Die Trinovanten erscheinen in den antiken Texten selten: als Hilfesuchende bei Caesar, als Nebensatz im Aufstandsbericht des Tacitus und bei Cassius Dio gar nicht namentlich. Trotzdem liegt in ihrem Land eine der besterforschten Fundlandschaften Britanniens. Dieser Beitrag erzählt ihre Geschichte aus ihrer Sicht, trennt Text, Fund und Deutung und sagt dort, wo die Quellen schweigen oder sich widersprechen, dass wir es nicht wissen.
Die Trinovanten, bei Caesar Trinobantes geschrieben, siedelten in der späten Eisenzeit im Gebiet des heutigen Essex und im Süden von Suffolk, nördlich der Themsemündung. Wo genau ihre Grenzen verliefen, ist offen. Stammesgebiete sind in Britannien nicht überliefert, sondern aus Münzverbreitung, Siedlungsfunden und späteren römischen Verwaltungsgrenzen erschlossen, und die Ränder zu den Catuvellaunen im Westen und zu den Icenern im Norden lassen sich nicht auf die Meile ziehen. Manche Überblicksdarstellungen rechnen auch Teile von Hertfordshire und Londons hinzu; das ist Rekonstruktion.
Die Schriftzeugnisse sind schnell aufgezählt. Caesar nennt den Stamm im fünften Buch seines Gallischen Krieges, als er von seinem zweiten Britannienzug im Jahr 54 v. Chr. berichtet. Augustus erwähnt in seinem Tatenbericht zwei britische Könige, die bei ihm Zuflucht suchten, und einer davon dürfte ein trinovantischer König sein. In dem von mir gelesenen Aufstandsbericht des Tacitus fällt der Name genau einmal, in den Annalen 14,31, im Zusammenhang mit dem Aufstand von 60/61 n. Chr. Dazu kommen Münzen mit Königsnamen und die Ausgrabungen in und um Colchester. Mehr gibt es nicht, und deshalb ist fast jeder Satz über „die Trinovanten“ ein Schluss aus wenigen Stützpunkten.
Zur Schreibung: Caesars Handschriften bieten Trinobantes; der von mir eingesehene lateinische Text der Annalen bietet die Form Trinovantes. Beides meint denselben Stamm. Über die Bedeutung des Namens wird spekuliert. Genannt wird ein keltischer Verstärker tri- („sehr“) mit einem Element, das „neu“ bedeuten könnte, so dass etwa „die sehr Kraftvollen“ oder „die Neuankömmlinge“ herauskäme. Das ist ein Vorschlag, mehr nicht. Die Gleichung des Mittelalters, Geoffrey von Monmouth habe in London ein „Trinovantum“, ein Neu-Troja, gesehen, gehört zur Legende und nicht zur Geschichte; sie zeigt nur, dass der Stammesname im Mittelalter noch in gelehrten Köpfen lebte.
Eine Warnung gleich zu Beginn, weil sie später gebraucht wird: Der Trinovanten-Anführer Mandubracius hat mit den gallischen Mandubiern von Alesia nichts nachweisbar zu tun. Der Anklang beider Namen ist auffällig, ob er mehr ist als ein Zufall oder ein gemeinsames keltisches Namenselement, lässt sich nicht belegen.
Das Gebiet liegt im Osten Englands, flach bis sanft gewellt, durchzogen von Flüssen wie Colne, Stour und Blackwater, die in tiefe Ästuare münden. Für die Eisenzeit bedeutet das: Zugang zum Meer auf der einen, zum Hinterland auf der anderen Seite, und kurze Wege zum Kontinent. Diese Lage erklärt, warum Importe aus dem Mittelmeerraum und dem römischen Gallien gerade hier früh auftauchen. Sie erklärt allerdings nicht allein, warum der Stamm politisch so wichtig wurde; dafür braucht es die Geschichte der Könige.
Aus den Funden lässt sich ein Bild von Höfen, Weilern und einzelnen befestigten Plätzen zeichnen. Im Kernraum bei Colchester entstand im ersten Jahrhundert v. Chr. ein eigenartiges Gebilde, das man in der Forschung Oppidum nennt: ein großes, locker bebautes Areal, das nicht durch eine geschlossene Mauer, sondern durch lange Wall-Graben-Linien abgesteckt wird. Dazu später mehr. Ein Hinweis zur Einordnung: Die Stämme südlich und westlich dieser Region lernen Sie im Beitrag über die Briten im Überblick kennen; hier geht es um das, was für die Trinovanten selbst belegt ist.
