Es gibt Völker, die in die Weltliteratur eingehen, weil jemand etwas anderes beschreiben wollte. Die Anarten sind so ein Fall. Caesar erwähnt sie ein einziges Mal, und zwar nicht, weil sie ihn interessierten, sondern weil er die Ausdehnung des Herkynischen Waldes erklären musste: Der Wald reicht, sagt er, bis an die Grenzen der Daker und der Anarten. Ein ganzes Volk als Maßband. Von dort aus stellt sich die Frage, um die es in diesem Artikel eigentlich geht: Wie weit reichte die keltische Welt nach Osten, und woran erkennt man das überhaupt – an Namen, an Funden, oder erst an beidem zusammen? Die Anarten sind für diese Frage ein Glücksfall, denn bei ihnen liegen Schriftquelle und Grabungsbefund so weit auseinander, dass man dem Problem beim Arbeiten zusehen kann.

Die meisten antiken Völker treten in den Quellen auf, weil sie etwas getan haben: Sie kämpfen, sie verhandeln, sie zahlen Tribut, sie werden unterworfen. Die Anarten treten auf, weil ein Wald irgendwo aufhören muss. Caesar beschreibt im sechsten Buch des Gallischen Krieges den Herkynischen Wald – jenes riesige, halb geographische, halb mythische Waldgebiet, das für die Römer alles nördlich und östlich der Donau bedeutete – und er beschreibt es so, wie man ohne Karte beschreibt: über Nachbarn und über Reisetage.
Neun Tage brauche ein Unbelasteter für die Breite, schreibt er, und fügt trocken hinzu, anders lasse sich das nicht angeben, denn Maße für Wegstrecken kenne man dort nicht. Sechzig Tagesmärsche weit sei noch niemand bis an den Anfang gekommen. In diesem Rahmen fällt der Name, um den es hier geht.
Man sollte sich diese Konstruktion einen Moment lang bewusst machen. Wir wissen von den Anarten, weil ein römischer Feldherr einen Wald vermessen wollte, den er nie gesehen hatte, mit Angaben, die er vermutlich aus zweiter Hand hatte. Alles Weitere, was über sie gesagt wird, hängt an diesem einen Nebensatz und an ein paar späteren Zeilen.
Der Satz steht in Bellum Gallicum VI,25. Das ist wichtig, weil die Fachliteratur hier gelegentlich schwankt: Der Herkynien-Exkurs beginnt in VI,24 mit dem Hinweis, schon Eratosthenes habe von diesem Wald gehört, und manche Arbeiten zitieren den ganzen Abschnitt pauschal als VI,24. Die Anarten selbst stehen jedoch eindeutig im folgenden Kapitel.
Oritur ab Helvetiorum et Nemetum et Rauracorum finibus rectaque fluminis Danubi regione pertinet ad fines Dacorum et Anartium; hinc se flectit sinistrorsus diversis ab flumine regionibus multarumque gentium fines propter magnitudinem adtingit.
Caesar, Bellum Gallicum VI,25; eigene Übersetzung
Er beginnt am Gebiet der Helvetier, der Nemeter und der Rauraker, zieht in gerader Linie dem Lauf der Donau entlang und reicht bis an die Grenzen der Daker und der Anarten; von dort wendet er sich nach links, in Gegenden abseits des Flusses, und berührt wegen seiner Größe die Gebiete vieler Völker.
Der Wald beginnt also bei den Helvetiern, und er endet bei Dakern und Anarten. Zwischen diesen beiden Enden liegt der gesamte mitteleuropäische Raum, den Rom damals nicht kontrollierte. Die Anarten markieren in diesem Satz schlicht das östliche Ende der bekannten Welt.
Caesar sagt nicht, dass die Anarten Kelten seien. Er sagt nicht, wie sie leben, wie sie kämpfen, wen sie verehren, wie viele sie sind, ob sie einen König haben. Er sagt noch nicht einmal, wo genau sie sitzen – nur, dass der Wald bis an ihre Grenzen reicht und dass sie neben den Dakern genannt werden.
