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Brynhild – Walküre, Königin, Rächerin

Sagenwelt Brynhild – Walküre, Königin, Rächerin Eine Walküre, die Odin mit einem Schlafdorn straft. Ein Held, der durch die Flammen reitet. Ein Betrug, der in Blut endet. Brynhild ist eine der gewaltigsten Frauengestalten der nordischen Sagenwelt – und zugleich eine der widersprüchlichsten. Erzählen wir ihre Geschichte, ohne die Brüche zu glätten.

Eine Walküre, die Odin mit einem Schlafdorn straft. Ein Held, der durch die Flammen reitet. Ein Betrug, der in Blut endet. Brynhild ist eine der gewaltigsten Frauengestalten der nordischen Sagenwelt – und zugleich eine der widersprüchlichsten. Erzählen wir ihre Geschichte, ohne die Brüche zu glätten.

Wer war Brynhild?

Brynhild (altnordisch Brynhildr) steht im Zentrum des Sigurd- und Völsungenstoffs, der größten Heldensage des Nordens. Die Quellen zeichnen sie doppelgesichtig: einmal als Walküre – als eine jener Schildjungfrauen, die im Auftrag Odins über Sieg und Fall im Kampf entscheiden – und einmal als sterbliche Königin, Schwester des Atli (des sagenhaften Attila) und Braut des Burgunderkönigs Gunnar.

Diese Doppelnatur ist kein Fehler der Überlieferung, sondern ihr Kern. In der „Völsunga saga“, in mehreren Liedern der Lieder-Edda und – als südliche Parallele – im „Nibelungenlied“ verschmelzen zwei Gestalten: die übermenschliche Walküre und die höfische Fürstin. Wer Brynhild verstehen will, muss beide Seiten zulassen: die geflügelte Schicksalsentscheiderin und die Frau, die um ihre Ehre bis in den Tod kämpft.

Nach der „Völsunga saga“ ist Brynhild die Tochter des Königs Budli und wächst am Hof ihres Ziehvaters Heimir auf; ihre Schwester ist Bekkhild, ihr Bruder der spätere König Atli. Diese verwandtschaftlichen Fäden sind kein bloßes Beiwerk: Über Atli, den Bruder, verknüpft sich Brynhilds Schicksal später mit dem Untergang der Burgunder – jener zweiten großen Katastrophe des Nibelungenstoffs. Die Sage denkt in Sippen und Rache, und Brynhild steht mitten in diesem Netz aus Eid, Ehre und Blutschuld.

Der Schlafdorn – Odins Strafe

Im Eddalied „Sigrdrífumál“ findet Sigurd auf dem Berg Hindarfjall eine schlafende Frau in Rüstung. Er weckt sie – und sie erzählt, warum sie schläft: Sie hatte in einer Schlacht einen König fallen lassen, dem Odin den Sieg versprochen hatte. Zur Strafe für diesen Ungehorsam stach Odin sie mit einem Schlafdorn (svefnþorn), nahm ihr die künftigen Siege und bestimmte, dass sie fortan vermählt werden solle. Als sie erwacht, grüßt sie Tag und Nacht mit den berühmten Versen:

Heil dir, Tag! Heil euch, Tages Söhne!
Heil dir, Nacht und Nährerin!
Mit milden Augen blickt auf uns beide
und gebt uns Sitzenden Sieg.
Sigrdrífumál (Lieder-Edda), nach Karl Simrock 1851

Danach lehrt sie Sigurd Runenweisheit und guten Rat. Dieses Bild – die kriegerische Frau, die Odin für ihren Eigenwillen straft und in Schlaf legt – ist der Ursprung der Brynhild-Gestalt, wie sie durch die Jahrhunderte weitergereicht wurde.

Der Flammenwall auf Hindarfjall

Odin bannte die Widerspenstige nicht nur in Schlaf, sondern hinter eine Mauer: In der weiter ausgestalteten Überlieferung ruht Brynhild in einem Saal auf dem Berg, umgeben von einem Wall aus Flammen – manche Quellen sprechen auch von einer Schildburg. Nur wer furchtlos genug ist, durch das Feuer zu reiten, soll sie gewinnen.

