Sie kommt weder bekleidet noch nackt, weder satt noch hungrig, weder allein noch in Begleitung – und gewinnt damit einen König. Aslaug, auch Kraka genannt, ist eine der klügsten Frauenfiguren der altnordischen Sagenwelt. Angeblich Tochter des Drachentöters Sigurd und der Walküre Brynhild, wird sie zur Königin an Ragnar Lodbroks Seite und zur Mutter einer ganzen Wikinger-Dynastie. Wir erzählen ihre Sage – und trennen sauber, was Dichtung ist.
Aslaugs Geschichte beginnt mit einem Untergang. Nach der Ragnars saga loðbrókar ist sie das Kind des größten Helden des Nordens, Sigurd Fafnisbani – des Drachentöters – und der Walküre Brynhild. Als beide sterben, ist das Mädchen ein Säugling. Brynhilds Pflegevater Heimir fürchtet um ihr Leben, denn als Erbin des berühmtesten Geschlechts wäre sie ein Ziel. Er baut eine besonders große Harfe, versteckt das Kind darin und zieht als armer, umherwandernder Harfenspieler über Land. So bringt er die kleine Aslaug in Sicherheit – bis er bei einem Bauernpaar namens Áki und Grima einkehrt. Die beiden erspähen Gold in der Harfe, erschlagen den alten Mann im Schlaf und finden statt eines Schatzes ein kleines Mädchen. Aus Habgier und Argwohn ziehen sie es auf – aber nicht als Ziehtochter, sondern beinahe als Magd.
Damit niemand die vornehme Herkunft des Kindes ahnt, geben Áki und Grima ihm einen schlichten Namen: Kráka, „die Krähe". Sie reiben das Mädchen mit Teer ein und hüllen es in Lumpen, damit seine Schönheit nicht auffällt. Doch die Sage lässt keinen Zweifel: Kraka wächst zur klügsten und schönsten Frau heran, die man je gesehen hat. In dieser Doppelrolle – äußerlich eine arme Bauernmagd, innerlich eine Königstochter von Heldenblut – liegt der ganze Reiz der Figur. Sie ist die verborgene Prinzessin, deren wahre Größe sich zeigen wird, sobald jemand klug genug ist, hinter die Lumpen zu blicken. Dieser Jemand ist Ragnar Lodbrok.
Ragnar, der berühmte Wikingerkönig, landet mit seinen Schiffen an der Küste. Einige seiner Männer gehen an Land, um Brot zu backen, und begegnen der zerlumpten Kraka. Sie sind so geblendet von ihrer Schönheit, dass ihnen das Brot anbrennt. Als Ragnar davon hört, wird seine Neugier geweckt. Er will diese Frau prüfen – und zwar nicht mit Waffen, sondern mit Verstand. Denn Ragnar ist es leid, gewöhnliche Frauen zu treffen; er sucht eine, die ihm ebenbürtig ist. So sendet er ihr eine Aufgabe, die unlösbar scheint.
Ragnar lässt Kraka ausrichten, sie solle zu ihm kommen – aber nur unter drei widersprüchlichen Bedingungen. Das ist eines der schönsten Motive der ganzen Sagenwelt: die Aufgabe des Unmöglichen, die nur mit List gelöst werden kann.
Sie solle zu ihm kommen, doch weder bekleidet noch unbekleidet, weder satt noch nüchtern, und weder allein noch in Begleitung.Ragnars saga loðbrókar (gemeinfreie Übersetzung des 19. Jahrhunderts)
Kraka löst jede Bedingung durch einen genialen Zwischenweg. Sie kommt „weder bekleidet noch nackt", indem sie sich in ein Fischernetz hüllt und ihr langes Haar darüber breitet. Sie kommt „weder satt noch hungrig", indem sie in eine Lauchzwiebel beißt – ihr Atem riecht nach Speise, doch gegessen hat sie nichts. Und sie kommt „weder allein noch in Begleitung", indem sie einen Hund an ihrer Seite führt. Ragnar ist beeindruckt: Diese Frau hat genau die Klugheit, die er gesucht hat. Er will sie sofort zur Frau nehmen, doch Kraka besteht darauf, dass er erst seine Fahrt vollendet und bei klarem Verstand wiederkommt. Erst dann willigt sie ein – eine Frau, die auch dem König Bedingungen stellt.
