Die Serie „Vikings" hat einer ganzen Generation die Wikingerzeit nahegebracht – und dabei kräftig gerafft, verdichtet und dazuerfunden. Ragnar und Rollo als Brüder, ein einzelner Held, der Paris erobert, ein Ort namens „Kattegat": Das ist packendes Fernsehen, aber kein Geschichtsunterricht. Die gute Nachricht: Unter der Dramatisierung steckt ein echter Kern, und der ist oft spannender als die Fiktion. Wir trennen beides sauber – ohne der Serie den Spaß zu nehmen.
Eine Serie muss unterhalten, nicht belegen. „Vikings" nimmt sich die Freiheit, rund anderthalb Jahrhunderte Geschichte in ein einziges Heldenleben zu pressen und lose überlieferte Sagengestalten zu handfesten Figuren zu machen. Das ist legitim – solange man weiß, was Drehbuch und was Quelle ist.
Wir gehen die bekanntesten Behauptungen der Reihe nach durch: den Helden Ragnar, seinen „Bruder" Rollo, die Kriegerin Lagertha, den Mönch Athelstan, den Schauplatz „Kattegat" und den berüchtigten Blutaar. Am Ende steht die Stelle, an der die Serie der Geschichte am nächsten kommt – bei Ragnars Söhnen.
Ragnar Lodbrok ist keine klar fassbare historische Person, sondern eine sagenhafte Sammelfigur. Sein Stoff steht vor allem in der isländischen „Ragnars saga loðbrókar" und bei dem dänischen Chronisten Saxo Grammaticus – also in Texten, die Jahrhunderte nach der angeblichen Lebenszeit entstanden. In ihnen bündeln sich Taten und Namen mehrerer Anführer zu einem einzigen übermenschlichen Helden.
Die Serie macht daraus einen einzelnen Bauern, der zum König und Paris-Bezwinger aufsteigt. Historisch fassbar sind eher seine Söhne (dazu später mehr) als der Vater selbst. Ragnar ist damit weniger ein Mann als ein Echo – der verdichtete Nachhall der ganzen frühen Wikingerzeit.
Das erklärt auch, warum die Angaben zu Ragnar so widersprüchlich sind: Mal stirbt er in einer Schlangengrube des northumbrischen Königs Ælla, mal an ganz anderer Stelle. Ein Held, dessen Tod in mehreren Fassungen erzählt wird und dessen Taten sich über Generationen verteilen, ist kein Protokoll – er ist Sage. Genau das macht ihn erzählerisch so dankbar und historisch so schwer greifbar.
Der wohl größte Eingriff der Serie: Rollo als eifersüchtiger Bruder Ragnars. Historisch stimmt daran fast nichts. Der echte Rollo lebte rund ein Jahrhundert später und hat mit Ragnar nach den Quellen gar nichts zu tun. Berühmt wurde er durch den Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte im Jahr 911: Der westfränkische König Karl der Einfältige überließ dem Wikingerführer das Land um Rouen, Rollo ließ sich taufen (auf den Namen Robert) – und aus diesem Gebiet wurde die Normandie.
Die Serie zeigt Ragnar und Rollo gemeinsam bei der Belagerung von Paris. Tatsächlich wurde Paris rund zwanzig Jahre nach dem angeblichen Tod Ragnars belagert (die große Belagerung 885/886). Rollos Nachfahren wiederum führen bis zu Wilhelm dem Eroberer und damit ins englische Königshaus – eine Linie, die eindrucksvoll genug ist, ohne dass man ihn zu Ragnars Bruder machen müsste.
Bemerkenswert ist auch, wie der Vertrag zustande kam: Rollo hatte 911 die Stadt Chartres belagert und war geschlagen worden; die Landvergabe war für den fränkischen König ein Mittel, einen gefährlichen Gegner zum Grenzwächter gegen andere Wikinger zu machen. Aus dem Räuber wurde ein Herzog – der Beginn einer der folgenreichsten Dynastien Europas. Dass die Serie diese Geschichte an Ragnar heftet, ist dramaturgisch verständlich, verwischt aber ein ganzes Jahrhundert.
