In einer Ringburg des daenischen Koenigs Harald Blauzahn liegt eine Frau, reich ausgestattet, mit einem Eisenstab und einer Tasche voller Bilsenkraut-Samen. Kaum ein anderer Fund verknuepft die Wikingerzeit so unmittelbar mit einer hochgiftigen Pflanze. Wir trennen sauber, was die Archaeologie belegt, von dem, was populaere Erzaehlungen daraus gemacht haben.

Das Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) ist ein unscheinbares, klebrig behaartes Kraut aus der Familie der Nachtschattengewaechse, verwandt mit Tollkirsche, Stechapfel und Alraune. Es wuchs und waechst auf gestoertem Boden: an Wegraendern, auf Schutt, an Hoffesten und Wallgraeben – also genau dort, wo Menschen siedelten. Seine trichterfoermigen Blueten sind schmutzig gelb mit dunklem, netzartigem Adernwerk und violettem Schlund; die Samenkapseln oeffnen sich mit einem Deckelchen und geben unzaehlige winzige, grubig gemusterte Samen frei. Genau diese Samen sind es, die sich in archaeologischen Erdproben besonders gut erhalten und identifizieren lassen.
Fuer die Menschen der Wikingerzeit war das Bilsenkraut kein Fremdling. Es gehoerte zur Begleitflora ihrer Doerfer, es liess sich sammeln, trocknen und aufbewahren. Und es war, das muss am Anfang stehen, in jeder Faser hochgiftig – nicht ein Kraut fuer den Kochtopf, sondern eine Pflanze, mit der man wusste umzugehen oder besser nicht umging.
Der deutsche Name selbst traegt diese Ambivalenz in sich. Er ist alt und begegnet in vielen Sprachen des germanischen Raumes; sein genauer Ursprung ist umstritten, doch schon fruehe Wortformen verbinden die Pflanze mit Betaeubung und Traum. Wo ein Kraut ueber Jahrhunderte einen eigenen, weitverbreiteten Namen behaelt, ist das ein Zeichen: Die Menschen kannten es, unterschieden es genau von harmlosen Nachbarn und wussten um seine Kraft. Bilsenkraut war also keine vergessene Randerscheinung, sondern fester Teil eines geteilten Pflanzenwissens.
Die Wirkung des Bilsenkrauts geht auf sogenannte Tropanalkaloide zurueck, vor allem Hyoscyamin und Scopolamin (dazu in geringerer Menge Atropin). Diese Stoffe blockieren im Nervensystem die Wirkung des Botenstoffs Acetylcholin. Die Folge sind bei Vergiftungen trockene Haut und Schleimhaeute, weite, lichtstarre Pupillen, rasender Puls, Verwirrtheit, Halluzinationen und ein Delirium, das den Bezug zur Wirklichkeit voellig aufloesen kann. Hoehere Mengen fuehren zu Kraempfen, Atemlaehmung und Tod. Die alte Merkregel der Notfallmedizin – heiss wie ein Hase, rot wie eine Ruebe, trocken wie ein Knochen, blind wie eine Fledermaus, verrueckt wie ein Hutmacher – beschreibt genau dieses Vergiftungsbild.
Entscheidend ist: Es gibt bei solchen Pflanzen keine verlaessliche Grenze zwischen einer Wirkung und einer toedlichen Dosis, weil der Alkaloidgehalt je nach Pflanze, Standort und Jahreszeit stark schwankt. Das ist kein Detail am Rande, sondern der Grund, warum jede Vorstellung eines routinemaessigen, gezielten Gebrauchs mit grosser Vorsicht zu behandeln ist. Wir beschreiben hier Geschichte und Archaeologie – ausdruecklich keine Anleitung.
Fyrkat bei Hobro in Nordjuetland ist eine der geometrisch perfekten Ringburgen, die um 980 unter Harald Blauzahn errichtet wurden. Ausserhalb der Wallanlage lag ein Graeberfeld, und in ihm eines der beruehmtesten Frauengraeber der Wikingerzeit: Grab 4. Die Tote war in den Kasten eines Wagens gebettet worden – eine Bestattungsform, die hoher Rang und Bedeutung anzeigt. Ihre Ausstattung hebt sie deutlich aus der Menge heraus.
