Wikinger Blog / Geschichte & Funde
Aus dem Wissensarchiv

Die Veliocassen: das Volk, das dem Vexin seinen Namen gab

Geschichte & Funde Die Veliocassen: das Volk, das dem Vexin seinen Namen gab Von den meisten gallischen Völkern ist am Ende ein Stadtname geblieben. Von den Veliocassen sind es zwei Dinge: eine Stadt, die heute Rouen heißt, und eine ganze Landschaft, die noch immer nach ihnen benannt ist. Das Vexin trägt den Namen eines Volkes, dessen Hauptort niemand sicher benennen kann und dessen Zugehörigkeit die Forschung bis heute streitig diskutiert.

Ein Volk, das seinen Namen weitergegeben hat

Es gibt in Gallien Völker, die berühmt geworden sind, weil sie einen Feldherrn hervorbrachten, und Völker, die berühmt geworden sind, weil sie einen Krieg verloren haben. Die Veliocassen gehören zu einer dritten, selteneren Gruppe: Sie sind vor allem deshalb noch präsent, weil ihr Name die Antike überlebt hat. Nördlich der unteren Seine, zwischen Paris und Rouen, liegt bis heute eine Landschaft, die Vexin heißt. Der Name ist nichts anderes als eine abgeschliffene Form von Veliocassinus.

Das ist keine romantische Herleitung, sondern urkundlich belegbar. Im Jahr 617 erscheint der pagus Veliocassinus in einer fränkischen Urkunde, 1092 heißt er Vilcassinum, 1118 Vulesin - und daraus wird der heutige Name. Zwischen dem gallischen Volk und dem französischen Landstrich liegen rund tausend Jahre ununterbrochener Namensgeschichte. Wenige keltische Volksnamen haben eine so gut dokumentierte Nachlaufbahn.

veliocasser
Goldstater der Veliocassen aus dem keltischen Münzbestand der Bibliothèque nationale de France. Zu sehen ist die Rückseite mit dem stark abstrahierten Pferd, wie es die nordgallischen Prägungen kennzeichnet. Foto: BnF, gemeinfrei.

Der Name: die Lockigen, die Besseren, die mit dem Metall?

Was Veliocasses ursprünglich bedeutete, ist dagegen offen. Der erste Bestandteil ist sicher gallisch uelio-, aber schon hier gabelt sich die Deutung: Er kann auf urkeltisch *wēliyā- „Bescheidenheit, Anstand" zurückgehen oder auf *wēlyo- „besser" (vergleiche walisisch gwell). Da die Vokallänge nicht gesichert ist, lässt sich das nicht entscheiden; Xavier Delamarre hält die zweite Möglichkeit für einen Volksnamen semantisch für plausibler, ohne sie festzuschreiben.

Noch spannender ist das zweite Glied -casses. Es steckt in einer ganzen Reihe gallischer Völkernamen: Bodiocasses, Durocasses, Sucasses, Tricasses, Viducasses. Traditionell wird es als „Haar, Haartracht, Locke" gedeutet (altirisch chass „Locke"), womit die Veliocassen so etwas wären wie „die mit dem prächtig gelockten Haar" - eine Anspielung auf eine Kriegerfrisur. Patrizia de Bernardo Stempel liest die -casses-Namen dagegen als Helmnamen und übersetzt „die mit den guten, also härteren Helmen". Mélanie Mairecolas und Jean-Marie Pailler verbinden das Element mit dem Wort für Zinn (griechisch kassíteros, vergleiche den britannischen Fürstennamen Cassivellaunus) und kommen auf „die mit dem besseren Metall".

Drei Deutungen, drei Bilder: Haartracht, Rüstung, Metallhandel. Die populäre Übersetzung „die Besten im Kampf", die man in Reiseführern liest, ist eine Mischform aus zweien davon und in dieser Form von keiner Fachpublikation gedeckt. Für ein Handwerk, das mit Zeichen arbeitet, ist das eine nützliche Erinnerung: Auch ein Name ist ein Fundstück, kein Merksatz.

Belger oder Kelten? Ein Volk zwischen zwei Schubladen

Caesar zählt die Veliocassen ohne Umschweife zum belgischen Bündnis von 57 v. Chr. Plinius der Ältere dagegen führt sie gut hundert Jahre später unter den Völkern der Gallia Lugdunensis auf, gemeinsam mit den Lexoviern, Caleten, Venetern, Abrincatui und Osismiern. Für Plinius ist die Seine die Grenze zwischen Belgica und Celtica - und die Veliocassen saßen auf beiden Ufern.