Im Spätsommer 54 v. Chr. steht Caesar mit mehreren Legionen nördlich der Themse. Der Gegner ist Cassivellaunus, dessen Stammeszugehörigkeit Caesar nicht nennt; die Forschung nimmt gewöhnlich an, dass er zu den Catuvellaunen gehörte, aber das ist eine Annahme. Cassivellaunus führt einen Kleinkrieg mit Streitwagen und meidet die offene Schlacht (zu dieser Kampfweise siehe Keltische Streitwagen). In dieser Lage schicken die Trinovanten Gesandte zu Caesar. Das Kapitel 5,20 ist die einzige Erzählung, die uns aus Sicht ihrer Politik überhaupt vorliegt, wenn auch aus römischer Feder.
„Die Trinobanten, fast der stärkste Stamm jener Gegenden …“Caesar, De bello Gallico 5,20,1: Trinobantes, prope firmissima earum regionum civitas (gemeinfrei; eigene Übersetzung des Satzanfangs)
Was Caesar im Folgenden schildert, lässt sich in wenigen Schritten wiedergeben. Aus diesem Stamm stammt der junge Mandubracius, der sich Caesars Schutz unterstellt hatte und auf den Kontinent, nach Gallien, gekommen war. Sein Vater hatte in der Gemeinschaft die Königsherrschaft innegehabt und war von Cassivellaunus getötet worden; Mandubracius selbst war dem Tod durch Flucht entgangen. In einigen Handschriften trägt der Vater den Namen Imanuentius, in anderen fehlt er, und die Schreibung schwankt (überliefert sind Varianten wie Inianuvetitius oder Imannuetitius). Der von mir eingesehene Text der Latin Library enthält den Namen nicht. Ob Imanuentius der Name ist, den Caesar geschrieben hat, bleibt deshalb Handschriftenfrage; der Keltologe John Koch hat eine Grundform wie Mannuētios vorgeschlagen, doch das ist Rekonstruktion und kein Handschriftenbefund.
Die Gesandten, so Caesar, versprachen Unterwerfung und baten, Mandubracius vor Cassivellaunus zu schützen und ihn als Herrscher in den Stamm zurückzuschicken. Caesar verlangte vierzig Geiseln und Getreide für das Heer und schickte Mandubracius zu ihnen. Die Trinovanten lieferten rasch. Im nächsten Kapitel wird klar, warum das für Caesar zählte: Er untersagte seinen Soldaten jeden Übergriff gegen die Trinovanten, und daraufhin unterwarfen sich auch die Cenimagni, Segontiaci, Ancalites, Bibroci und Cassi. Von ihnen erfuhr Caesar, wo die Hauptfestung des Cassivellaunus lag, in Wald und Sumpf, und nahm sie von zwei Seiten. Am Ende (5,22) verhandelt Cassivellaunus über Commius den Atrebaten (zu ihm siehe Atrebaten); Caesar fordert Geiseln und einen jährlichen Tribut und verbietet Cassivellaunus, Mandubracius oder den Trinovanten zu schaden.
Was daran gesichert ist, was nicht? Die Abfolge aus Gesandtschaft, Geiseln, Rückführung und Schutzklausel steht bei Caesar. Alles Weitere ist Lesart. Caesar schreibt für ein römisches Publikum und für seine eigene Karriere; dass ein Stamm sich freiwillig unterwirft, nimmt sich in seinem Bericht gut aus. Ob die Trinovanten wirklich auf Caesars Beistand bauten oder ihn schlicht gegen einen Nachbarn ausspielten, kann man nicht entscheiden. Auch die Formulierung „fast der stärkste Stamm“ (prope firmissima) verdient Vorsicht. Firmus heißt „fest, stark“, und mancher Kommentar liest es als militärische Stärke, andere als Verlässlichkeit; Caesar gibt keine Zahlen. In populären Darstellungen ist daraus „der mächtigste Stamm Britanniens“ geworden, und das steht so nicht im Text.
