Wikinger Blog / Alltag & Kultur
Aus dem Wissensarchiv

Farben der Wikingerzeit

Alltag & Kultur Farben der Wikingerzeit

Der Wikinger aus Film und Serie trägt Grau, Braun und Dreck. Der echte Nordmann trug Rot, Blau und Gelb – und war stolz darauf. Färberröte, Waid und Reseda machten aus Wolle leuchtende Kleidung, kräftige Farben waren ein Zeichen von Rang, und die Sprache selbst hängt voller Farbwörter, die weit mehr meinten als nur einen Farbton. Wir zeigen, womit man wirklich färbte, was die Chemie an echten Funden nachweist – und wo die Symbolik anfängt und die Fantasie aufhört.

Ein bunter Norden statt grauer Krieger

Wenn man an die Wikingerzeit denkt, sieht man meistens ein gedämpftes Bild: erdbraune Kutten, graue Umhänge, ungewaschene Krieger im Nebel. Dieses Bild stammt aus dem Kino und aus dem Fernsehen, nicht aus dem Boden. Wer sich die erhaltenen Textilfragmente, die schriftlichen Quellen und vor allem die chemischen Analysen der letzten Jahrzehnte ansieht, findet einen ganz anderen Norden – einen bunten. Rot, Blau, Gelb und leuchtende Mischtöne waren nicht die Ausnahme, sondern für alle greifbar, die es sich leisten konnten und wollten.

Farbe war in der Wikingerzeit Arbeit, Wissen und Geld zugleich. Sie steckte in den Feldern und Wäldern, sie musste geerntet, verarbeitet und mit Bedacht in die Wolle gebracht werden. Und sie hatte Bedeutung: In der Sprache und in den Sagas tragen Farben Botschaften, die ein Zuhörer sofort verstand. Dieser Artikel geht beiden Seiten nach – der handfesten Färberei und der Farbe als Zeichen.

Womit die Nordleute färbten

Fast alle Farben der Wikingerzeit kamen aus Pflanzen, dazu ein paar aus Insekten und Mineralien. Die wichtigsten Färberpflanzen lassen sich an einer Hand abzählen: Krapp (Färberröte) für Rot, Waid für Blau, Reseda (Färberwau) und Birke für Gelb, Walnuss für Braun. Aus diesen Grundfarben ließen sich durch Überfärben Grün, Violett, Orange und viele Zwischentöne mischen – ein grünes Tuch entsteht zum Beispiel, indem man gelb gefärbte Wolle noch einmal in den Waidsud taucht.

Die Rohstoffe waren teils heimisch, teils angebaut, teils gehandelt. Krapp und Waid wurden als Kulturpflanzen gezogen; wilde Pflanzen wie Birkenblätter, bestimmte Flechten oder Walnussschalen sammelte man. Gefärbt wurde ganz überwiegend Wolle, weil sie die pflanzlichen Farbstoffe besonders gut aufnimmt. Leinen ließ sich schwerer färben – umso mehr fielen gefärbte Leinenstücke auf, wie sie tatsächlich aus Birka bekannt sind.

Rot aus der Wurzel – Krapp und die Färberröte

Das prächtigste Rot der Wikingerzeit kam aus einer unscheinbaren Wurzel: der Färberröte (Rubia tinctorum), auf Deutsch Krapp genannt. In ihren Wurzeln stecken die Farbstoffe Alizarin und Purpurin, die – richtig aufgeschlossen und gebeizt – ein sattes, warmes Rot bis Rotorange erzeugen. Krapp brauchte gute Böden und mehrere Jahre bis zur Ernte, dann wurde die Wurzel getrocknet, gemahlen und in warmem Wasser ausgezogen. Zu heiß durfte das Bad nie werden, sonst schlug das Rot ins Braune um – hier zeigte sich die Kunst der Färberin.

Weil Krapp Anbau, Zeit und Können verlangte, war ein gut gefärbtes Rot immer etwas Besonderes. Neben der echten Färberröte nutzte man im Norden auch verwandte Wurzeln wie das Labkraut, die ähnliche, aber blassere Rottöne gaben. Rot war damit die Farbe, an der man Aufwand und Wohlstand am deutlichsten ablesen konnte. Und die Bandbreite war groß: Je nach Beize, Wassertemperatur und Zahl der Bäder reichte das Ergebnis vom zarten Lachsrosa über ein warmes Ziegelrot bis zu einem tiefen, fast weinroten Ton. Ein und dieselbe Wurzel konnte also ganz unterschiedliche Kleider hervorbringen – ein weiterer Grund, warum erfahrene Färberinnen hoch geschätzt waren.

