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Die Buschanen: Ein Volk am Bug und sein Name im Wandel

Geschichte & Funde Die Buschanen: Ein Volk am Bug und sein Name im Wandel

Am Fluss Bug saß im frühen Mittelalter eine slawische Gruppe, der die Nestorchronik nur einen einzigen, knappen Satz widmet: Man nannte sie Buschanen, später aber Wolhynier. Wir lesen diesen Satz im altostslavischen Original, zeigen, warum ihr genaues Verhältnis zu den benachbarten Duleben in der Forschung bis heute vorsichtig diskutiert wird, und trennen dabei sauber zwischen dem, was die Quellen wirklich hergeben, und dem, was Historiker nur für plausibel halten.

Der Fluss Bug bei Drohiczyn mit Uferwiesen und Wald
Der Bug bei Drohiczyn in Podlachien. Der Fluss gab den Buschanen ihren Namen; das Foto zeigt die heutige Landschaft und keinen Fund aus dem Frühmittelalter. Foto: Fczarnowski, CC BY-SA 4.0.

Ein Name, der aus einem Fluss geboren wurde

Wer die Karte Osteuropas um das Jahr 900 zeichnen wollte, stieß unweigerlich auf einen Fluss, der bis heute eine Grenze markiert: den Bug. Er entspringt im heutigen Westen der Ukraine, schlägt in einem weiten Bogen nach Norden und bildet über weite Strecken die Grenze zwischen dem heutigen Polen, der Ukraine und Belarus, ehe er bei Warschau in die Weichsel mündet. An seinem Ober- und Mittellauf, im Kernland der historischen Landschaft Wolhynien, saß im frühen Mittelalter eine slawische Gruppe, die genau nach diesem Fluss benannt wurde: die Buschanen, altostslavisch Бужане, wissenschaftlich häufig auch als Bužane transliteriert.

Wir kennen sie so gut wie ausschließlich aus einer einzigen Quelle – dafür aber aus einer der wichtigsten, die das frühe Ostslawentum hervorgebracht hat: der Povest' vremennych let, besser bekannt als Nestorchronik, entstanden im frühen 12. Jahrhundert im Kiewer Höhlenkloster. Die Chronik öffnet mit einem langen, undatierten Vorspann, in dem der Verfasser die slawischen Völker nach ihren Wohnsitzen ordnet, bevor die eigentliche Jahreszählung beginnt. Genau dort, in dieser ethnografischen Einleitung, taucht der Name der Buschanen auf – und mit ihm ein kleines, bis heute diskutiertes Rätsel.

Was die Chronik wirklich sagt

Der Chronist verfährt bei mehreren Stämmen nach demselben Muster: Er nennt einen Fluss oder eine Landschaft und leitet daraus den Stammesnamen ab. Die Polotzker werden nach dem Fluss Polota benannt, die Bewohner am Dnepr um Kiew zu Poljanen, weil sie im offenen Feld (pole) siedelten. Nach demselben Prinzip erklärt er auch die Buschanen: Sie hätten am Bug gesessen, und später habe man sie Welynjane genannt – eine ältere Form dessen, was wir heute als Wolhynier kennen, benannt nach dem Ort beziehungsweise der Landschaft Velyn' am Bug.

Diese Ableitung ist wörtlich überliefert, wenn auch mit kleinen Abweichungen zwischen den Handschriften. Wir zitieren die Passage im altostslavischen Original und geben unsere eigene, um größtmögliche Nähe zum Original bemühte Übersetzung dazu, da uns keine moderne Übersetzung vorlag, deren genauen Wortlaut wir für einen Blogartikel verwenden wollten oder durften.

А бужане, зане седоша по Бугу, послеже же велыняне.

„Die Buschanen aber – so genannt, weil sie am Bug saßen – wurden später Welynjaner [Wolhynier] genannt."Povest' vremennych let (Nestorchronik), ethnografischer Einleitungsteil vor der eigentlichen Jahreszählung, nach der Textfassung der Lawrentjew-Handschrift (vgl. Ausgabe D. S. Lichačёv, PSRL Bd. 1); eigene Übersetzung aus dem Altostslavischen.

Bemerkenswert ist, wie karg das ist. Kein Fürst wird genannt, keine Schlacht, kein Ereignis – nur ein Fluss, ein Name und ein späterer Name. Für einen Chronisten, der wenige Zeilen weiter von Fürstenmorden und Feldzügen erzählt, ist das auffällig knapp. Fast alles, was wir über die Buschanen als eigenständige Größe wissen, hängt an diesem einen Satz.