Das ist trotzdem nicht nichts. Zwei Dinge lassen sich aus der Formulierung vorsichtig ableiten. Erstens: Caesar unterscheidet Anarten und Daker. Er nennt sie nebeneinander, nicht als Teil voneinander. Das ist der Hauptgrund, warum die Forschung sie überhaupt als eigene Größe behandelt. Zweitens: Sie sitzen einander benachbart, sonst ergäbe die Doppelnennung als Grenzangabe keinen Sinn.
Alles andere – keltisch oder dakisch, Stamm oder Verband, groß oder klein – steht nicht da. Es ist Ergebnis von Schlussfolgerungen, die man Jahrhunderte später gezogen hat, und man tut gut daran, die Schlussfolgerungen nicht mit der Quelle zu verwechseln.
Wer die Fachliteratur durchblättert, stolpert über ein kleines Ärgernis: Mal heißt das Volk Anartes, mal Anarti, mal Anartii. Das ist kein Streit um Inhalte, sondern eine Folge davon, wie der Name überliefert ist. Caesar nennt ihn nur im Genitiv Plural, Anartium. Einen Nominativ gibt er nirgends.
Aus Anartium lässt sich grammatisch sowohl ein Nominativ Anartes wie auch Anarti zurückbilden, und beide Rekonstruktionen haben ihre Anhänger. Ptolemaios schreibt gut zwei Jahrhunderte später auf Griechisch Anartoi, in jüngeren Handschriften auch verschrieben als Enartoi, und das spricht eher für die zweite Variante. Die lateinischen Inschriften der Kaiserzeit verwenden ebenfalls Formen, die zu Anarti passen.
Man kann das für Haarspalterei halten. Es ist aber ein sauberes kleines Lehrstück: Selbst der Name dieses Volkes in seiner Grundform ist bereits eine moderne Rekonstruktion. Wir kennen ihn nur, wie ihn andere in einem bestimmten Fall gebeugt haben.
Der zweite große Beleg stammt aus der Geographia des Klaudios Ptolemaios, entstanden im zweiten Jahrhundert nach Christus. In seiner Beschreibung Dakiens, Geographia III,8,3, listet er die Völker der Provinz auf und beginnt im Norden. Dort stehen nebeneinander Anartoi, Teuriskoi und Koistobokoi – Anarten, Teurisker und Kostoboker.
Die Nachbarschaft ist aufschlussreich. Der Name der Teurisker klingt an jenen der Taurisker aus dem Ostalpenraum an, und die Kostoboker sind aus den Markomannenkriegen gut bekannt. Weil die Kostoboker eine Größe des zweiten Jahrhunderts sind, hat man daraus geschlossen, dass Ptolemaios hier eine zeitgenössische Quelle benutzte und nicht nur alte Listen abschrieb.
Ganz sicher ist das nicht. Ptolemaios ist ein Kompilator, der Angaben unterschiedlichen Alters in ein einheitliches Koordinatenraster presst. Seine Völkerketten wirken ordentlicher, als die Wirklichkeit war, und er hat auch Regionen, die den Griechen gut bekannt waren, mit erkennbaren Fehlern beschrieben. Wer ihn für das Barbarenland im Karpatenbogen liest, sollte das mitdenken.
Nun kommt die Stelle, an der es wirklich interessant wird. In einem völlig anderen Teil desselben Werkes, in der Beschreibung der europäischen Sarmatia, Geographia III,5,8, zählt Ptolemaios kleinere Völker auf, die nördlich der Karpaten sitzen. Dort erscheint ein Name, der aufhorchen lässt: Anartophraktoi, eingereiht zwischen Ombronen und Burgionen.
Seit dem 19. Jahrhundert streitet die Forschung darüber, was das bedeutet. Die eine Linie sieht darin eine abgespaltene Gruppe der Anarten, die über die Karpaten nach Norden gezogen sei – ins obere Dnjestr-Gebiet oder, in einer jüngeren polnischen Variante, an den oberen San. Die andere Linie hält den Namen schlicht für eine Dublette: dasselbe Volk, zweimal aufgeführt, weil Ptolemaios aus zwei Quellen schöpfte und es nicht bemerkte. Diese Deutung ist keineswegs neu und keineswegs randständig, sie reicht von Šafárik im Jahr 1842 über Kętrzyński 1901 bis zu Sorin Nemeti 2014.