Lagertha ist eine der stärksten Figuren der Serie – und quellenkundlich heikel. Ihr einziger schriftlicher Beleg ist der dänische Chronist Saxo Grammaticus, der um 1200 in seiner „Gesta Danorum" von einer Kriegerin namens Ladgerda erzählt. Das ist ein literarischer Text, rund dreihundert Jahre nach der behaupteten Handlung entstanden.
Ladgerda, eine kampferprobte Amazone, die zwar Mädchen war, aber den Mut eines Mannes besaß und mit offen über die Schultern fallendem Haar in der vordersten Reihe unter den Tapfersten focht. Alle staunten über ihre unvergleichlichen Taten, denn das den Rücken hinabfliegende Haar verriet, dass sie eine Frau war.Saxo Grammaticus, Gesta Danorum, Buch IX; Übersetzung nach O. Elton 1894, gemeinfrei
Ob es „die Schildmaid" als verbreitete Kriegerrolle wirklich gab, ist in der Forschung umstritten. Ein oft genanntes Indiz ist das Kriegergrab Bj 581 von Birka, dessen Bestattete 2017 genetisch als weiblich bestimmt wurde – ein bedeutender Einzelfund, aber kein Beweis für ganze Frauenheere. Sicher ist: Lagertha ist historisch dünn belegt, als Sagengestalt aber echt alt.
Dass Frauen in der Wikingerzeit eine aktive, oft eigenständige Rolle spielten, ist unbestritten: Sie führten Höfe, trugen Schlüssel als Zeichen der Hausmacht, konnten erben und sich scheiden lassen. Ob sie regelmäßig in die Schlacht zogen, ist eine andere Frage. Die Serie macht aus einem seltenen, umstrittenen Motiv eine Norm – aus dramaturgisch guten Gründen, aber mit Blick auf die Wirkung, nicht auf die Quellenlage.
Der sympathische Mönch Athelstan, der zwischen Christentum und nordischem Glauben zerrissen ist, gehört zu den emotionalen Ankern der Serie – und ist frei erfunden. Es gibt keine Quelle, die einen solchen Gefährten Ragnars kennt. Die Figur ist ein dramaturgischer Kniff, um den Kulturkontrast von innen zu zeigen.
Das ist erzählerisch klug, aber eben Drehbuch. Der reale Kontakt zwischen Wikingern und christlicher Welt lief anders ab: über Handel, Raub, Missionare und Verträge – nicht über einen einzelnen Klosterbruder am Feuer eines Häuptlings. Der Kulturkontrast war real; Athelstan als Person war es nicht.
Immerhin fängt die Figur ein echtes Phänomen ein: die schrittweise Christianisierung des Nordens, die sich über Jahrhunderte hinzog und keineswegs nur mit dem Schwert verlief. Händler, Geiseln und Missionare trugen den neuen Glauben nach Skandinavien, oft eine Zeit lang neben dem alten Kult, nicht sofort an seine Stelle. Athelstan ist die dramatische Zuspitzung eines langen, vielschichtigen Prozesses.
In der Serie ist „Kattegat" Ragnars Heimatstadt, ein Handelshafen in Norwegen. In Wirklichkeit ist das Kattegat gar kein Ort, sondern eine Meerenge – das Gewässer zwischen der jütländischen Halbinsel (Dänemark) und Schweden, das Nord- und Ostsee verbindet.
Die Kulisse selbst wurde übrigens in Irland gebaut und mit Aufnahmen aus norwegischen Fjorden zusammengesetzt. Aus einem Seegebiet wird so eine Stadt – ein kleiner, aber typischer Fall dafür, wie die Serie geografische Namen frei zu Schauplätzen umformt. Wer „Kattegat" auf einer historischen Karte sucht, findet Wasser, keine Hafenstadt.
