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Die Caleten – das Volk hinter dem Pays de Caux

Geschichte & Funde Die Caleten – das Volk hinter dem Pays de Caux Caesar nennt sie in einer einzigen Zeile, zusammen mit ihren Nachbarn jenseits der Seine. Danach verschwinden die Caleti fast aus der Geschichte – und hinterlassen doch einen Landstrich, der bis heute nach ihnen heißt: das Pays de Caux in der Normandie. Zwischen Kreidefelsen, riesigen Wallanlagen und einem römischen Theater lässt sich rekonstruieren, was von ihnen wirklich belegt ist. Und was nicht.

Zwei Völker, ein Atemzug

Wer den Artikel über die Veliocassen gelesen hat, kennt die Stelle schon. Als Caesar im Frühjahr 57 v. Chr. auflistet, welche belgischen Völker sich gegen ihn zusammengetan haben, stehen zwei Namen unmittelbar nebeneinander: die Caleten und die Veliocassen. Nördlich der Seine die einen, südlich die anderen, dazwischen ein Fluss, der die beiden nicht trennte, sondern verband.

Die Veliocassen haben es immerhin zu einem Stadtnamen gebracht – Rouen war ihr Hauptort, das Vexin trägt bis heute ihren Namen. Die Caleten haben etwas Ähnliches geschafft, nur leiser: Das Pays de Caux, jene Hochfläche zwischen Le Havre, Dieppe und Fécamp, die an der Küste in den berühmten weißen Klippen abbricht, heißt nach ihnen. Und sonst? Sonst ist die Quellenlage dünn genug, dass man sie in einem Nachmittag durchlesen kann.

Lillebonne von oben: mitten im heutigen Stadtgebiet liegt der Halbrund des gallorömischen Theaters von Iuliobona, der Hauptstadt der Caleten
Lillebonne von oben: mitten im heutigen Stadtgebiet liegt der Halbrund des gallorömischen Theaters von Iuliobona, der Hauptstadt der Caleten. Foto: Ville de Lillebonne, 2016 (CC BY-SA 4.0).

Der Name: die Harten

Der Ethnonym ist ungewöhnlich durchsichtig. Caleti oder Caletes, griechisch Κάλετοι, gehört zu einem gallischen Stamm calet-, der schlicht „hart“ bedeutet. Die Wurzel lebt in den keltischen Sprachen weiter: bretonisch kalet, walisisch caled, altirisch calath. Über das Indogermanische ist sie mit dem germanischen hart verwandt – und, was die Etymologen amüsiert, mit lateinisch callere, „abgehärtet, abgestumpft sein“.

„Die Harten“ also. Man sollte daraus keine Charakterstudie machen. Solche Namen sind Selbstbezeichnungen von Kriegergemeinschaften, die überall in der keltischen Welt vorkommen; die Nervier und die Bellovaker heißen ähnlich programmatisch. Was ein Volk über sich sagt, und was es war, sind zwei verschiedene Dinge.

Belger oder Armorikaner? Eine Kategorie, die nicht passt

Caesar zählt die Caleten 57 v. Chr. zu den Belgern. Fünf Jahre später nennt er sie im selben Werk unter den Völkern, „die an den Ozean grenzen und die in ihrer Sprache Aremoricae genannt werden“ – also unter den Armorikanern, zusammen mit den Venetern, den Redonen und den Osismiern. Beides gleichzeitig geht nicht recht auf.

Die Forschung hat sich damit abgefunden, dass es nicht aufgeht. Edith Wightman hat die Frage in ihrer Studie zur Gallia Belgica offengelassen: Die Münzen der Caleten sind belgisch geprägt, ihre Bündnisse 57 v. Chr. waren belgisch – aber unter römischer Verwaltung gehörten sie, wenn überhaupt, nur kurz zur Provinz Gallia Belgica. Die saubere Dreiteilung Galliens in Kelten, Belger und Aquitanier, mit der Caesars erstes Buch beginnt, ist eine Ordnungsleistung des Autors, kein Befund. Wer die Kelten in solche Schubladen sortiert, sortiert römische Verwaltungslogik, nicht Identitäten.

Zehntausend Mann im Jahr 57 v. Chr.