Entscheidend ist ein Detail, das man leicht übersieht: Ptolemaios nennt Anarten und Anartophrakten in verschiedenen Büchern und sagt mit keinem Wort, ob und wie sie zusammenhängen. Die ganze Verbindung ist eine Leistung der Neuzeit.
Der schärfste Einwand gegen die romantische Lesart einer keltischen Wanderung über die Karpaten kommt aus der Sprachbeobachtung. Ptolemaios schreibt Griechisch. Der zweite Bestandteil von Anartophraktoi aber, fracti im Sinne von gebrochen oder abgesprengt, ist ein lateinisches Wort. Der Name ist also ein griechisch-lateinischer Zwitter.
Daraus folgt ein handfestes Datum. Eine solche Mischform entsteht nicht in griechischer Überlieferung, sondern dort, wo römische Informanten und lateinische Vorlagen im Spiel sind. Römisches Interesse an Dakien setzt aber erst in der zweiten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts ein, als Burebista das Donauland umkrempelt. Der Name Anartophraktoi kann demnach nicht älter sein.
Das zerschlägt eine beliebte Argumentationskette. Wer die Anartophrakten mit keltischen Siedlungen des dritten oder zweiten Jahrhunderts vor Christus gleichsetzt, muss annehmen, Ptolemaios habe hier eine uralte Nachricht weitergereicht. Genau das schließt die Sprachform aus.
Bei einem so dünn belegten Volk ist die Liste der Autoren, die es nicht erwähnen, fast ebenso aussagekräftig wie die Liste derer, die es tun. Weder Strabon noch Plinius der Ältere nennen die Anarten. Auch Tacitus, der in der Germania die Völker des Karpatenvorlandes durchaus im Blick hat und dort Cotiner und Oser behandelt, schweigt über sie.
Das ist kein Zufall der Überlieferung, sondern ein Hinweis auf die Größenordnung. Wir reden nicht von einer Macht, die in Rom Sorgen bereitete, sondern von einer regionalen Größe am Rand des Wahrnehmungsfeldes. Dieselbe Randlage teilen sie mit anderen Karpatenvölkern, etwa den Marsignern, die bei Tacitus genau einmal in einer Aufzählung auftauchen und danach nie wieder.
Wer über antike Völker schreibt, muss diese Asymmetrie mitdenken. Sichtbarkeit in den Quellen misst römische Aufmerksamkeit, nicht Bedeutung vor Ort.
Und dann passiert etwas Unerwartetes. Man würde vermuten, dass sich die Spur nach Ptolemaios verliert. Das Gegenteil ist der Fall: Es gibt lateinische Inschriften, die den Namen nennen, und sie reichen vom Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts bis in die vierziger Jahre des dritten nachchristlichen.
Die früheste ist das sogenannte Elogium von Tusculum, um 19 bis 10 vor Christus. Der fragmentarische Text rühmt einen Statthalter Illyricums, der über die Donau zog; vom Namen ist kaum mehr als eine Endung erhalten, meist ergänzt man Marcus Vinicius. Aufgezählt werden dort Anarten, Bastarner und Daker sowie Cotiner und Oser. Es folgen ein Grabstein aus Aquincum, ein Meilenstein aus Siebenbürgen von 236 und ein Altar aus Budaörs in Ungarn von 247 bis 249, der einen vicus Anartorum nennt.
Nicht alle Lesungen sind sicher. Beim Meilenstein aus Almașu Mare ist das entscheidende Wort beschädigt; Ioan Piso und Dan Deac schlagen statt vico An[artorum] eine ganz andere Ergänzung vor. Der Altar von Budaörs dagegen gilt als eindeutig.