Dieser Widerspruch ist kein Versehen, sondern ein Abbild der Lage. Der Schwerpunkt des Gebiets lag rechts der Seine, auf dem Plateau des heutigen Vexin, mit Nachbarn im Norden und Osten, die eindeutig belgisch waren: den mächtigen Bellovakern um Beauvais, dahinter den Atrebaten und Nerviern. Nach Südosten grenzten sie an die Parisier. Zugleich reichte das Gebiet über den Fluss hinaus auf das Plateau von Madrie und ins Roumois, und dort waren die Nachbarn die Aulerci Eburovices und die Lexovier - Völker der Celtica. Edith Wightman hat die Frage für die Veliocassen wie für ihre westlichen Nachbarn, die Caleten, ausdrücklich offen gelassen. Wer eine eindeutige Antwort gibt, gibt sie über die Quellen hinaus.

57 v. Chr.: eine Zahl im Belger-Katalog

Die erste sichere Erwähnung steht im zweiten Buch des Gallischen Krieges. Caesar lässt sich von den Remern, die sich früh auf die römische Seite geschlagen hatten, die Stärke der belgischen Koalition vorrechnen. Die Liste ist eines der berühmtesten Zahlenwerke der antiken Ethnographie: Bellovaker 100.000, davon 60.000 ausgewählt; Suessionen 50.000; Nervier ebenso viele; Atrebaten 15.000; Ambianer 10.000; Moriner 25.000; Menapier 7.000; Caleten 10.000 - und dann heißt es knapp: Veliocasses et Viromanduos totidem, „die Veliocassen und Viromanduer ebenso viele".

Diese eine Vokabel totidem hat es in sich. Sie bezieht sich zurück auf die zuletzt genannten 10.000 der Caleten. Der übliche Anschluss - und so übersetzen die maßgeblichen Ausgaben - ist: je 10.000 Mann für jedes der beiden Völker. Grammatisch ließe sich der Satz aber auch als gemeinsame Zahl lesen. Man sollte die 10.000 also nicht als Messwert behandeln, sondern als das, was sie sind: eine Angabe aus zweiter Hand, die Caesar von Verbündeten erhielt und die zugleich seine eigene Leistung größer aussehen ließ. Antike Heereszahlen sind rhetorische Größen.

52 v. Chr.: dreitausend Mann für Alesia

Fünf Jahre später steht das Volk wieder in einer Liste, diesmal in einer, die deutlich nüchterner klingt. Vor Alesia, während Vercingetorix in der belagerten Stadt sitzt, beschließt die gallische Fürstenversammlung, gerade nicht alle Waffenfähigen aufzubieten, sondern jedem Volk ein festes Kontingent aufzuerlegen - man fürchtete, eine unübersehbare Menge weder führen noch ernähren zu können. In dieser Aushebungsliste erscheinen die Veliocassen in bemerkenswerter Gesellschaft:

Atrebatibus IIII milibus; Veliocassis, Lexoviis et Aulercis Eburovicibus terna; Rauracis et Boiis bina.
„Den Atrebaten viertausend; den Veliocassen, den Lexoviern und den Aulerci Eburovices je dreitausend; den Rauracern und Boiern je zweitausend."Caesar, De bello Gallico VII,75,3; Übersetzung: Glanz & Gravur

Zwei Dinge sind daran interessant. Erstens die Zahl: aus 10.000 sind 3.000 geworden. Ob das ein realer Substanzverlust nach fünf Kriegsjahren ist oder schlicht eine andere Rechenlogik - der Belger-Katalog nennt Versprechen, die Alesia-Liste eine Umlage -, lässt sich nicht entscheiden. Zweitens die Nachbarschaft: Die Veliocassen stehen hier in einer Zeile mit den Lexoviern und den Aulerci Eburovices, also mit genau den beiden Völkern jenseits der Seine, mit denen sie auch numismatisch eine Einheit bilden. Caesars Kanzleiliste bestätigt, was die Münzen nahelegen: An der unteren Seine gehörten diese drei zusammen.

