Gagat, englisch Jet, ist kein Mineral, sondern versteinertes Holz: eine besonders dichte, polierfähige Kohle, die vor rund 180 Millionen Jahren aus Nadelbäumen entstand und deren berühmteste Lagerstätte an der Küste bei Whitby in Yorkshire liegt. Römer schnitzten daraus Medusa-Anhänger und kleine Bären, Beda lobte ihn im 8. Jahrhundert als Schatz Britanniens, und im wikingerzeitlichen York entstanden Fingerringe, Spielsteine und Anhänger. Hier liest du, was Funde und Laboranalysen wirklich zeigen, wo die Forschung noch rätselt und warum vieles, was schwarz glänzt, gar kein Gagat ist.
Halte ein Stück Gagat in der Hand, und es fühlt sich falsch an. Für einen Stein ist es zu leicht. Für Glas ist es zu warm. Reibst du es an Wolle, zieht es Fusseln an wie Bernstein. Und hältst du eine glühende Nadel daran, riecht es nicht nach Stein, sondern nach dem Kohleofen deiner Großeltern. Genau das ist Gagat: Kohle, die sich wie ein Edelstein benimmt.
Fachlich heißt das: Gagat ist ein Mineraloid, also ein natürlicher Stoff ohne Kristallgitter, und gehört in die Familie der Kohlen. Entstanden ist er aus Holz, das unter Luftabschluss und hohem Druck umgewandelt wurde. Der Whitby-Gagat stammt aus Treibholz von Bäumen aus der Verwandtschaft der Araukarien – jener Familie, zu der auch die heutige Chilenische Araukarie, die „Andentanne“, gehört. Die Stämme trieben vor etwa 181 Millionen Jahren, im Toarcium des frühen Jura, in ein sauerstoffarmes Meer, sanken in den Schlamm und wurden dort zu jenem tiefschwarzen Material, das Geologen in der Schicht namens „Jet Rock“ der Whitby-Mudstone-Formation finden.
Auf der Mohs-Skala liegt Gagat bei etwa 2,5 bis 4 – weich genug, um ihn mit Messer, Feile und Drehbank zu bearbeiten, hart genug, um eine spiegelnde Politur zu halten. Seine Dichte von rund 1,3 Gramm pro Kubikzentimeter macht selbst große Perlen federleicht.
Die neuzeitlichen Gagatarbeiter von Whitby unterschieden „harten“ und „weichen“ Gagat; der weiche neigt eher zu Rissen. Ob Handwerker der Wikingerzeit das wussten, ist unbekannt.
Whitby liegt an der Nordseeküste Yorkshires, dort, wo der Fluss Esk ins Meer mündet. Die Klippen sind aus dunklem Schiefer, und das Meer nagt beständig daran. Was herausbricht, landet am Strand – auch Gagat. Für die Antike und das frühe Mittelalter ist das entscheidend: Man konnte sammeln, was die Wellen freilegten. Ob man schon damals auch in die Klippe grub, ist offen; der großangelegte Stollenbergbau gehört ins 19. Jahrhundert, als der Strand den Bedarf nicht mehr deckte.
Über Whitby thront die Ruine einer Abtei. Ihr Vorgänger, das angelsächsische Doppelkloster Streanæshalch, wurde im 7. Jahrhundert unter der Äbtissin Hild gegründet; 664 tagte dort die berühmte Synode, auf der die Kirche Northumbriens sich für die römische Osterrechnung entschied. Für uns zählt ein Detail: English Heritage nennt unter den Funden der angelsächsischen Siedlung einen Spielstein aus Gagat, verziert mit Linien und Scheibenmotiven. Die Mönche und Nonnen lebten also nicht nur über dem schwarzen Stein, sie spielten auch mit ihm.
Seit angelsächsischer Zeit hat das Meer nach Angaben von English Heritage rund 500 Meter Klippe abgetragen. Wie weit die frühe Siedlung bei den dänischen Einfällen zerstört wurde, führt English Heritage selbst als offene Forschungsfrage. Sicher ist nur: Die Küste, an der Gagat lag, lag ab dem späten 9. Jahrhundert im skandinavisch beherrschten Teil Englands. Wie es dazu kam, erzählen wir in unseren Beiträgen über Lindisfarne 793 und die Wikinger in England.
