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Bilsenkraut: die giftige Pflanze im Grab einer Wikingerfrau

Feste & Glaube Bilsenkraut: die giftige Pflanze im Grab einer Wikingerfrau

In einer Ringburg des dänischen Königs Harald Blauzahn liegt eine Frau, reich ausgestattet, mit einem Eisenstab und einer Tasche voller Bilsenkraut-Samen. Kaum ein anderer Fund verknüpft die Wikingerzeit so unmittelbar mit einer hochgiftigen Pflanze. Wir trennen sauber, was die Archäologie belegt, von dem, was populäre Erzählungen daraus gemacht haben.

Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), Tafel aus Köhlers Medizinal-Pflanzen.
Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), Tafel aus Köhlers Medizinal-Pflanzen. Franz Eugen Köhler, gemeinfrei (Wikimedia Commons).

Eine giftige Schönheit am Wegrand

Das Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) ist ein unscheinbares, klebrig behaartes Kraut aus der Familie der Nachtschattengewächse, verwandt mit Tollkirsche, Stechapfel und Alraune. Es wuchs und wächst auf gestörtem Boden: an Wegraendern, auf Schutt, an Hoffesten und Wallgräben – also genau dort, wo Menschen siedelten. Seine trichterförmigen Blüten sind schmutzig gelb mit dunklem, netzartigem Adernwerk und violettem Schlund; die Samenkapseln öffnen sich mit einem Deckelchen und geben unzählige winzige, grubig gemusterte Samen frei. Genau diese Samen sind es, die sich in archäologischen Erdproben besonders gut erhalten und identifizieren lassen.

Für die Menschen der Wikingerzeit war das Bilsenkraut kein Fremdling. Es gehörte zur Begleitflora ihrer Dörfer, es ließ sich sammeln, trocknen und aufbewahren. Und es war, das muss am Anfang stehen, in jeder Faser hochgiftig – nicht ein Kraut für den Kochtopf, sondern eine Pflanze, mit der man wusste umzugehen oder besser nicht umging.

Der deutsche Name selbst trägt diese Ambivalenz in sich. Er ist alt und begegnet in vielen Sprachen des germanischen Raumes; sein genauer Ursprung ist umstritten, doch schon frühe Wortformen verbinden die Pflanze mit Betäubung und Traum. Wo ein Kraut über Jahrhunderte einen eigenen, weitverbreiteten Namen behält, ist das ein Zeichen: Die Menschen kannten es, unterschieden es genau von harmlosen Nachbarn und wussten um seine Kraft. Bilsenkraut war also keine vergessene Randerscheinung, sondern fester Teil eines geteilten Pflanzenwissens.

Gift in jeder Faser: die Tropanalkaloide

Die Wirkung des Bilsenkrauts geht auf sogenannte Tropanalkaloide zurück, vor allem Hyoscyamin und Scopolamin (dazu in geringerer Menge Atropin). Diese Stoffe blockieren im Nervensystem die Wirkung des Botenstoffs Acetylcholin. Die Folge sind bei Vergiftungen trockene Haut und Schleimhäute, weite, lichtstarre Pupillen, rasender Puls, Verwirrtheit, Halluzinationen und ein Delirium, das den Bezug zur Wirklichkeit völlig auflösen kann. Höhere Mengen führen zu Krämpfen, Atemlähmung und Tod. Die alte Merkregel der Notfallmedizin – heiß wie ein Hase, rot wie eine Rübe, trocken wie ein Knochen, blind wie eine Fledermaus, verrückt wie ein Hutmacher – beschreibt genau dieses Vergiftungsbild.

Entscheidend ist: Es gibt bei solchen Pflanzen keine verlässliche Grenze zwischen einer Wirkung und einer tödlichen Dosis, weil der Alkaloidgehalt je nach Pflanze, Standort und Jahreszeit stark schwankt. Das ist kein Detail am Rande, sondern der Grund, warum jede Vorstellung eines routinemäßigen, gezielten Gebrauchs mit großer Vorsicht zu behandeln ist. Wir beschreiben hier Geschichte und Archäologie – ausdrücklich keine Anleitung.

Das Grab 4 von Fyrkat

Fyrkat bei Hobro in Nordjütland ist eine der geometrisch perfekten Ringburgen, die um 980 unter Harald Blauzahn errichtet wurden. Außerhalb der Wallanlage lag ein Gräberfeld, und in ihm eines der berühmtesten Frauengräber der Wikingerzeit: Grab 4. Die Tote war in den Kasten eines Wagens gebettet worden – eine Bestattungsform, die hoher Rang und Bedeutung anzeigt. Ihre Ausstattung hebt sie deutlich aus der Menge heraus.