51 v. Chr.: der letzte Aufstand mit Correus und Commius

Ein Jahr nach Alesia flackert der Krieg im Norden noch einmal auf. Die Bellovaker erheben sich unter Correus, an ihrer Seite Commius, der Atrebate, der einst Caesars Vertrauensmann in Britannien gewesen war und nun zu seinem hartnäckigsten Gegner geworden ist. Hirtius, der das achte Buch des Gallischen Krieges nach Caesars Tod nachtrug, berichtet, was römische Reiter aus Gefangenen herausbekamen: Alle waffenfähigen Bellovaker hätten sich an einem einzigen Ort gesammelt, itemque Ambianos, Aulercos, Caletos, Veliocasses, Atrebates - „und ebenso die Ambianer, Aulercer, Caleten, Veliocassen und Atrebaten". Das Lager lag auf einer Anhöhe in einem von Sumpf umgebenen Wald, der Tross war in entlegenere Wälder gebracht.

Der Feldzug endet mit einem Hinterhalt, der schiefgeht: Correus fällt, Commius flieht zu den Germanen, die übrigen unterwerfen sich und schieben die Verantwortung auf den Toten. Für die Veliocassen ist es der letzte Auftritt als selbständige Kriegspartei. Von da an erscheinen sie nur noch als Verwaltungsgröße.

Und davor? Kimbern, Teutonen und ein Landstrich an der Seine

Es gibt eine noch ältere Erwähnung, die allerdings mit Vorsicht zu genießen ist. Die Periochae, spätantike Inhaltsangaben zu Livius' verlorenem Geschichtswerk, notieren zum Kimbernzug: Die Kimbern seien, nachdem die Keltiberer sie aus Spanien vertrieben hatten, nach Gallien zurückgekehrt und hätten sich in Vellocassis mit den Teutonen vereinigt - also im Gebiet der Veliocassen, um 103 v. Chr.

Das ist ein starker Satz, und er wird gern zitiert. Man muss ihn aber richtig einordnen: Die Periochae sind kein Livius-Text, sondern eine viel spätere Kurzfassung, und sie nennen kein Datum und keinen Ort, nur den Volksnamen als Landschaftsangabe. Was der Satz belegt, ist nicht ein Treffen an der Seine, sondern dass der Name der Veliocassen in römischer Zeit als geographische Marke funktionierte. Für die Ereignisse selbst ist er ein sehr dünner Faden.

Wo lag der Hauptort vor Rom?

Und hier wird es unangenehm ehrlich: Caesar nennt für die Veliocassen keinen einzigen Ort. Kein oppidum, keine belagerte Stadt, nichts. Bei den Bellovakern kennt er Bratuspantium, bei den Suessionen Noviodunum - bei den Veliocassen schweigt er. Wer also von der „Hauptstadt der Veliocassen" vor der römischen Zeit spricht, spricht über eine Rekonstruktion.

Die Archäologie hat mehrere Kandidaten. Der größte ist der Sporn über der Seine bei Vernon beziehungsweise Vernonnet, im Volksmund „Camp de César" oder „Camp de Mortagne": rund 78 Hektar, ein Kalksporn mit hundert Metern Steilabfall, ein etwa ein Kilometer langer Abschnittswall. Grabungen zwischen 1993 und 1997 haben drei Bauphasen nachgewiesen - zuerst ein murus gallicus mit innerem Balkengerüst, dann zweimal eine Verstärkung nach der Art des sogenannten Fécamp-Typs, der als „belgischer Wall" gilt. Das Nordtor war monumental: eine 7,5 Meter breite Fahrbahn, ein 24 Meter langer Korridor zwischen vier Meter hohen Balkenmauern, darüber ein Torbau von rund 8,5 Metern Höhe. Im Torbereich fand sich reichlich Metall, darunter Schwertfragmente, Pfeilspitzen, Lanzenschuhe, Schildteile, Helm- und Kettenpanzerreste. Diese Kettenpanzerfragmente gehören zu den ältesten im keltischen Kontext bekannten.

Trotzdem ist Vernon vermutlich keine Stadt gewesen, sondern - wie viele nordgallische Großanlagen - Fluchtburg, Militärplatz und Handwerkszentrum, besonders für Waffen. Kleinere Anlagen liegen bei Port-Villez und Saint-Pierre-d'Autils. Als vorrömischer Hauptort wird in der Fachliteratur daneben das Camp de Calidou bei Caudebec-en-Caux genannt. Eine Entscheidung gibt es nicht. Was man über keltische Kriegerausrüstung aus diesem Gebiet weiß, verdankt man vor allem dem Torbefund von Vernon - nicht einer bekannten Hauptstadt.

