Die Linonen haben nie selbst geschrieben, und fast jede Zeile über sie handelt von einem Heer, das gerade über die Elbe zieht. Trotzdem lässt sich aus den Quellen etwas ablesen: ein Land am nördlichen Elbufer gegenüber dem Höhbeck, ein Stamm, den 808 Dänen und Franken zugleich bedrängten, eine Liste mit sieben Burgen und ein letzter Eintrag im Jahr 877. Dieser Beitrag geht die Belege einzeln durch, trennt Quelle von Deutung und prüft eine Behauptung, die in vielen Darstellungen mitschwingt: dass die Linonen bei der Schlacht von Lenzen 929 eine Rolle gespielt hätten.
Wer etwas über die Linonen wissen will, stößt auf eine Eigenheit der Überlieferung: Es gibt keine einzige Quelle aus ihrer eigenen Hand. Alles, was wir haben, stammt von fränkischen und sächsischen Chronisten, die über Feldzüge, Tributforderungen und Grenzfragen schrieben. Die Linonen erscheinen darin als Ziel, als Aufständische, als Nachbar anderer Völker, selten als handelnde Gemeinschaft mit eigenem Gesicht. Man erfährt, wohin ein Heer zog, nicht, wie die Menschen dort lebten.
Das ist kein Grund, den Beitrag abzubrechen, sondern sein Thema. Denn gerade bei den Linonen zeigt sich, wie stark moderne Darstellungen aus wenigen Zeilen ein ganzes Bild formen: einen Siedlungsraum mit festen Grenzen, einen Hauptort, ein Verhältnis zu den Nachbarn. Was davon belegt ist und was erst die Forschung hinzugefügt hat, lässt sich ziemlich genau auseinanderhalten. Die Quellenlage reicht von etwa 808 bis 877, also knapp siebzig Jahre. Danach verlieren sich die Linonen als Name; später sind andere Namen und andere Verbände an der Elbe im Spiel, unter anderem die Wilzen und die Lutizen (siehe Wilzen und Lutizen).
Ein Hinweis zur Arbeitsweise dieses Textes: Die lateinischen Quellen haben wir nur in Auszügen und über Datenbanken, Übersichtsartikel und englische Übersetzungen gesehen, nicht in den Handschriften oder kritischen Editionen. Wo ein Wortlaut zitiert wird, steht dabei, woher er stammt. Das Quellenverzeichnis am Ende sagt ehrlich, was geprüft wurde und was nicht.
In den Quellen erscheinen die Linonen als Linones (Reichsannalen), als Linai (Chronik von Moissac) und als Linaa (Bayerischer Geograph). Hinzu kommen weitere Schreibweisen wie Hilinones, Lini oder Linguones. Die deutsche Form „Linonen" ist eine neuzeitliche Eindeutschung des lateinischen Namens, keine überlieferte Selbstbezeichnung.
Was der Name bedeutet, ist nicht geklärt. Die deutsche Wikipedia nennt als mögliche Herleitung das slawische Wort glina, „Lehm, Ton", und denkt an Flüsse, Bäche und lehmige Niederungen. Das ist eine Deutung. Ob „Linones" überhaupt eine Eigenbezeichnung war oder ein Name, den Fremde einer Gruppe gaben, bleibt offen. Das wäre nicht ungewöhnlich: Viele Stammesnamen der Elbslawen kennen wir nur aus fränkischer Feder, und die Schreiber hörten, was ihnen Boten und Gefangene sagten, nicht unbedingt, was die Betroffenen selbst von sich sagten.
Eine Erklärung, die man gelegentlich liest, setzt den Namen Linonen und den Namen des Ortes Lenzen gleich. Die Ähnlichkeit ist augenfällig, aber wir haben dafür keine Quelle gefunden, die sie ausdrücklich begründet. Die Wikipedia-Seite zu Lenzen (Elbe) erklärt den Ortsnamen nicht und verknüpft ihn auch nicht mit den Linonen. Wir behandeln das deshalb weiter unten als offene Frage.