Bei ihr fanden sich unter anderem zwei silberne Zehenringe (eine im Norden ausgesprochen ungewöhnliche Sitte), ein Kleid mit Goldfäden, Anhänger und Amulette, Trinkhornbeschlaege, eine importierte Bronzeschale aus Zentralasien und ein langer Eisenstab mit Bronzebeschlägen. Gerade dieser Stab hat der Toten in der Forschung den Beinamen einer Zauberkundigen eingetragen, denn das altnordische Wort für die Seherin, völva, bedeutet wörtlich Stabträgerin. Neil Price hat das Grab in seiner Studie zum seidr als eines der Schlüsselbeispiele für die materielle Welt der nordischen Ritualspezialistinnen herangezogen.

Was in der Tasche lag

Der für uns entscheidende Fund ist unscheinbar: An oder nahe dem Gürtel der Frau lag eine kleine Tasche, und in ihr befanden sich hunderte Samen des Schwarzen Bilsenkrauts. Das ist kein Zufallseintrag aus der umgebenden Erde. Eine bewusst gesammelte, aufbewahrte Menge einer hochgiftigen Pflanze, verwahrt am Körper einer besonders ausgestatteten Frau, ist ein starker Beleg dafür, dass diese Pflanze für sie Bedeutung hatte.

Welche Bedeutung – das ist die entscheidende, offene Frage. Der Fund beweist Besitz und Wertschätzung. Er beweist nicht, auf welche Weise das Kraut verwendet wurde, ob geräuchert, in Getränken, als Salbe, als Amulett oder gar nicht im Sinne einer Einnahme, sondern als bedeutungstragender Gegenstand. Genau an dieser Stelle beginnt die Grenze zwischen Befund und Deutung, und wer sie verwischt, erzählt eine Geschichte, die der Boden nicht hergibt.

Beleg: Im reich ausgestatteten Wagengrab 4 von Fyrkat (Dänemark, spätes 10. Jahrhundert) fand sich am Gürtel der bestatteten Frau eine Tasche mit hunderten Samen des Schwarzen Bilsenkrauts (Hyoscyamus niger). Der Fund ist publiziert (Roesdahl) und gilt als eines der klarsten archäologischen Zeugnisse für die Bedeutung dieser Pflanze in der Wikingerzeit. Gesichert ist damit der bewusste Besitz einer hochgiftigen Pflanze durch eine hochrangige Frau – nicht mehr und nicht weniger.

Bilsenkraut in Haus und Feld

Fyrkat ist der spektakulärste, aber nicht der einzige Beleg. Bilsenkraut-Samen tauchen an verschiedenen wikingerzeitlichen und frühmittelalterlichen Fundplätzen in Siedlungsschichten auf, etwa in Vorratsgruben, Abfallschichten und Bruennen. Das ist zunächst wenig überraschend: Die Pflanze ist ein typischer Kulturfolger und wuchs von selbst am Rand der Höfe. Ein Samen in einer Kulturschicht sagt für sich genommen nur, dass die Pflanze in der Nähe wuchs.

Aufschlussreich wird es dort, wo sich Samen konzentriert und in einem Zusammenhang finden, der auf Sammeln und Verwahren hindeutet – wie eben in der Tasche von Fyrkat. Die botanische Forschung unterscheidet deshalb sorgfältig zwischen dem zufälligen Vorkommen einer Wildpflanze und Hinweisen auf ihre bewusste Nutzung. Für das Bilsenkraut gibt es beides: viel unauffällige Begleitflora und wenige, dafür umso bedeutsamere Konzentrationen.

Wie ein Samen zum Fund wird

Dass wir überhaupt von Bilsenkraut in einem tausend Jahre alten Grab sprechen können, verdanken wir der Archaeobotanik. Pflanzenreste erhalten sich nur unter besonderen Bedingungen: verkohlt durch Feuer, dauerhaft feucht in Mooren und Bruennen, oder mineralisiert. Die harten, dicht gemusterten Samen des Bilsenkrauts gehören zu den bestimmbarsten Resten überhaupt – ein Fachmensch erkennt die Art unter dem Mikroskop an der Oberflächenstruktur der Samenschale. Deshalb ist das Bilsenkraut in der Fundliteratur so präsent: nicht unbedingt, weil es häufiger war als andere Kräuter, sondern weil es sich so gut erhält und so eindeutig ansprechen lässt.