Duleben, Buschanen, Wolhynier – wie eng hängt das wirklich zusammen?

Damit sind wir beim eigentlich spannenden Problem, und das lohnt sich, genau zu betrachten. An anderer, ebenfalls undatierter Stelle berichtet dieselbe Chronik von den Duleben, die schon im 6./7. Jahrhundert am Bug gesiedelt und dort unter den Awaren furchtbar gelitten haben sollen – die berüchtigte Episode, in der awarische Krieger dulebische Frauen anstelle von Zugtieren vor ihre Wagen spannten. Dort heißt es, die Duleben hätten am Bug gewohnt, „wo jetzt die Wolhynier [sind]" – Дулѣби же живяху по Бугу, кде нынѣ волыняне. Kombiniert man beide Sätze, ergibt sich die naheliegende Kette: Duleben – Buschanen – Wolhynier, drei Namen für dieselbe Bevölkerung am selben Fluss zu drei verschiedenen Zeiten. Unser Schwesterartikel über die Wolhynier zeichnet genau diese Kette nach.

Was die Chronik an dieser Stelle allerdings nicht ausdrücklich sagt, ist das mittlere Glied selbst: Keine der beiden Passagen erklärt, ob „Buschanen" schon während der Dulebenzeit als Eigenname in Gebrauch war, ob er erst nach dem awarischen Druck als neue, engere Bezeichnung für die am Bug verbliebene Bevölkerung aufkam, oder ob es sich schlicht um zwei chronologisch versetzte Blickwinkel auf dieselbe, sich politisch wandelnde Gruppe handelt. Genau an diesem Punkt wird die Forschung vorsichtiger, als ältere Überblicksdarstellungen es manchmal waren.

Der Archäologe Valentin V. Sedov ordnete Wolhynier, Buschanen und die ältere dulebische Gemeinschaft in seinen Standardwerken einem gemeinsamen, älteren „dulebischen" Kulturkreis zu, ohne sie deshalb einfach gleichzusetzen – für ihn stehen sie eher für aufeinanderfolgende politische Organisationsformen derselben Bevölkerung als für austauschbare Etiketten. Boris A. Rybakov wiederum interessierte sich vor allem für die politische Seite: Er verband die Duleben mit einer bei einem arabischen Reiseschriftsteller des 10. Jahrhunderts erwähnten, einst führenden slawischen Stammesgemeinschaft unter einem Herrscher namens Madžak und vermutete dahinter ein frühes, von den Awaren später zerschlagenes slawisches Gemeinwesen im Bug-Gebiet – eine reizvolle, aber ausdrücklich hypothetische Deutung, die auf einer Kette von Identifikationen beruht, nicht auf einem direkten Quellenbeleg.

Textkritisch arbeitende Historiker wie Aleksei S. Ščavelev gehen noch einen Schritt zurück und stellen die Grundfrage: Wie zuverlässig ist die ethnografische Einleitung der Nestorchronik überhaupt als Quelle für tatsächliche Stammesgrenzen des 9./10. Jahrhunderts? Ščavelev zeigt, dass der um 1100 schreibende Chronist selbst auf ältere, teils widersprüchliche mündliche und schriftliche Überlieferungen zurückgriff und sie zu einer Liste ordnete, die literarisch sauberer wirkt, als die Wirklichkeit vermutlich war. Das bedeutet nicht, dass die Buschanen erfunden sind – die Chronik nennt sie ausdrücklich und lokalisiert sie präzise. Es bedeutet nur: Bei der Frage, wie lückenlos und wie ethnisch homogen die Kontinuität Duleben–Buschanen–Wolhynier tatsächlich war, ist Zurückhaltung angebracht. Wer sich ausführlicher für die Duleben selbst interessiert, findet sie in unserem Artikel über die Duleben.

Zwischen Karpatenbogen und Pripjet – die Landschaft der Buschanen

Geografisch ist die Sache klarer als namenkundlich. Das Gebiet, das der Chronik zufolge den Buschanen und später den Wolhyniern zugeordnet wird, liegt im Ober- und Mittellauf des westlichen Bug, im Kernraum der historischen Landschaft Wolhynien – heute grob das Grenzgebiet zwischen dem Nordwesten der Ukraine und dem Osten Polens. Im Norden reichte der Siedlungsraum bis in die sumpfigen Wasserscheiden zum Pripjet, im Süden näherte er sich dem Vorland der Karpaten, im Osten ging er, mit fließenden Grenzen, in das Gebiet der Drewlanen über, denen wir einen eigenen Artikel gewidmet haben. Das ist Übergangsland: fruchtbare Schwarzerdeböden im Süden, dichterer Wald im Norden, ein Flussnetz, das Kontakt in mehrere Richtungen zugleich ermöglichte – westlich zur Weichsel, südlich zum Dnestr, östlich zum Dnepr.

