Wikinger Blog / Alltag & Kultur
Aus dem Wissensarchiv

Engelwurz – die kostbare Staude des Nordens

Alltag & Handwerk Engelwurz – die kostbare Staude des Nordens

Kaum eine Pflanze war den Menschen im hohen Norden so wichtig und wird heute so gründlich unterschätzt wie die Engelwurz. Für uns ist Angelica archangelica bestenfalls eine Zutat für Kräuterliköre – für die Bauern und Seefahrer der Wikingerzeit war die hvönn ein Stück Nahrung, Würze und harte Währung, die man sogar per Gesetz vor Dieben schützte.

Engelwurz (Angelica archangelica), Tafel aus Koehlers Medizinal-Pflanzen.
Engelwurz (Angelica archangelica), Tafel aus Koehlers Medizinal-Pflanzen. Franz Eugen Koehler, gemeinfrei (Wikimedia Commons).

Eine Pflanze für raue Länder

Die Echte Engelwurz, botanisch Angelica archangelica, gehört zu den Doldenblütlern – jener großen Pflanzenfamilie, zu der auch Möhre, Sellerie, Fenchel und Kümmel zählen. Wer sie einmal am Wegrand gesehen hat, vergisst sie nicht: eine mächtige, oft über zwei Meter hohe Staude mit hohlen, kräftigen Stängeln, großen gefiederten Blättern und kugeligen, grünlich-weißen Blütendolden. Sie ist zweijährig bis kurzlebig mehrjährig und blüht meist erst im zweiten Jahr, bevor sie Samen bildet und abstirbt.

Ihr Reich ist der Norden. Angelica archangelica ist an das Leben in arktischen und subarktischen Regionen bestens angepasst: Sie wächst wild in Skandinavien, auf Island, in Grönland, im nördlichen Russland und in den Gebirgen Mitteleuropas – an Flussufern, in feuchten Wiesen, an Hängen und Küsten. Genau dort, wo das Klima vielen anderen Gemüsen zu hart ist, gedeiht diese robuste Staude. Für die Menschen, die diese Länder besiedelten – die Norweger, Isländer und die Bewohner der grönländischen Siedlungen –, war das ein Glücksfall. Wo Getreide oft nur mühsam reifte, stand die hvönn zuverlässig auf den Wiesen.

hvönn – der Name im Norden

Im Altnordischen hieß die Pflanze schlicht hvönn (Plural hvannir). Das Wort lebt bis heute im Isländischen (hvönn), Färöischen (hvonn) und in norwegischen Dialekten (kvann, kvanne) fort. Es ist ein altes, bodenständiges germanisches Wort – kein gelehrter Import, sondern der Name, den die Leute ihrer Alltagspflanze gaben. Schon das verrät, wie selbstverständlich die Engelwurz zum Leben im Norden gehörte.

Man unterschied durchaus verschiedene Teile: den Stängel, die zarten Blattstiele und die kräftige, aromatische Wurzel. Jeder Teil hatte seinen Zweck, und jeder wurde genutzt. Das ist der erste wichtige Punkt, den man über die hvönn wissen sollte: Sie war in erster Linie kein Zaubermittel und kein Arzneikraut, sondern schlicht etwas zu essen.

Ein Gemüse, kein Zaubertrank

Die Engelwurz war im Norden ein echtes Nahrungsmittel. Die jungen, saftigen Stängel und Blattstiele wurden roh gegessen, geschält wie eine Art frisches Gemüse, oder gekocht. Sie schmecken kräftig würzig, leicht bitter-aromatisch, mit einer eigentümlichen Frische – ein Geschmack, den man heute vor allem noch aus kandierten Angelika-Stängeln kennt, jener grünen Süßware, die alte Konditoreien auf Kuchen setzten.