Das deutsche Wort Gagat und das englische jet (über altfranzösisch jaiet) gehen beide auf das lateinische gagates zurück. Plinius der Ältere erklärt den Namen im 36. Buch seiner Naturgeschichte (Kapitel 141–142) so: Der Stein habe seinen Namen von einem Ort und Fluss namens Gages in Lykien, im Südwesten der heutigen Türkei. Dann beschreibt er ihn, in eigener Übertragung:
Er ist schwarz, flach, porös, leicht, nicht sehr verschieden von Holz, zerbrechlich, und wenn man ihn reibt, riecht er streng. Wenn man ihn verbrennt, gibt er schwefligen Geruch von sich; und erstaunlich: Er wird durch Wasser entzündet und durch Öl gelöscht. So angezündet vertreibt er Schlangen.Plinius d. Ä., Naturalis historia 36,141–142 (eigene Übertragung)
Danach wird es abenteuerlich. Der Rauch soll Frauenleiden lindern und angeblich Epilepsie sowie Jungfräulichkeit „aufdecken“; in Wein gekocht helfe er gegen Zahnschmerzen. Die Magier, so Plinius, benutzten Gagat bei einer Wahrsagetechnik namens axinomantia: Er verbrenne nicht, wenn das Erhoffte eintreten werde. Das ist antike Naturkunde und Magie, kein Beleg für eine Wirkung – aber der Ursprung fast aller späteren Schutzstein-Vorstellungen.
Ein Haken bleibt: Ob Plinius’ gagates wirklich derselbe Stoff ist wie der Whitby-Gagat, ist nicht sicher. Das „durch Wasser entzündet, durch Öl gelöscht“ passt eher zu bituminösen Gesteinen oder zu einer Verwechslung. Antike Steinnamen sind Sammelbegriffe, keine mineralogischen Definitionen. Erst die Autoren, die ausdrücklich über Britannien schreiben, verbinden den Namen sicher mit dem Material von der Yorkshire-Küste.
Im römischen Britannien wurde Gagat ab dem späten 2. und vor allem im 3. und 4. Jahrhundert zum Modematerial. Das Zentrum der Verarbeitung lag nicht in Whitby, sondern rund 70 Kilometer landeinwärts in Eboracum, dem heutigen York. Die Royal Commission on Historical Monuments hat die Belege zusammengestellt: Beim Eisenbahnbau 1873 kamen Rohblöcke und halbfertige Nadeln zutage – die Spur einer Werkstatt. Dazu kommen Armreifbruchstücke, Ringe, Perlen, Spinnrocken, ein Messergriff, ein Spielstein, ein Würfel.
Allein an Armreifen verzeichnet die Kommission mindestens 42 glatte und 19 verzierte Stücke, dazu elf Ringe im Yorkshire Museum. Unter den Anhängern stechen vier Gorgonenhäupter heraus – Medusa, deren Blick versteinert und die deshalb als Abwehrbild gegen den bösen Blick diente – sowie drei Porträtmedaillons. Und dann ist da ein kleiner Bär aus Gagat, 1845 in Bootham in einem Grab gefunden, dessen Beigaben um 320 n. Chr. datiert werden; heute liegt er im Museum in Sheffield.
Die meisten dieser Stücke stammen aus Körpergräbern des 3. und 4. Jahrhunderts. Lindsay Allason-Jones hat den römischen Gagat des Yorkshire Museum später in einem eigenen Katalog vorgelegt. Mit dem Ende der römischen Herrschaft in Britannien um 410 bricht diese Blüte ab.
Spannend für Leser aus Deutschland: Auch im römischen Rheinland trug man schwarzen Schmuck. Lange galt alles als „Whitby-Gagat“. Allason-Jones und Jones untersuchten 2001 Stücke vom Hadrianswall und aus dem Rheinland mit Auflichtmikroskopie, einer Methode aus der Kohlepetrografie. Ergebnis: Die Handwerker verwendeten verschiedene Gagat-, Schiefer- und Kohlesorten aus mehreren Regionen, und die untersuchten rheinischen Objekte bestanden nicht aus Whitby-Gagat, sondern aus Material unbekannter Herkunft. Schwarz ist eben nicht gleich Whitby.