Die übliche Lokalisierung, wie sie die deutsche Wikipedia zusammenfasst: Die Linonen siedelten im 9. Jahrhundert in der heutigen Westprignitz im Nordwesten Brandenburgs, am nördlichen Ufer der Elbe. Ihr Gebiet reichte demnach etwa von der Gegend um Wehningen nördlich von Dömitz bis nach Lenzen. Im Norden setzt die Elde eine Grenze, im Osten trennt ein Waldgebiet zwischen Ture und Pritzwalk sie von den Dossanen, im Süden ein weiterer Wald, der Rodahn, von den Brizanen um Havelberg; ihn zu durchqueren, soll zwei Tage gedauert haben. Diese Angaben hat die Forschung aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt, sie stehen nicht in einer einzigen Zeile eines Chronisten.
Die englische Wikipedia fasst es schlichter: nördlich und östlich der Elbe, gegenüber dem Höhbeck, im Raum um Lenzen, südlich von Wilzen und Obodriten, nördlich der Heveller, nordöstlich der Sachsen. Der Höhbeck ist ein Höhenzug am linken, sächsischen Elbufer im heutigen Wendland, auf dem die Franken eine Befestigung errichteten, die 810 zerstört und 811 wieder aufgebaut wurde. Daher liegt der Linonengau aus fränkischer Sicht genau „jenseits des Flusses".
Archäologisch nennt die deutsche Wikipedia das Siedlungszentrum zwischen Grabow und Putlitz. Frühslawische Burgwälle werden unter anderem bei Frehne, Pinnow, Mankmuß, Stavenow, Dallmin, Dambeck, Brunow, Wulfsahl, Marnitz und Muchow genannt. Wir haben diese Liste aus der Wikipedia übernommen und nicht an den Grabungsberichten geprüft. Für Leser vor Ort ist sie dennoch ein brauchbarer Wegweiser: Die slawische Besiedlung der Prignitz ist heute vor allem an Ortsnamen und Wallresten zu erkennen.
Nicht geklärt ist, ob die Linonen auch am linken Elbufer wohnten, im heutigen Lüchow-Dannenberg. Die Wikipedia nennt das ausdrücklich als offene Frage.
Die erste sichere Erwähnung steht in den fränkischen Reichsannalen (Annales regni Francorum) zum Jahr 808. Das Werk ist eine hofnahe Chronik des Frankenreichs, die jahrweise Feldzüge, Reichstage und Gesandtschaften verzeichnet. Zu 808 berichtet sie, der Dänenkönig Gottfried (Godfred) sei mit einem Heer ins Land der Obodriten eingedrungen. Karl der Große schickte seinen Sohn Karl mit Franken und Sachsen an die Elbe, um Gottfried zu begegnen, falls er Sachsen angreife. Gottfried vertrieb den Obodritenfürsten Thrasco, ließ einen Rivalen, Godelaib, durch List aufhängen und machte, so die Annalen, zwei Drittel der Obodriten tributpflichtig. In der englischen Wiedergabe auf der Seite De Re Militari heißt es dann, der Königssohn Karl habe eine Brücke über die Elbe geschlagen und sei gegen „die Linones und Smeldingi" gezogen, „die auch zu König Gottfried übergegangen waren". Er verwüstete ihre Felder und kehrte unversehrt nach Sachsen zurück.
Zwei Dinge sind hier festzuhalten. Erstens: Die Linonen werden nicht als Verbündete der Franken oder der Obodriten genannt, sondern als Abtrünnige, die zu Gottfried gewechselt waren. Der oft zu lesende Satz, Gottfried habe die Linonen „angegriffen" oder sie seien „Vasallen der Obodriten" gewesen, steht so nicht in der Stelle. Zweitens: Der Text zeigt die Linonen in einer politischen Lage, in der drei Mächte aufeinander treffen: das dänische Königtum unter Gottfried, das fränkisch-sächsische Reich und der Verband der Obodriten, zu dem die Linonen mindestens zeitweise gehörten oder in dessen Einflussraum sie lagen.
