als besonders angesehen und ursprünglich politisch führend unter den Slawen beschreiben – bis innere Zwietracht diese Vormachtstellung zerbrochen habe. Manche Slavisten haben in diesem Namen eine arabische Wiedergabe von "Wolhynier" beziehungsweise "Wolynjane" vermutet und daraus die Hypothese abgeleitet, hinter der Nachricht stehe eine Erinnerung an einen frühen, überregionalen Stammesbund im Weichsel-Bug-Raum. Diese Deutung ist jedoch alles andere als gesichert: Die arabische Umschrift lässt auch andere Lesarten zu, und die Identifikation bleibt in der Forschung umstritten, nicht zuletzt weil al-Mas'ūdī seine Angaben aus zweiter oder dritter Hand bezog und geografisch nur vage einzuordnen war. Wer hier von einer bewiesenen Verbindung spricht, überzieht die Quellenlage – redlich ist nur, von einer diskutierten, keineswegs ausgeschlossenen, aber eben auch nicht belegten Möglichkeit zu sprechen.

Vladimir der Große, die Cherwener Städte und die Gründung Wolodymyrs

Politisch fassbar wird die Region erst mit der Ausdehnung der Kiewer Rus' nach Westen. Für das Jahr 981 vermeldet die Chronik einen Feldzug Vladimirs des Großen "gegen die Lachen", bei dem er die sogenannten Cherwener Städte eroberte – befestigte Orte im Grenzgebiet zwischen Bug und Wieprz, die zuvor offenbar unter polnischem Einfluss gestanden hatten und in den folgenden Jahrzehnten mehrfach zwischen Kiew und Polen den Besitzer wechselten. Wenig später, der Überlieferung nach 988, ließ Vladimir am Fluss Luha, einem Nebenfluss des Bug, eine ältere Befestigung zur Stadt Volodymyr ausbauen – benannt nach ihm selbst, nicht nach dem Stamm. Diese Stadt, das heutige Wolodymyr-Wolynskyj im Westen der Ukraine, wurde zum politischen Mittelpunkt der Region und blieb es für Jahrhunderte.

Wichtig ist hier die Reihenfolge: Der Stammesname "Wolhynier" war der Chronik zufolge bereits vor Vladimirs Eroberungen in Gebrauch. Die Stadt Volodymyr wurde nach dem Fürsten benannt, nicht nach dem Volk – der Landschaftsname "Wolhynien" leitet sich hingegen vom älteren Ort Velyn' und damit letztlich vom Stammesnamen ab. Zwei ganz ähnlich klingende Namen, Volodymyr und Wolhynien, haben also unterschiedliche Wurzeln, auch wenn sie in der Geschichte der Region untrennbar miteinander verwachsen sind.

Vom Stammesnamen zum Fürstentitel: Das Fürstentum Wolhynien

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts kristallisierte sich um Volodymyr ein eigenes Rurikiden-Teilfürstentum heraus, das Fürstentum Wolhynien – zunächst eines von vielen Erbteilen im wachsenden Geflecht der Kiewer Rus', regiert von wechselnden Zweigen der Dynastie. Den entscheidenden Umbruch brachte das Ende des 12. Jahrhunderts: 1199 gelang es Fürst Roman Mstislavič, Wolhynien mit dem benachbarten Fürstentum Halytsch (Galizien) zu vereinen. Aus dieser Verbindung ging das Fürstentum Galizien-Wolhynien hervor, das unter Romans Sohn Daniel von Galizien im 13. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten politischen Mächte im postmongolischen Osteuropa aufstieg – 1253 ließ sich Daniel sogar von einem päpstlichen Legaten krönen. Diese politische Geschichte im Detail nachzuzeichnen würde den Rahmen eines Artikels über den Stammesnamen sprengen; entscheidend für uns ist allein, dass der alte Chronikname "Wolhynien" dabei zur festen Bezeichnung eines Herrschaftsgebiets wurde, das weit über das ursprüngliche Stammesgebiet am Bug hinausreichte.

Was die Erde zeigt: die Luka-Raikovetska-Kultur

Archäologisch lässt sich die Bevölkerung des Wolhynien-Bug-Raums im 8. bis 10. Jahrhundert am ehesten mit der sogenannten Luka-Raikovetska-Kultur in Verbindung bringen – benannt nach zwei Fundorten und erstmals in den 1940er-Jahren durch den ukrainischen Archäologen Wolodymyr Gontscharow systematisch beschrieben. Diese Kultur, charakterisiert durch handgeformte Keramik, offene Grubenhäuser und Brandbestattungen unter flachen Hügeln, wird von der Forschung ganz überwiegend dem südwestlichen Zweig der ostslawischen Stämme zugeschrieben – neben den Wolhyniern und Bužanen auch den Poljanen, Drewlanen, Duleben, Tiwerzen und Uliten. Wichtig ist dabei die gebotene Vorsicht: Archäologische Kulturen lassen sich nicht eins zu eins mit den in der Chronik genannten Stammesnamen gleichsetzen, da Keramikstile und Bestattungssitten selten exakt entlang politischer oder ethnischer Grenzen verlaufen. Was die Funde aber zuverlässig zeigen, ist eine kontinuierliche slawische Besiedlung der Region über Jahrhunderte hinweg – lange bevor der Name "Wolhynier" überhaupt schriftlich belegt ist.