Diese Quellenlage hat eine Kehrseite, die man mitdenken muss. Gut erhaltene, auffällige Samen verzerren das Bild: Pflanzen mit weichen Blütenblättern, Wurzeln oder Blättern hinterlassen kaum Spuren und fehlen in der Statistik fast völlig. Was wir aus dem Boden lesen, ist also ein gefiltertes Bild – reich an haltbaren Samen, arm an allem, was schnell vergeht. Bei Fyrkat kommt der Glückfall hinzu, dass die Samen nicht verstreut, sondern gebündelt in einer Tasche lagen. Erst dieser Kontext macht aus botanischem Rauschen ein deutbares Zeugnis.

Bier, Grut und ein zähes Gerücht

Ein besonders langlebiges Motiv verbindet das Bilsenkraut mit dem Bier. Vor der Durchsetzung des Hopfens wurde Bier mit Kräutermischungen gewürzt, dem sogenannten Grut oder Gruit – typischerweise Gagel (Sumpfporst), Schafgarbe, Wildrosmarin und ähnliche Pflanzen. Immer wieder wird behauptet, auch Bilsenkraut habe zu diesen Braukraeutern gehört, teils untermauert mit der Namensähnlichkeit zwischen Bilsenkraut und der Bierstadt Pilsen.

Diese Herleitung ist unsicher und wird fachlich bestritten. Die Namensverbindung zu Pilsen gilt als volksetymologische Spielerei ohne tragfähigen Beleg, und dass Brauer regelmäßig eine derart unberechenbar dosierbare, tödliche Pflanze in ein Alltagsgetränk gegeben hätten, ist mehr populäre Erzählung als gesichertes Wissen. Belegt ist die Grut-Brauerei mit ungefährlichen Kräutern; das Bilsenkraut-Bier bleibt eine Randbehauptung, die man kennen, aber nicht als Tatsache weitergeben sollte.

Seidr, Trance und die Grenze des Wissbaren

Der Zusammenhang, der Fyrkat so faszinierend macht, ist der zwischen der Pflanze und dem seidr – jener nordischen Ritualpraxis der Weissagung und Beeinflussung, die vor allem Frauen, den voelur, zugeschrieben wurde. Die schriftlichen Quellen (etwa die berühmte Sitzung einer Seherin in der Erik-des-Roten-Saga) beschreiben Trance, Gesang und veränderte Bewusstseinszustände, nennen aber keine konkreten Pflanzen.

Es liegt nahe, den Eisenstab, die reiche Ausstattung und die Bilsenkraut-Tasche von Fyrkat zusammenzudenken und darin die Ausrüstung einer Ritualspezialistin zu sehen, für die eine bewusstseinsverändernde Pflanze plausibel erscheint. Naheliegend ist aber nicht dasselbe wie belegt. Dass die Frau das Kraut in Ritualen einnahm, ist eine gut begründete Vermutung – kein Beweis. Die Samen sagen: bedeutsam, verwahrt, wertgeschätzt. Sie sagen nicht: eingenommen, und schon gar nicht wie.

Der Berserker-Mythos

Kein Thema wird so gern mit Rauschpflanzen verknüpft wie die Berserker – jene Krieger, die in einer wilden, angstfreien Kampfwut, dem berserksgangr, gefochten haben sollen. Seit dem späten 18. Jahrhundert kursiert die Idee, ein Rauschmittel habe diesen Zustand ausgelöst. Der schwedische Theologe Samuel Ödmann schlug 1784 den Fliegenpilz (Amanita muscaria) vor; im 20. Jahrhundert wurde diese Vermutung populär weitergereicht. In jüngerer Zeit trat eine Variante hinzu, die statt des Pilzes das Bilsenkraut als Auslöser vorschlägt.

Beides ist Spekulation. Es gibt keine wikingerzeitliche Quelle, die Berserkern eine Pflanze oder einen Pilz zuschreibt. Die Fliegenpilz-These beruht auf einer nachträglichen Deutung des 18. Jahrhunderts, die Bilsenkraut-These ist noch jünger und ebenso unbewiesen. Hinzu kommt ein sachliches Problem: Das Delirium einer Tropanalkaloid-Vergiftung mit Verwirrtheit, Sehstoerungen und Bewegungsstörungen ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was ein Krieger im Kampf gebrauchen kann. Der berserksgangr lässt sich ebenso gut kulturell, psychisch und religiös erklären. Die Pflanze mag ins Bild passen – das Bild aber stammt aus späteren Jahrhunderten, nicht aus der Wikingerzeit.