Die erste und wichtigste Nennung steht im zweiten Buch des Gallischen Krieges. Die Remer melden Caesar, welche Kontingente die belgische Koalition aufbringen will. Die Bellovaker stellen die größte Zahl und beanspruchen den Oberbefehl, die Suessionen und Nervier je 50.000. Dann folgt die Reihe der kleineren Völker:

Quindecim milia Atrebates, Ambianos decem milia, Morinos viginti quinque milia, Menapios novem milia, Caletos decem milia, Veliocasses et Viromanduos totidem, Atuatucos decem et novem milia.

„Fünfzehntausend die Atrebaten, die Ambianer zehntausend, die Moriner fünfundzwanzigtausend, die Menapier neuntausend, die Caleten zehntausend, die Veliocassen und Viromanduer ebenso viele, die Aduatuker neunzehntausend.“Caesar, De bello Gallico II,4; Übersetzung: Glanz & Gravur

Das ist, in Zahlen, alles, was wir über die militärische Kapazität der Caleten wissen. Sie stehen zwischen den Menapiern und den Veliocassen, deutlich unter den Morinen mit ihren 25.000, deutlich über den neuntausend der Menapier. Das totidem – „ebenso viele“ – der nächsten Zeile ist übrigens der Grund, warum man auch über die Veliocassen und Viromanduer keine eigene Zahl besitzt: Caesar hat sich die Wiederholung gespart.

Was Caesars Zahlen taugen

Und jetzt der unangenehme Teil. Diese Zahlen stammen nicht aus einem Musterungsregister, sondern aus einem Bericht, den ein römischer Feldherr über seinen eigenen Krieg an den römischen Senat schrieb. Rechnet man die Liste zusammen, kommt man auf über 300.000 Bewaffnete – eine Größenordnung, die für die Logistik der Eisenzeit in Nordgallien schlicht nicht plausibel ist. Große Zahlen machen große Siege. Caesar hatte allen Grund, sie nicht kleiner werden zu lassen.

Hinzu kommt: Caesar sagt selbst, dass er die Angaben von den Remern hat, also von Verbündeten, die ihrerseits ein Interesse daran hatten, die Bedrohung groß erscheinen zu lassen. Was die Liste zuverlässig zeigt, ist nicht die Stärke der Caleten, sondern dass es sie gab, dass sie als eigenständige politische Größe wahrgenommen wurden und dass sie in der belgischen Koalition mitmachten. Das ist weniger, als es klingt. Es ist aber auch nicht nichts.

Alesia 52 v. Chr.: verschwunden im Sammelposten

Fünf Jahre später, während Vercingetorix in Alesia eingeschlossen ist, beschließt die gallische Fürstenversammlung, nicht alle Waffenfähigen aufzubieten, sondern jedem Volk eine feste Quote zuzuweisen. Die Liste ist lang und detailliert: den Aulerci Eburovices, Lexoviern und Veliocassen je 3.000, den Parisii 8.000, den Atrebaten 4.000. Und dann, am Ende, ein Sammelposten für „alle Gemeinwesen, die an den Ozean grenzen und die man nach ihrem Sprachgebrauch die Aremoricae nennt“ – Curiosoliten, Redonen, Ambibarier, Caleten, Osismier, Veneter, Lemovicer, Venellen.

Acht Völker, eine gemeinsame Zahl. Und diese Zahl ist in den Handschriften nicht gesichert: Die Ausgaben schwanken zwischen zwanzig- und dreißigtausend, weshalb man in der Literatur beide Angaben findet. Was auf die Caleten entfiel, steht nirgends. Wer liest, sie hätten 20.000 Mann nach Alesia geschickt, liest eine Zahl, die im Text acht Völkern gemeinsam gehört. Nebenbei: Die Lemovicer tauchen in derselben Aufzählung zweimal auf, einmal mit 10.000 und einmal unter den Armorikanern. Diese Liste ist kein Register. Sie ist Literatur.

Correus und der letzte Aufstand 51 v. Chr.

