Zwischen Skadarsee und Adriaküste trug ein südslawisches Fürstentum den Namen einer verlassenen römischen Stadt. Über Duklja berichten ein byzantinischer Kaiser, spätere byzantinische Chronisten und eine Chronik, die Jahrhunderte später entstand und Geschichte mit Sage mischt. Wer die drei sauber trennt, sieht ein kleines Fürstentum, das zwischen Konstantinopel, Bulgarien und Rom um seinen Platz rang.

Etwa drei Kilometer nördlich des heutigen Podgorica liegen die Reste von Doclea, der größten archäologischen Stätte Montenegros. Die Stadt gehörte zur römischen Provinz Dalmatia und stieg im 1. Jahrhundert n. Chr. zum Municipium auf, einer Stadt mit eigener Selbstverwaltung nach römischem Recht. Fachleute schätzen, dass dort zwischen 8.000 und 10.000 Menschen lebten. Den Namen führt man meist auf die Docleatae zurück, einen illyrischen Stamm, den die Römer unterwarfen. Eine spätere Legende bringt ihn mit Kaiser Diokletian in Verbindung. Das ist eine Deutung des Mittelalters, keine gesicherte Herkunft.
Die Ausgrabungen zeigen ein typisches Stadtbild: Forum, Tempel, Thermen und Nekropolen. Um das Jahr 400 wurde Doclea Bischofssitz. Namentlich bekannt sind Bischöfe auf den Konzilien von Ephesos (431) und Chalkedon (451); als letzter gilt Nemezian im Jahr 602. Die größte der Basiliken, die sogenannte Basilika A, misst rund 34 mal 17 Meter. Ein schweres Erdbeben zerstörte die Stadt 518. Das Ende kam im 7. Jahrhundert, als Awaren und Slawen die Region überrannten. Ob die slawischen Fürsten des Mittelalters den Platz systematisch nutzten, ist archäologisch nicht belegt; drei kleine mittelalterliche Kirchen zeigen immerhin, dass der Ort nicht völlig vergessen war.
Die früheste zusammenhängende Beschreibung des Landes stammt von Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos, der um 948 bis 952 sein Handbuch De Administrando Imperio (DAI) für seinen Sohn Romanos II. zusammenstellen ließ. Die Kapitel 29 bis 36 behandeln die Küstenregion westlich des Reiches der Reihe nach: Dalmatien, die Kroaten, die Serben (Kapitel 32), die Zachlumier (33), die Travunier und Kanaliten (34), dann in Kapitel 35 Diokleia und schließlich die Narentaner. Das Material stammt teils aus älteren Aufzeichnungen, teils aus mündlichen Berichten, und der Kaiser sortiert es nach seinem eigenen Weltbild.
Das Kapitel zu Diokleia ist kurz. Konstantin lässt das Land einst von den Römern besiedelt sein, die Diokletian aus Rom hierher versetzt habe. Später hätten es die Awaren verwüstet; unter Kaiser Herakleios sei es neu besiedelt worden. Den Namen leitet er von einer Stadt ab, die Diokletian gegründet habe und die nun verödet sei. Das ist die Römerstadt Doclea. Die Verbindung zwischen Stadt und Kaiser behauptet der Autor, die Archäologie bestätigt sie nicht.
Im Land Diokleia liegen die großen bewohnten Städte Gradetai, Nougrade und Lontodokla.Konstantin VII., De Administrando Imperio, Kap. 35; sinngemäße Wiedergabe nach der Übersetzung von R. J. H. Jenkins
Die drei Orte lassen sich nicht sicher lokalisieren; die Forschung diskutiert verschiedene Vorschläge, ohne dass sich einer durchgesetzt hätte. Auffällig ist, dass Konstantin die Diokleer nicht ausdrücklich zu Serben erklärt. Bei den Zachlumiern, Travuniern und Narentanern verweist er auf serbische Herkunft. Bei Diokleia fehlt eine solche Angabe. Manche Forscher lesen das als Hinweis, dass der Kaiser sie nicht dem serbischen Verband zurechnete. Andere sehen darin nur eine Lücke in seiner Vorlage. Als belegt gilt nur, dass der Text schweigt.