Bei ihr fanden sich unter anderem zwei silberne Zehenringe (eine im Norden ausgesprochen ungewoehnliche Sitte), ein Kleid mit Goldfaeden, Anhaenger und Amulette, Trinkhornbeschlaege, eine importierte Bronzeschale aus Zentralasien und ein langer Eisenstab mit Bronzebeschlaegen. Gerade dieser Stab hat der Toten in der Forschung den Beinamen einer Zauberkundigen eingetragen, denn das altnordische Wort fuer die Seherin, voelva, bedeutet woertlich Stabtraegerin. Neil Price hat das Grab in seiner Studie zum seidr als eines der Schluesselbeispiele fuer die materielle Welt der nordischen Ritualspezialistinnen herangezogen.
Der fuer uns entscheidende Fund ist unscheinbar: An oder nahe dem Guertel der Frau lag eine kleine Tasche, und in ihr befanden sich hunderte Samen des Schwarzen Bilsenkrauts. Das ist kein Zufallseintrag aus der umgebenden Erde. Eine bewusst gesammelte, aufbewahrte Menge einer hochgiftigen Pflanze, verwahrt am Koerper einer besonders ausgestatteten Frau, ist ein starker Beleg dafuer, dass diese Pflanze fuer sie Bedeutung hatte.
Welche Bedeutung – das ist die entscheidende, offene Frage. Der Fund beweist Besitz und Wertschaetzung. Er beweist nicht, auf welche Weise das Kraut verwendet wurde, ob geraeuchert, in Getraenken, als Salbe, als Amulett oder gar nicht im Sinne einer Einnahme, sondern als bedeutungstragender Gegenstand. Genau an dieser Stelle beginnt die Grenze zwischen Befund und Deutung, und wer sie verwischt, erzaehlt eine Geschichte, die der Boden nicht hergibt.
Beleg: Im reich ausgestatteten Wagengrab 4 von Fyrkat (Daenemark, spaetes 10. Jahrhundert) fand sich am Guertel der bestatteten Frau eine Tasche mit hunderten Samen des Schwarzen Bilsenkrauts (Hyoscyamus niger). Der Fund ist publiziert (Roesdahl) und gilt als eines der klarsten archaeologischen Zeugnisse fuer die Bedeutung dieser Pflanze in der Wikingerzeit. Gesichert ist damit der bewusste Besitz einer hochgiftigen Pflanze durch eine hochrangige Frau – nicht mehr und nicht weniger.
Fyrkat ist der spektakulaerste, aber nicht der einzige Beleg. Bilsenkraut-Samen tauchen an verschiedenen wikingerzeitlichen und fruehmittelalterlichen Fundplaetzen in Siedlungsschichten auf, etwa in Vorratsgruben, Abfallschichten und Bruennen. Das ist zunaechst wenig ueberraschend: Die Pflanze ist ein typischer Kulturfolger und wuchs von selbst am Rand der Hoefe. Ein Samen in einer Kulturschicht sagt fuer sich genommen nur, dass die Pflanze in der Naehe wuchs.
Aufschlussreich wird es dort, wo sich Samen konzentriert und in einem Zusammenhang finden, der auf Sammeln und Verwahren hindeutet – wie eben in der Tasche von Fyrkat. Die botanische Forschung unterscheidet deshalb sorgfaeltig zwischen dem zufaelligen Vorkommen einer Wildpflanze und Hinweisen auf ihre bewusste Nutzung. Fuer das Bilsenkraut gibt es beides: viel unauffaellige Begleitflora und wenige, dafuer umso bedeutsamere Konzentrationen.
Dass wir ueberhaupt von Bilsenkraut in einem tausend Jahre alten Grab sprechen koennen, verdanken wir der Archaeobotanik. Pflanzenreste erhalten sich nur unter besonderen Bedingungen: verkohlt durch Feuer, dauerhaft feucht in Mooren und Bruennen, oder mineralisiert. Die harten, dicht gemusterten Samen des Bilsenkrauts gehoeren zu den bestimmbarsten Resten ueberhaupt – ein Fachmensch erkennt die Art unter dem Mikroskop an der Oberflaechenstruktur der Samenschale. Deshalb ist das Bilsenkraut in der Fundliteratur so praesent: nicht unbedingt, weil es haeufiger war als andere Kraeuter, sondern weil es sich so gut erhaelt und so eindeutig ansprechen laesst.
Diese Quellenlage hat eine Kehrseite, die man mitdenken muss. Gut erhaltene, auffaellige Samen verzerren das Bild: Pflanzen mit weichen Bluetenblaettern, Wurzeln oder Blaettern hinterlassen kaum Spuren und fehlen in der Statistik fast voellig. Was wir aus dem Boden lesen, ist also ein gefiltertes Bild – reich an haltbaren Samen, arm an allem, was schnell vergeht. Bei Fyrkat kommt der Glueckfall hinzu, dass die Samen nicht verstreut, sondern gebuendelt in einer Tasche lagen. Erst dieser Kontext macht aus botanischem Rauschen ein deutbares Zeugnis.