Ratumacos: eine Stadt, die zuerst auf Münzen erscheint

Der Name Rouen taucht früher auf Geld auf als in einem Text. Den Veliocassen werden zahlreiche Prägungen zugeschrieben, darunter Bronzen mit der Legende RATVMACOS beziehungsweise RATVMACIA und eine große Serie im Namen SVTICOS oder SVTICCOS, oft mit Löwe, Reiter oder Zweigespann. Ratumacos ist die gallische Form dessen, was lateinisch Rotomagus heißt - Rouen. Das Bemerkenswerte ist der Zeitpunkt: Diese Münzen entstehen in der Zeit des Gallischen Krieges oder kurz davor, also bevor der Ort als römische Stadt existiert.

Dazu kommt ein Sonderfall, auf den Louis-Pol Delestrée hingewiesen hat: die Nennung des Volksnamens selbst auf der Münze, in der Form VELIOCAOI. In der Gallia Belgica ist das außergewöhnlich, im Nordwesten der Celtica dagegen üblich, gerade im eburovicisch-lexovischen Raum. Brigitte Fischer hat im Corpus der gallischen Münzlegenden festgehalten, wie auffällig es ist, dass ausgerechnet drei benachbarte Völker - Veliocassen, Aulerci Eburovices und Lexovier - ihren Namen aufs Geld setzten. Das passt exakt zu Caesars Alesia-Zeile und spricht für eine engere Verflechtung entlang der Seine, die in der Forschung als eine Art Münzallianz diskutiert wird.

Vorsicht ist bei den Zuweisungen selbst geboten. Die Einordnung gallischer Prägungen zu einzelnen Völkern beruht auf Fundverteilung, Stilvergleich und Legendendeutung, und sie ist in Bewegung: Serien, die im 19. Jahrhundert selbstverständlich den Caleten oder Ambianern gegeben wurden, stehen heute bei den Veliocassen - und umgekehrt. Eine Münze ist ein sicherer Fund, aber selten ein sicherer Ausweis.

Rotomagus: aus dem Namen wird eine Provinzhauptstadt

Unter Augustus wird aus dem Volk eine civitas Veliocassium, und ihr Vorort ist Rotomagus. Der Ort liegt strategisch günstig an der letzten gut passierbaren Seine-Querung vor der Mündung und wird zum Hafen: Im 2. Jahrhundert ist er ein wichtiger Umschlagplatz für den Verkehr nach Britannien. Über den Vexin führt eine römische Fernstraße Richtung Lutetia, deren Trasse man im Feld noch heute als schnurgerade Flucht von Wegen erkennt.

Mit der Reichsreform des ausgehenden 3. Jahrhunderts steigt Rotomagus weiter auf. Als die Gallia Lugdunensis geteilt wird, ist es Hauptort der Provinz Lugdunensis Secunda; die spätantike Städteliste der Notitia Galliarum führt es als metropolis civitas Rotomagensium. Damit verändert sich auch der Name der Bürgerschaft: Aus der civitas Veliocassium wird die civitas Rotomagensium - das Volk verschwindet hinter seiner Stadt. Aus der Provinzhauptstadt wird ein Bischofssitz und später ein Erzbistum, dessen Kirchenprovinz die alte Provinzgrenze weiterträgt. So überlebt eine antike Verwaltungsgliederung im Kirchenrecht des Mittelalters.

Ein Kaufmann aus Rouen in York

Wie weit die Leute aus dieser civitas kamen, zeigt kein Grabungsbefund so gut wie eine Handvoll Inschriften. Am Ufer der Oosterschelde, bei Colijnsplaat in Zeeland, stiftete ein Mann der Meeresgöttin Nehalennia einen Altar: Placidus Viduci filius, civis Veliocassinus, negotiator Britannicianus - Placidus, Sohn des Viducus, Bürger der Veliocassen, Britannienhändler. Er löste damit ein Gelübde ein, wie es Kaufleute vor der Überfahrt taten.

