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Die Gabaler – wie aus einem Volk eine Landschaft wurde

Geschichte & Funde Die Gabaler – wie aus einem Volk eine Landschaft wurde

Von den Gabalern ist kein einziger Name eines Anführers überliefert. Keine Schlacht trägt ihren Namen, keine Sage, kein Denkmal. Und doch heißt die Landschaft im französischen Zentralmassiv seit über tausend Jahren nach ihnen: Gévaudan. Zwischen dem Volk und dem Landschaftsnamen liegen eine römische Verwaltungsreform, eine Stadt auf tausend Metern Höhe, ein wandernder Bischofssitz – und ein Silberbergwerk, das man erst in den letzten Jahren wirklich verstanden hat. Die Geschichte, wie ein Ethnonym zur Behörde und die Behörde zur Landkarte wird.

Ein Volk in vier Zeilen

Die gesamte antike Überlieferung zu den Gabalern lässt sich auf einer halben Seite unterbringen. Caesar nennt sie dreimal, alle drei Male im siebten Buch des Gallischen Krieges und alle drei Male ohne einen einzigen Personennamen. Strabon widmet ihnen zwei Halbsätze. Plinius der Ältere führt sie in einer Völkerliste – und, überraschenderweise, in einem Kapitel über Käse. Ptolemaios verzeichnet sie als Tábaloi. Danach schweigt die Literatur, bis der Name in spätantiken Verwaltungslisten wieder auftaucht, da aber nicht mehr als Volk, sondern als Behördenbezirk.

Das ist keine Besonderheit der Gabaler. So sieht die Quellenlage für die große Mehrheit der gallischen Völker aus. Der Unterschied ist nur, dass die meisten dieser Namen anschließend verschwunden sind, während dieser eine sich über zwei Jahrtausende gehalten hat. Warum ausgerechnet er, ist die eigentlich interessante Frage.

Freigelegte Mauerzüge des römischen Anderitum in Javols
Anderitum, der römische Hauptort der Gabaler: freigelegte Grundmauern eines Wohnhauses im heutigen Javols im Département Lozère. Von der Stadt, die einmal ein Forum, zwei Thermen und eine Basilika besaß, steht heute kniehohes Mauerwerk in einer Wiese. Foto: Pascal Radigue, CC BY-SA 4.0.

Wo sie saßen: das raue Dach Südfrankreichs

Das Gebiet der Gabaler entspricht im Großen und Ganzen dem heutigen Département Lozère – dem am dünnsten besiedelten Frankreichs. Es ist ein Hochland aus drei sehr verschiedenen Teilen: im Nordwesten das weite Basaltplateau des Aubrac, im Norden die granitene Margeride, im Süden die kalkigen Causses und der Mont Lozère, der über 1600 Meter erreicht. Dazwischen schneiden Lot, Tarn und Truyère tiefe Schluchten.

Wer hier lebt, lebt von Vieh, Wald und dem, was im Berg steckt. Ackerbau im großen Stil gibt die Höhe nicht her. Genau diese drei Dinge – Herden, Holz und Erz – sind es dann auch, die in den antiken Nachrichten über die Gabaler vorkommen. Im Norden grenzten sie an die Arverner, im Nordosten an die Vellaver, im Süden und Westen an die Ruteni, im Osten jenseits der Wasserscheide an die Helvier.

Der Name: eine Gabel, ein Wurfspieß – und viel Vorsicht

Die lateinische Form Gabali geht auf ein gallisches *Gabloi zurück. Der Stamm gablo- bezeichnet zunächst den gegabelten Ast, dann allgemein die Gabel. Verwandt ist ein gallolateinisches *gabalottus für einen Wurfspieß, aus dem das französische javelot geworden sein dürfte. So steht es bei Delamarre und bei Matasović, und so weit ist die Ableitung sprachlich sauber.

Was sie NICHT ist, ist eine Erklärung. Warum ein Volk sich oder ein Nachbarvolk sich diese Leute nach einer Gabel benennt, weiß niemand. Die naheliegenden Deutungen – Speerkämpfer, Leute vom Gabelland zwischen zwei Flüssen – sind Vermutungen, keine Belege. Bei gallischen Ethnonymen endet die Sicherheit regelmäßig bei der Wortwurzel; alles danach ist Auslegung.