Ein besonders langlebiges Motiv verbindet das Bilsenkraut mit dem Bier. Vor der Durchsetzung des Hopfens wurde Bier mit Kraeutermischungen gewuerzt, dem sogenannten Grut oder Gruit – typischerweise Gagel (Sumpfporst), Schafgarbe, Wildrosmarin und aehnliche Pflanzen. Immer wieder wird behauptet, auch Bilsenkraut habe zu diesen Braukraeutern gehoert, teils untermauert mit der Namensaehnlichkeit zwischen Bilsenkraut und der Bierstadt Pilsen.
Diese Herleitung ist unsicher und wird fachlich bestritten. Die Namensverbindung zu Pilsen gilt als volksetymologische Spielerei ohne tragfaehigen Beleg, und dass Brauer regelmaessig eine derart unberechenbar dosierbare, toedliche Pflanze in ein Alltagsgetraenk gegeben haetten, ist mehr populaere Erzaehlung als gesichertes Wissen. Belegt ist die Grut-Brauerei mit ungefaehrlichen Kraeutern; das Bilsenkraut-Bier bleibt eine Randbehauptung, die man kennen, aber nicht als Tatsache weitergeben sollte.
Der Zusammenhang, der Fyrkat so faszinierend macht, ist der zwischen der Pflanze und dem seidr – jener nordischen Ritualpraxis der Weissagung und Beeinflussung, die vor allem Frauen, den voelur, zugeschrieben wurde. Die schriftlichen Quellen (etwa die beruehmte Sitzung einer Seherin in der Erik-des-Roten-Saga) beschreiben Trance, Gesang und veraenderte Bewusstseinszustaende, nennen aber keine konkreten Pflanzen.
Es liegt nahe, den Eisenstab, die reiche Ausstattung und die Bilsenkraut-Tasche von Fyrkat zusammenzudenken und darin die Ausruestung einer Ritualspezialistin zu sehen, fuer die eine bewusstseinsveraendernde Pflanze plausibel erscheint. Naheliegend ist aber nicht dasselbe wie belegt. Dass die Frau das Kraut in Ritualen einnahm, ist eine gut begruendete Vermutung – kein Beweis. Die Samen sagen: bedeutsam, verwahrt, wertgeschaetzt. Sie sagen nicht: eingenommen, und schon gar nicht wie.
Kein Thema wird so gern mit Rauschpflanzen verknuepft wie die Berserker – jene Krieger, die in einer wilden, angstfreien Kampfwut, dem berserksgangr, gefochten haben sollen. Seit dem spaeten 18. Jahrhundert kursiert die Idee, ein Rauschmittel habe diesen Zustand ausgeloest. Der schwedische Theologe Samuel Oedmann schlug 1784 den Fliegenpilz (Amanita muscaria) vor; im 20. Jahrhundert wurde diese Vermutung populaer weitergereicht. In juengerer Zeit trat eine Variante hinzu, die statt des Pilzes das Bilsenkraut als Ausloeser vorschlaegt.
Beides ist Spekulation. Es gibt keine wikingerzeitliche Quelle, die Berserkern eine Pflanze oder einen Pilz zuschreibt. Die Fliegenpilz-These beruht auf einer nachtraeglichen Deutung des 18. Jahrhunderts, die Bilsenkraut-These ist noch juenger und ebenso unbewiesen. Hinzu kommt ein sachliches Problem: Das Delirium einer Tropanalkaloid-Vergiftung mit Verwirrtheit, Sehstoerungen und Bewegungsstoerungen ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was ein Krieger im Kampf gebrauchen kann. Der berserksgangr laesst sich ebenso gut kulturell, psychisch und religioes erklaeren. Die Pflanze mag ins Bild passen – das Bild aber stammt aus spaeteren Jahrhunderten, nicht aus der Wikingerzeit.
Mythos-Check: Die Behauptung, Berserker haetten sich mit Fliegenpilz oder Bilsenkraut in Kampfrausch versetzt, ist nicht belegt. Sie geht auf eine Vermutung Samuel Oedmanns von 1784 (Fliegenpilz) zurueck; die Bilsenkraut-Variante ist noch juenger. Keine zeitgenoessische Quelle nennt eine solche Substanz. Und die Samen im Fyrkat-Grab beweisen den Besitz der Pflanze – nicht die Art ihres Gebrauchs. Auch die verbreiteten Deutungen als Bestandteil von Hexen-Flugsalben stammen aus der fruehen Neuzeit (16.–17. Jahrhundert) und lassen sich nicht in die Wikingerzeit zurueckprojizieren.