Ob die Franken 808 wirklich siegten, ist nach den Quellen umstritten. Die Reichsannalen berichten von einer unbehelligten Rückkehr. Die Annalen von Lorsch (nach der englischen Wikipedia) deuten dagegen einen Rückschlag mit schweren Verlusten an, und die Chronik von Moissac bestätigt fränkische Verluste. Die englische Wikipedia verweist auf Johannes Fried, der von hohen Verlusten auf beiden Seiten ausgeht. Dass die Dänen danach um Frieden baten, spricht nach dieser Darstellung dafür, dass die Demonstration der Stärke immerhin gelang. Wer 808 als glatten fränkischen Erfolg erzählt, folgt der Hofchronik; wer die anderen Annalen heranzieht, bekommt ein weniger sauberes Bild. Das ist eine hübsche Probe dafür, wie Hofgeschichtsschreibung arbeitet: Sie nennt Ergebnisse, die zum Selbstbild des Reiches passen.
… unum trans Albiam in Linones, qui et ipsos vastavit … castellum Hohbuoki superiori anno a Wilzis distructum in ripa Albiae fluminis restauravit.Annales regni Francorum zu 811 (lateinische Auszüge nach der Textdatenbank des Mittelalter-Projekts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften); eigene Übersetzung: „… eines [der drei Heere] über die Elbe gegen die Linonen, und es verwüstete auch sie … die im Vorjahr von den Wilzen zerstörte Burg Höhbeck am Ufer der Elbe baute es wieder auf." Nur die zitierten Satzteile wurden am Text gesehen, der Zusammenhang ist gekürzt.
Wenig später rückt das Gebiet der Linonen erneut in den Blick. Die englische Wikipedia berichtet, dass die Wilzen 810 die fränkische Burg am Höhbeck zerstörten, und dass die Linonen daran beteiligt gewesen sein könnten. Das ist eine Vermutung; die Stelle in den Reichsannalen, soweit wir sie gesehen haben, nennt nur die Wilzen. Die deutsche Wikipedia nennt die Wilzen als Verbündete der Linonen, ohne einen Beleg für das Bündnis anzugeben, den wir hätten nachprüfen können.
Im Jahr 811 schickte Karl der Große nach dem Frühjahrsreichstag drei Heere aus, von denen eines über die Elbe gegen die Linonen zog und sie verwüstete. Dasselbe Heer baute die im Vorjahr zerstörte Höhbeck-Burg wieder auf. Das ist die Stelle, die im Zitat oben steht. Beide Teile liegen im lateinischen Text nahe beieinander, und das ist aufschlussreich: Die Befestigung am Höhbeck war offenbar der Anker, von dem aus die Franken das gegenüberliegende Ufer unter Druck hielten. Die Chronik von Moissac nennt für dasselbe Jahr zusätzlich die Verwüstung des Landes der Bechelenzi (nach der englischen Wikipedia, die Moissac ihrerseits über eine Abschlussarbeit zitiert). Wo genau die Bechelenzi saßen, haben wir nicht klären können.
Die deutsche Wikipedia sagt außerdem, ein Versuch Thrascos, die Linonen 809 wieder seiner Herrschaft zu unterwerfen, sei gescheitert. Die Reichsannalen zu 809 erwähnen nach der von uns gesehenen englischen Übersetzung die Linonen nicht. Dort erscheinen nur die Smeldingi, deren größte civitas Thrasco einnahm. Der Satz zu den Linonen ist also eine Schlussfolgerung aus anderen Quellen und von uns nicht bestätigt.
Die wohl wichtigste Angabe zur Größe und Verfassung der Linonen steht im Bayerischen Geographen (Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii). Das ist eine kurze Völker- und Burgenliste, überliefert in einer Handschrift aus dem 9. Jahrhundert aus dem Kloster Reichenau, heute in München. Der Name „Bayerischer Geograph" stammt von Jan Potocki, der sie 1796 so nannte; die Handschrift wurde 1772 in der Bayerischen Staatsbibliothek wiederentdeckt (nach der englischen Wikipedia). Die Datierung schwankt: Bernhard Bischoff dachte an die 830er bis 850er Jahre, Aleksandr Nazarenko an die 870er, Henryk Łowmiański hielt zwei Teile unterschiedlichen Alters für möglich. Die Wikipedia zu den Linonen nennt „um 845" als wahrscheinlichste Datierung dieses Verzeichnisses.