Fest steht außerdem, was nicht dasteht. Caesar nennt keinen Ort der Trinovanten, weder ein Camulodunum noch irgendeine Siedlung. Der Mann, der zum König zurückkehrt, ist in den Quellen danach verschwunden. Was aus Mandubracius wurde, wissen wir nicht. Münzen, die ihm zugeschrieben werden könnten, kenne ich nicht, und ich möchte keine erfinden.
Nach Caesar reißt die Schriftüberlieferung für fast ein Jahrhundert ab. Was wir über die Trinovanten dieser Zeit wissen, stammt aus Münzen und Gräbern. Britische Fürsten begannen im späten ersten Jahrhundert v. Chr., Münzen mit ihren Namen zu versehen, oft in lateinischen Buchstaben und nach römischem Vorbild. Für den trinovantischen Raum ist der erste greifbare Herrscher Addedomaros, der seinen Namen auf Münzen setzte. Welche Motive und Metalle im Einzelnen vorkommen, führe ich nicht aus, weil ich keine Münzkataloge selbst eingesehen habe; Aussagen zu Münzen beruhen hier auf Überblicksdarstellungen.
Die Chronologie dieser Könige ist umstritten, und die genannten Jahreszahlen sind Näherungen. English Heritage nennt für Addedomaros eine Verlegung des Machtzentrums nach Camulodunum um 25 v. Chr., andere Überblicksseiten setzen seine Regierung etwa 20–15 v. Chr. an; die historische Literatur diskutiert Verschiebungen um ein oder zwei Jahrzehnte. Auf Addedomaros folgt nach gängiger Lesart ein Sohn namens Dubnovellaunos (auch Dumnovellaunus), der etwa 10 bis 5 v. Chr. an die Macht kam. Hier beginnt die Unsicherheit: Es gab auch einen Dubnovellaunos in Kent, und ob beide dieselbe Person sind, wird diskutiert. Wikipedia fasst die Forschung so zusammen, dass der trinovantische Dubnovellaunos wahrscheinlich der König ist, der in Augustus’ Tatenbericht (Res Gestae, Kap. 32) auftaucht. Der von mir eingesehene Text bricht dort nach „Dumnobellaunus und Tim…“ ab; der zweite König wird gewöhnlich als Tincomarus von den Atrebaten gelesen (dazu der Beitrag über die Atrebaten). Die Zeile belegt, dass britische Könige in Rom um Hilfe baten; sie sagt nichts über Zeitpunkt oder Anlass.
Dass Britanniens Könige den römischen Kaiser kannten, zeigt auch das Grab von Lexden bei Colchester. Es stammt nach English Heritage aus der Zeit zwischen 15 und 10 v. Chr., eine Grube unter einem großen runden Hügel. Darin lag ein reifer Mann, nach der Deutung wohl Addedomaros, mit einem Kettenhemd, Bronzefiguren, Gold- und Silberarbeiten und einer kleinen Medaille des Augustus aus den Jahren 19–15 v. Chr. Das ist nach heutiger Lesart ein Zeichen römischer Gunst oder Vernetzung. Dass der Tote Addedomaros ist, bleibt Deutung; die Grabbeigaben sprechen für einen Herrscher der Zeit, mehr nicht.
Der Name Camulodunum bedeutet „Festung (dunon) des Camulos“; Camulos gilt als keltischer Kriegsgott; die Deutung des Namens ist gängig, aber aus dem Ortsnamen allein nicht zu beweisen. Auf Münzen erscheint der Ortsname als Kürzel wie CAMV oder CAMU, zuerst bei Tasciovanus, den die Forschung meist mit Verlamion (dem späteren St Albans) verbindet. Wikipedia datiert diese Münzen sehr grob auf „irgendwann zwischen 20 und 10 v. Chr.“. Das ist eine auffällige Beobachtung: Der Name der Stadt steht zuerst auf der Münze eines Königs, der als Catuvellaune gilt. Sie lässt zwei Lesarten zu. Entweder hat Tasciovanus das Land der Trinovanten zeitweise beherrscht und von dort geprägt, oder die Münzstätte lag nur in seinem Einflussbereich. Beides ist Deutung. English Heritage schreibt dagegen, Cunobelinus habe Dubnovellaunos um das Jahr 9 n. Chr. verdrängt und danach etwa dreißig Jahre regiert; seine Münzen tragen das CAMU-Zeichen und ein Porträt im römischen Stil, und Sueton nennt ihn „König der Britannier“. Beide Darstellungen widersprechen sich im Zeitpunkt; die Forschung diskutiert, ob erst Tasciovanus oder erst Cunobelinus den Stamm unter seine Herrschaft brachte, und ob die Trinovanten dazwischen noch einmal unabhängig waren. Das Verhältnis der beiden Könige zueinander wird meist als Vater und Sohn gelesen, was ebenfalls eine Deutung bleibt.