Erst im frühen 11. Jahrhundert tritt Duklja in Quellen ein, die Ereignisse beim Namen nennen. Der byzantinische Chronist Johannes Skylitzes, der im späten 11. Jahrhundert schrieb, erwähnt einen Herrscher namens Vladimir, den er sinngemäß als milden, friedfertigen und frommen Mann schildert. Jovan Vladimir regierte von etwa 1000 bis 1016. Seine Zeit fiel in den langen Krieg zwischen Kaiser Basileios II. und dem bulgarischen Zaren Samuel, der als Gegner Konstantinopels Bündnispartner suchte und Gegner bestrafte.
Um 1009 bis 1010 griff Samuel Duklja an. Jovan Vladimir zog sich in die Festung Oblik am Skadarsee zurück, ergab sich aber schließlich, um eine Hungersnot zu vermeiden. Samuel ließ ihn nach Prespa bringen, in das Zentrum seiner Herrschaft im heutigen Westmakedonien. Hier endet der Teil, der sich auf mehrere Quellen stützt. Alles Weitere über Gefangenschaft, Heirat und Tod steht in einer Chronik, die dreihundert Jahre später niedergeschrieben wurde.
Gemeint ist die Gesta regum Sclavorum (Taten der Slawenkönige), die in der Forschung meist als Chronik des Presbyters von Duklja bekannt ist, serbokroatisch Ljetopis popa Dukljanina. Die ältere Forschung rechnete sie dem 12. Jahrhundert zu und nannte einen Pfarrer aus Duklja als Verfasser. Der serbische Historiker Tibor Živković hat 2009 eine abweichende Datierung vorgelegt: Danach entstand das Werk um 1295 bis 1301, und der Autor sei Rudger, 1298 zum katholischen Erzbischof von Bar geweiht und 1301 aus der Stadt vertrieben. Über diesen Ansatz wird diskutiert. Beide Lager sind sich einig, dass die Chronik sehr spät ist, gemessen an dem, was sie erzählt.
Erhalten sind eine lateinische und eine kroatische Fassung, die ältesten Handschriften stammen aus dem 17. Jahrhundert. Das Werk reicht von der Frühzeit unter gotischen Königen bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts. Es enthält die sogenannte Konstantinslegende über die Frühzeit der Kroaten, eine Lebensbeschreibung des Heiligen Jovan Vladimir und eine Geschichte der dukljanischen Herrscher. Gestaltet wurde es offenbar im Interesse eines Förderers, des kroatischen Banus Paul I. Šubić von Bribir. Der Historiker Slavko Mijušković hielt die Chronik sogar für ein rein literarisches Produkt des späten 14. oder frühen 15. Jahrhunderts, eine Minderheitenposition.
Die Forschung teilt die Chronik grob in zwei Teile. Die ersten Kapitel gelten als weitgehend unbrauchbar. Dort erscheint etwa Svetopelek, der achte Nachkomme der gotischen Eroberer, der von Kroatien bis Serbien geherrscht und alle Völker zum Christentum geführt haben soll. Die Wissenschaft stuft diese Gestalt als frei erfunden ein. Die Slawen werden bei dem Verfasser als friedfertiges Volk dargestellt, das die Goten ins Land geholt hätten; das widerspricht den byzantinischen Quellen. Kapitel 36, das Leben des Jovan Vladimir, gilt dagegen als wertvoller. Es fasst eine ältere Heiligenvita aus der Zeit zwischen 1075 und 1089 zusammen und enthält nach verbreiteter Ansicht verlässliche historische Angaben, wenn auch mit legendären Ausschmückungen.