Der Eintrag lautet nach der englischen Wikipedia sinngemäß: Linaa est populus, qui habet civitates VII, die Linaa sind ein Volk, das sieben civitates hat. Mit civitas meint der Text keine Stadt im heutigen Sinn, sondern vermutlich einen Burgbezirk. Das ist die übliche Auslegung, aber eine Auslegung. Zum Vergleich stehen dort die Nortabtrezi, also die Obodriten, mit 53 civitates, die Uuilci (Wilzen) mit 95 und vier Gebieten, die Hehfeldi (Heveller) mit acht, und die Bethenici, Smeldingon und Morizani zusammen mit elf. Daraus liest man, dass die Linonen im Verhältnis zu den Obodriten ein kleiner Verband waren. Bemerkenswert ist das Wort populus: Der Verfasser sah in ihnen ein eigenes Volk, nicht bloß einen Teil eines größeren.
Dem steht eine neuere Forschungsmeinung gegenüber, die die deutsche Wikipedia referiert: Vielleicht seien die Linonen kein Stamm mit eigener politischer Ordnung gewesen, sondern die tributpflichtigen Bewohner einer Elbregion, in der die Franken eine einfache Verwaltung einrichteten. Nach derselben Darstellung lässt Rossignol den Begriff „Stamm" höchstens für das 9. Jahrhundert gelten. Das ist eine Diskussion über Begriffe. Sie betrifft alle Slawen an der Elbe, denn „Stamm" ist eine Kategorie, die Chronisten und spätere Forscher an Gruppen anlegten, deren innere Ordnung wir kaum kennen.
Danach tauchen die Linonen noch dreimal auf. 838/839 beteiligten sie sich nach der englischen Wikipedia an einem allgemeinen slawischen Aufstand; die Annalen von Saint-Bertin (Annales Bertiniani) berichten, Ludwig der Fromme habe ein sächsisches Heer gegen die Obodriten und Linonen geschickt. 858 zog nach den Annalen von Fulda Ludwig der Deutsche, genauer dessen Sohn Ludwig der Jüngere, gegen Obodriten und Linonen. Daraus schließt man auf eine enge Bindung der Linonen an die Obodriten. Dass sie 839 in deren Verband „aufgenommen" wurden, wie die deutsche Wikipedia schreibt, ist dagegen nach ihrer eigenen Einschränkung abgeleitet, nicht dokumentiert; dasselbe gilt für ein Bündnis 858.
Der letzte Eintrag steht für 877, ebenfalls in den Annalen von Fulda: Die Linonen verweigerten den Tribut, den sie dem ostfränkischen Herrscher schuldeten. Mehr sagt die Wikipedia dazu nicht, und den Wortlaut haben wir nicht gesehen. Auffällig ist, wie gleichförmig die Szenen wirken: ein Heer, ein Fluss, ein Tribut. So schrieben die Chronisten über Völker, die sie als Nachbarn, aber nicht als Teil des Reiches ansahen. Ein Tribut ist dabei etwas anderes als Herrschaft; er kann eine Zahlung unter Druck sein, die man einstellt, sobald der Druck nachlässt.
In vielen Darstellungen steht die Burg Lenzen am Anfang der Geschichte der Linonen, und die Schlacht von 929 gilt als ihr großer Moment. Die Quellen lassen das so nicht zu. Widukind von Corvey, ein Mönch, der um 967 seine Res gestae Saxonicae (Sachsengeschichte) schrieb, erzählt im ersten Buch (Kapitel 36) vom Aufstand der Redarier, eines Teilverbandes der Elbslawen. Sie hatten die sächsische Burg Walsleben erobert, worauf König Heinrich I. ein Heer unter dem Legaten Bernhard und dem Grafen Thietmar gegen sie schickte. Sie sollten die Burg „Lenzen" belagern, im lateinischen Text Lunkini. Die Sachsen siegten; fünfzig Panzerreiter in der Flanke sollen die Entscheidung gebracht haben, die Flüchtenden wurden an der Burg abgefangen, im See ertränkt oder erschlagen, die Gefangenen am nächsten Tag enthauptet.