Ein Name, der Reiche überlebt

Am Ende steht die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Während die politische Selbstständigkeit Galizien-Wolhyniens im 14. Jahrhundert unterging und das Gebiet zwischen dem Großfürstentum Litauen und dem Königreich Polen aufgeteilt wurde, blieb der Name Wolhynien erhalten – als Bezeichnung einer Landschaft, nicht mehr eines Volkes. Unter litauischer und dann polnisch-litauischer Herrschaft bestand ab dem 16. Jahrhundert eine eigene Woiwodschaft Wolhynien. Nach den Teilungen Polens gehörte das Gebiet als "Gouvernement Wolhynien" zum Russischen Reich, zwischen den Weltkriegen als Woiwodschaft Wołyń zu Polen, danach zur Sowjetunion. Heute liegt der Kern der historischen Landschaft als Oblast Wolyn im äußersten Westen der Ukraine – deutlich kleiner als das mittelalterliche Fürstentum, aber unter erkennbar demselben Namen.

Das ist die eigentliche Lehre aus der kurzen Chronikzeile über die Bužanen, die "später Welynjaner" hießen: Ethnonyme der frühen Slawenzeit waren selten für die Ewigkeit gedacht. Sie bezeichneten Menschen an einem Fluss, unter einem Fürsten, in einer bestimmten Zeit – und verschwanden meist mit den politischen Strukturen, die sie trugen. Dass der Name der Wolhynier stattdessen den Sprung vom Stamm zur Landschaft schaffte und über Fürstentum, Woiwodschaft, Gouvernement und Sowjetrepublik hinweg bis in die Gegenwart trug, macht ihn zu einem der seltenen Fälle, in denen wir eine elf Jahrhunderte alte Chronikzeile noch heute auf einer Landkarte wiederfinden.

Was gesichert ist

  • Die Nestorchronik (Povest' vremennych let, frühes 12. Jahrhundert) nennt die Bužanen ausdrücklich als Vorläufernamen der Welynjaner/Wolhynier und begründet den ersten Namen mit dem Fluss Bug.
  • Dieselbe Chronik verortet zuvor bereits die Duleben "am Bug, wo heute die Wolhynier sind" und stellt damit selbst eine Kontinuität von Duleben über Bužanen zu Wolhyniern her.
  • Byzantinische Quellen des 10. Jahrhunderts, insbesondere Konstantin VII. Porphyrogennetos' De administrando imperio, nennen die Wolhynier nicht namentlich; die dort erwähnten Lenzaninoi werden in der Forschung überwiegend mit den Lendianern identifiziert, nicht mit den Wolhyniern.
  • Vladimir der Große eroberte 981 die Cherwener Städte im Bug-Grenzgebiet und ließ um 988 die Stadt Volodymyr (heute Wolodymyr-Wolynskyj) gründen beziehungsweise ausbauen, die zum Zentrum der Region wurde.
  • 1199 vereinte Roman Mstislavič das Fürstentum Wolhynien mit Halytsch (Galizien) zum Fürstentum Galizien-Wolhynien; sein Sohn Daniel von Galizien ließ sich 1253 krönen.
  • Archäologisch wird die Region dem südwestlichen Zweig der sogenannten Luka-Raikovetska-Kultur (etwa 8.–10. Jahrhundert) zugerechnet, erstmals beschrieben durch Wolodymyr Gontscharow.
  • Der Landschaftsname Wolhynien überdauerte den Verlust der politischen Eigenständigkeit und bezeichnet bis heute die Oblast Wolyn im Westen der Ukraine.

Mythos-Check

  • "Die Wolhynier werden ausführlich in byzantinischen Quellen beschrieben." Das stimmt nicht. Namentlich sind sie in griechischen Texten des 10. Jahrhunderts nicht belegt; verwechselt wird das gelegentlich mit den Lenzaninoi bei Konstantin VII., die aber eher als Lendianer gedeutet werden.
  • "Bužanen und Wolhynier waren zwei verschiedene Stämme." Die Chronik selbst behandelt sie als denselben Bevölkerungsverband unter zwei aufeinanderfolgenden Namen, nicht als zwei getrennte Gruppen.
  • "Die Region hieß zuerst Wolhynien, dann wurde der Stamm danach benannt." Die Namensrichtung verlief wahrscheinlich umgekehrt: Ein Ort namens Velyn'/Volyn' gab wohl zuerst der Bevölkerungsgruppe, später der ganzen Landschaft ihren Namen.
  • "Die arabische Erwähnung der Walīnāna bei al-Mas'ūdī beweist einen frühen wolhynischen Großstamm." Es handelt sich um eine in der Forschung diskutierte, aber unsichere Identifikation, keine gesicherte Tatsache.
  • "Das heutige Gebiet Wolhyniens entspricht dem mittelalterlichen Stammesgebiet." Die politischen Grenzen verschoben sich über die Jahrhunderte erheblich; die heutige Oblast Wolyn ist deutlich kleiner als das hochmittelalterliche Fürstentum Galizien-Wolhynien.
  • "Volodymyr(-Wolynskyj) ist nach dem Stamm der Wolhynier benannt." Die Stadt trägt den Namen ihres Gründers, Fürst Vladimir/Volodymyr; der Landschaftsname Wolhynien geht auf einen anderen, älteren Ortsnamen zurück.
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