52 v. Chr.: Lucterius holt sie ins Bündnis

Zum ersten Mal handeln die Gabaler im Frühjahr 52 v. Chr., und sie handeln auch dann nicht selbst. Vercingetorix schickt den Cadurken Lucterius nach Süden, um die Völker am Rand der römischen Provinz für den Aufstand zu gewinnen. Lucterius zieht zuerst zu den Ruteni, dann weiter zu den Nitiobrogen und den Gabalern, nimmt von beiden Geiseln und sammelt ein Heer, mit dem er die Narbonensis bedrohen kann (Bellum Gallicum VII,7).

Geiseln stellen heißt: man tritt einem Bündnis nicht als gleichberechtigter Partner bei. Und der Mann, der sie nimmt, gehört zu den Cadurken, dem südwestlichen Nachbarvolk. Die Gabaler treten also in die Geschichte ein als Leute, über deren Kriegseintritt andere entscheiden.

Der Zug gegen die Helvier – die einzige eigene Tat

Wenig später folgt die einzige Stelle, an der die Gabaler etwas tun, das ihnen allein zugeschrieben wird. Vercingetorix teilt die Fronten auf: die Häduer und Segusiaver gegen die Allobroger, die Ruteni und Cadurken gegen die Volcae Arecomici – und die Gabaler gemeinsam mit den nächstgelegenen arvernischen Gauen gegen die Helvier (Bellum Gallicum VII,64).

Der Vorstoß hat Erfolg. Die Helvier stellen sich zur Schlacht, verlieren, und unter den Gefallenen ist Gaius Valerius Donnotaurus, der führende Mann ihres Volkes. Die Überlebenden ziehen sich hinter ihre Mauern zurück. Für einen kurzen Moment sind die Gabaler eine militärische Größe – und selbst in diesem Moment nennt Caesar sie in einem Atemzug mit arvernischen Gauen. Man kommt aus dieser Klientel nicht heraus, nicht einmal im eigenen Sieg.

Alesia: eine Zeile in einer Truppenliste

Im Sommer sitzt Vercingetorix in Alesia fest. Die gallische Fürstenversammlung beschließt, das Entsatzheer nicht durch allgemeines Aufgebot aufzustellen, sondern durch feste Kontingente. Caesar listet sie auf, Volk für Volk. In dieser Liste stehen die Gabaler zum letzten Mal.

Parem numerum Arvernis adiunctis Eleutetis, Cadurcis, Gabalis, Vellaviis, qui sub imperio Arvernorum esse consuerunt. – Dieselbe Zahl den Arvernern samt den angeschlossenen Eleuteten, Cadurken, Gabalern und Vellavern, die gewohnt sind, unter der Befehlsgewalt der Arverner zu stehen.Caesar, Bellum Gallicum VII,75; Übersetzung: Glanz & Gravur (Originaltext gemeinfrei)

Die genannte Zahl – 35 000 Mann – ist keine gabalische Zahl. Sie gilt für die Arverner und ihre vier angeschlossenen Völker zusammen. Wie viele Männer aus dem Hochland tatsächlich mitzogen, steht nirgends. Die Handschriften schwanken beim Nachbarvolk übrigens zwischen Vellaviis und Velaunis; über die Gabaler sind sie sich einig.

Was Klientel wirklich heißt

Der Nebensatz ist die eigentliche Information: qui sub imperio Arvernorum esse consuerunt. Caesar sagt nicht, die Gabaler seien Untertanen oder Provinz der Arverner. Er sagt, sie seien es gewohnt, unter arvernischem Oberbefehl zu stehen. Das ist die Sprache des gallischen Klientelverhältnisses: ein asymmetrisches Bündnis, in dem ein starkes Volk militärische Gefolgschaft erwartet und dafür Schutz, Streitschlichtung und Zugang zu Handelswegen bietet.

Wie eng das im Einzelfall war, lässt sich nicht messen. In der Forschung wird das Verhältnis der Gabaler und Cadurken zu den Arvernern meist als enger eingeschätzt als das der Vellaver – aber das ist eine Abwägung aus dem Gesamtbild, keine Quellenaussage. Über Kriegerausrüstung, Kampfweise oder Gefolgschaftsformen der Gabaler wissen wir gar nichts; was man dazu liest, stammt aus dem allgemeinen Bild keltischer Krieger.

Strabon und das Silber – und warum die Angabe hält

Der zweite antike Zeuge ist kurz und wichtig. Strabon zählt in seiner Geographie die Völker zwischen Garonne und Loire auf, die verwaltungstechnisch zu Aquitanien geschlagen wurden, und vermerkt zu ihren Erzeugnissen: bei den Petrocoriern und den Bituriges Cubi gutes Eisen, bei den Cadurken Leinen, bei den Ruteni Silberbergwerke – und die Gabaler hätten ebenfalls Silberbergwerke (Geographie IV,2,2).