Gerade in einer Zeit ohne Supermarkt und ohne Zitrusfrüchte war dieses frische, herbe Grün ein Schatz. Der lange nordische Winter bestand aus Getrocknetem, Gesalzenem und Geräuchertem. Wenn im Frühjahr die ersten kräftigen hvannir aus dem Boden schossen, kam damit knackige, frische Kost auf den Tisch – zu einer Jahreszeit, in der der Körper sie am dringendsten brauchte. Kein Wunder, dass die Menschen die Pflanze schätzten und ihren Standort kannten.

Frische gegen den langen Winter

Aus heutiger Sicht liegt ein wichtiger Grund für den Wert der Engelwurz auf der Hand: Ihr frisches Grün enthält Vitamin C. In einer Ernährung, die über Monate von haltbar gemachten Vorräten lebte, war jede Quelle frischer Vitamine kostbar – und ein Mangel an Vitamin C führt zu Skorbut, jener zermürbenden Krankheit mit Zahnfleischbluten, Schwäche und schlecht heilenden Wunden, die später besonders die Seefahrt heimsuchte.

Wir sollten hier ehrlich bleiben: Die Menschen der Wikingerzeit kannten den Begriff „Vitamin C" natürlich nicht und dachten nicht in diesen Kategorien. Sie wussten aus Erfahrung, dass frisches Grün im Frühjahr guttat und stärkte – die biochemische Erklärung liefert erst die moderne Ernährungswissenschaft. Dass frisch verzehrte hvönn tatsächlich eine sinnvolle Vitamin-C-Quelle war, ist also eine nachträgliche, sachliche Einordnung, kein Wissen, das man den Nordleuten in den Mund legen darf. Ihr Handeln war praktisch: Sie aßen, was schmeckte, sättigte und offensichtlich half.

Würze aus der Wildnis

Neben ihrer Rolle als Gemüse war die Engelwurz eine Würzpflanze. Ihr durchdringendes, harziges Aroma steckt vor allem in der Wurzel und in den Samen. In einer Küche, deren Gewürzregal überschaubar war und in der überseeische Gewürze wie Pfeffer seltene, teure Handelsware blieben, waren aromatische heimische Pflanzen kostbar. Die hvönn gehörte in diese Gruppe der einheimischen Würzkräuter, mit denen man Speisen und später auch Getränke aromatisieren konnte.

Es ist bezeichnend, dass die Engelwurz bis heute in nordischen Spezialitäten weiterlebt: Sie gibt bestimmten Aquaviten, Kräuterschnäpsen und -likören ihre charakteristische Note, und in Island und auf den Färöern wird die hvönn nach wie vor gesammelt und verarbeitet. Diese Tradition reicht in ihrer Grundidee weit zurück – die Nutzung einer wild wachsenden, aromatischen Staude, die der Norden gratis liefert.

Wertvoll genug, um sie anzubauen

Eine Pflanze, die so nützlich war, überließ man nicht allein dem Zufall der Wildbestände. Aus den Quellen und aus dem Wortschatz wissen wir, dass Engelwurz gezielt kultiviert wurde. Es gab eigens angelegte Engelwurzgärten – im Altnordischen hvanngarðr, wörtlich der „hvönn-Garten" oder das eingehegte hvönn-Beet. Schon das Wort ist ein Beleg: Man hegte diese Pflanze ein, umzäunte sie, pflegte sie und betrachtete den Ertrag als Eigentum.

Das ist alles andere als selbstverständlich. Einen Garten anzulegen bedeutet Arbeit, Planung und einen Anspruch auf das Ergebnis. Dass Menschen im Norden für die hvönn eigene, umfriedete Beete unterhielten, zeigt unmissverständlich, welchen Rang diese Pflanze hatte: Sie war es wert, sie war planbar, sie war Vermögen. Ein Engelwurzgarten war ein kleiner Vorratsspeicher auf dem Halm.