Der dritte und letzte Auftritt steht nicht mehr bei Caesar selbst, sondern im achten Buch, das sein Offizier Aulus Hirtius nach dessen Tod ergänzte. 51 v. Chr. erhebt sich der belgische Norden noch einmal. Hirtius berichtet, dass sich alle waffenfähigen Bellovaker an einem Ort gesammelt hätten und dass sich ihnen Ambianer, Aulerker, Caleten, Veliocassen und Atrebaten angeschlossen hätten. Das Lager lag auf einer bewaldeten Anhöhe, ringsum Sumpf, der Tross weiter hinten in den Wäldern – eine Aufstellung, die zeigt, dass man aus 57 v. Chr. gelernt hatte.

Die Führung lag bei mehreren Fürsten, aber die Masse gehorchte vor allem einem: Correus, von dem Hirtius trocken vermerkt, das Heer folge ihm, weil man wisse, wie abgrundtief er den Namen der Römer hasse. Correus fällt in einem Hinterhalt, der schiefgeht; danach bricht der Aufstand zusammen. Für die Caleten heißt das: Sie kämpften zuletzt nicht als eigenständige Macht, sondern als Gefolgschaft der Bellovaker, deren Klienten sie offenbar waren. Es ist der letzte Satz, den die antike Historiographie ihnen als Handelnden widmet.

Die Oppida über den Kreidefelsen

Wo Caesar schweigt, redet der Boden. Das Gebiet der Caleten ist übersät mit befestigten Großanlagen der späten Eisenzeit, und einige davon sind erstaunlich groß. Sandouville an der Seinemündung umfasst 144 Hektar und zählt damit zu den größten Anlagen ganz Galliens. Die Fossés de Bénouville bei Étretat kommen auf 64 Hektar, L'Hôpital bei Quièvrecourt auf 63, die Cité de Limes bei Bracquemont nördlich von Dieppe auf 52. Das Camp du Canada bei Fécamp ist mit 20 Hektar vergleichsweise bescheiden – und trotzdem das berühmteste.

Berühmt ist es, weil Mortimer Wheeler und Katherine Richardson in ihrer Untersuchung nordfranzösischer Wallburgen nach ihm einen ganzen Befestigungstyp benannten: den Fécamp-Typ, einen massiven, breit geböschten Erdwall mit flachem Sohlgraben, wie man ihn in Nordgallien und im südlichen Britannien findet. Ob dieser Typ wirklich eine „belgische“ Bauweise ist oder einfach eine Antwort auf eine bestimmte Kriegstechnik, wird bis heute diskutiert. Die Cité de Limes zeigt jedenfalls, wie diese Leute dachten: eine Landzunge, im Norden 75 Meter senkrecht über dem Meer, nach Westen und Süden ein Wall entlang der Talkante. Man sperrte ab, was ohnehin schwer zu erreichen war. Wer die Ausrüstung dieser Krieger interessant findet, wird bei den keltischen Kriegern fündig.

Die verschwundene Hauptstadt und das Rätsel Calidu

Jetzt wird es heikel. In fast jedem Reiseführer steht, Lillebonne sei „vor der römischen Eroberung die Hauptstadt der Caleten“ gewesen. Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch. Der Stadtkern von Lillebonne hat bislang keine gallischen Siedlungsspuren geliefert; die römische Stadt wirkt wie eine Neugründung auf freiem Feld, datierbar in die augusteische Neuordnung Galliens zwischen etwa 16 und 13 v. Chr.

Wo der vorrömische Hauptort lag, weiß niemand. Der Abbé Cochet hat 1866 einen Namen vorgeschlagen – Calidu beziehungsweise Caledu – und ihn von gallischen Münzen abgeleitet, gestützt auf eine mittelalterliche Überlieferung bei Ordericus Vitalis und in der Chronik von Fontenelle, die von einer „Cité Calète“ spricht. Das ist eine hübsche Konstruktion. Sie hat nur zwei Probleme: Die mittelalterliche Überlieferung ist rund tausend Jahre jünger als das, was sie bezeugen soll, und die Münze, auf der der Name steht, gehört sehr wahrscheinlich gar nicht hierher.