Unter all diesen Zeugnissen ist eines von anderer Art. Ein Grabstein aus Aquincum, dem römischen Vorgänger von Budapest, nennt eine Frau: Iulia Utta Florina, Tochter des Eppo, ihrer Herkunft nach eine Anartin, gestorben im Alter von fünfundachtzig Jahren. Sie ist der einzige Mensch aus diesem Volk, dessen Name uns überliefert ist.
Der Stein erzählt in drei Wörtern eine ganze Biographie. Eppo und Utta gelten als keltische Namen – sie sind eines der Hauptargumente dafür, die Anarten überhaupt für Kelten zu halten. Iulia dagegen ist römisch. In einer einzigen Generation liegt der ganze Weg von der Herkunftsbezeichnung zum römischen Bürgernamen. Man sollte daraus trotzdem nicht zu viel machen: Eine Person belegt eine Person, keine Gemeinde.
Das gilt erst recht für den vicus Anartorum. Vicus bezeichnet im römischen Sprachgebrauch eine ländliche Siedlung, ein Dorf; für eine größere Verwaltungseinheit hätte man civitas gesagt. Ein Dorf der Anarten ist also genau das: ein Dorf, in dem Leute wohnten, die man so nannte. Bemerkenswert ist dabei die Geographie. Keine der Inschriften stammt aus dem nördlichen Dakien, wo man die Anarten gemeinhin ansiedelt; sie kommen aus Pannonien und aus dem Inneren Siebenbürgens. Die naheliegende Erklärung sind umgesiedelte oder zugewanderte Gruppen, die ihre Herkunftsbezeichnung mitnahmen, wie es in der römischen Grenzpolitik regelmäßig vorkam.
Damit kehrt sich das Bild um. Die Anarten verschwinden nicht nach Ptolemaios. Sie erscheinen im Gegenteil erst in römischer Zeit mit Namen und Ort – nur eben nicht dort, wo Caesar sie vermuten ließ, und nicht mehr als eigenständige Größe, sondern als Bevölkerungsgruppe innerhalb des Reiches.
Die Frage nach dem Siedlungsgebiet hat eine hübsche Pointe. Der Barrington Atlas, das maßgebliche Kartenwerk zur antiken Welt, verzeichnet die Anarten gar nicht mit einem Gebiet. Sie bleiben unlokalisiert.
Die Vorschläge der Forschung gehen entsprechend auseinander. Ioana Bogdan-Cătăniciu verwarf eine ältere Ansetzung um Satu Mare und nahm den Criș als Südgrenze an. Gábor Vékony setzte sie zwischen Mureș und Someș. Venceslas Kruta verortete sie im Bergland nordöstlich der Donau, an der heutigen slowakisch-ungarischen Grenze. Marek Olędzki plädierte für das obere Theißbecken.
Das Ergebnis dieser Debatte ist bescheiden, aber ehrlich: Man kann das Volk grob dem Raum zwischen Nordwestrumänien, Ostslowakei und dem angrenzenden Ungarn zuweisen, und mehr gibt die Überlieferung nicht her. Jede schärfere Grenze auf einer modernen Karte ist gezeichnet, nicht überliefert.
Archäologisch ist das obere Theißgebiet alles andere als leer. Im Gegenteil: Hier liegt einer der interessantesten Kontaktbereiche der späten Latènezeit. Zwei Fundplätze stehen dafür stellvertretend.
Zemplín in der Ostslowakei entwickelte sich von einer offenen Siedlung zu einer befestigten Anlage vom sogenannten Zemplín-Typ und weiter zu einem Platz mit römerzeitlicher Bebauung. Die Fundstoffe sind gemischt keltisch und dakisch; das zugehörige Gräberfeld gehört zu den wichtigsten Quellen der Region. Galish-Lovachka bei Mukatschewo in der Karpato-Ukraine wiederum war ein ausgedehnter Siedlungsplatz mit auffallend viel Eisenverarbeitung: In gut zwei Dutzend eingetieften Hütten fand sich rund tausendteiliges Material, darunter Schwerter, Krummesser, Lanzenspitzen, Kettengürtel und über dreißig keltische Münzen nach makedonischem Vorbild.