Wichtiger für das Verständnis der Trinovanten ist: Aus Sicht der Archäologie ist Camulodunum kein Dorf und keine Stadt im römischen Sinn, sondern ein Landschaftskomplex. Ein System von Dämmen und Gräben, rund 24 Kilometer lang, riegelt ein Gebiet zwischen den Flüssen ab. Die Größenangaben unterscheiden sich je nach Quelle: eine Beschreibung nennt etwa tausend Hektar, English Heritage spricht von mehr als zwölf Quadratmeilen (etwa 3100 Hektar), was zusammen nicht passt, solange nicht klar ist, ob der innere Kern oder das gesamte Dammsystem gemeint ist. Die frühesten Teile werden auf die Zeit 50 bis 25 v. Chr. gesetzt, die Masse der Wälle ins erste Jahrhundert n. Chr. Wer sie warum gebaut hat, ist unbekannt; als Vermutung wird eine Reaktion auf die Drohung benachbarter Stämme genannt, wahrscheinlich der Catuvellaunen.
Innerhalb dieses Rings liegen drei Zonen, die immer wieder genannt werden. Sheepen am Fluss Colne ist ein Gewerbe- und Hafenareal, mit Eisen- und Lederverarbeitung und einer Münzprägestätte; zwei Münzen von dort zeigen Boote, die einzigen bekannten Darstellungen eisenzeitlicher britischer Schiffe. Funde wie Eisenbarren, Sklavenketten und Vorratsgefäße deuten auf Handel mit der römischen Welt. Gosbecks weiter südwestlich ist ein hochrangiger Gutshof, der als Sitz der Herrscher gilt, später ein Heiligtum innerhalb einer eisenzeitlichen Umfriedung. Ob Cunobelinus dort bestattet wurde, ist nicht zu entscheiden. Lexden schließlich ist die Grabhügelzone mit dem genannten Hügelgrab und weiteren Brandgräbern.
Dazu kommt Stanway, ein Gräberfeld mit Kammergräbern aus der Zeit um 40–60 n. Chr. im Umfeld von Camulodunum. Berühmt wurde ein Grab mit Brandresten, einem Spielbrett mit blauen und weißen Glassteinen, einem Umhang mit Fibeln und einem Satz von dreizehn chirurgischen Instrumenten, dazu Spuren von Beifuß in einem Becher. Ob dort ein Arzt, ein Druide oder eine Heilerin lag, ist offen; auch das Geschlecht der Person ist nicht sicher bestimmt. Die Funde sind real, die Etikettierung als „Druide von Colchester“ ist eine journalistische Zuspitzung. Eine Überblicksseite ordnet das Gräberfeld den Catuvellaunen zu; geografisch liegt es im Umfeld von Camulodunum, also im Kernland der Trinovanten, in dem damals Cunobelinus herrschte.
Hier stellt sich die Frage, die der Beitrag über die Catuvellaunen von der anderen Seite her beantwortet: Wer regierte Camulodunum? Dort steht Cunobelinus im Mittelpunkt, hier fragen wir, was das für die Trinovanten bedeutete. Die Antwort ist unbequem. Kein Text beschreibt, ob die Trinovanten sich als unterworfen empfanden, ob sie die neuen Herren trugen oder ob die Verhältnisse in Essex weniger eindeutig waren als auf einer Königsliste. Aus Münzen lesen wir Machtwechsel: erst ein Herrscher mit trinovantischem Namen, dann Münzen mit dem Ortskürzel CAMU und den Namen der Nachbardynastie. Wie diese Wechsel im Alltag eines Hofes bei Colchester aussahen, wissen wir nicht. Und ob die Trinovanten sich als eigenes Volk verstanden oder ob der Name erst von Caesar und seinen Lesern festgeschrieben wurde, lässt sich nicht belegen.