Blau aus dem Blatt – Waid und das Indigotin

Das große Blau lieferte der Waid (Isatis tinctoria), eine Kreuzblütlerpflanze, deren Blätter den Farbstoff Indigotin enthalten – chemisch dasselbe Blau wie im tropischen Indigo, nur in geringerer Konzentration. Waidfärben ist ein kleines Wunder: Der Farbstoff ist im Bad zunächst unsichtbar, die Wolle kommt gelblich-grün aus der Küpe und läuft erst an der Luft binnen Sekunden blau an, wenn der Sauerstoff das Indigotin umwandelt. Diesen Vorgang immer wieder zu wiederholen, vertiefte das Blau bis ins Dunkle.

Waid verlangte ein fermentiertes, alkalisches Bad und Erfahrung – ein anspruchsvoller Prozess, der ihn zusammen mit Krapp an die Spitze der begehrten Farben stellte. Kräftige, tiefe Blautöne waren entsprechend Ausdruck von Können und Mitteln. Genau dieses Blau taucht in der Sprache immer wieder auf, wie wir weiter unten sehen werden.

Gelb, Grün und Braun – die verlässlichen Farben

Gelb war die einfachste und häufigste Farbe. Reseda beziehungsweise Färberwau (Reseda luteola) mit ihrem Farbstoff Luteolin gab ein klares, lichtechtes Gelb; auch Birkenblätter, bestimmte Flechten und andere Pflanzen lieferten Gelbtöne. Weil Gelb leicht und breit verfügbar war, galt es weniger als Statusfarbe – aber es war die Grundlage für Grün: Gelb überfärbt mit Waid ergibt Grün, das sich sonst kaum direkt erzeugen ließ.

Braun schließlich kam ohne großen Aufwand aus. Walnussschalen enthalten Gerbstoffe, die die Wolle auch ohne Beize dauerhaft in warmen Braun- und Rotbrauntönen färben – Reste von Walnussschalen sind unter anderem aus Haithabu und Oseberg belegt. Dazu kam die natürliche Wollfarbe selbst: Schafe der Wikingerzeit trugen weißes, graues, braunes und schwarzes Vlies, sodass viele Kleidungsstücke gar nicht gefärbt werden mussten, um farbig zu sein.

Beleg: Moderne Analysen mit Hochleistungs-Flüssigkeitschromatografie (HPLC-DAD) haben an echten Textilfragmenten Krapp (Alizarin/Purpurin), Waid/Indigo (Indigotin), Reseda (Luteolin) sowie Walnuss-Braun und sogar importierte Schildlaus-Rottöne (Kermes) direkt nachgewiesen. Untersucht wurden unter anderem Stücke aus Birka (Schweden), Haithabu (Norddeutschland) sowie die dänischen Elitegräber Bjerringhøj und Hvilehøj; die dänische Studie war die erste systematische Farbstoffanalyse ihrer Art seit rund dreißig Jahren und ergab ein breiteres Farbspektrum als zuvor bekannt. Die Farbe ist also nicht erschlossen, sondern chemisch im Faden messbar.

Was uns die Chemie verrät

Der Grund, warum wir heute so genau über die Farben reden können, ist die Analytik. Farbstoffe zerfallen im Boden zwar sichtbar – ein einst rotes Tuch wirkt nach tausend Jahren oft nur noch bräunlich –, aber die Farbstoffmoleküle bleiben in Spuren erhalten. Mit der Hochleistungs-Flüssigkeitschromatografie lassen sich winzige Fragmente auftrennen und die einzelnen Farbstoffe identifizieren. So weiß man nicht nur, dass ein Stück gefärbt war, sondern womit.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Blau aus Waid und Rot aus Krapp gehören zu den häufigsten Nachweisen, dazu kommen Gelbtöne aus Reseda und anderen Pflanzen. In den reicheren Gräbern tauchen zusätzlich seltene, importierte Farbstoffe auf – Rottöne aus Schildläusen (Kermes und verwandte Cochenille-Arten), die aus dem Süden Europas oder noch weiter herkamen. Auch das Schiffsgrab von Gokstad und die Textilien aus dem Oseberg-Fund gehören zu den untersuchten Beständen. Das Bild, das die Chemie zeichnet, ist bunt und differenziert – von der schlichten braunen Alltagswolle bis zum leuchtend blau-roten Prunkgewand.

Beizen – warum die Farbe im Stoff bleibt

Damit Farbe nicht schon bei der ersten Wäsche wieder herausläuft, braucht es bei den meisten Pflanzenfarbstoffen eine Beize (ein Beizmittel), das den Farbstoff an die Faser bindet. Das wichtigste Beizmittel war Alaun, ein aluminiumhaltiges Mineral, das im Norden allerdings importiert werden musste. Alternativ nutzte man eisenhaltiges Wasser oder Sudlösungen, die die Farbe zugleich dunkler und gedämpfter machten. Sogar der heimische Bärlapp (ein Moosgewächs) enthält Aluminium und kann als Beizquelle gedient haben.