Diese Plätze zeigen, was die Schriftquellen verschweigen: ein hoch spezialisiertes Handwerk, überregionale Kontakte, eine Bevölkerung, die keltische Formen benutzte und zugleich dakische aufnahm. Sie zeigen nur eines nicht – wie diese Leute sich nannten.
Genau hier liegt der methodische Kern. Die Gleichung lautet in vielen populären Darstellungen: Caesar und Ptolemaios setzen die Anarten ins obere Theißgebiet, im oberen Theißgebiet liegen keltisch geprägte Siedlungen, also sind das Anartensiedlungen. Der Schluss ist bequem und falsch, jedenfalls als Beweis.
Denn er verknüpft zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben müssen: eine Sachkultur und einen Namen. Archäologische Kulturen sind Verbreitungsmuster von Formen und Techniken. Sie folgen Handelswegen, Werkstatttraditionen und Moden. Ethnische Selbstbezeichnungen folgen Verwandtschaft, Politik und Erzählung. Dass beides zusammenfällt, kommt vor, ist aber kein Naturgesetz – Sebastian Brather hat die ethnische Deutung archäologischer Kulturen aus guten Gründen grundsätzlich in Frage gestellt.
Symptomatisch ist, wie die Fachliteratur selbst formuliert. Wenn die Aufgabe von Galish-Lovachka am Übergang zur Spätlatènezeit diskutiert wird, steht dort ein Konflikt zwischen einheimischen Kelten und Fremden – und hinter dem Wort Kelten ein Fragezeichen in Klammern. Diese Klammer ist der ehrlichste Teil des Satzes.
Ein verbreiteter Kurzschluss betrifft die Púchov-Kultur. Sie wird gelegentlich den Anarten zugeschrieben, gelegentlich auch beiden gemeinsam. Der Befund spricht dagegen: Ihr Kerngebiet liegt in der Nord- und Mittelslowakei, im Waagtal und in Liptov und Orava, und die klassische Zuweisung lautet auf die Cotiner, die Tacitus im Karpatenvorland kennt und deren Eisenproduktion er eigens erwähnt.
Zemplín liegt dagegen ganz im Osten der Slowakei, mehrere hundert Kilometer entfernt und in einem anderen Fundmilieu. Die beiden Räume in eine einzige Zuweisung zu werfen, verwischt genau die Unterschiede, auf die es ankommt.
Und auch die Cotiner-Zuweisung ist eine Deutung, keine Urkunde. Sie ist nur eine besser begründete als die Alternative. Das ist in diesem Feld schon viel.
Um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts ändert sich im Karpatenbecken alles. Der dakische König Burebista greift nach Westen aus. Strabon berichtet in Geographika VII,3,11, er habe die mit Thrakern und Illyriern vermischten Kelten verheert und die Boier unter Kritasiros samt den Tauriskern vollständig zum Verschwinden gebracht.
Die Anarten kommen in dieser Nachricht nicht vor. Das ist wichtig genug, um es auszusprechen, denn in Übersichtsdarstellungen liest man häufig, Burebista habe die Kelten des Karpatenbeckens unterworfen, und die Anarten werden dann stillschweigend mitgezählt. Namentlich genannt sind nur Boier und Taurisker.
Man darf vermuten, dass ein Volk am Nordwestrand Dakiens von dieser Machtverschiebung betroffen war. Vermuten ist aber das richtige Wort. Und es passt zu einer Beobachtung, die sich durch die ganze Überlieferung zieht: Die Anarten stehen immer neben den Dakern, nie gegen sie.
Wie offen die Lage ist, zeigt am besten eine Gegenüberstellung zweier aktueller Positionen, die kaum weiter auseinanderliegen könnten.