Im Jahr 43 landet Aulus Plautius mit vier Legionen in Britannien. Cassius Dio schildert den Feldzug im 60. Buch (Kap. 19–23), und er ist die einzige zusammenhängende Erzählung dazu. Nach Dio besiegt Plautius zuerst Caratacus, dann Togodumnus, die Söhne des Cunobelinus (bei Dio in der Schreibung „Cynobellinus“); sie gehören dem Haus an, das nach den Münzen Camulodunum beherrschte. Dio betont, die Briten seien nicht einig gewesen, sondern in mehrere Königreiche geteilt. Ein Teil der Bodunni, die laut Dio von einem Stamm der Catuellani abhängig waren, ergibt sich; Plautius lässt eine Besatzung dort. Bei einem Flussübergang schwimmen in der von mir gelesenen Übersetzung Germanen in römischem Dienst hinüber und greifen die Zugpferde der Streitwagen an; die Briten weichen zur Themse zurück. Als Togodumnus stirbt, rücken die Briten enger zusammen; Plautius hält an und ruft Claudius aus Rom.
Der Kaiser reist an, überquert den Fluss, schlägt die Briten und nimmt, so Dio, Camulodunum, „die Hauptstadt des Cunobelinus“. Dann gewinnt er viele Stämme, die einen durch Übergabe, die anderen mit Gewalt, und wird mehrfach zum Imperator ausgerufen. Nach Dio bleibt Claudius nur sechzehn Tage in Britannien. Die Trinovanten kommen in diesem Bericht nicht vor. Ob ihre Gemeinschaft kämpfte, verhandelte oder abwartete, sagt uns kein Text. Auch ob der Stamm 43 überhaupt noch unter Camulodunums Königen stand oder schon als Teil des catuvellaunisch geführten Machtbereichs galt, ist offen. Die Hauptstadt ist in der Erzählung ein römisches Ziel, kein Stammeszentrum, und das ist eine Sichtweise, die man bei der Lektüre mitdenken muss.
Archäologisch folgt das Echo gleich. Auf dem Boden von Camulodunum errichtete die Armee die erste dauerhafte Legionsfestung Britanniens. Nach Überblicksdarstellungen lag sie auf einem Sporn flussabwärts von Sheepen und diente der Legio XX; sie entstand um 44, hatte einen Anhang und nutzte teilweise die älteren Wälle. Neben Gosbecks stand ein kleineres Kastell für Hilfstruppen, nach der Quelle für Reiterei und gemischte Einheiten. Zwei Grabsteine erwähnen einen Zenturio der Legion und Reiter, doch ob sie dort stationiert waren, ist nicht gesichert. Die Quelle nennt für den Abzug der Legion etwa das Jahr 49. Sheepen wurde zum Hafen.
Zu den Fragen, die offen bleiben, gehört, was in diesen Jahren mit der Bevölkerung geschah. Wo vorher die Höfe der Könige standen, lag jetzt ein Lager, und die nächste Verwaltung war das Heer. Ob die Trinovanten in dieser Zeit verhandelten, Dienste leisteten oder Land abtraten, ist nicht beschrieben. Wer von „Besatzung“ spricht, benutzt einen Begriff, den die Quellen nicht verwenden.
Tacitus berichtet in den Annalen 12,32, dass zur Beschleunigung der Unterwerfung in Camulodunum eine Kolonie von Veteranen angelegt wurde, auf eroberten Ländereien. Sie sollte, so schreibt er, Schutz gegen Rebellen sein und den Verbündeten römisches Recht beibringen. Das genaue Jahr nennt der von mir gelesene Abschnitt nicht; die Forschung setzt die Gründung gewöhnlich um 49 an, aus dem Zusammenhang mit dem Statthalter Ostorius Scapula. Der Abschnitt steht im Zusammenhang mit Ostorius’ Feldzügen: Zuerst entwaffnete er verdächtige Stämme, die Icener erhoben sich als erste (siehe Icener), später folgten Cangi, Briganten und Silurer.