Der Flammenwall ist mehr als eine Kulisse. Er ist die Prüfung, die den würdigen Helden aussondern soll, und zugleich das Symbol für Brynhilds Unnahbarkeit. Sie ist keine Braut, die man nimmt, sondern eine, die man verdienen muss. Genau daran wird der ganze weitere Verlauf der Sage zerbrechen: an der Frage, wer wirklich durch das Feuer geritten ist.

Bemerkenswert ist, wie unterschiedlich die Quellen das Hindernis beschreiben: mal ein loderndes Feuer (vafrlogi, „flackernde Lohe“), mal ein Wall aus Schilden, mal ein von Flammen umgebener Saal. Diese Schwankungen sind typisch für eine Sage, die über Generationen mündlich weitergereicht und erst spät aufgeschrieben wurde. Der Kern aber bleibt derselbe: eine Grenze aus Feuer, die nur der Furchtlose überwindet.

Sigurd reitet durch das Feuer

Sigurd, der Drachentöter, besitzt das einzige Ross, das den Ritt wagt: Grani, ein Fohlen aus Odins eigenem Sleipnir-Stamm. Mit Sigurd auf dem Rücken durchquert Grani die Flammen, als wären sie nichts. So gelangt der Held zu Brynhild – und in einer Fassung geloben die beiden einander die Treue, tauschen Ringe, verbinden sich in Liebe.

Hier liegt der Keim der Tragödie. Sigurd hat den Wall bezwungen, Brynhild hat ihm ihr Herz versprochen. Doch der Trank des Vergessens und die Politik der Königshöfe treten dazwischen. Am Hof der Burgunder wird Sigurd durch einen Zaubertrank sein Gelöbnis vergessen und Gudrun heiraten, die Schwester des Königs Gunnar. Und Gunnar wiederum will Brynhild – die er selbst nicht gewinnen kann.

Der Betrug: Gestaltentausch und Andvaranaut

Gunnar reitet zum Flammenwall, doch sein Pferd scheut vor dem Feuer zurück. Auch auf Sigurds Ross Grani kommt er nicht durch – denn Grani trägt nur Sigurd. Also greifen die beiden zu einer List: Sigurd und Gunnar tauschen durch Zauber die Gestalt. In Gunnars Aussehen reitet Sigurd erneut durch die Flammen, gibt sich als Freier aus und verbringt drei Nächte bei Brynhild. Zwischen sich und sie legt er sein Schwert – ein Zeichen, dass er sie dem wahren Gunnar unberührt übergibt.

Dabei nimmt er ihr einen Ring ab und gibt ihr einen anderen: Andvaranaut, den verfluchten Ring aus dem Drachenhort. Dieser Ring wird später zum Beweisstück des Betrugs. Brynhild heiratet Gunnar im Glauben, er habe den Flammenritt bestanden. Erst als Gudrun ihr in einem Streit den Ring zeigt und die Wahrheit ins Gesicht schleudert, begreift Brynhild, dass nicht Gunnar, sondern Sigurd durch das Feuer kam – und dass sie an den falschen Mann gebunden wurde.

Der Streit selbst gehört zu den berühmtesten Szenen der ganzen Sage. Als Brynhild und Gudrun im Fluss ihr Haar waschen, geraten sie über den Rang ihrer Männer aneinander: Wer ist der größere Held, Gunnar oder Sigurd? Aus dem Wortgefecht am Wasser wird bitterer Ernst, als Gudrun den Ring Andvaranaut hervorzieht und Brynhild die Wahrheit ins Gesicht schleudert. Dieser „Zank der Königinnen“ ist der Funke, aus dem drei Tode erwachsen – denn was hier ans Licht kommt, kann Brynhild nicht mehr ertragen.

Rache: Sigurds Tod

Die Erkenntnis vernichtet Brynhild. Ihre ganze Ehre, ihr Eid, ihre Bestimmung hingen am Flammenritt – und beides, Liebe und Wahrheit, wurde ihr durch die List genommen. Nicht Trauer, sondern kalter Wille bestimmt sie nun: Sie fordert Sigurds Tod und treibt Gunnar und seine Brüder mit Vorwürfen und Drohungen dazu, den Mann zu töten, den sie einst liebte.

In der nordischen Fassung wird Sigurd schließlich erschlagen – je nach Quelle im Bett an Gudruns Seite oder draußen, weit vom Hof. Brynhild hat ihr Ziel erreicht, doch der Triumph ist keiner: Mit Sigurds Tod stirbt auch das Einzige, worum es ihr je ging. Die Rache ist vollzogen, und sie ist leer.