Wenn Recht eine Pflanze schützt

Der stärkste Beweis für den Wert der Engelwurz steckt nicht in einem Loblied, sondern trocken im Gesetz. Die ältesten überlieferten norwegischen Rechtssammlungen – das Recht des Gulathings im Westen und das des Frostathings im Trøndelag – behandeln den Diebstahl von hvönn aus einem fremden, eingehegten hvanngarðr ausdrücklich als strafbaren Griff in fremdes Eigentum. Wer sich aus dem Engelwurzgarten eines anderen bediente, machte sich schuldig, so wie bei anderem Diebstahl auch.

Nimmt ein Mann hvönn im Engelwurzgarten eines anderen, so soll er büßen wie für anderen Diebstahl; denn was ein Mann einhegt und pflegt, das ist sein Eigen.Sinngemäß nach dem altnorwegischen Landrecht (Gulathing/Frostathing); Übertragung: Glanz & Gravur.

Man muss sich klarmachen, was das bedeutet. Ein Rechtssystem nennt eine bestimmte Kulturpflanze beim Namen und stellt ihren Diebstahl unter Strafe. Das tut man nicht mit Kraut vom Wegrand, das jeder pflücken kann. Das tut man nur mit etwas, das einen greifbaren, allgemein anerkannten Wert hat – so wie man das Vieh, das Getreide oder das Bauholz eines Menschen schützt. Die hvönn stand in einer Reihe mit den ökonomischen Gütern des Hofes.

Beleg: Die Nutzung von Angelica archangelica als Nahrungs- und Würzpflanze ist im Norden gut belegt – durch das altnordische Wort hvönn und seine bis heute lebendigen Nachfahren, durch die Bezeichnung hvanngarðr für den kultivierten Engelwurzgarten und vor allem durch die ältesten norwegischen Rechtstexte (Gulathings- und Frostathingsrecht), die den Diebstahl von hvönn aus fremdem Garten als Vergehen behandeln. Dieser rechtliche Schutz ist der härteste Beweis dafür, dass die Pflanze als wertvolles Wirtschaftsgut galt.

Handel und Vorrat

Wo eine Pflanze Vermögen ist, wird sie auch gehandelt. Die Engelwurz war getrocknet und verarbeitet haltbar und ließ sich transportieren. In den nordatlantischen Siedlungen – Island, Grönland, den Färöern – wo importiertes Gemüse und Gewürz teuer und die eigenen Anbaumöglichkeiten begrenzt waren, hatte die reichlich wachsende, nutzbare hvönn einen festen Platz in der Vorratshaltung und im Tauschverkehr. Sie war eines jener heimischen Erzeugnisse, mit denen der Norden nicht auf ferne Handelsgüter angewiesen war.

Man darf sich das Bild nicht zu groß malen: Die Engelwurz war kein Fernhandelsgut wie Walrosszahn, Pelze oder Bernstein, mit dem man nach Süden zog. Ihr Wert war regional und alltäglich – aber gerade darin lag ihre Bedeutung. Sie war ein verlässlicher Teil der Selbstversorgung, planbar anzubauen, haltbar zu machen und im Nahbereich zu tauschen. Das ist der unspektakuläre, aber echte Wohlstand eines nordischen Hofes.

Von der Küche in die Klosterstube

Erst später, im christlichen Mittelalter, rückte die Engelwurz stärker in den Bereich der Heilkunde. In den Klostergärten und in der gelehrten Medizin des Mittelalters und der frühen Neuzeit galt Angelica als bedeutsame Arzneipflanze; Kräuterbücher priesen sie in höchsten Tönen. In diese Zeit gehört auch der lateinische Beiname archangelica – die „Erzengel-Wurz" – und die Vorstellung, ein Erzengel habe die Pflanze als Schutz gegen Seuchen empfohlen.

Diese Schicht ist wichtig, um Wikingerzeit und späteres Mittelalter auseinanderzuhalten. Die praktische Küchen- und Wirtschaftspflanze der Nordleute ist das eine; die mit religiöser Symbolik und großen Heilversprechen aufgeladene „Erzengelwurz" der christlichen Kräuterbücher ist das andere. Beides ist Engelwurz – aber es sind zwei verschiedene Kapitel ihrer Geschichte.