Krapp und Reseda brauchen zwingend eine Beize, um leuchtend und dauerhaft zu färben – deshalb war ein gutes, waschbeständiges Rot doppelt aufwendig: erst beizen, dann färben. Waid und Walnuss dagegen kommen ohne Alaun aus, das eine wegen seiner besonderen Küpen-Chemie, das andere wegen der Gerbstoffe. Wer die Beize beherrschte, konnte aus denselben Pflanzen ganz unterschiedliche Ergebnisse holen – ein weiterer Grund, warum Färben echtes Fachwissen war.

Teure Farbe, billige Farbe – Farbe als Rang

Nicht jede Farbe war gleich viel wert. Gelb und Braun waren leicht zu machen und daher alltäglich. Rot und tiefes Blau dagegen verlangten Anbau, importierte Beize, Brennmaterial und viel Erfahrung – und wurden dadurch teuer. Ein leuchtend rotes oder sattblaues Gewand war also nicht nur schön, sondern ein sichtbares Signal: Diese Person hat Zugang zu Ressourcen, zu Handel, zu Können. Farbe war getragener Status.

Dazu kamen die Muster. Erhaltene Bänder und Borten zeigen, dass die Nordleute nicht einfach einfarbige Tücher trugen, sondern brettchengewebte Muster, Farbkontraste und feine Verzierungen liebten. In den reichsten Gräbern finden sich sogar aufgenähte Metallfäden. Wer sich den Wikinger als grauen Klotz vorstellt, verkennt, wie viel Wert diese Kultur auf Sichtbarkeit, Kontrast und Schmuck legte.

Man darf sich diese Farbenwelt aber nicht als reines Adelsvergnügen denken. Auch der einfache Hof trug Farbe – nur eben die leichter zu gewinnende: Gelb aus Reseda oder Birke, Braun aus Walnuss, dazu die natürlichen Grau-, Braun- und Schwarztöne der Schafe, kombiniert zu durchaus ansehnlicher Kleidung. Die feine Abstufung verlief also weniger zwischen „bunt" und „farblos" als zwischen „teuer bunt" und „günstig bunt". Ganz oben die satten, waschbeständigen Rot- und Blautöne, in der Mitte die verlässlichen Gelb- und Brauntöne, und für den Alltag die ungefärbte, aber keineswegs eintönige Naturwolle.

Purpur und Seide – der Glanz aus dem Süden

Ganz oben in der Farbhierarchie standen Dinge, die man im Norden gar nicht selbst herstellen konnte. Seide gehört dazu: Reste von Seidenstoffen, oft in leuchtenden Farben, sind aus Birka und aus dem Oseberg-Grab bekannt – Fernhandelsware, die über die Ostroute aus Byzanz und dem Orient kam. Solche Stücke wurden manchmal in schmale Streifen zerschnitten und als Borten auf einheimische Wolle gesetzt, damit der kostbare Stoff möglichst weit reichte.

Auch der Begriff „Purpur" taucht auf, doch hier ist Vorsicht geboten: In den nordischen Quellen bezeichnet ein Wort für rötlich-purpurne Prachtstoffe meist importierte, kostbare Textilien insgesamt und nicht zwingend den echten, aus Meeresschnecken gewonnenen antiken Purpur. Klar ist aber die Botschaft: Wer solche Farben und Stoffe trug, zeigte Reichweite bis in die großen Reiche des Südens.

blár, rauðr, hvítr – die Farbwörter der Sagas

So handfest die Färberei war, so bedeutungsvoll waren die Farben in der Sprache. Das altnordische Farbsystem deckt sich nicht eins zu eins mit unserem. Das Wort rauðr steht für Rot, oft für kräftiges, sattes Rot. Hvítr (weiß) und Gold stehen für Helligkeit, Reinheit und Kostbarkeit. Besonders spannend ist blár: Es meint keineswegs nur unser „blau", sondern ein Spektrum von Dunkelblau über Blauschwarz bis Schwarz – die Farbe des Raben, des Eisens, der tiefen See.

Dass Kleidung überhaupt eine so wichtige Rolle spielte, zeigt schon die alte Spruchdichtung. In der Hávamál, der Spruchsammlung der Lieder-Edda, heißt es über zwei aufgestellte Holzfiguren, die der Sprecher einkleidet:

Meine Kleider gab ich auf dem Feld / zwei hölzernen Männern; / für Helden hielten sie sich, sobald sie Gewänder trugen: / verhöhnt wird der nackte Mann.Hávamál 49 (Codex Regius); Übertragung: Glanz & Gravur

Kleidung macht hier buchstäblich den Menschen – ein Holzpflock wirkt im Gewand wie ein Recke. Farbe und Stoff waren nicht Beiwerk, sondern Teil der gesellschaftlichen Stellung. Wer gut und farbig gekleidet war, wurde anders gesehen.