Für die Trinovanten heißt das: Das Land der Kolonie war nach Tacitus erobertes, beschlagnahmtes Land. Wessen Land, sagt er nicht. Der Ort lag aber im Kern des Trinovantengebiets, und deshalb liegt der Schluss nahe, dass die Veteranen auf Land angesiedelt wurden, das vorher Trinovanten bewirtschaftet hatten. Das ist eine Folgerung aus der Lage, kein Zitat. Die Kolonie hieß später Colonia Victricensis; ob sie ursprünglich Colonia Claudia hieß, ist unsicher. Sie war nach den Beschreibungen zunächst die einzige Kolonie Britanniens und gilt als Provinzhauptstadt; die Prokuratur wechselte um die Zeit des Aufstands nach Londinium.
Zur Ausstattung gehörten öffentliche Bauten auf dem ehemaligen Lageranhang: ein Theater, ein Bogen am späteren Balkerne-Tor (wahrscheinlich um 50 gebaut) und der Tempel. Der Tempel des Claudius ist der Punkt, an dem Schrift und Boden sich berühren. Tacitus nennt ihn einen Tempel „für den vergöttlichten Claudius“, und Claudius wurde erst nach seinem Tod im Jahr 54 vergöttlicht; der Bau gehört also frühestens in die Jahre danach, die Beschreibungen sagen „in den 50er-Jahren“. Das Podium dieses Tempels wurde im Mittelalter in die normannische Burg von Colchester eingebaut und gilt als das früheste größere römische Steingebäude Britanniens, das heute sichtbar ist. Der Tempelbezirk hatte eine Säulenhalle und einen monumentalen Eingangsbogen. Ob die Apsis des Tempels aus dem vierten Jahrhundert oder aus normannischer Zeit stammt, ist laut der Stadtgeschichte nicht entschieden.
Für die Menschen vor Ort hatte der Tempel eine Funktion, die Tacitus selbst benennt, und sie ist unbequem: Er war ein Kultbau für den Herrscher, und die Priesterämter, so schreibt Tacitus, ruinierten die Gewählten finanziell. Tacitus gibt damit eine Klage der Zeitgenossen wieder; ob sie in dieser Schärfe zutraf, lässt sich archäologisch nicht prüfen.
Der Aufstand hat im Beitrag über die Icener seinen Platz, mit Prasutagus’ Testament, Boudiccas Auftritt und der Schlacht. Hier geht es um die Frage, die dort nur gestreift wird: Warum schlossen sich die Trinovanten an? Die Antwort steht in Tacitus, Annalen 14,31, und ist knapp. Nach dem Tod des Icenerkönigs Prasutagus, so der Bericht, wurde sein Reich von Zenturionen und sein Haus von Sklaven geplündert, seine Frau ausgepeitscht, die Töchter vergewaltigt, Adlige verloren ihr Land, Verwandte wurden versklavt. Die Icener erhoben sich, und mit ihnen die Trinovanten „und andere, die noch nicht durch die Knechtschaft gebrochen waren“, wie der Satz sinngemäß lautet; sie hatten, so Tacitus weiter, heimlich schon die Rückgewinnung der Freiheit beschlossen.
Den schärfsten Hass, schreibt Tacitus, hatten sie auf die Veteranen, die „neu“ in die Kolonie Camulodunum gesetzt waren. Diese Männer vertrieben Menschen aus Häusern und von Äckern, nannten sie Gefangene und Sklaven, und die Soldaten, die sie unterstützten, hofften auf dieselbe Freiheit. Der Tempel galt als „Burg ewiger Herrschaft“. Das ist, wörtlich genommen, die einzige Stelle bei Tacitus, die man als Begründung für die Beteiligung der Trinovanten lesen kann. Die Reihenfolge der Beschuldigungen verdient Beachtung: zuerst die Willkür der Zenturionen gegen die Icener, dann der Landraub an der Kolonie, dann das Symbol. Der Kern des trinovantischen Zorns, wie ihn Tacitus zeichnet, ist Land und Vertreibung.
Cassius Dio (62,1–2) kennt die Trinovanten nicht namentlich. Er nennt als Anlass zwei andere Dinge: Der Prokurator Decianus Catus habe die Summen zurückgefordert, die Claudius führenden Briten geschenkt hatte, und Seneca habe den Briten vierzig Millionen Sesterzen geliehen, die sie nicht wollten, und dann alles auf einmal mit Härte eingetrieben. Ob diese Schuldenfrage für die Trinovanten zählte, wissen wir nicht; sie betrifft nach Dios Wortlaut die führenden Briten. Beide Autoren schreiben außerdem lange nach den Ereignissen, Tacitus Jahrzehnte, Dio mehr als ein Jahrhundert danach, und beide verfolgen eigene Erzählziele. Wo sie sich ergänzen, ist das nicht automatisch eine unabhängige Bestätigung, denn ob Dio auf verwandtes Material zurückgriff, wissen wir nicht.