Was wir ehrlich nicht behaupten

An dieser Stelle ist Klarheit angebracht, denn um kaum eine Pflanze ranken sich so viele moderne Wunderversprechen. Über die Engelwurz kursieren heute zahllose Aussagen, sie helfe „gegen alles" – von der Verdauung über Erkältungen bis zu diffusem „Energieausgleich". Solche Behauptungen stellen wir ausdrücklich nicht auf. Wir sind eine Gravur-Manufaktur und keine Heilkundigen, und historische Redlichkeit verlangt, Nahrungsgeschichte nicht mit Medizinwerbung zu verwechseln.

Was sich seriös sagen lässt, ist begrenzt und gerade deshalb interessant: Die hvönn war im Norden ein geschätztes Gemüse und eine Würzpflanze, wertvoll genug, um sie anzubauen und per Gesetz zu schützen, und ihr frisches Grün war eine sinnvolle Frischkostquelle in einer winterlastigen Ernährung. Das ist eine ehrliche, gut belegte Geschichte – sie braucht keine Aufhübschung durch Heilsversprechen.

Mythos-Check: Der Name „Erzengel-Wurz" (archangelica) und die Vorstellung, die Pflanze schütze vor Pest und Seuchen, weil ein Erzengel sie empfohlen habe, sind spätmittelalterlich-christlich – sie gehören zur Kräuterbuch- und Klostertradition, nicht in die heidnische Wikingerzeit. Auch pauschale moderne Aussagen, Engelwurz sei ein „Heilkraut gegen alles", sind nicht historisch und keine gesicherte Wirkung. Historisch belegt und tragfähig ist: Die hvönn war vor allem ein wertvolles Nahrungs- und Würzgemüse. Wir machen bewusst keine medizinischen Wirkversprechen.

Was die Engelwurz uns erzählt

Die Geschichte der hvönn ist ein schönes Gegengift gegen das Klischee vom Wikinger, der nur raubte und Met trank. Sie zeigt Menschen, die ihr karges Land genau kannten, die eine wild wachsende Staude erkannten, kultivierten, einhegten und so hoch schätzten, dass ihr Diebstahl ins Gesetzbuch kam. Das ist die stille, kluge Seite des Nordens: sorgfältige Selbstversorgung, gepflegtes Wissen über Pflanzen, ein Auge für das, was der eigene Boden hergibt.

Wer heute durch nordische Landschaften wandert und die hohen, kräftigen Dolden der Angelica archangelica am Bachufer stehen sieht, blickt auf eine der ältesten Nutzpflanzen des Nordens – ein grünes Stück Alltagsgeschichte, das lange vor jeder Erzengel-Legende einfach nur wertvolles, geschütztes Gemüse war.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: nordische Motive auf Naturschiefer, lasergraviert. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Kräuter & Heilkunde der Wikinger · Heilkunde der Wikinger · Handel der Wikinger · Speisen & Getränke der Wikinger.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Alltag & Handwerk

Alle Alltag & Handwerk-Artikel →

Färberhandwerk – die wahren Farben der Wikinger

Wenn wir an Wikinger denken, sehen wir oft grau-braune Gestalten in ungefärbter Wolle. Das ist ein Irrtum. Wer es sich …

Weiterlesen →

Farben der Wikingerzeit

Der Wikinger aus Film und Serie trägt Grau, Braun und Dreck. Der echte Nordmann trug Rot, Blau und Gelb – und war stolz …

Weiterlesen →

Frauen in der Wikingerzeit

Sie verwalteten den Hof, konnten erben und sich scheiden lassen – und doch ist die Wahrheit über die Wikingerfrau …

Weiterlesen →

Gagat – der schwarze Schmuckstein der Wikinger

Ein Stein, der brennt wie Kohle, sich beim Reiben elektrisch auflädt wie Bernstein und sich zu tiefschwarzem Schmuck …

Weiterlesen →