Die Chronik erzählt, Samuels Tochter Theodora Kosara sei von der Erscheinung, der Demut und der Sanftmut des Gefangenen so beeindruckt gewesen, dass sie ihren Vater um seine Hand bat. Samuel willigte ein und setzte Vladimir als Vasall wieder ein. Historiker halten die Verbindung eher für ein politisches Kalkül als für eine Liebesgeschichte. Auch Kosaras Herkunft ist nicht gesichert: Skylitzes nennt eine Tochter Samuels, doch die Handschriften sind uneinheitlich, und eine Gegenthese sieht in Kosara eine Tochter des Theodor Chryselios. Beide Lesarten bleiben Spekulation, die Heirat selbst ist wohl historisch, der Rahmen der Erzählung literarisch.
Am 22. Mai 1016 rief Samuels Nachfolger Ivan Vladislav den Fürsten nach Prespa. Vladislav hatte im Oktober 1015 seinen Vorgänger Gavril Radomir ermordet und den Thron an sich gebracht. Kosara warnte ihren Mann, so die Vita, doch Vladimir folgte der Einladung, ein hölzernes Kreuz als Unterpfand freien Geleits in der Hand. Als er in der Kirche betete, schlugen ihn Vladislavs Soldaten nieder und enthaupteten ihn. Dass Vladimir 1016 in Prespa den Tod fand, ist die glaubwürdigste Kernaussage. Die Szene mit dem Kreuz und der Warnung der Frau trägt die Handschrift der Märtyrerliteratur.
Vladimir wurde zunächst in Prespa bestattet. Nach der Vita holte Kosara seinen Leichnam in die Kirche Prečista Krajinska nahe dem Hof in der Krajina, im Südosten von Duklja. Um 1215 wurden die Reliquien nach Dyrrhachion verlegt, 1381 brachte sie Karl Thopia in eine Kirche bei Elbasan; seit 1995 liegen sie in der orthodoxen Kathedrale von Tirana. Sein Gedenktag ist der 22. Mai. Die Heiligenverehrung begann schon kurz nach seinem Tod und hat sich über Jahrhunderte gehalten, über Konfessionsgrenzen hinweg.
Nach 1016 brach das Fürstentum nicht ab, doch die Quellenlage bleibt dünn. Wieder fassbar wird Duklja mit Stefan Vojislav, den byzantinische Autoren ausdrücklich nennen. Skylitzes nennt ihn den Fürsten der Serben, der Chronist Kedrenos sprach von einem Fürsten Serbiens, und Kekaumenos führt ihn mit dem Titel eines Archonten und Toparchen der dalmatinischen Kastra Zeta und Ston. Um 1034 erhob er sich gegen Byzanz, nutzte den Tod Kaiser Romanos' III., geriet 1035 oder 1036 in Gefangenschaft in Konstantinopel, entkam Ende 1037 oder 1038 und kontrollierte um 1040 die Küste von Ston bis zu seiner Hauptstadt Skadar. Die Schlacht von Bar 1042 sicherte die Unabhängigkeit. Er starb 1043 und hinterließ die Herrschaft an Witwe und fünf Söhne.
Die Chronik macht Vojislav zum Vetter Jovan Vladimirs. Die byzantinischen Zeitgenossen erwähnen keine Abstammung, deshalb gilt diese Verbindung als zweifelhaft. Unter Vojislavs Sohn Mihailo, der etwa von 1046 bis 1081 regierte, erhielt das Fürstentum internationale Anerkennung: Papst Gregor VII. redete ihn um 1077 als König der Slawen an. Unter Konstantin Bodin wurde 1089 das Bistum Bar zum Erzbistum erhoben, mit großem kirchlichem Einfluss. Im 12. Jahrhundert verschob sich das Gewicht zur Raszien, und Stefan Nemanja gliederte Duklja 1186 endgültig ein.