Diese Angabe wird oft nacherzählt, und man ist in solchen Fällen zu Recht misstrauisch. Hier hält sie der Prüfung stand: Der Satz steht so im Text, er ist nicht aus der Nachbarnotiz über die Ruteni herübergerutscht, und Strabon nennt Ruteni und Gabaler ausdrücklich nacheinander. Im selben Abschnitt notiert er übrigens, dass Rom einzelnen aquitanischen Gemeinwesen das latinische Recht verliehen habe – genannt werden dort die Ausker und die Konvener, nicht die Gabaler.

Was der Berg dazu sagt

Lange blieb Strabons Satz ein isolierter Halbsatz. Das hat sich geändert. Am Mont Lozère liegt silberhaltiger Bleiglanz, und ein französisches Forschungsprogramm hat die alten Abbaue, Schlackenhalden und Köhlerplätze systematisch erfasst – über 75 Schlackenfundplätze und mehr als 200 zugehörige Meilerstellen. Der Schwerpunkt liegt im hohen Mittelalter, im 11. und 12. Jahrhundert.

Interessanter für uns ist der zweite, unerwartete Befund. Am Fundplatz Le Devois bei Ispagnac wurde 2011 und 2012 ein Tagebau untersucht, der einer quarzgebundenen Bleisilbererzader in schmalen parallelen Gräben folgt. Die ältesten Radiokohlenstoffdaten reichen ans Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. – also in die Zeit, als das Gebiet noch eigenständig gabalisch war, deutlich vor Caesar. Dazu passen geochemische Bleisignale aus Torfprofilen, die eine vorrömische Metallurgiephase anzeigen. Strabon hat also, ausnahmsweise, nachweislich recht behalten. Was er nicht sagt, ist der Umfang: Ein paar Gräben am Hang sind noch kein Bergbaurevier, und alle Mengenangaben, die man dazu liest, sind Hochrechnungen.

Rom zerlegt die Klientel

Zwischen Caesar und Strabon passiert das Entscheidende, und es passiert ohne Schlacht. Aus dem arvernischen Anhängsel wird eine eigene civitas Gabalorum. Die Forschung datiert diesen Schritt meist in die Zeit des Augustus, wahrscheinlich in die letzten beiden Jahrzehnte des 1. Jahrhunderts v. Chr.

Die Absicht dahinter ist gut erkennbar. Ein Volk, das 52 v. Chr. zusammen mit vier Klienten ein Kontingent von 35 000 Mann stellen konnte, soll das nie wieder können. Also werden die Klienten herausgelöst und zu eigenen Verwaltungseinheiten gemacht – die Gabaler ebenso wie die Nachbarn, deren Weg wir an anderer Stelle nachgezeichnet haben (die Vellaver). Was aussieht wie Beförderung, ist Entmachtung des Nachbarn. Und es ist genau dieser Verwaltungsakt, der den Namen der Gabaler haltbar macht: Ein Volk kann untergehen, ein Amtsbezirk steht in Listen.

Anderitum – eine Stadt vor der Furt

Die neue civitas braucht einen Hauptort, und sie bekommt einen, der vorher keiner war. Anderitum, das heutige Javols, liegt im geweiteten Tal des Triboulin auf 972 bis 1015 Metern Höhe. Der Name ist gallisch, aus ande- und rito-, was ungefähr „vor der Furt“ oder „große Furt“ ergibt. Ein bedeutendes Oppidum gab es dort nicht; die spätlatènezeitliche Besiedlung bestand aus verstreuten Plätzen auf den umliegenden Höhen. Als einziger Kandidat für einen vorrömischen Zentralort gilt Saint-Bonnet-de-Chirac, rund zwanzig Kilometer entfernt.

Im 2. Jahrhundert erreicht die Stadt ihre größte Ausdehnung: etwa 35 bis 40 Hektar, davon knapp 6 Hektar dicht bebaut und im rechtwinkligen Raster organisiert, mit einigen tausend Einwohnern. Dazu gehören ein Forum von rund 70 mal 50 Metern, eine Basilika von etwa 50 mal 23 Metern, zwei öffentliche Thermen, drei fassbare Stadthäuser und ein Vergnügungsbau am Hang, dessen größte Ausdehnung 80 Meter nicht überschreitet – ob Amphitheater oder Theater, ist ungeklärt. Der Bach wurde auf elf Meter Breite zwischen Granitquadern kanalisiert, die mit bleivergossenen Eisenklammern verbunden sind.