Wir haben das Kapitel in der englischen Übersetzung von Bachrach auf der Seite der JASSA gesehen, mit kurzen Stichproben, und über die Wikipedia zur Schlacht bei Lenzen. Danach werden in dem Kapitel Obodriten, Wilzen, Heveller, Daleminzier, Böhmen und Redarier genannt, nicht aber die Linonen. Die Linonen erscheinen in der deutschen Wikipedia zur Schlacht ausschließlich als das Volk, in dessen Land Lenzen lag; ihre Rolle im Gefecht wird nicht beschrieben. Das Datum lautet dort 4. September 929.
Damit ist die Lage klar. Gesichert ist: Es gab 929 eine Schlacht bei einer Burg, die Widukind Lunkini nennt und die mit Lenzen gleichgesetzt wird. Gesichert ist nicht, dass die Linonen dort kämpften. Plausibel ist, dass die Burg im Gebiet lag, das die Forschung den Linonen zuschreibt, und dass die Bewohner des Umlandes die Ereignisse erlebten. Eine Deutung ist, dass das Wort Lunkini sprachlich mit Linones zusammenhängt. Die Burg heißt in anderen Formen auch Lunzini (lateinisch) und Luczyn (slawisch); die deutsche Wikipedia zu Lenzen gibt diese Schreibungen an und setzt die Burg an das Ende des 1. Jahrtausends. Archäologische Belege für diese Datierung werden dort nicht genannt. Dass die Linonen ihren Sitz in Lenzen hatten, schreibt die deutsche Wikipedia zu den Linonen, aber in den Annalen steht es nicht.
Die Burg stand nach der Wikipedia ab 983 wieder unter slawischer Kontrolle. Das fällt in die Zeit des großen Slawenaufstands von 983, nach dem sich, so die gängige Darstellung, der Verband der Lutizen herausbildete. Von den Linonen hört man in dieser Zeit nichts mehr.
Ihr Verhältnis zu den Nachbarn lässt sich nur in Umrissen sagen, und die Umrisse sind in der Literatur verschieden gezogen.
Die Smeldingen (Smeldingi, im Bayerischen Geographen Smeldingon) werden 808 gemeinsam mit den Linonen genannt. Nach der deutschen Wikipedia lebten sie nördlich der Linonen in der Gegend des Plauer Sees. Beide Völker erscheinen im Verzeichnis nebeneinander, die Bethenici, Smeldingon und Morizani zusammen unter elf Burgen. Wie eng die Verwandtschaft war, sagt kein Text; die englische Wikipedia verzichtet ausdrücklich auf eine Aussage.
Zu den Wilzen gibt es zwei Lesarten. Die englische Wikipedia hält die Linonen für möglicherweise eine Untergruppe der Wilzen; die deutsche nennt die Wilzen Verbündete. Belegt ist nur, dass beide in denselben Jahren an derselben Elbe auftreten, 810 und 811. Wer die Linonen schlicht zu den Wilzen zählt, geht über das hinaus, was die Quellen tragen.
Die Obodriten erscheinen in den Quellen neben den Linonen 808, 839 und 858. Die Linonen standen dem Verband nahe oder waren zeitweise von ihm abhängig. Gottfried machte 808 zwei Drittel der Obodriten tributpflichtig, und die Linonen wechselten zu ihm, das heißt, sie sahen sich nicht an Thrascos Seite gebunden.
Die Heveller (im Verzeichnis Hehfeldi, mit acht civitates) saßen im Süden um die Havel; den Raum zwischen beiden trennte nach den Landschaftsangaben ein Waldgürtel. Die Sachsen schließlich standen am anderen Ufer. Für sie waren die Linonen kein Gegner im Kriegsfall, sondern ein Grenzvolk, von dem man Tribut wollte und gegen das man gelegentlich zog.