Kaum eine Szene der Serie ist so berüchtigt wie der „Blutaar", eine grausame Hinrichtung. Ob dieses Ritual je wirklich vollzogen wurde, ist in der Forschung höchst umstritten. Die Altnordistin Roberta Frank hat 1984 überzeugend dargelegt, dass die späteren Saga-Beschreibungen wohl auf einem Missverständnis dichterischer Bilder beruhen.
Skaldische Verse beschrieben gefallene Feinde gern so, dass der Adler sich an ihren Leichen labt – ein gängiges Bild für den Tod im Kampf, bei dem Raubvögel die auf dem Rücken liegenden Toten zerfleischen. Aus dieser Kenning, so Frank, formten spätere Autoren nach und nach ein regelrechtes Foltterritual. Als gesicherte historische Praxis lässt sich der Blutaar jedenfalls nicht belegen – er ist eher literarisches Schauern als überlieferter Brauch.
Das heißt nicht, dass die Wikingerzeit zimperlich gewesen wäre – Krieg, Raub und Hinrichtungen waren real und oft brutal. Nur der Blutaar als ausgefeiltes Ritual gehört eher in die Welt der späten Erzähler als in die der Täter. Ein gutes Beispiel dafür, wie aus einem dichterischen Bild über Jahrhunderte ein vermeintlicher Brauch werden kann.
Bemerkenswert: Die Söhne sind historisch besser fassbar als der Vater. 865 fiel ein Großes Heidnisches Heer in England ein, das nach den Quellen von Anführern geführt wurde, die als Söhne Ragnars galten – darunter Ivar der Knochenlose, Halfdan und Ubba. 866 nahmen sie York ein, 869 fiel der ostanglische König Edmund. Ivar wird von Teilen der Forschung mit dem in irischen Annalen genannten „Ímar" von Dublin in Verbindung gebracht.
Aus diesen Feldzügen wurde binnen weniger Jahre echte Herrschaft: Das Große Heer eroberte weite Teile Ostenglands und begründete das sogenannte Danelaw, jenes Gebiet, in dem nordisches Recht und nordische Sprache lange nachwirkten. Ortsnamen auf -by und -thorpe erinnern bis heute daran. Wo die Serie einzelne Helden zeigt, standen in Wahrheit ganze Heere, Verträge und dauerhafte Siedlungen.
Hier berührt die Serie echte Geschichte – wenn auch gerafft und ausgeschmückt. Wer tiefer einsteigen will, findet bei uns eigene Faktenchecks zu Ragnar Lodbrok, zu Ragnars Söhnen und zur Schildmaid Lagertha. Kurz gesagt: „Vikings" ist ein Drama, kein Geschichtsbuch – aber ein Drama, das Lust macht, die echte Überlieferung nachzulesen. Und die hält allemal mit.
Ragnar Lodbrok ist eine sagenhafte Sammelfigur (Ragnars saga, Saxo Grammaticus). Rollo lebte rund ein Jahrhundert nach Ragnar und erhielt 911 im Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte das Land um Rouen (Taufe auf den Namen Robert). Lagertha erscheint nur bei Saxo (Gesta Danorum IX, um 1200). 865 fiel das Große Heer in England ein, geführt von Männern, die als Söhne Ragnars galten (Ivar, Halfdan, Ubba); 866 York, 869 Edmund von Ostanglien.
Rollo als Ragnars Bruder, der Mönch Athelstan als Gefährte und „Kattegat" als Heimatstadt sind erfunden; das Kattegat ist eine Meerenge. Rund anderthalb Jahrhunderte werden in ein Leben gepresst (Paris wurde erst ~20 Jahre nach Ragnars angeblichem Tod belagert). Der Blutaar gilt als literarisches Missverständnis einer Skalden-Kenning (Roberta Frank, 1984), nicht als gesicherte Praxis.

Ragnar Lodbrok · Lagertha die Schildmaid · Ragnars Söhne · Marvels Thor im Faktencheck · Typisch Wikinger?.
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