Gut dreihundert Jahre nach dem Abzug der Römer schreibt ein Mönch in Jarrow, rund 80 Kilometer nordwestlich von Whitby, seine Kirchengeschichte des englischen Volkes. Beda vollendet die Historia ecclesiastica gentis Anglorum im Jahr 731. Gleich im ersten Kapitel beschreibt er, was Britannien zu bieten hat: Perlen, Purpurschnecken, Salz- und Thermalquellen, Erzadern mit Kupfer, Eisen, Blei und Silber – und dann den Gagat:
Es bringt auch den Gagatstein hervor, reichlich und von bester Art. Er ist schwarz wie ein Edelstein und brennt, wenn man ihn ans Feuer hält; angezündet vertreibt er Schlangen; durch Reiben erwärmt, hält er fest, was man daran legt, genau wie Bernstein.Beda, Historia ecclesiastica I,1 (eigene Übertragung aus dem Lateinischen)
Beda folgt hier fast wörtlich dem römischen Autor Solinus, der vermutlich im 3. Jahrhundert schrieb und über Britannien notierte, Gagat gebe es dort „sehr reichlich und von bester Güte“, schwarz wie ein Edelstein. Das Schlangenmotiv stammt aus der Tradition, die schon bei Plinius steht. Beda kopiert also antikes Wissen. Bemerkenswert ist trotzdem, dass er es für erwähnenswert hielt: Für einen gelehrten Northumbrier gehörte Gagat zu den Dingen, die seine Insel auszeichneten – gleich neben Perlen und Silber.
Die Stelle mit dem Bernstein ist übrigens physikalisch korrekt. Beide Stoffe laden sich durch Reibung elektrostatisch auf und ziehen leichte Teilchen an. Das griechische Wort für Bernstein, ēlektron, steckt bis heute in unserer „Elektrizität“. Mehr über das goldene Gegenstück erfährst du in unserem Artikel über Bernstein, das Gold des Nordens.
866 eroberte das „Große Heer“ der Skandinavier York. Aus dem römischen Eboracum und dem angelsächsischen Eoforwic wurde Jórvík, für knapp ein Jahrhundert eine der wichtigsten Städte der skandinavischen Welt westlich der Nordsee. Und wieder wurde hier Gagat verarbeitet.
Die Belege stammen vor allem aus der großen Grabung des York Archaeological Trust in der Coppergate, 1976 bis 1981. Der feuchte Boden hat dort Holz, Leder und Textil erhalten, und eben auch die Abfälle der Handwerker. Die Fundvorlage von Ailsa Mainman und Nicola Rogers (Craft, Industry and Everyday Life: Finds from Anglo-Scandinavian York, 2000) nennt die Verarbeitung von Gagat und Bernstein ausdrücklich unter den Handwerken der Stadt. Für Gagat heißt das: Hier wurde der Rohstoff nicht nur getragen, sondern vor Ort zu Schmuck verarbeitet.
Ein schönes Einzelstück besitzt der York Museums Trust: einen kleinen Spielstein aus Gagat mit Kreisaugenverzierung, angeblich unter dem Gasthaus Coach and Horses in der Nessgate gefunden und vom Museum in die anglo-skandinavische Zeit (866–1066) gesetzt. Gedeutet wird er als Schachfigur, vielleicht ein Turm – deren Datierung vor 1066 hielt der Archäologe Waterman schon 1959 für unsicher. Zum Spielen auf dem Brett lies weiter bei Hnefatafl.
Nicht alles, was in Jórvík schwarz glänzte, muss allerdings Gagat gewesen sein – dazu gleich mehr.
York war nicht allein. Auch aus dem wikingerzeitlichen Dublin, der Stadt der Ostmänner, sind Werkstattabfälle von Gagat- oder Lignitschmuck bekannt. Das zeigt etwas, das man leicht übersieht: Der Rohstoff wurde verschifft und weit entfernt von seiner Lagerstätte verarbeitet. Gagat war Handelsware, so wie Bernstein, Speckstein oder Geweih für die Kammmacher.
Gagat war im wikingerzeitlichen Norden kein Massenmaterial wie Glas, sondern ein Akzent: dunkle Perlen zwischen bunten, ein Ring, ein Armreif, ein Spielstein, ein kleines Amulett.