Der Stein, der den Streit entschied

Dass Javols überhaupt Anderitum ist, war im 19. Jahrhundert umstritten. Charles Athanase Walckenaer verlegte den Ort in den 1820er Jahren nach Anterrieux im Cantal. Entschieden wurde die Sache 1828, und zwar durch Zufall: Beim Suchen nach Bausteinen für die Kirche kam ein Meilenstein zutage, gesetzt unter Kaiser Postumus und gestiftet von der civitas Gabalum (CIL XIII 8883).

Eine Widmung, die ein ganzes Gemeinwesen unterschreibt, steht in dessen Hauptort. Damit war die Debatte erledigt. Der Stein steht heute in der Mitte der Arena des Vergnügungsbaus – ein Meilenstein als Beweisstück, das eine Stadt zurück auf die Landkarte holte.

Vieh, Wald, Ton – und ein Käse für Rom

Wirtschaftlich lebte die civitas von dem, was das Hochland hergab. Die Wälder lieferten Brennstoff für Töpferöfen und Holz für Böttcherei und Bauwesen, das Weideland trug Herden. Und dann steht da eine Stelle bei Plinius, die man leicht übersieht: In seinem Kapitel über die Käsesorten nennt er als die in Rom höchstgeschätzten diejenigen aus dem Gebiet von Nemausus, besonders aus den Bezirken Lesura und dem Gabalicus pagus – allerdings nur frisch genießbar (Naturalis historia XI,240 f.).

Das ist die früheste Nennung des Landschaftsnamens überhaupt, und sie steht in einem Kochkapitel. Ein Hochlandvolk am Rand der Welt liefert der Hauptstadt eine Delikatesse. Zur Keramik: Die Sigillata-Werkstätten von Banassac, auf gabalischem Gebiet an der Urugne gelegen, wurden wohl von Töpfern aus La Graufesenque gegründet und arbeiteten nach neuerer Datierung etwa von 90/120 n. Chr. bis in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts.

Ein graviertes Schälchen aus Banassac

Für eine Gravurwerkstatt ist Banassac der spannendste Fundplatz dieser Geschichte. Denn dort wurde nicht nur gestempelt, sondern geritzt – von Hand, in den noch ungebrannten, bereits harten Ton, in lateinischer Kursive, aber auf Gallisch. Zehn solcher Graffiti sind bekannt; sechs stammen aus einem einzigen Grabungsareal.

Das berühmteste steht außen auf einem Schälchen von gut zehn Zentimetern Durchmesser: neddamon delgu linda – „ich enthalte den Trank der Nächsten“. Ein anderes beginnt mit dem Imperativ lubi, „schätze es, hab es lieb“. In einem dritten steht das Wort celicnu, das man aus einer Weihung in Alesia kennt und das dort einen Saal gemeinschaftlicher Nutzung bezeichnet. Emmanuel Dupraz hat daraus 2023 die These entwickelt, diese Stücke seien gar keine Verkaufsware, sondern Trinkgeschirr für das Versammlungslokal der Töpfer selbst. Die Verkaufsware trug lateinische Formeln in Kapitalis, etwa VENI AD ME AMICA. Zwei Sprachen, zwei Zwecke, ein Betrieb. Die Lesungen der gallischen Texte sind teils unsicher – nur zwei der sechs lassen sich überhaupt zusammenhängend übersetzen.

Aus Anderitum wird ad Gabalos

Gegen Ende des 3. Jahrhunderts geschieht etwas, das man sonst nur aus großen Städten kennt: Der Ort verliert seinen eigenen Namen und wird nach seinem Volk benannt. Aus Anderitum wird ad Gabalos, die Stadt der Gabaler. Dasselbe Muster begegnet in Tours, Le Mans, Beauvais, Limoges und Périgueux, wo die antiken Ortsnamen durch Völkernamen ersetzt wurden.

Gleichzeitig schrumpft die Stadt. Die Randbezirke werden aufgegeben, der Vergnügungsbau in seinen Oberteilen zerstört oder umgenutzt, die Bautätigkeit bricht ein. Eine Stadtmauer, wie sie andere Hauptorte in der Spätantike bekamen, wird hier nie errichtet. Anderitum stirbt aber nicht plötzlich: Spuren städtischer Tätigkeit reichen bis ins 5. Jahrhundert, danach verlagert sich die Besiedlung an die Talränder.