Münzen, und ein Irrtum aus dem Jahr 1666

Damit sind wir bei der Numismatik, und die ist in dieser Ecke Galliens ein Minenfeld. Es gibt Goldstatere in der Nachfolge makedonischer Vorbilder, es gibt Bronzemünzen – darunter der auffällige Typ „au monstre enroulé“, ein eingerolltes Wesen mit Stacheln und Fühlern, und der Typ „à la roue“ mit dem Rad. Vieles davon wird den Caleten zugewiesen. Vieles davon könnte ebenso gut den Veliocassen, den Ambianern oder den Bellovakern gehören. Die Klassifikationen von Simone Scheers und von Louis-Pol Delestrée und Marcel Tache halten mehrere dieser Zuweisungen ausdrücklich für hypothetisch.

Der Sonderfall ist die Silbermünze mit der Legende CALETEDU. Claude Bouterouë hat sie 1666 den Caleti zugeschrieben – allein wegen der Namensähnlichkeit. Die moderne Forschung verortet diese Prägung im Zentrum Galliens, in der Zone, in der man Denare und nicht Statere schlug; Jean-Baptiste Colbert de Beaulieu hat der Frage eine eigene Studie gewidmet. Anders gesagt: Der Name, aus dem das 19. Jahrhundert die Hauptstadt der Caleten rekonstruierte, stammt vermutlich von einer Münze, die einige hundert Kilometer weiter südlich zu Hause ist. So entstehen Gewissheiten.

Iuliobona: eine Stadt, die es vorher nicht gab

Was die Römer bauten, ist dagegen gut greifbar. Iuliobona – der Name kombiniert die julische Familie mit dem gallischen Element bona, das man als „Gründung, Siedlung“ oder auch als „Quelle“ deutet – entsteht unter Augustus als Hauptort der civitas Caletorum. Ptolemaios nennt den Ort im 2. Jahrhundert ausdrücklich im Gebiet der Kalētai.

Die Lage ist der ganze Punkt: rechtes Seineufer, am Ende einer Straße von Lutetia zur Küste, mit einem Hafen am Fluss und der Mündung vor der Tür. Von hier ging es nach Britannien und flussaufwärts ins Innere Galliens. Die Stadt bekommt einen orthogonalen Plan, so weit das Gelände es zulässt, zwei Thermenanlagen, einen Aquädukt, ein Mithräum, wohlhabende domus – und ein Theater, das bis heute steht. Ein zweiter Platz der Caleten lag mit Caracotinum am Seineästuar, dem späteren Harfleur, gegründet um 15 n. Chr.

Das Theater von Lillebonne und seine vier Leben

Das Theater ist das besterhaltene antike Schauspielgebäude im Norden Frankreichs, und es ist ein Zwitter. Es misst gut 106 Meter in der Längsachse, die Arena 47,30 auf 35,50 Meter, und es vereint eine Bühne für Komödie und Tragödie mit einer Arena für Tierhetzen und Gladiatorenkämpfe – ein „Theater-Amphitheater“, wie es für das römische Nordwestgallien typisch ist. Die Zuschauerzahlen, die man liest, gehen weit auseinander: Die auf den Grabungen von Vincenzo Mutarelli beruhenden Angaben nennen gut 5.000 Plätze, touristische Darstellungen gern das Doppelte. Belegt ist die Bauform, nicht die Kopfzahl.

Vier Bauphasen zwischen dem 1. und dem 3. Jahrhundert lassen sich unterscheiden: ein kleiner erster Bau, dann der Umbau zum Theater-Amphitheater mit ellipsoider Arena, dann eine Erweiterung um eine Umgangsgalerie mit zusätzlichen Sitzreihen. Im letzten Viertel des 3. Jahrhunderts endet der Spielbetrieb. Die Vomitorien werden zugemauert, das Gebäude wird zum Rückzugsplatz – und in der Arena baut man Bäder aus wiederverwendeten Blöcken von Grabmonumenten. Ein Theater, das zur Festung wird und sich aus dem eigenen Friedhof bedient: Deutlicher lässt sich das 3. Jahrhundert kaum illustrieren.

Die Forschungsgeschichte ist fast so bewegt wie das Bauwerk. Bis 1740 erwähnt keine Beschreibung Lillebonnes ein Theater; der Comte de Caylus identifiziert es 1764. 1812 beginnen zerstörerische Ausgrabungen, 1818 kauft das Département das Gelände, 1840 steht das Theater auf der allerersten französischen Denkmalliste. Danach folgen Kampagnen 1908 bis 1915, unter Albert Grenier ab 1935, Unterbrechung 1939 – zwischen 1940 und 1944 liegt sogar der deutsche Ortskommandant im Theater begraben –, dann Maurice Yvart, dann Georges Duval, zuletzt Mutarelli 2007 bis 2010. Das Bühnengebäude liegt bis heute unter einer Straße und ist nie untersucht worden.