Brynhilds eigenes Ende

Brynhild überlebt den Toten nicht lange. In der Völsunga saga und den Eddaliedern durchbohrt sie sich selbst und lässt sich mit Sigurd verbrennen – auf einem gemeinsamen Scheiterhaufen, das Schwert wieder zwischen ihnen, so wie in den drei Nächten am Flammenwall. Manche Fassungen lassen sie noch eine letzte, hellsichtige Rede halten und das kommende Unheil über die Burgunder vorhersagen.

Ihr Tod schließt den Kreis: Die Walküre, die einst über den Tod anderer entschied, entscheidet am Ende über den eigenen. Der Scheiterhaufen ist keine Niederlage, sondern ein letzter Akt der Selbstbestimmung – die Rückkehr zu Sigurd auf ihre eigenen Bedingungen, jenseits von List und Königspolitik.

Nord gegen Süd – Brynhild vs. Brünhild

Wer Brynhild aus dem „Nibelungenlied“ zu kennen glaubt, kennt eine andere Gestalt. Im südlichen, mittelhochdeutschen Zweig ist Brünhild eine Königin von übermenschlicher Kraft, die ihre Freier in Wettkämpfen besiegt; Siegfried hilft Gunther, sie mit einer Tarnkappe zu überlisten. Von Walküre, Schlafdorn und Runenweisheit ist dort nichts zu lesen. Der nordische und der südliche Strang gehen auf denselben uralten Sagenkern zurück, haben sich aber über Jahrhunderte weit auseinanderentwickelt.

Beide Fassungen sind „echt“ – nur eben verschieden. Der Norden bewahrt das mythische Gesicht der schlafenden Walküre; der Süden das höfische der bezwungenen Königin. Wer Brynhild graviert oder erzählt, sollte wissen, welche der beiden gemeint ist. Und er sollte wissen: Selbst innerhalb der nordischen Texte ist nicht restlos klar, ob die schlafende Sigrdrífa und die Königin Brynhild ursprünglich ein und dieselbe waren – oder erst im Lauf der Überlieferung zu einer Person verschmolzen.

Hinter dem ganzen Stoff steht ein Kern echter Geschichte: Die Burgunder waren ein reales germanisches Volk, dessen Reich am Rhein 436 n. Chr. von hunnischen Truppen vernichtet wurde. Aus dieser Katastrophe – und aus der Erinnerung an Attila – wuchs über Jahrhunderte die Heldensage, in die Gestalten wie Brynhild, Sigurd und Gudrun hineinverwoben wurden. Was als Erinnerung an einen historischen Untergang begann, wurde zur größten Tragödie des germanischen Erzählens.

Was die Quellen sagen

Brynhild ist breit bezeugt: in mehreren Liedern der Lieder-Edda (u. a. „Sigrdrífumál“, „Sigurðarkviða in skamma“, „Helreið Brynhildar“, „Grípisspá“), in der Prosa der isländischen „Völsunga saga“ (13. Jh.) und – als eigenständiger südlicher Zweig – im mittelhochdeutschen „Nibelungenlied“. Feste Bestandteile sind der Schlafdorn Odins, der Flammenwall, Sigurds Flammenritt auf Grani, der Gestaltentausch mit Gunnar, der Ring Andvaranaut als Beweis des Betrugs, die von Brynhild betriebene Ermordung Sigurds und ihr Tod auf dem Scheiterhaufen.

Mythos-Check

„Walküre“ und „sterbliche Königin“ verschmelzen in Brynhild – die Gleichsetzung der schlafenden Sigrdrífa („Sigrdrífumál“) mit der Königin Brynhild ist gängige Deutung, aber nicht in allen Quellen eindeutig; manche Forscher sehen ursprünglich zwei Gestalten. Nordische (Brynhild) und südliche (Brünhild/Nibelungenlied) Fassung unterscheiden sich stark und dürfen nicht vermischt werden. Die „Völsunga saga“ ist eine hochmittelalterliche Zusammenschau älterer Lieder, kein wikingerzeitliches Protokoll – die Einzelzüge weichen zwischen den Quellen ab. Und die schillernde, tragische Figur, die wir heute lieben, ist auch ein Werk der Neuzeit: Wagners „Ring“ hat unser Brünnhilde-Bild stark geprägt.

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