Perlen. Im Grab einer Frau aus der Landnahmezeit in Ketilsstaðir im Osten Islands lag unter 42 Perlen und Perlenbruchstücken eine große schwarze Perle aus Gagat oder Lignit. Michèle Hayeur Smith und Kollegen, die das Grab 2019 neu ausgewertet haben, betonen, dass keines der Perlenmaterialien auf Island natürlich vorkommt, und nennen als mögliche Quellen die Gegend um Whitby (für Gagat) oder Südschottland (für Lignit). Eine chemische Analyse der Perle selbst haben sie nicht vorgelegt. In einem Frauengrab in Sunnmøre in Westnorwegen lagen nach Signe Horn Fuglesang Gagatperlen und eine kleine Schlange aus Gagat; Fuglesang dachte an Amulettwirkung. Wie solche Perlenketten aufgebaut waren, zeigen wir in unseren Beiträgen über den Perlenmacher und die Karneolperlen.
Ringe und Armreifen. Fingerringe aus Gagat sind in York gut belegt. Armreifen aus Gagat, Lignit oder Schiefer tauchen in den nordischen Siedlungsgebieten des Nordatlantiks auf, in schottischen Gräbern ebenso wie auf dem Hof Toftanes auf den Färöern, wo Perlen, Armreifen und Ringe aus Gagat oder Lignit gefunden wurden. Im Grab von Castletown in Caithness, Nordschottland, lag ein Armreif aus Lignit. Man kann darin eine Mischung aus norwegischer Tracht und britischen Rohstoffen sehen – eine Deutung, kein Messergebnis.
Spielsteine. Belegt im römischen und anglo-skandinavischen York und im angelsächsischen Whitby: Ein polierter schwarzer Stein hebt sich auf einem hellen Brett deutlich ab.
Schlangen. Hier wird es spannend. Leszek Gardeła hat 2020 eine kleine, seltene Gruppe wikingerzeitlicher Miniaturen untersucht: zusammengerollte Schlangen aus Silber, Kupferlegierung, Gold, Holz – und Gagat. Sie stammen aus Gräbern, Schatzfunden, Siedlungen und als Einzelfunde. In Gräbern liegen sie meist bei Frauen, die auch andere rituelle Gegenstände erhielten. Gardeła deutet das als Hinweis auf eine besondere religiöse Rolle dieser Frauen. Dass es Schlangenfiguren aus Gagat gibt, ist also belegt – das Grab aus Sunnmøre ist ein Beispiel; dass gerade Schlangen ein Hauptmotiv des Gagatschmucks gewesen seien, wie man oft liest, lässt sich aus der veröffentlichten Literatur nicht so pauschal ableiten. Zur Schlange als Motiv im Norden lies weiter bei Drachen & Schlangen in der nordischen Welt.
Kreuze. Mit der Christianisierung kommt ein neues Motiv. Elizabeth Pierce hat 2013 eine Gruppe von Kreuzanhängern aus Gagat mit Kreisaugenverzierung zusammengestellt, die in Britannien, Irland und Skandinavien gefunden wurden – gleiche Form, weite Verbreitung. Das Nationalmuseum Irland zeigt ein solches Kreuz aus dem 11. oder 12. Jahrhundert, 2018 bei Glendalough ausgegraben, und bezeichnet es als Import aus Whitby. Der schwarze Stein, den Beda als heidnischen Schlangenvertreiber beschrieb, wurde nun zum Andachtsschmuck.
Die naheliegende Antwort lautet: aus Whitby. Die Lagerstätte lag im skandinavisch beherrschten Northumbrien, Jórvík verarbeitete den Stoff, Dublin ebenso, und die Schiffe der Händler verbanden diese Städte mit Norwegen, Dänemark und dem Nordatlantik. Für viele Funde ist das plausibel. Bewiesen ist es seltener, als man denkt.
Das Problem ist ein naturwissenschaftliches. Gagat, Lignit (Braunkohle), Kännelkohle und bituminöser Schiefer sehen poliert fast gleich aus. Selbst mit Röntgenfluoreszenzanalyse (XRF) ist Gagat von manchem Lignit schwer zu unterscheiden. Zuverlässiger, aber aufwendiger sind Auflichtmikroskopie an Anschliffen und die Kombination mehrerer Verfahren. Für Museumsstücke, die man nicht anschleifen will, stößt die Analyse schnell an Grenzen.