Die Datierung des Aufstands wird in der Literatur mit 60 oder 61 angegeben; ich folge dem gängigen „60/61“. Die Brandschicht in Colchester wird archäologisch um das Jahr 60 gesetzt. Für die Reihenfolge reicht das: Der Aufstand folgt auf den Feldzug gegen Mona (Anglesey), den Tacitus kurz davor (14,29–30) schildert, bei dem der Statthalter Suetonius Paullinus mit großen Teilen des Heeres im Nordwesten stand.
Tacitus schildert den Fall von Camulodunum in 14,32. Vor dem Angriff, schreibt er, gab es Vorzeichen: Das Standbild der Victoria in Camulodunum sei gestürzt, mit abgewandtem Rücken, als wiche es dem Feind. Frauen hätten in Ekstase den Untergang geweissagt. Die Veteranen baten den Prokurator Catus Decianus um Hilfe, und er schickte etwa zweihundert nur notdürftig bewaffnete Männer. Die Kolonie hatte weder Graben noch Wall; Tacitus rügt, die Verantwortlichen hätten Annehmlichkeit über Nutzen gestellt. Die Briten überrannten den Ort, die Verteidiger zogen sich in den Tempel zurück, der nach zwei Tagen gestürmt wurde. Der Legat Petillius Cerialis führte die Neunte Legion zum Entsatz heran, wurde geschlagen, sein Fußvolk vernichtet; er entkam mit der Reiterei ins Lager. Catus Decianus floh nach Gallien.
Der Boden bestätigt das Ereignis auf eine Weise, wie es bei antiken Schlachten selten ist. In Colchester liegt über den Resten der Stadt eine zusammenhängende Brandschicht, die das Stadtzentrum und Sheepen bedeckt. In ihr fanden Archäologen verkohlte Möbel, Vorräte an Sigillata (rotem römischem Tafelgeschirr) und Glas, Wandverputz, Böden, dazu verbrannte Datteln und Pflaumen. Sie gilt als einer der wenigen fest datierbaren Befundhorizonte Britanniens. Dazu kommt der 2014 entdeckte „Fenwick Treasure“, ein Schmuckhort, der in einem beim Aufstand zerstörten Gebäude lag. Er wird als Versteck eines Menschen gedeutet, der nicht zurückkam; mehr als diese Lesart gibt der Fund nicht her.
Offen bleibt, wer genau in der Menge der Angreifer zog. Tacitus schreibt „Icener und Trinovanten“, und die Verbindung der Brandschicht mit Boudicca ist selbstverständlich geworden. Die Quellen erlauben es nicht, die Anteile zu trennen. Die Kolonie stand auf trinovantischem Boden; dass Trinovanten bei ihrer Zerstörung beteiligt waren, sagt Tacitus mit dem Satz über den Anschluss ausdrücklich. Wie groß ihr Anteil war, sagt er nicht, und im weiteren Bericht spricht er nur noch von „den Britannen“.
Danach ging es weiter. Suetonius Paullinus zog nach Tacitus (14,33) mit wenigen Truppen nach Londinium, einem Handelsort ohne Kolonierecht, und gab ihn preis; Verulamium traf dasselbe Schicksal. Tacitus nennt etwa 70.000 getötete Bürger und Verbündete an diesen Orten, Dio spricht von 80.000 Römern und Verbündeten und von zwei zerstörten Städten, ohne sie zu nennen. Die Zahlen sind Berichtszahlen und lassen sich archäologisch nicht prüfen. Die Briten, so Tacitus, wollten töten, kreuzigen und verbrennen, nicht Gefangene machen oder plündern. Solche Schilderungen gehören zum Repertoire antiker Kriegsberichte; sie müssen nicht falsch sein, doch sie sind keine neutrale Zählung.