Für einen Fluss, der zwei slawischen Bevölkerungsgruppen seinen Namen lieh, lohnt sich ein kurzer Blick auf das Wort Bug selbst – und hier wird es, ganz nebenbei, sprachlich interessant. Der Sprachwissenschaftler Max Vasmer verzeichnet für den westlichen Bug eine Deutung, die das Wort mit altnordisch baugr, „Ring", und mit dem germanischen Verb biegen verwandt sieht – gemeint wäre so etwas wie „der Gekrümmte" oder „der sich Windende", passend zum stark mäandrierenden Flusslauf. Sicher ist diese Etymologie nicht, es gibt auch slawische Deutungsversuche, und der weiter südlich gelegene, ganz anders benannte Süd-Bug im heutigen Zentrum der Ukraine hat trotz des ähnlichen Namens vermutlich eine andere sprachliche Wurzel. Aber dass ausgerechnet der Fluss der Buschanen sprachlich möglicherweise in die Nähe altnordischer Wörter rückt, ist eine hübsche Randnotiz – nicht mehr, und wir wollen daraus auch nicht mehr machen, als sie ist.

Spuren im Boden: die Luka-Raikovetska-Kultur

Während die schriftliche Überlieferung schmal bleibt, ist der Boden gesprächiger. Archäologisch fällt das Gebiet Wolhyniens in den Verbreitungsraum der sogenannten Luka-Raikovetska-Kultur, benannt nach zwei Fundorten in der heutigen Ukraine, die den slawischen Waldsteppenraum vom 7./8. bis ins 9./10. Jahrhundert prägte. Charakteristisch sind einfache, meist unverzierte oder nur leicht gerillte Keramik, halb eingetiefte Grubenhäuser mit Steinöfen in der Ecke und – vor allem in der älteren Phase – Brandbestattung. Schon im späten 19. Jahrhundert untersuchten Altertumsforscher wie Nikolai Weselowski und Wjatscheslaw Antonowytsch-Melnyk Hunderte Grabhügel im wolhynischen Umland, in denen sich der Übergang von älteren, kleineren Brandbestattungshügeln des sogenannten Golowno-Typs zu jüngeren, größeren Körpergräbern des 10. bis 12. Jahrhunderts nachvollziehen lässt – ein archäologisches Echo genau jenes Übergangs, den die Chronik in Worten festhält: vom älteren, an einen Fluss gebundenen Stammesnamen zur jüngeren, fürstlich-territorialen Ordnung.

Zu den bezeichnenden Kleinfunden der jüngeren Phase zählen sogenannte Schläfenringe aus gebogenem Bronzedraht, die Archäologen häufig verwenden, um Siedlungsräume grob einzelnen ostslawischen Stämmen zuzuordnen – auch wenn diese Zuordnung, ehrlich gesagt, methodisch umstritten bleibt, weil Schmuckformen wandern, vererbt werden und sich nicht sauber an ethnische Grenzen halten. Sedov selbst hat solche Verbreitungskarten intensiv ausgewertet und dabei stets betont, dass sich archäologische Kulturräume und die in der Chronik genannten Stammesnamen zwar häufig überlagern, aber niemals restlos zur Deckung bringen lassen.

Das Schicksal der Duleben und der Schatten der Awarenzeit

Wer verstehen will, warum die Forschung bei den Buschanen so vorsichtig geworden ist, muss noch einmal zur Geschichte der Duleben blicken, mit der die Nestorchronik eine der drastischsten Episoden ihres gesamten Frühwerks verbindet. Unter Bezug auf die Zeit des byzantinischen Kaisers Herakleios, also grob das frühe 7. Jahrhundert, berichtet der Chronist, die Awaren, ein damals im Karpatenbecken herrschendes Reitervolk, hätten die Duleben unterworfen und deren Frauen gezwungen, anstelle von Pferden oder Ochsen die Wagen der awarischen Krieger zu ziehen. Der Chronist fügt hinzu, diese Gewaltherrschaft habe noch Generationen später als Sprichwort nachgehallt: „Sie kamen um wie die Obri" – eine feste Wendung für spurloses Verschwinden, die er offenbar noch aus mündlicher Überlieferung kannte.