Mythos-Check: Die Behauptung, Berserker hätten sich mit Fliegenpilz oder Bilsenkraut in Kampfrausch versetzt, ist nicht belegt. Sie geht auf eine Vermutung Samuel Oedmanns von 1784 (Fliegenpilz) zurück; die Bilsenkraut-Variante ist noch jünger. Keine zeitgenössische Quelle nennt eine solche Substanz. Und die Samen im Fyrkat-Grab beweisen den Besitz der Pflanze – nicht die Art ihres Gebrauchs. Auch die verbreiteten Deutungen als Bestandteil von Hexen-Flugsalben stammen aus der frühen Neuzeit (16.–17. Jahrhundert) und lassen sich nicht in die Wikingerzeit zurückprojizieren.

Von der Völva zur Hexensalbe

Ein großer Teil dessen, was heute über Bilsenkraut und Rausch erzählt wird, stammt gar nicht aus der Wikingerzeit, sondern aus der frühen Neuzeit. In den Hexenprozessen des 16. und 17. Jahrhunderts tauchen Berichte über Flugsalben auf, denen Nachtschattengewächse wie Bilsenkraut, Tollkirsche und Alraune zugeschrieben wurden. Diese Vorstellung – auf der Haut aufgetragen, versetze die Salbe in einen Flug- oder Reiserausch – ist eine Deutung ihrer Zeit, geprägt von daemonologischer Literatur und Gerichtsprotokollen unter Folter.

Es ist verführerisch, diese frühneuzeitliche Vorstellung rückwärts auf die nordische Seherin zu übertragen und aus der völva von Fyrkat eine Vorläuferin der Hexe zu machen. Doch dazwischen liegen Jahrhunderte, andere Quellen, andere Weltbilder. Die Verbindung ist eine Konstruktion des Rueckblicks, kein durchgehender Faden. Wer die Frau von Fyrkat verstehen will, sollte sie in ihrer eigenen Zeit lassen.

Heilkraut zwischen Nutzen und Gefahr

Neben aller Ritual- und Rauschdeutung hatte das Bilsenkraut eine nüchterne, praktische Seite: Es war über Jahrhunderte ein bekanntes Heilmittel. Schon die antiken Autoren beschreiben es als schmerzstillendes und schlafmachendes Kraut, das man mit großer Vorsicht anwenden müsse. Mittelalterliche Rezeptbücher führen Bilsenkraut gegen Zahnschmerzen, als Schlafmittel und äußerlich bei Schmerzen – stets im Bewusstsein, dass die Grenze zur Vergiftung nah war. Dieselben Stoffe, die im Übermaß töten, können in winziger Menge Schmerz und Krampf dämpfen; das ist das alte, gefährliche Doppelgesicht vieler Giftpflanzen.

Für die Wikingerzeit selbst fehlen uns schriftliche Rezepte – die nordischen Quellen schweigen zu konkreter Pflanzenheilkunde weitgehend. Es ist aber nicht abwegig, dass eine Frau von Rang und Wissen um solche Pflanzen auch deren heilende und schmerzstillende Seite kannte. Damit verschiebt sich das Bild von Fyrkat: weg vom bloß Düsteren, hin zu einer Frau, die über gefährliches, doppeldeutiges Wissen verfügte – Wissen, das Heilung wie Schaden bedeuten konnte und das genau deshalb Ansehen verlieh.

Das Bilsenkraut ist von wein-artiger Natur und darum dem Verstand feind; es verwirrt den Kopf und stoert den Sinn. Man soll es unter die Arzneien nur mit Bedacht rechnen, denn seine Kraft ist gefährlich.nach Plinius der Ältere, Naturalis historia, Buch 25 (gemeinfrei, sinngemaess übertragen)

Was die Samen wirklich beweisen

Ziehen wir die Linie sauber. Belegt ist: Bilsenkraut war den Menschen der Wikingerzeit vertraut, es wuchs an ihren Höfen, und in mindestens einem herausragenden Grab – dem der Frau von Fyrkat – wurde es bewusst gesammelt, aufbewahrt und am Körper mit ins Jenseits gegeben. Zusammen mit dem Eisenstab und der aufwendigen Ausstattung ergibt das ein starkes Bild von einer Frau von Rang, für die diese Pflanze eine besondere Bedeutung besaß.

Nicht belegt ist alles, was über diesen Kern hinausgeht: die konkrete Art des Gebrauchs, ein Bilsenkraut-Bier, ein Berserker-Rausch, eine ununterbrochene Linie zur frühneuzeitlichen Hexe. Das ist keine Schwäche der Geschichte, sondern ihre Ehrlichkeit. Die Frau von Fyrkat bleibt eine der eindrucksvollsten Gestalten der Wikingerzeit gerade deshalb, weil wir nicht alles über sie wissen. Der Boden hat uns eine Tasche voller Samen überliefert – und die Klugheit, sie nicht mit unseren eigenen Erzählungen zu überschreiben.

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