Alexander Falileyev identifiziert die Anarten mit der Latène-Bevölkerung, die etwa ab 340 bis 320 vor Christus im oberen Theißgebiet fassbar wird und um 170 vor Christus aus dem Fundbild verschwindet. Da er keine Anzeichen dafür findet, dass sie vor Ort aufgingen, deutet er das Verschwinden als Abwanderung – möglicherweise nach Osten, wo im dritten Jahrhundert keltischsprachige Gruppen am Dnjestr auftauchen und keltische Verbände die griechische Kolonie Olbia bedrängen.
Tomasz Bochnak kommt zum genauen Gegenteil. Für ihn gibt es keinerlei Grundlage, die Anarten mit den Latène-Horizonten des dritten oder zweiten Jahrhunderts zu verbinden. Sämtliche Schriftzeugnisse datieren zwischen die Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus und die vierziger Jahre des dritten Jahrhunderts nach Christus. Wer sie früher ansetzt, projiziert zurück. Beide Forscher lesen dieselben Quellen. Sie kommen zu Völkern, die um vierhundert Jahre auseinanderliegen.
Bleibt die Frage nach der Zugehörigkeit. Für keltisch spricht vor allem der Name, den seit Wilhelm Tomaschek viele für keltisch halten; Alexander Falileyev erwägt eine Suffixbildung oder eine Zusammensetzung mit gallisch artos, dem Wort für Bär. Dazu kommen die keltischen Personennamen Eppo und Utta auf dem Stein aus Aquincum und Caesars Trennung von den Dakern.
Dagegen steht die Vorsicht der Namenkundler. Patrick Sims-Williams hält die keltische Zuordnung des Namens für unsicher, gelegentlich wurde er auch iranisch oder dakisch gedeutet. Und selbst wenn er keltisch ist, folgt daraus wenig: Ein Volksname kann aus der Nachbarsprache stammen, und er kann eine Fremdbezeichnung sein.
Die heute wohl tragfähigste Formulierung lautet deshalb ungefähr so: ein Verband keltischer Tradition, der im ersten vorchristlichen Jahrhundert unter wachsenden dakischen Einfluss geriet und dessen Nachfahren im Imperium romanisiert wurden. Das ist weniger griffig als ein Etikett, aber es hält der Quellenlage stand. Wer mehr über die Lebenswelt dahinter wissen will, findet sie ohnehin eher in der Sachkultur als in den Völkernamen selbst.
Damit lässt sich die Ausgangsfrage endlich beantworten, wenn auch anders als erwartet. Die Anarten sind nicht der östlichste Keltenname der Antike. Diesen Rang halten die Galater in Kleinasien, die rund tausend Kilometer weiter östlich saßen. Die Anarten markieren etwas anderes, und etwas Genaueres: das östliche Ende jener zusammenhängenden mitteleuropäischen Zone, die ein römischer Beobachter in einem Zug durchmessen konnte.
Vom Oberrhein bis ans obere Theißgebiet, das ist die Strecke, die Caesars Satz aufspannt. An ihrem westlichen Ende stehen Helvetier, Nemeter und Rauraker, am östlichen Anarten und Daker. Alles dazwischen war für Rom ein einziger Wald mit vielen Völkern darin. Die Galater dagegen sind ein weit entferntes Ergebnis von Wanderung, kein Nachbar mehr.
Und die Antwort auf das Woran erkennt man das lautet: an beidem, aber nie an einem allein. Die Namen sagen uns, dass die Alten hier eine Grenze sahen. Die Funde sagen uns, dass in diesem Raum keltische Technik, dakische Keramik und römische Münzen nebeneinander lagen. Beides zusammen ergibt kein Volk mit Grenzen, sondern eine Zone, in der sich Sprachen, Werkstätten und Loyalitäten überlagerten.
Vielleicht ist es das, was die Anarten uns voraushaben. Wir zeichnen gern scharfe Linien in alte Landschaften. Caesar, der es nicht besser wusste, war ehrlicher: neun Tage breit, sechzig Tage weit, und am Ende wohnen Leute, deren Namen er kennt und sonst nichts.

Die Boier · Die Tauriker (Taurisci) · Die Skordisker · Die Galater · Die Cotiner & Oser · Die Marsigner · Die keltischen Krieger.
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