Diese Episode wird in der Forschung meist nicht als reine Erfindung gelesen, sondern als Nachhall realer awarisch-slawischer Auseinandersetzungen des 6. und 7. Jahrhunderts, für die es auch unabhängig davon, etwa bei byzantinischen Autoren, vergleichbare Berichte über awarische Gewaltherrschaft gegenüber unterworfenen Gruppen gibt – wobei kein byzantinischer Autor die Duleben oder gar die Buschanen namentlich erwähnt. Für die Buschanen selbst liefert dieser Abschnitt keine direkte Information; er zeigt aber, in welchem Zeitraum und unter welchem Druck die ältere Ordnung am Bug ins Wanken geriet, aus der später, so die vorsichtigste Lesart, so etwas wie die Buschanen und schließlich die Wolhynier hervorgingen.

Außenblicke: der bayerische Geograf und ein Herrscher namens Madžak

Eine eigenständige, unabhängige Bestätigung der Buschanen von außerhalb der Rus lässt sich nur mit großer Vorsicht behaupten. Der sogenannte Bayerische Geograf, eine lateinische Völker- und Burgenliste aus dem 9. Jahrhundert, nennt unter den Stämmen östlich von Elbe und Donau einen Namen „Busani" mit der stattlichen Zahl von 231 Burgen (civitates). Die Ähnlichkeit zu „Buschanen" ist auffällig, und viele Historiker identifizieren die Busani entsprechend mit ihnen. Sicher ist diese Gleichsetzung jedoch nicht: Die Liste des Bayerischen Geografen lässt sich insgesamt nur mit Vorbehalt auf bekannte slawische Stämme verteilen, mehrere ihrer Namen bleiben bis heute strittig, und auch für die Busani gibt es alternative Vorschläge in der Forschungsliteratur.

Noch vorsichtiger muss man mit einer zweiten, oft zitierten Außenquelle umgehen: dem arabischen Reiseschriftsteller al-Mas'ūdī, der im 10. Jahrhundert von einem einst mächtigen slawischen Stamm namens Walītāba beziehungsweise Walīnāna unter einem Herrscher namens Madžak berichtet, dem andere slawische Stämme einst tributpflichtig gewesen seien, bevor innere Zwietracht diese Vormachtstellung zerbrach. Boris A. Rybakov und andere sowjetische Historiker haben diese Passage mit den Duleben beziehungsweise Wolhyniern in Verbindung gebracht und darin die Erinnerung an ein früh-mittelalterliches slawisches Gemeinwesen am Bug gesehen, das die Awaren später zerschlugen. Das ist eine faszinierende Deutung – aber eben eine Deutung, keine gesicherte Identifikation, und selbst wenn man ihr folgt, betrifft sie in erster Linie die Duleben oder Wolhynier, nicht spezifisch die Buschanen. Einen namentlichen Beleg der Buschanen bei Byzantinern oder Arabern gibt es nach heutigem Kenntnisstand schlicht nicht, und das sollte man auch so sagen.

Vom Flussnamen zum Fürstentum: das Ende eines Stammesnamens

Was danach geschah, gehört im Kern schon zur politischen Geschichte Wolhyniens, die wir in unserem Artikel über die Wolhynier ausführlicher erzählen. Für die Buschanen selbst lässt sich nur festhalten: Der Name taucht in der Nestorchronik kein zweites Mal in einem datierten Jahreseintrag auf. Wo die Chronik von den späten 900er-Jahren an über das Gebiet am Bug berichtet – etwa über den Feldzug des Kiewer Fürsten Vladimir gegen die sogenannten Tscherwener Städte im Jahr 981 –, ist ausschließlich von Wolhyniern und ihren Burgstädten die Rede, nicht mehr von Buschanen. Der ältere, vom Fluss abgeleitete Stammesname war zu jener Zeit offenbar bereits durch die jüngere, von Ort und Landschaft abgeleitete Bezeichnung ersetzt – ein Muster, das sich bei mehreren ostslawischen Stämmen beobachten lässt und das schon der Historiker Nikolai P. Barsov im 19. Jahrhundert beschrieben hat: Alte, verwandtschaftlich gedachte Stammesnamen wichen jüngeren, territorial-politisch gedachten Bezeichnungen, sobald sich feste Fürstentümer mit festen Zentren herausbildeten.