Aslaug und Ragnar bekommen mehrere Söhne, die zu den berühmtesten Gestalten der Wikingersagen werden: Ivar der Knochenlose, Björn Eisenseite, Hvitserk, Rögnvald und Sigurd Schlange-im-Auge. Der jüngste trägt seinen Beinamen wegen eines Mals im Auge, das wie eine geringelte Schlange aussieht – für die Sage der sichtbare Beweis, dass in diesen Kindern das Blut Sigurds des Drachentöters fließt. Denn erst spät in der Geschichte gibt sich Kraka als Aslaug zu erkennen und offenbart ihre königliche Abstammung. Ragnar hatte sie zunächst für eine bloße Bauerntochter gehalten; das Schlangenauge des Sohnes wird zum Zeichen, das ihre Worte bestätigt. So verknüpft die Sage die Ragnarssöhne mit dem größten Heldenzyklus des Nordens.
Aslaug ist keine passive Königin. In der Sage tritt sie später unter einem weiteren Namen auf: Randalín. Als ihre Söhne in den Krieg ziehen, um den Tod eines Bruders zu rächen, reitet sie – so erzählt es die Saga – selbst mit ins Feld, an der Spitze einer eigenen Schar. Aus der versteckten Bauernmagd Kraka ist eine Königin geworden, die Rat gibt, Rache antreibt und ihre eigenen Truppen führt. Die drei Namen – Kraka, Aslaug, Randalín – markieren drei Lebensstufen: das verborgene Kind, die erkannte Königstochter, die kämpfende Mutter. Diese Vielgestaltigkeit macht sie zu einer der reichsten Frauenfiguren der altnordischen Literatur.
So mitreißend Aslaugs Geschichte klingt – sie ist Literatur, keine Chronik. Die Ragnars saga loðbrókar wurde im 13. Jahrhundert auf Island niedergeschrieben, Jahrhunderte nach der angeblichen Wikingerzeit ihrer Helden. Die Verknüpfung Aslaugs mit Sigurd und Brynhild ist ein raffinierter erzählerischer Kunstgriff: Sie verbindet Ragnars Geschlecht mit dem berühmtesten Heldenstoff des Nordens, dem Völsungen- und Nibelungenkreis. Dadurch werden die Ragnarssöhne zu Erben des Drachentöters – ein Adelsbrief aus der Feder der Sagaschreiber. Ob es je eine historische Frau namens Aslaug gab, lässt sich nicht sagen; als Figur ist sie ein Geschöpf der Sagakunst.
Wer Aslaug heute kennt, kennt sie oft aus der Serie „Vikings". Dort ist sie eine wichtige Figur – aber ihre Darstellung ist frei gestaltet und weicht in vielem von der Saga ab. Die Serie erfindet Beziehungen, Konflikte und Charakterzüge neu und presst historisch und sagenhaft Getrenntes in ein Familiendrama. Das ist legitime Dramaturgie, aber keine Quelle. Wer die „echte" Aslaug sucht, findet sie in der Ragnars saga und im Umfeld der Völsunga saga: eine kluge, wortgewandte, geheimnisvolle Königin, die einen König durch ein Rätsel gewinnt und deren Herkunft bis heute im Reich der Sage liegt.
Aslaug/Kraka erscheint vor allem in der Ragnars saga loðbrókar (13. Jahrhundert), mit Bezügen zur Völsunga saga. Belegt sind dort: ihre Abstammung von Sigurd und Brynhild, das Versteck in Heimirs Harfe, die Aufzucht bei Áki und Grima, die Rätselprobe Ragnars (Netz, Lauch, Hund), die Söhne (u. a. Ivar der Knochenlose, Björn Eisenseite, Sigurd Schlange-im-Auge) und der Name Randalín. Das Schlangenauge dient in der Erzählung als Zeichen der Völsungen-Abkunft.
Aslaug ist eine Sagengestalt, keine historisch fassbare Person. Ihre Abstammung von Sigurd und Brynhild ist ein literarischer Kunstgriff, der Ragnars Geschlecht an den Völsungen-Stoff anknüpft – nicht eine überlieferte Genealogie. Die verschiedenen Namen (Kraka, Aslaug, Randalín) markieren Erzählstufen, keine belegten Lebensdaten. Und die Fernsehserie „Vikings" gestaltet sie frei; sie ist keine Quelle für die mittelalterliche Sage.

Ragnar Lodbrok · Ragnars Söhne · Lagertha die Schildmaid · Sigurd der Drachentöter · Björn Eisenseite.
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