Apollon, ein Jagdmosaik und die Frage, wer Amor war

Am 23. Juli 1823 stoßen Arbeiter rund 300 Meter östlich des Theaters auf eine Bronzestatue: einen Apollon mit Leier, knapp zwei Meter hoch, vergoldet, stilistisch ins 2. Jahrhundert datiert. Es ist die größte bekannte Götterbronze aus dem römischen Gallien. Sie steht heute im Louvre; neuere Materialuntersuchungen haben gezeigt, dass die Vergoldung mindestens einmal erneuert wurde – die Statue war lange genug in Gebrauch, dass sie eine Auffrischung brauchte.

1870 kommt in einem Garten das zweite Prunkstück ans Licht: die große Mosaik von Lillebonne, ursprünglich 8,56 auf 6,80 Meter, aus einer Vorstadtvilla. Sie zeigt eine Hirschjagd mit Lockruf und ein Opfer für Diana, datiert wird sie ins 3. bis frühe 4. Jahrhundert. Heute liegt sie im Musée des Antiquités in Rouen, auf 5,73 auf 5,92 Meter geschrumpft und so stark restauriert, dass Jean-Pierre Darmon nachweisen konnte, dass Partien, die als original galten, von der Hand eines neuzeitlichen Restaurators stammen.

Das eigentlich Aufregende steht aber klein in der Ecke. Das Mosaik trägt eine Inschrift: T(itus) Sen(nius) Felix c(ivis) Puteolanus fec(it) – Titus Sennius Felix, Bürger von Puteoli, hat es gemacht oder machen lassen – et Amor c(ivis) K(...) discipulus, „und Amor, sein Schüler“. Was hinter dem K steckt, ist offen: Karthaginiensis, also aus Karthago – oder Kaletorum, Bürger der Caleten. Im zweiten Fall stünde hier der Name eines einheimischen Handwerkers, der bei einem Italiker in die Lehre ging. Man hätte es gern gewusst. Ein Handwerker, der sein Werk signiert, ist über zweitausend Jahre hinweg eine sehr verständliche Figur.

Das Ende der civitas und der Aufstieg Rouens

Im späten 3. Jahrhundert zieht sich Iuliobona zusammen. Die Stadt bekommt eine Mauer, die noch etwa 50 Hektar umschließt, und sie holt sich die Steine dafür aus den eigenen Monumenten. Nach den diokletianischen Reformen taucht sie in den spätantiken Verwaltungsverzeichnissen nicht mehr als Hauptort auf: Das Gebiet der Caleten wird mit dem der Veliocassen zur civitas Rotomagensium zusammengelegt, Hauptstadt ist Rotomagus – Rouen.

Damit endet die politische Existenz der Caleten. Aus zwei Völkern wird eine Verwaltungseinheit, aus der später das Erzbistum und dann die Normandie wird. Lillebonne bleibt eine Kleinstadt mit einem sehr großen Theater darin. Rouen wird zur Metropole der Lugdunensis Secunda – und in einem knappen Jahrtausend zur Hauptstadt eines Herzogtums, das ein Nordmann begründet.

Das Pays de Caux, oder: was von einem Volk übrig bleibt

Der Name überlebt alles andere. 843 erscheint die Landschaft als pagus Calcis, 1206 als Kaleto, heute heißt sie Pays de Caux. Ein Volksname aus der Eisenzeit, durchgereicht über die römische civitas, den fränkischen Gau und die normannische Grafschaft bis auf die Straßenschilder der Département-Verwaltung. Die Caleten selbst waren da schon rund achthundert Jahre verschwunden.