Ein grosser Teil dessen, was heute ueber Bilsenkraut und Rausch erzaehlt wird, stammt gar nicht aus der Wikingerzeit, sondern aus der fruehen Neuzeit. In den Hexenprozessen des 16. und 17. Jahrhunderts tauchen Berichte ueber Flugsalben auf, denen Nachtschattengewaechse wie Bilsenkraut, Tollkirsche und Alraune zugeschrieben wurden. Diese Vorstellung – auf der Haut aufgetragen, versetze die Salbe in einen Flug- oder Reiserausch – ist eine Deutung ihrer Zeit, gepraegt von daemonologischer Literatur und Gerichtsprotokollen unter Folter.
Es ist verfuehrerisch, diese fruehneuzeitliche Vorstellung rueckwaerts auf die nordische Seherin zu uebertragen und aus der voelva von Fyrkat eine Vorlaeuferin der Hexe zu machen. Doch dazwischen liegen Jahrhunderte, andere Quellen, andere Weltbilder. Die Verbindung ist eine Konstruktion des Rueckblicks, kein durchgehender Faden. Wer die Frau von Fyrkat verstehen will, sollte sie in ihrer eigenen Zeit lassen.
Neben aller Ritual- und Rauschdeutung hatte das Bilsenkraut eine nuechterne, praktische Seite: Es war ueber Jahrhunderte ein bekanntes Heilmittel. Schon die antiken Autoren beschreiben es als schmerzstillendes und schlafmachendes Kraut, das man mit grosser Vorsicht anwenden muesse. Mittelalterliche Rezeptbuecher fuehren Bilsenkraut gegen Zahnschmerzen, als Schlafmittel und aeusserlich bei Schmerzen – stets im Bewusstsein, dass die Grenze zur Vergiftung nah war. Dieselben Stoffe, die im Uebermass toeten, koennen in winziger Menge Schmerz und Krampf daempfen; das ist das alte, gefaehrliche Doppelgesicht vieler Giftpflanzen.
Fuer die Wikingerzeit selbst fehlen uns schriftliche Rezepte – die nordischen Quellen schweigen zu konkreter Pflanzenheilkunde weitgehend. Es ist aber nicht abwegig, dass eine Frau von Rang und Wissen um solche Pflanzen auch deren heilende und schmerzstillende Seite kannte. Damit verschiebt sich das Bild von Fyrkat: weg vom bloss Duesteren, hin zu einer Frau, die ueber gefaehrliches, doppeldeutiges Wissen verfuegte – Wissen, das Heilung wie Schaden bedeuten konnte und das genau deshalb Ansehen verlieh.
Das Bilsenkraut ist von wein-artiger Natur und darum dem Verstand feind; es verwirrt den Kopf und stoert den Sinn. Man soll es unter die Arzneien nur mit Bedacht rechnen, denn seine Kraft ist gefaehrlich.nach Plinius der Aeltere, Naturalis historia, Buch 25 (gemeinfrei, sinngemaess uebertragen)
Ziehen wir die Linie sauber. Belegt ist: Bilsenkraut war den Menschen der Wikingerzeit vertraut, es wuchs an ihren Hoefen, und in mindestens einem herausragenden Grab – dem der Frau von Fyrkat – wurde es bewusst gesammelt, aufbewahrt und am Koerper mit ins Jenseits gegeben. Zusammen mit dem Eisenstab und der aufwendigen Ausstattung ergibt das ein starkes Bild von einer Frau von Rang, fuer die diese Pflanze eine besondere Bedeutung besass.
Nicht belegt ist alles, was ueber diesen Kern hinausgeht: die konkrete Art des Gebrauchs, ein Bilsenkraut-Bier, ein Berserker-Rausch, eine ununterbrochene Linie zur fruehneuzeitlichen Hexe. Das ist keine Schwaeche der Geschichte, sondern ihre Ehrlichkeit. Die Frau von Fyrkat bleibt eine der eindrucksvollsten Gestalten der Wikingerzeit gerade deshalb, weil wir nicht alles ueber sie wissen. Der Boden hat uns eine Tasche voller Samen ueberliefert – und die Klugheit, sie nicht mit unseren eigenen Erzaehlungen zu ueberschreiben.

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