Privatus und ein Bischofssitz, der wandert

Die christliche Überlieferung des Gévaudan hängt an einem Namen. Gregor von Tours erzählt von Privatus, den er episcopus urbis Gabalitanae nennt, Bischof der Gabalerstadt: Während ein germanischer Einfall das Land heimsucht, hat sich die Bevölkerung in die Bergfestung Grèzes zurückgezogen, Privatus fastet in einer Höhle am Mont Mimat. Er wird gefunden, als Druckmittel benutzt, weigert sich, sein Volk auszuliefern, und stirbt an den Misshandlungen. Venantius Fortunatus zählt ihn später in einer Reihe mit Julian von Brioude und Ferreolus von Vienne auf.

Nüchtern betrachtet ist fast jede Einzelheit strittig: das Jahrhundert des Martyriums, die Identität der Angreifer, selbst der Bischofstitel – 314 vertritt ein Genialis das Gévaudan auf der Synode von Arles als Diakon, nicht als Bischof. In der spätantiken Provinzliste der Notitia Galliarum erscheint der Bezirk dann als civitas Gabalum in der Aquitania Prima. Wann der Bischofssitz von Javols nach Mende wanderte, ist offen: Vorgeschlagen wird das mittlere 6. Jahrhundert, möglicherweise mit einer Zwischenstation in Banassac – gesichert ist erst, dass im 10. Jahrhundert ein Bischof Stephanus als erster mit Mende unterzeichnet.

Vom Volk zur Landschaft

Damit ist der Weg fertig, und er hat vier Stationen. Aus einem Volksnamen wird bei Caesar ein Klientelposten. Aus dem Klientelposten macht Augustus eine civitas. Aus der civitas wird in der Spätantike ein Bistum, und der Bezirksname überlebt den Untergang seines Hauptorts. Aus Gabalicus pagus wird im 10. Jahrhundert Gavuldanum, im 13. Gavalda – und schließlich Gévaudan.

Das Volk selbst ist in diesem Prozess spurlos verschwunden. Niemand im mittelalterlichen Gévaudan hätte sich Gabaler genannt, niemand sprach mehr die Sprache, in der jemand neddamon delgu linda in eine Schale geritzt hatte. Geblieben ist der Klang eines Wortes, das ursprünglich vielleicht eine Gabel meinte. Wer heute durch die Lozère fährt, liest auf jedem zweiten Ortsschild ein Stück Verwaltungsgeschichte, das über zweitausend Jahre alt ist.

Was gesichert ist

Caesar nennt die Gabaler dreimal (Bellum Gallicum VII,7; VII,64; VII,75), stets ohne Personennamen. Strabon (Geographie IV,2,2) schreibt ihnen ausdrücklich Silberbergwerke zu – die Stelle ist echt und keine Verwechslung mit den Ruteni. Plinius nennt den Käse des Gabalicus pagus unter den in Rom geschätztesten (Naturalis historia XI,240 f.); Ptolemaios führt sie als Tábaloi (II,7,11). Der Meilenstein CIL XIII 8883, gestiftet von der civitas Gabalum, sichert Javols als Hauptort. Die Notitia Galliarum führt die civitas Gabalum in der Aquitania Prima. Archäologisch gesichert sind die Stadt Anderitum mit Forum, Basilika, zwei Thermen und Vergnügungsbau, die Sigillata-Produktion von Banassac samt zehn gallischen Ritzinschriften sowie vorrömischer Silberbleibergbau am Mont Lozère mit Radiokohlenstoffdaten ab dem späten 2. Jahrhundert v. Chr.

Mythos-Check

Die Bestie des Gévaudan hat mit den Gabalern nichts zu tun. Die Angriffsserie fällt in die Jahre 1764 bis 1767 – rund achtzehn Jahrhunderte nach Caesar. Je nach Zählung werden ihr 88 bis 230 Tote und Verletzte zugeschrieben; im September 1765 erlegte der königliche Büchsenspanner François Antoine einen großen Wolf, am 19. Juni 1767 erschoss der Bauer Jean Chastel ein zweites Tier, danach enden die tödlichen Angriffe. Verbunden sind beide Themen allein durch den Landschaftsnamen. Zweitens: Caesars 35 000 Mann sind Parteivortrag und gelten für die Arverner mitsamt vier Klientelvölkern – eine gabalische Truppenzahl existiert nicht. Drittens hält sich hartnäckig die Erzählung, Alamannen unter einem Chrocus hätten Gabalum im 3. Jahrhundert zerstört; sie stammt aus Heiligenlegende und Lokalhistorie des 19. Jahrhunderts. Die Grabungen in Javols zeigen Brände, aber keine Zerstörungshorizonte, die sich einem Einfall zuordnen ließen, sondern einen langsamen Rückbau über zwei Jahrhunderte.

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