Die Farbe des Todes – blár als Erzählsignal

Am interessantesten wird es bei blár. In den Isländersagas trägt diese dunkelblau-schwarze Farbe oft eine düstere Bedeutung: Immer wieder legt eine Figur ausgerechnet dann einen blauen oder blauschwarzen Umhang an, wenn sie im Begriff ist, jemanden zu töten. Für die Zuhörer der Saga war das ein Signal – die Farbe kündigte an, dass gleich Blut fließen würde. Das dunkle Gewand gehörte gewissermaßen zur Inszenierung des Totschlags.

Diese Verknüpfung ist gut belegt und zieht sich durch mehrere Sagas. Sie zeigt, dass Farben in der Erzählkunst des Nordens als Zeichen funktionierten – ähnlich wie wir heute Schwarz mit Trauer verbinden. Wichtig ist dabei aber die richtige Einordnung: Es handelt sich um ein literarisches Motiv, um ein Erzählmittel geschulter Saga-Autoren des Hochmittelalters, nicht zwingend um eine Kleiderordnung des Alltags. Nicht jeder, der ein dunkelblaues Tuch trug, plante einen Mord. Die Farbsymbolik der Sagas ist ein Fenster in die Denkwelt – aber man sollte sie nicht als Vorschrift des täglichen Lebens missverstehen.

Der graue, schmutzige Wikinger – ein Mythos-Check

Kommen wir zum hartnäckigsten Bild überhaupt: dem grauen, verdreckten Wikinger, wie ihn Film und Serie lieben. Es ist schlicht falsch. Die Nordleute liebten kräftige Farben, Muster und Kontraste; sie färbten aufwendig, handelten mit teuren Farbstoffen bis nach Byzanz und trugen ihren Wohlstand sichtbar am Körper. Das gedämpfte Braun-Grau der Bildschirme ist eine moderne ästhetische Entscheidung, keine historische.

Mythos-Check: „Wikinger trugen nur graue und braune Lumpen." – Falsch. Textilfunde und Farbstoffanalysen belegen Rot, Blau, Gelb, Grün und Purpurtöne, dazu importierte Seide und farbenfrohe Borten. – Zur Sprache: Das altnordische blámaðr („blauer/schwarzer Mann") ist ein zeitgenössischer, teils abwertender Fremdbegriff für dunkelhäutige Menschen und wird hier sachlich als sprachhistorisches Zeugnis genannt, nicht als heutige Kategorie. – Und ein Wort zur Symbolik: Die Verbindung von blár mit Tod und Totschlag ist ein literarisches Motiv der Sagas. Man sollte einzelne Farbtöne nicht zu Alltagsgesetzen überhöhen – vieles, was farbige Kleidung „bedeutete", ist Erzählkunst, nicht Regel.

Was das für uns heute bedeutet

Die Wikingerzeit war eine farbige Zeit. Aus Wurzeln, Blättern und Schalen holten kundige Hände Rot, Blau und Gelb; teure Farben zeigten Rang, importierte Seide zeigte Reichweite, und die Sprache trug Farben als Zeichen weiter, bis hin zum dunklen Umhang des Totschlägers. Wer die Nordleute ernst nehmen will, denkt sie sich nicht grau, sondern leuchtend – und trennt dabei sauber, was der Faden chemisch verrät, von dem, was die Saga erzählen wollte. Genau diese ehrliche Unterscheidung zwischen belegtem Handwerk und späterer Deutung ist der Kern, an dem uns liegt.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: nordische Motive auf Naturschiefer, lasergraviert. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Färberhandwerk – die Farben der Wikinger · Wikinger-Kleidung & Mode · Wikinger-Schmuck · Lederhandwerk der Wikinger · Alltag der Wikinger.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Alltag & Handwerk

Alle Alltag & Handwerk-Artikel →

Frauen in der Wikingerzeit

Sie verwalteten den Hof, konnten erben und sich scheiden lassen – und doch ist die Wahrheit über die Wikingerfrau …

Weiterlesen →

Gagat – der schwarze Schmuckstein der Wikinger

Ein Stein, der brennt wie Kohle, sich beim Reiben elektrisch auflädt wie Bernstein und sich zu tiefschwarzem Schmuck …

Weiterlesen →

Glíma & Knattleikr – Sport und Spiel der Wikinger

Weiterlesen →

Hacksilber – als die Wikinger mit der Waage bezahlten

Wie bezahlt man, wenn es kein eigenes Geld gibt? Die Wikinger hatten eine einfache Antwort: mit Silber, gewogen auf der …

Weiterlesen →