Das Zentrum des Fürstentums lag am Skadarsee, dem größten See der Balkanhalbinsel. Seine Fläche schwankt je nach Jahreszeit zwischen etwa 370 und 530 Quadratkilometern, er ist rund 44 Kilometer lang und höchstens 14 Kilometer breit. Etwa 65 Prozent gehören heute zu Montenegro, 35 Prozent zu Albanien. Der See ist flach, durchschnittlich nur fünf Meter tief, und mit Inseln wie Beška und Grmožur durchsetzt. Auf Grmožur stand später eine Festung, die als Gefängnis diente. Wer den See und die Küste kontrollierte, kontrollierte die Zugänge ins Landesinnere und die Wege nach Dyrrhachion.
Welche Orte zu Jovan Vladimirs Hof gehörten, ist unklar. Die Chronik nennt Krajina als Wohnsitz der Familie, andere Darstellungen sehen die Küstenstadt Bar als Herrschaftssitz. Bei Vojislav ist Skadar als Hauptstadt belegt. Dass die Fürsten ihre Residenz im Lauf der Zeit wechselten, ist wahrscheinlich, aber nicht dokumentiert. Das römische Doclea selbst blieb Ruine und diente allenfalls als Namenspatron.
Einen Rest römischer Tradition mag es im Küstenland durchaus gegeben haben. Die Städte der dalmatinischen Küste blieben, anders als das Binnenland, nach den Wanderungen des 6. und 7. Jahrhunderts teilweise bewohnt, und ihre romanisierte Bevölkerung sprach weiter Latein. Wie eng diese Gruppen mit den slawischen Fürsten von Duklja verflochten waren, bleibt offen, denn die Quellen schildern sie fast nur aus der Außenperspektive. Belegt ist nur, dass Konstantin das Land als einstige römische Siedlung beschreibt und die Chronik die Kirche von Bar später ins Zentrum rückt.
Der Kaiser schreibt knapp, kennt Diokleia aus zweiter Hand und ordnet es in sein eigenes System aus Tributpflicht und Herkunftserzählung ein. Skylitzes und Kekaumenos schreiben aus byzantinischer Sicht über Konflikte. Die Chronik des Presbyters Diocleas entstand aus der Sicht der Kirche von Bar und eines kroatischen Mäzens und füllt die Lücken mit Erzählstoff, den die frühere Zeit so nie bestätigt. Wer sie liest, muss bei jedem Satz fragen, ob er von der Vita stammt, von mündlicher Überlieferung oder aus der Feder des Chronisten.
Dazu kommt die Frage, wer die Dukljaner überhaupt waren. Konstantins Text lässt offen, ob er sie als Serben, als eigene Gruppe oder als Nachfahren der römischen Bevölkerung verstand. Die byzantinischen Chronisten des 11. Jahrhunderts nannten Vojislav einen Serben, was auf die Zugehörigkeit zu einem größeren Ordnungsbegriff verweist, nicht auf eine nachweisbare Stammesidentität. Die Forschung rät deshalb dazu, mittelalterliche Gruppenbezeichnungen als politische und sprachliche Zuschreibungen zu lesen, nicht als moderne ethnische Kategorien. Zu den Nachbarn im Norden sind die Kroaten und die Reste der Küstenstädte zu zählen, im Osten reichte der Einfluss Bulgariens, das Samuel zu einer Großmacht gemacht hatte; wer sich für das Umfeld interessiert, findet bei den Bulgaren und Slawen den größeren Rahmen.
Gerade deshalb lohnt der Blick auf Duklja. Ein kleines Gebiet, dessen Name von einer Ruine stammt und dessen Fürsten zwischen Basileios II. und Samuel um ihr Überleben kämpften, hat nur wenige Zeilen in den großen Chroniken, aber eine eigene Heiligenverehrung und eine eigene Chronik hinterlassen, die bis heute Streit auslöst. Für eine Gravur auf Schiefer eignet sich weniger das Märchen von Kosara als die nüchterne Karte: Skadarsee, Doclea, Bar, drei Namen und eine Zeitspanne von 1000 bis 1186.

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