Derselbe Mann - oder sein unmittelbarer Verwandter - erscheint ein zweites Mal, weit im Norden: In York fand man 1976 eine Weihinschrift des Lucius Viducius Placidus, Viduci filius, domo civitate Veliocassium, ebenfalls negotiator, der einen Bogen und ein Tor stiftete. Die Inschrift ist über die Konsuln Gratus und Seleucus auf das Jahr 221 n. Chr. datiert. Damit lässt sich ein einzelner Händler aus dem Vexin von der Seine über die Scheldemündung bis nach Britannien verfolgen. Weitere Veliocassen sind in Lyon bezeugt, darunter Illiomarus Aper, ein Leinenhändler aus der civitas Veliocassium, der es unter den Utrikularen von Lugdunum zu Ansehen brachte und 85 Jahre alt wurde, sowie die junge Danfiola, civis Veliocassinia. Und in Rom selbst ehrte die civitas Veliocassium einen Patron mit einer Inschrift. Eine Randlandschaft war das Vexin nicht.

Was gesichert ist

Caesar, De bello Gallico II,4,9 nennt die Veliocassen im Belger-Katalog von 57 v. Chr. (Veliocasses et Viromanduos totidem, im Anschluss an die 10.000 der Caleten); VII,75,3 verzeichnet sie mit je 3.000 Mann neben Lexoviern und Aulerci Eburovices im Entsatzheer vor Alesia; Hirtius, VIII,7, nennt sie 51 v. Chr. im Aufgebot des Correus und Commius. Plinius, Naturalis historia 4,107, führt sie unter den Völkern der Lugdunensis; Ptolemaios, Geographia 2,8, nennt sie Οὐέλιοκάσιοι mit dem Ort Ratomagos; Orosius 6,7,14 schreibt Velocasses. Die Livius-Periochae 67 setzen die Vereinigung von Kimbern und Teutonen in Vellocassis. Epigraphisch gesichert sind die civitas Veliocassium und die civitas Rotomagensium, der Nehalennia-Altar des Placidus aus Colijnsplaat und die Weiheinschrift des Lucius Viducius Placidus aus York (RIB 3195, datiert 221 n. Chr.). Archäologisch gesichert ist der Sporn von Vernon/Vernonnet mit murus gallicus, zwei Wallverstärkungen vom Fécamp-Typ, monumentalem Nordtor und Waffenfunden einschließlich früher Kettenpanzerfragmente (Grabungen 1993-1997). Urkundlich gesichert ist der pagus Veliocassinus für 617.

Vom pagus Veliocassinus zum Vexin

Zwischen dem Ende der Antike und dem Hochmittelalter geschieht etwas, das man selten so klar beobachten kann: Ein Volksname wird zum Flurnamen. Die spätantike civitas zerfällt in fränkischer Zeit in pagi, und einer davon behält den alten Namen. 617 heißt er pagus Veliocassinus. Aus dem Volksnamen ist eine Adresse geworden - die Leute heißen nicht mehr Veliocassen, sie wohnen im Veliocassinus.

Die Grenzen dieses Gebiets folgen dabei erstaunlich zäh den alten Linien. Im Westen und Norden bleiben die Wasserscheiden und Waldhöhen wirksam, die schon die Grenze zu den Bellovakern markierten. Die Kirchenprovinz Rouen trägt die Umrisse der römischen Provinz weiter, und die Grafschaft Vexin sitzt darin wie in einem alten Rahmen.

Die Epte, 911 und die Nordmänner

Dann bekommt das Vexin eine Naht mitten hindurch - und hier trifft die keltische Vorgeschichte auf unser eigentliches Thema. Im Jahr 911 einigt sich der westfränkische König Karl der Einfältige mit dem Nordmannenführer Rollo. Das Ergebnis dieser Vereinbarung ist der Kern dessen, was später die Normandie wird. Seither unterscheidet man den Vexin normand westlich der Epte vom Vexin français östlich davon: eine Landschaft, ein Name, zwei Herrschaften.

Nur - und das ist die notwendige Bremse - der Vertragstext existiert nicht. Kein Diplom, keine zeitgenössische Urkunde, keine Grenzbeschreibung von 911. Alles, was wir über den Ort Saint-Clair-sur-Epte und über die Epte als Grenze zu wissen glauben, steht bei Dudo von Saint-Quentin, der rund ein Jahrhundert später schrieb und dessen Werk ein normannisches Herrscherlob ist, kein Aktenauszug. Dass um 911 eine Übereinkunft zustande kam, ist unstrittig; die schöne Formel vom Land zwischen Epte und Meer ist Dudos Deutung. Die Teilung des Vexin ist historisch real - aber sie ist über Jahrzehnte gewachsen und nicht an einem Tag auf einer Brücke gezogen worden. Wer die Wikinger an dieser Stelle als Erben der Veliocassen erzählt, erzählt eine hübsche Linie und sollte den Bruch dazwischen mitliefern: fast neunhundert Jahre.

