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Die Konvener – das Volk, das Rom zusammengelesen hat

Geschichte & Funde Die Konvener – das Volk, das Rom zusammengelesen hat

Es gibt Völker, die sich selbst einen Namen gegeben haben. Es gibt Völker, denen die Nachbarn einen verpassten. Und dann gibt es die Konvener am Fuß der Pyrenäen, deren Name schlicht bedeutet: die Zusammengekommenen. Kein Stammesheld darin, keine Wanderungssage, kein Gott. Nur ein Verwaltungsvorgang, aus dem im Lauf von vierhundert Jahren eine Identität wurde. Wer diesem Volk nachgeht, landet mitten in der unbequemsten Frage der Altertumskunde: Was ist eigentlich ein Volk?

Der Name ist schon die halbe Geschichte

Convenae. Wer ein wenig Latein mitbringt, hört es sofort: convenire, zusammenkommen. Die Convenae sind die Zusammengekommenen, die Zusammengelesenen, und je nach Laune des Übersetzers auch das zusammengelaufene Gesindel. Die englische Loeb-Ausgabe des Strabon macht daraus in einer Klammer kurzerhand „assembled rabble“, zusammengewürfelter Pöbel. Das steht so nicht im griechischen Text. Es ist die Deutung des Übersetzers, gestützt auf eine antike Erklärung, die selbst schon eine Deutung war.

Das ist bemerkenswert. Die meisten Völkernamen, die wir aus Gallien kennen, sagen etwas über Selbstbild oder Landschaft: die Arverner, die Häduer, die Ruteni. Bei den Konvenern soll der Name angeblich nichts weiter beschreiben als den Umstand, dass jemand sie zusammengetrieben hat. Ein Volk als Sammelbegriff. Ein Volk als Aktenvermerk.

Eine einzige Quelle, und die hat schlechte Laune

Die Geschichte, die man überall liest, hängt an genau einem Satz eines einzigen Autors. Um 406 n. Chr. schreibt der Kirchenvater Hieronymus in Bethlehem eine Streitschrift gegen einen gallischen Priester namens Vigilantius. Um ihn zu erledigen, greift Hieronymus zur Herkunft: Vigilantius stamme aus schlechtem Holz, nämlich von Räubern und Convenae.

… de latronum et Convenarum natus est semine, quos Cn. Pompeius edomita Hispania, et ad triumphum redire festinans, de Pyrenaeis iugis deposuit et in unum oppidum congregavit, unde et Convenarum nomen accepit.

„… er ist aus dem Samen von Räubern und Zusammengelaufenen geboren, die Gnaeus Pompeius, nachdem Spanien niedergeworfen war und während er zum Triumph zurückeilte, von den Kämmen der Pyrenäen herunterholte und in einer einzigen Stadt zusammenführte – daher hat auch der Name der Konvener seinen Ursprung.“Hieronymus, Contra Vigilantium 4 (Migne PL 23, Sp. 356); Übersetzung: Glanz & Gravur

Nimmt man das wörtlich, liegt die Gründung im Jahr 72 oder 71 v. Chr., am Ende des Sertorianischen Krieges, als Pompeius aus Spanien zurückmarschierte. Ein hübsches, konkretes Datum. Nur: Hieronymus schrieb rund fünfhundert Jahre nach dem Ereignis, saß am anderen Ende des Mittelmeers und hatte kein historisches, sondern ein polemisches Interesse. Er wollte einen Gegner beschmutzen, nicht eine Stadt datieren. Isidor von Sevilla übernimmt die Passage später fast wörtlich in seine Etymologien – ein zweiter Zeuge ist er damit nicht, sondern nur ein Abschreiber.

Warum Hieronymus überhaupt austeilte

Vigilantius war kein Ketzer im großen Stil, sondern ein Priester aus dem Südwesten Galliens, der gegen Reliquienverehrung, nächtliche Vigilien und die Überhöhung des Mönchtums schrieb. Hieronymus, der beides mit Leidenschaft verteidigte, antwortete in der Tonlage, für die er berüchtigt ist: mit Spott über Namen, Herkunft und Heimat. Vigilantius stammte aus Calagurris in Spanien, dem heutigen Calahorra – und Hieronymus verknüpft die Pyrenäenräuber, die Convenae und die spanischen Stämme der Vettonen, Arevaker und Keltiberer zu einer einzigen Beleidigung.

Diese Herkunft der Nachricht muss man mitdenken. Der berühmteste Satz über die Konvener stammt aus einer Schmähschrift, in der die Konvener nur das Mittel zum Zweck sind. Das macht ihn nicht automatisch falsch. Es macht ihn aber zu einem Satz, den man nicht wie eine Gründungsurkunde behandeln darf.