Und dann kommt, viel später, noch ein Nachspiel. Dieselbe Seinemündung, die den Caleten den Zugang zum Meer und den Römern den Hafen von Iuliobona bescherte, wird im 9. Jahrhundert zur Einfallstraße der Nordmänner. 911 überlässt der westfränkische König einem skandinavischen Anführer namens Rollo das Land um Rouen – der Kern der späteren Normandie. Ob das Pays de Caux von Anfang an dazugehörte, steht in keiner zeitgenössischen Urkunde; unsere Hauptquelle für den Vertrag ist Dudo von Saint-Quentin, der rund ein Jahrhundert später schreibt und ein höfisches Auftragswerk verfasst. Belegt ist nur das Ergebnis: Die skandinavischen Ortsnamen des Pays de Caux, all die Orte auf -tot, -bec und -fleur, liegen heute über einer Landschaft, die noch immer den Namen eines gallischen Volkes trägt. Zwei Schichten Geschichte, dieselbe Erde.

Was belegt ist

Die Caleten sind bei Caesar dreimal genannt (De bello Gallico II,4; VII,75; VIII,7), dazu bei Strabon, Plinius, Ptolemaios und Orosius. Belegt sind: das Kontingent von 10.000 Mann in der belgischen Koalition 57 v. Chr., die Nennung unter den armorikanischen Küstenvölkern 52 v. Chr., die Teilnahme am Bellovaker-Aufstand unter Correus 51 v. Chr. Archäologisch gesichert ist eine dichte Landschaft spätlatènezeitlicher Großbefestigungen im Pays de Caux, darunter Sandouville mit 144 Hektar. Gesichert sind ferner die augusteische Gründung von Iuliobona als Hauptort der civitas Caletorum, das Theater von Lillebonne mit vier Bauphasen und seiner Umnutzung zur Befestigung im späten 3. Jahrhundert, der 1823 gefundene vergoldete Bronze-Apollon (heute Louvre), die 1870 gefundene Jagdmosaik mit ihrer Handwerkerinschrift (heute Rouen) und die Zusammenlegung mit den Veliocassen zur civitas Rotomagensium in der Spätantike. Und der Ortsname: Pays de Caux, 843 als pagus Calcis bezeugt.

Mythos-Check

„10.000 Krieger“ ist keine Volkszählung. Caesars Zahlen stammen laut ihm selbst von den Remern, also von Verbündeten, und summieren sich auf über 300.000 Bewaffnete – logistisch unglaubwürdig. Caesar schrieb einen Rechenschaftsbericht, keine Statistik. „20.000 Mann nach Alesia“ ist irreführend. Die Zahl gilt im Text acht armorikanischen Völkern gemeinsam, und selbst sie schwankt in den Handschriften zwischen XX und XXX milia. Was auf die Caleten entfiel, steht nirgends. Lillebonne war nicht die Hauptstadt der Caleten vor den Römern. Der Stadtkern hat bislang keine gallischen Siedlungsspuren geliefert; Iuliobona ist eine augusteische Neugründung. Der vorrömische Hauptort ist nicht lokalisiert. „Calidu/Caledu“ ist eine Hypothese des 19. Jahrhunderts. Abbé Cochet leitete den Namen 1866 aus einer Münzlegende ab – und diese Legende, CALETEDU, wurde schon 1666 von Bouterouë allein wegen der Namensähnlichkeit den Caleten zugeschrieben. Die moderne Numismatik verortet die Prägung im Zentrum Galliens. Münzzuweisungen sind generell unsicher. Zwischen Caleten, Veliocassen, Ambianern und Bellovakern wandern Typen in der Literatur hin und her; mehrere Zuordnungen gelten ausdrücklich als hypothetisch. „Camp de César“ heißt kein Lager Caesars. Die Namen Camp de César und Cité de Limes für die Anlage bei Bracquemont sind neuzeitliche Volksbenennungen, wie überall in Frankreich; mit Caesar hat der Ort nichts zu tun. Kelten, Gallier, Belger sind keine sauberen Kategorien. Caesar ordnet die Caleten einmal den Belgern, einmal den Armorikanern zu. Die Dreiteilung Galliens ist eine Ordnungsleistung des Autors. Die Zuschauerzahl des Theaters ist nicht bekannt. Grabungsbasierte Schätzungen nennen gut 5.000, populäre Angaben bis 10.000. Und der Vertrag von 911 steht nur bei Dudo. Einen zeitgenössischen Urkundentext gibt es nicht.

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