Mythos-Check

Die zahlreichen „Camp de César" in Nordfrankreich sind neuzeitliche Volksbenennungen für vorrömische Wallanlagen - der Sporn von Vernon ist ein keltisches Oppidum und kein Lager Caesars. Ebenso trägt die „Chaussée Jules César" durch den Vexin ihren Namen nur traditionell: Es ist eine römische Fernstraße, angelegt Jahrzehnte nach Caesars Tod, archäologisch vom frühen 1. bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. genutzt. Die Megalithgräber des Vexin, die berühmten allées couvertes, sind neolithisch und damit rund drei Jahrtausende älter als die Veliocassen - mit Kelten haben sie nichts zu tun. Caesar nennt weder einen pagus Veliocassi noch überhaupt einen Ort dieses Volkes; die verbreitete Behauptung, er habe den Namen Vexin geprägt, ist falsch, der pagus Veliocassinus erscheint erst 617. Der vorrömische Hauptort ist ungeklärt - Vernon/Vernonnet und das Camp de Calidou bei Caudebec sind Kandidaten, keine Ergebnisse. Münzzuweisungen wanderten im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach zwischen Caleten, Veliocassen und Ambianern hin und her und sind bis heute in Bewegung. Und die Epte-Grenze von 911 steht ausschließlich bei Dudo von Saint-Quentin, rund hundert Jahre nach dem Ereignis.

Was von den Veliocassen bleibt

Ein Volk ohne bekannten Hauptort, ohne einen einzigen namentlich überlieferten Fürsten, ohne eine eigene Schlacht - und trotzdem eines der greifbarsten Beispiele dafür, wie Antike weiterlebt. Ihr Name steht auf Münzen, in römischen Provinzlisten, in einer fränkischen Urkunde von 617, auf modernen Ortsschildern. Ihr Land war zweimal Grenzland: erst zwischen Belgica und Celtica, dann zwischen fränkischem König und normannischem Herzog.

Ihre Religion kennen wir nur in Bruchstücken; was sich über keltischen Glauben in dieser Region sagen lässt, stammt fast durchweg aus römerzeitlichen Weihungen wie der des Placidus an Nehalennia - also aus einer Zeit, in der sich Einheimisches und Römisches längst durchdrungen hatten. Anders als bei den Arvernern gibt es hier keine große Erzählung, nur viele kleine, sehr konkrete Spuren: ein Tor, ein Wall, ein Kettenpanzerfragment, ein Altar in Zeeland, eine Inschrift in York.

Vielleicht ist genau das die interessantere Geschichte. Wir gravieren in unserer kleinen Familienmanufaktur in Alsdorf Zeichen, die alt aussehen sollen und es manchmal auch sind - und wir halten es für redlich, dazuzusagen, was belegt ist und was Deutung. Bei den Veliocassen kann man das üben: Der Name ist gesichert, seine Bedeutung nicht. Die Stadt ist gesichert, ihr Vorgänger nicht. Die Landschaft trägt das Volk bis heute, und der Rest ist Arbeit an den Quellen. Lasergravierte Zeichen halten lange - Ehrlichkeit über ihre Herkunft hält länger.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: keltische und nordische Motive auf Naturschiefer, lasergraviert - aus kleiner Familienmanufaktur in Alsdorf. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Die Eburovices · Die Bellovaker · Die Parisii · Die Atrebaten · Rollo von der Normandie.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Geschichte & Funde

Alle Geschichte & Funde-Artikel →

Die Vendelzeit – Prunkhelme, Bootgräber und die Kunst vor den Wikingern

Weiterlesen →

Die Veneter: Kelten gegen Roms Flotte

Weiterlesen →

Der Vindelev-Goldhort – die älteste Nennung Odins

Im Dezember 2020 piepte ein Metalldetektor in einem Acker bei Vindelev, nur wenige Kilometer von Jelling entfernt. Was …

Weiterlesen →

Die Vindeliker: Zwischen Alpen und Donau

Weiterlesen →