Zur Orientierung noch einmal die Schichten. Gesichert sind die wenigen Stellen in den Annalen und im Bayerischen Geographen. Plausibel sind die Lage in der Prignitz, die Verbindung zu den Obodriten und die Zuordnung der Burgwälle zwischen Grabow und Putlitz; sie beruhen auf Zusammenschau mehrerer Quellen und Funde. Gedeutet sind der Name (glina), der Begriff „Stamm" und die Gleichung Linonen gleich Lenzen. Erzählt wird das Übrige: etwa der Sitz in Lenzen, das Bündnis mit den Wilzen oder die Rolle bei 929. Eine Sage zu den Linonen haben wir nicht gefunden, und wir erfinden keine.
Für Leserinnen und Leser, die sich für die norddeutsche Geschichte interessieren, ist der Fall der Linonen ein gutes Beispiel dafür, wie der Fluss wirkte. Die Elbe war im frühen 9. Jahrhundert die Linie, an der das Frankenreich endete, und gleichzeitig die Straße, auf der Heere, Boten und Händler zogen. Eine Brücke über sie zu schlagen, wie es Karl der Jüngere 808 tat, war eine militärische Leistung und ein politisches Zeichen. Der Höhbeck, den die Franken mehrmals befestigten, ist bis heute ein sichtbarer Punkt der Landschaft bei Gartow, mit Blick auf das flache Land der Prignitz.
Von den Slawen, die dort lebten, ist die Sprache längst verschwunden, ihre Namen aber sind geblieben: Viele Ortsnamen der Prignitz sind slawischen Ursprungs, auch wenn die Deutung einzelner Namen oft umstritten ist. Wer an der Elbe unterwegs ist, bewegt sich in einem Land, dessen frühmittelalterliche Bewohner wir zum Teil nur durch die Berichte derer kennen, die gegen sie zogen.
Auch der Grund, warum die Linonen in Heeresberichten vorkommen, lässt sich benennen: Sie lagen an einer Stelle, an der drei Interessen zusammentrafen. Die Dänen wollten Tribut und Einfluss an der Ostseeküste, die Franken und Sachsen wollten die Elbgrenze halten, und die Obodriten versuchten, ihren Verband zusammenzuhalten. Ein kleines Volk mit sieben Burgbezirken, wie sie der Bayerische Geograph zählt, geriet dabei zwischen die Mühlsteine.
Über das tägliche Leben der Linonen sagen unsere Quellen nichts. Wir wissen nichts über ihre Götter, ihre Handwerke, ihre Sprache jenseits der Namen, ihre Fürsten. Wer solche Dinge in Büchern findet, übernimmt sie meist aus der Beschreibung benachbarter Elbslawen oder aus archäologischen Verallgemeinerungen. Das kann zutreffen, es ist aber keine Aussage über die Linonen.
Was man sagen kann, ist wenig und deshalb genau: Zwischen 808 und 877 gab es an der unteren Elbe eine Gemeinschaft, die Zeitgenossen als eigenes Volk wahrnahmen, die mit sieben Burgbezirken gezählt wurde, die mal mit, mal gegen Obodriten, Dänen und Franken stand und die sich 877 dem Tribut entzog. Wo ihre Burgen standen, zeigt der Spaten schrittweise. Was sie von sich selbst hielten, wissen wir nicht.
Die Motive, die wir in unserer Werkstatt aus nordischen und germanischen Überlieferungen auf Schiefer lasergravieren, stehen auf einer deutlich besseren Quellenbasis als die der Linonen. Dieser Beitrag gehört trotzdem in die Reihe, weil er zeigt, wie man mit dünner Überlieferung umgeht: lesen, was dasteht, und alles andere kennzeichnen. Unsere Platten entstehen als lasergravierte Schiefer in der Familienmanufaktur in Alsdorf.

Die Wilzen · Die Lutizen · Die Heveller · Die Brizanen · Die Obodriten.
Alle Geschichte & Funde-Artikel →
Die Lausitz verdankt ihren Namen einem Volk, von dem wir kaum mehr besitzen als eine Zahl in einer Völkerliste, zwei …
Weiterlesen →Im Herbst 844 fuhren fremde Schiffe den Guadalquivir hinauf, und eine Woche lang gehörte Sevilla ihnen. Die Leute im …
Weiterlesen →