Wie viel das ausmacht, zeigt die Forschung in Schottland. Schon 1916 vertrat der Archäologe J. G. Callander die Ansicht, ein Teil des schottischen „Gagats“ bestehe in Wahrheit aus örtlichen Materialien wie Kännelkohle, Schiefer oder Lignit. Ein Projekt der National Museums of Scotland (Sheridan, Davis und Kollegen, 2002) hat bronzezeitlichen schwarzen Schmuck systematisch untersucht und gezeigt, wie oft die Bezeichnung „Jet“ in alten Katalogen nicht stimmt. Für die Wikingerzeit hat Fraser Hunter 2008 „Gagat und verwandte Materialien im wikingerzeitlichen Schottland“ behandelt. Die Konsequenz für Skandinavien: Wo ein Katalog „Gagat“ sagt, ist oft „schwarzes, kohleartiges Material“ gemeint, und die Herkunft aus Whitby ist eine gut begründete Annahme, aber nicht für jedes Stück ein Messergebnis.
Damit du beim nächsten Museumsbesuch genauer hinschaust, hier die vier Verwandten im Kurzporträt.
Gagat ist der Aristokrat der Familie: dicht, homogen, gut schneidbar, hochglanzpolierbar. Bei einer Strichprobe auf unglasiertem Porzellan hinterlässt er einen braunen Strich. Er fühlt sich warm an, weil er Wärme schlecht leitet, und er brennt mit Kohlegeruch und Ruß.
Lignit ist Braunkohle, meist erdgeschichtlich jünger als der Whitby-Gagat. Gute, harte Partien lassen sich ebenfalls polieren und hinterlassen ebenfalls einen braunen Strich. Hier liegt die größte Verwechslungsgefahr – auch im Labor.
Kännelkohle (englisch cannel coal, von candle, weil sie mit kerzenähnlicher Flamme brennt) ist eine feinkörnige, matt glänzende Steinkohle. Sie kommt in Schottland und Nordengland vor und wurde in vorgeschichtlicher Zeit ebenfalls zu Schmuck verarbeitet.
Bituminöser Schiefer, etwa der Kimmeridge-Schiefer aus Dorset, wurde in römischer Zeit zu Armreifen gedrechselt. Viktorianische Archäologen bezeichneten solche Stücke häufig als Gagat. Schiefer ist schwerer, spröder und wird beim Austrocknen gern rissig.
Die Vorstellung, Gagat schütze vor Bösem, ist alt, aber sie hat eine klar nachvollziehbare Quellenkette. Am Anfang stehen Plinius und andere antike Autoren mit Schlangen, Rauch und Wahrsagerei. Solinus und dann Beda geben das Schlangenmotiv weiter. Die mittelalterlichen Steinbücher übernehmen die antiken Angaben und spinnen sie fort. Bis in die Neuzeit hinein galt Gagat als Mittel gegen Gift, Dämonen und Unglück.
Für die Wikinger selbst haben wir keine solche Aussage. Uns ist kein wikingerzeitliches oder altnordisches Schriftzeugnis bekannt, das Gagat eine Schutzkraft zuschreibt; die Edda und die Sagas schweigen über den schwarzen Stein. Was wir haben, sind Fundzusammenhänge: Gagat in Frauengräbern, Gagat bei Schlangenminiaturen, Gagat neben anderen Gegenständen, die man als Amulette deutet. Archäologen wie Hayeur Smith verweisen darauf, dass Gagat und Lignit Amulettcharakter gehabt haben könnten, und auf Roberta Gilchrist, die die Schutzbedeutung des Gagats von der Römerzeit bis ins Mittelalter verfolgt hat. Das ist eine ernsthafte, gut begründete Deutung. Ein Beweis, dass ein Wikinger seinen Gagatring als Abwehrzauber trug, ist es nicht.
Unsere ehrliche Einschätzung: Es ist gut möglich, dass Menschen im Norden dem warmen, leichten, elektrischen schwarzen Stein etwas Besonderes zutrauten – so wie dem Bernstein. Aber wenn dir jemand erzählt, „die Wikinger trugen Gagat gegen den bösen Blick“, dann hat er antike Quellen und moderne Esoterik in die Wikingerzeit verschoben. Mehr dazu, wie man Schutzsymbole nüchtern prüft, findest du in unserem Beitrag über Runen für Schutz, Stärke und Mut.