Wie die Schlacht ausging, ist anderswo erzählt. Die Römer siegten; nach Dio starb Boudicca an einer Krankheit. Was danach mit den Trinovanten geschah, ist die Frage, die ich nicht beantworten kann: Die Strafaktionen, die Tacitus im Anschluss erwähnt (Annalen 14,38–39), habe ich nicht selbst gelesen, und ich erfinde keine Details. Dass es Vergeltung gab, ist plausibel, aber bei der Frage, wen sie traf, bleibt jede Aussage Deutung.
Colchester wurde wieder aufgebaut, auf den alten Parzellen, aber nie wieder so dicht bebaut wie zuvor. Die Stadtmauer, die erste Britanniens, wird wahrscheinlich in die Jahre um 65 bis 80 gesetzt; Tacitus hatte ja gerade das Fehlen einer Befestigung als Ursache der Katastrophe bezeichnet. Der Zusammenhang liegt nahe, ist aber eine Vermutung des Betrachters, kein Befund. In der römischen Verwaltung rückte Londinium auf; die Prokuratur zog dorthin. Colchester blieb groß, mit Stadthäusern, mehr als dreißig bekannten Mosaiken (meist 150–250 datiert) und einer Töpferindustrie, deren Höhepunkt etwa 140 bis 200 liegt.
Zwei Bauten zeigen, wie viel Aufwand die Stadt trug. 2005 wurde am Südrand der Stadt ein Circus entdeckt, der einzige bekannte römische Circus Britanniens: etwa 450 Meter lang, mit acht Startboxen, entstanden im frühen zweiten Jahrhundert, für mindestens 8000 Zuschauer. Bei Gosbecks, im alten Herrschaftsgebiet, stand neben dem Heiligtum ein Theater für rund 5000 Menschen und ein großer römisch-keltischer Tempel in einer quadratischen Umfriedung mit einer Säulenhalle von angeblich 260 Säulen. Für beide Anlagen liegen mir keine verlässlichen Bauzeiten vor. Gerade Gosbecks ist ein Beispiel dafür, dass ein Ort der älteren Herrscher in römischer Zeit ein Kultort blieb; ob das Absicht oder Gewohnheit war, kann man nicht belegen.
Die römische Verwaltungseinheit der Trinovanten, die civitas, hatte nach einer von mir nur über eine Überblicksdarstellung gelesenen Angabe ihren Hauptort in Caesaromagus, dem heutigen Chelmsford. Das heißt: Die Stadt, die aus ihrer alten Hauptstadt wurde, war eine Kolonie mit eigenem Recht, während der Stamm als Verwaltungsbezirk anderswo angesiedelt war. Wie sich das im Alltag verhielt, kann ich nicht darstellen. Die Angabe ist zu prüfen.
Es lohnt sich, die Reihenfolge der Belege zu betrachten. Caesar kennt die Trinovanten als Bittsteller, und sein Bericht ist eine römische Erfolgsgeschichte. Die Münzen zeigen eine Dynastie, die zeitweise ein Machtzentrum in Camulodunum hatte, bevor die Münzen den Namen eines anderen Hauses tragen. Die Eroberung geht an ihnen in der Erzählung vorbei. Bei Tacitus tauchen sie ein einziges Mal auf, als Teilnehmer eines Aufstands, dessen Auslöser anderswo liegt. Dass diese Spuren zu einem „Volk mit einer Geschichte“ zusammengelegt werden, ist Arbeit der Neuzeit, nicht der Quellen. Ein besonderer Zug ist, dass das Bild des Stammes sich vor allem aus einem Ort speist, Colchester, dessen Funde die Gegend überstrahlen. Archäologische Aussagen über ländliche Gebiete in Essex bleiben bei dieser Lage dünner; ich habe dazu keine Untersuchungen herangezogen.
Wer mehr zur Kampfweise der Zeit lesen will, findet sie unter Keltische Krieger. Das Geschehen von 60/61 aus Sicht der Icener erzählt der Beitrag über die Icener; die Herrscher, die Camulodunum vor 43 kontrollierten, stehen im Beitrag über die Catuvellaunen.
Die Nachbarn und die Geschichte aus anderer Richtung: Icener, Catuvellaunen, Atrebaten, Mandubier (die gallischen, nicht Mandubracius’ Leute), Die Briten, Keltische Streitwagen und Die Kelten.

Die Icener · Die Catuvellaunen · Die Mandubier · Die Atrebaten · Die Briten.