Die Buschanen verschwinden also nicht aus der Geschichte – sie verschwinden nur aus dem Namensregister der Chronik, während ihr Land, ihre Wege am Fluss und vermutlich auch ihre Bevölkerung in dem aufgehen, was fortan Wolhynien heißt. Es ist ein stiller, fast bürokratischer Übergang, ohne die große Schlacht, ohne den letzten Fürsten, von dem spätere Zeiten gern erzählen. Gerade das macht die Buschanen zu einem lehrreichen Fall: Sie erinnern daran, dass die Stammeslisten der Chronisten keine Momentaufnahme sind, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Umschichtung – und dass ein Volk seinen Namen verlieren kann, lange bevor es seine Geschichte verliert.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Was gesichert ist

  • Die Buschanen (altostslavisch Бужане) werden in der Nestorchronik (Povest' vremennych let) in deren undatierter ethnografischer Einleitung genannt, mit der Angabe, sie hätten am Fluss Bug gesessen und seien später Welynjaner/Wolhynier genannt worden (Lawrentjew-Handschrift, PSRL Bd. 1; Hypatios-Handschrift, PSRL Bd. 2).
  • Ihr Siedlungsraum wird von der Forschung im Ober- und Mittellauf des westlichen Bug lokalisiert, im Kernland der historischen Landschaft Wolhynien, etwa im heutigen Grenzraum zwischen Nordwestukraine und Ostpolen.
  • Der Chronist leitet den Namen ausdrücklich vom Fluss Bug ab, nach demselben Erklärungsmuster, das er auch bei anderen Stämmen verwendet (etwa den Polotzkern nach dem Fluss Polota).
  • Archäologisch fällt das Gebiet in den Verbreitungsraum der Luka-Raikovetska-Kultur (7./8. bis 9./10. Jahrhundert), erforscht unter anderem durch Grabhügeluntersuchungen seit dem späten 19. Jahrhundert und ausgewertet in den Standardwerken Valentin V. Sedovs.
  • Der Bayerische Geograf (9. Jahrhundert) nennt einen Stamm „Busani" mit 231 Burgen; die Gleichsetzung mit den Buschanen gilt als naheliegend, ist aber nicht abschließend bewiesen.
  • Ab etwa 980 verwendet die Chronik in datierten Jahreseinträgen zum Gebiet am Bug nur noch die Bezeichnung Wolhynier, nicht mehr Buschanen.
  • Eine unabhängige byzantinische oder arabische Quelle, die die Buschanen namentlich nennt, ist nicht bekannt.

Mythos-Check

  • „Die Chronik beweist eine lückenlose, jahrhundertelange ethnische Kontinuität derselben Bevölkerung von den Duleben über die Buschanen bis zu den Wolhyniern." Die Chronik verknüpft beide Namen tatsächlich mit demselben Ort am Bug – so weit ist das textlich gesichert. Ob dahinter aber eine ununterbrochene, ethnisch homogene Bevölkerung stand oder eher eine politische Nachfolge mit Zuwanderung, Vermischung und Umorganisation, ist eine andere Frage, die textkritische Forscher wie Aleksei S. Ščavelev bewusst offenlassen.
  • „Der Name der Buschanen belegt eine eigene, mächtige Stammesfürstenherrschaft am Bug." Die Chronik nennt keinen einzigen Buschanen-Fürsten und kein Ereignis, das speziell mit ihnen verbunden wäre – nur den einen Satz zu Fluss und Namen.
  • „Die Gleichsetzung mit den 'Busani' des Bayerischen Geografen ist sicher belegt." Sie ist plausibel, doch die Liste des Bayerischen Geografen lässt sich insgesamt nur mit Vorbehalt auf bekannte slawische Stämme verteilen – auch diese eine Zuordnung bleibt eine gut begründete Vermutung, keine Gewissheit.
  • „Al-Mas'ūdīs Bericht über den Herrscher Madžak beweist ein Buschanen-Königreich." Al-Mas'ūdī nennt weder die Buschanen noch den Bug. Historiker wie Boris A. Rybakov haben die Verbindung für die Duleben beziehungsweise Wolhynier vorgeschlagen, nicht spezifisch für die Buschanen – und auch das bleibt Interpretation.
  • „Weil der Name nach 981 verschwindet, wurden die Buschanen erobert oder ausgelöscht." Nichts in den Quellen deutet auf eine gewaltsame Auslöschung hin. Es handelt sich um denselben Wandel von verwandtschaftlich gedachten zu territorial-politischen Stammesnamen, der sich bei mehreren ostslawischen Gruppen beobachten lässt.
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