Nach der Wikingerzeit verschwindet Gagat nicht. Im Hoch- und Spätmittelalter wird er vor allem für religiöse Dinge genutzt: Kreuze, Rosenkranzperlen, Pilgerandenken. Im nordspanischen Asturien gibt es eine eigene Lagerstätte – erdgeschichtlich jünger als Whitby, aus dem späten Jura –, und aus diesem azabache schnitzten Werkstätten in Santiago de Compostela Pilgerfiguren für die Jakobspilger. So reiste spanischer Gagat in Pilgertaschen quer durch Europa.
Den größten Ruhm erlangt der Whitby-Gagat aber erst im 19. Jahrhundert. Als Queen Victoria Trauer trug, wurde schwarzer Gagatschmuck zur Mode der Trauernden. Nach Angaben des Whitby Museum beschäftigten um 1870 über 200 Werkstätten rund 1.500 Menschen; ab Mitte der 1880er-Jahre brach das Gewerbe ein – Mode, spanischer Gagat und Ersatzmaterialien setzten ihm zu. Viele denken heute bei Gagat sofort an diese viktorianische Trauerbrosche. Mit der Wikingerzeit hat sie nichts zu tun.
Wir arbeiten in unserer Werkstatt in Alsdorf viel mit dunklem Stein, vor allem mit Schiefer. Wer gesehen hat, wie eine Gravur auf schwarzer Fläche aufleuchtet, versteht die alte Faszination. Gagat ist der edelste Vertreter dieser Familie: fossiles Holz aus einem Jurameer, in York zu Ringen geschliffen und in Gräbern von Schottland bis Island wiedergefunden.
Wenn du dich für die Schmuckwelt des Nordens interessierst, lies weiter bei Wikinger-Schmuck: getragen, verschenkt – und zerhackt, wo es um Silber, Glas und Bernstein geht, und bei Hacksilber, wenn du wissen willst, wie aus Schmuck Geld wurde. Den großen Rahmen für Rohstoffe wie Gagat, Bernstein und Speckstein bietet unser Artikel über den Handel der Wikinger.

Was ist Gagat für ein Stein? Gagat ist streng genommen kein Stein, sondern ein Mineraloid aus der Familie der Kohlen: versteinertes Holz, beim Whitby-Gagat von araukarienähnlichen Nadelbäumen aus dem frühen Jura, rund 181 Millionen Jahre alt. Er ist leicht, schwarz, gut polierbar und brennt wie Kohle.
Haben die Wikinger Gagat getragen? Ja. Im wikingerzeitlichen York wurden Fingerringe, Anhänger, Armreifen und Spielsteine aus Gagat hergestellt, und schwarze Perlen und Armreifen aus Gagat oder Lignit finden sich in nordischen Gräbern von Schottland über die Färöer bis Island.
Woher kommt Whitby-Gagat? Aus der Schicht „Jet Rock“ in den Klippen bei Whitby an der Küste von North Yorkshire. In Antike und frühem Mittelalter sammelte man ihn vor allem am Strand, wo das Meer ihn aus der Klippe wäscht.
Wie erkennt man echten Gagat? Echter Gagat ist sehr leicht, fühlt sich warm an, hinterlässt auf unglasiertem Porzellan einen braunen Strich und riecht bei Berührung mit einer heißen Nadel nach Kohle. Von Lignit ist er aber selbst im Labor schwer zu unterscheiden.
Ist Gagat ein Schutzstein? Antike Autoren wie Plinius und später Beda schrieben ihm Kräfte gegen Schlangen zu, mittelalterliche Steinbücher gegen Gift und Dämonen. Für die Wikinger selbst gibt es keine Schriftquelle dazu, nur archäologische Deutungen von Fundzusammenhängen.
Was ist der Unterschied zwischen Gagat und Bernstein? Bernstein ist fossiles Harz, Gagat fossiles Holz. Beide sind leicht, fühlen sich warm an und laden sich beim Reiben elektrisch auf – deshalb nannte man Gagat auch „schwarzen Bernstein“.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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