Strabon und Plinius: zwei Zeugen, zwei Halbsätze

Die beiden Autoren, die viel näher an Pompeius dran waren, sagen erstaunlich wenig. Strabon nennt im frühen 1. Jahrhundert n. Chr. das Bergland hinter der Küste und darin das Land der Konvener, in dem die Stadt Lugdunum liege und die heißen Quellen der Onesier, schönste Quellen mit bestem Trinkwasser (Geographika IV,2,1). Ein Kapitel weiter erwähnt er, die Römer hätten bestimmten Aquitaniern das latinische Recht verliehen, so den Auskern und den Konvenern (IV,2,2). Von Pompeius, von Räubern, von einer Zusammenlegung steht bei ihm kein Wort.

Plinius listet die Konvener in seiner Aufzählung der aquitanischen Völker (Naturalis historia IV,108) und schiebt eine kleine Bemerkung ein, die in seiner ganzen Liste einzigartig ist: mox in oppidum contributi Convenae, Begerri, Tarbelli Quattuorsignani … – „sodann, in eine Stadt zusammengelegt, die Konvener, die Begerrer, die Tarbeller mit den vier Abzeichen …“. Paul-Marie Duval ist aufgefallen, dass Plinius diese Formel sonst nirgends verwendet. Ganz sauber ist die Stelle trotzdem nicht: Das Partizip steht im Plural vor einer langen Reihe von Völkern, und ob es nur die Konvener meint oder mehrere der Genannten, ist Auslegungssache. Klar ist nur, dass schon im 1. Jahrhundert jemand mit diesem Namen die Vorstellung von Zusammengelegtwerden verband.

Was der Spaten sagt, und was er verschweigt

Saint-Bertrand-de-Comminges ist einer der am besten untersuchten römischen Fundplätze Südwestfrankreichs. Seit dem späten 19. Jahrhundert wird dort gegraben, ab 1928 großflächig unter Bertrand Sapène, der das Forum fand und den Verlauf der Umfassungsmauer klärte. Trotzdem gilt bis heute ein Negativbefund, an dem alle Rekonstruktionen scheitern: Von einer pompeianischen Gründung ist nichts gefunden worden.

Die Grabungen auf dem Oberstadthügel wurden bis auf den anstehenden Boden geführt. Vorrömisches Material kam dabei nicht zutage; die Bearbeiter der Carte archéologique de la Gaule schließen daraus, dass es auf dem Felsen keine vorgeschichtliche Höhensiedlung gab. Robert Sablayrolles hält den pompeianischen oppidum für einen bescheidenen Grenzposten, ein nördliches Gegenstück zu Pompaelo, dem heutigen Pamplona, angelegt zur Sicherung der Pässe, über die Pompeius aus dem Ebrotal gekommen war. Simon Esmonde Cleary weist darauf hin, dass Hieronymus’ Wort oppidum auch schlicht Garnisonsplatz heißen kann. Ein Militärposten hinterlässt weniger Spuren als eine Stadt – aber selbst der ist bisher nicht gefunden.

Aquitanier, nicht Gallier

Und hier wird es für einen Blog, der sonst von keltischen Kriegern und keltischer Religion erzählt, unbequem ehrlich. Die Konvener saßen in Aquitanien, und Aquitanien war nach dem Urteil der Antike gerade nicht keltisch. Caesar trennt die Aquitanier gleich im ersten Satz seines Kriegsberichts von Galliern und Belgern, nach Sprache, Einrichtungen und Recht. Strabon wird deutlicher: Die Aquitanier unterschieden sich von den Galliern im Körperbau und in der Sprache und glichen eher den Iberern.

Die moderne Sprachwissenschaft gibt ihnen recht. Aus dem Gebiet zwischen Garonne, Pyrenäen und Atlantik kennt man rund zweihundert einheimische Personennamen und etwa sechzig Götternamen, überliefert in lateinischen Inschriften des 1. bis 3. Jahrhunderts. Diese Namen lassen sich nicht keltisch erklären, wohl aber vom Baskischen her: andere zu baskisch andre, Frau; ombe oder umme zu ume, Kind; sahar zu zahar, alt; bels zu beltz, schwarz. Das Aquitanische gilt heute als vaskonische Sprache und als naher Verwandter, womöglich als direkter Vorfahr des Baskischen. Zusammenhängende Texte gibt es keine, nur Namen auf Stein.

Lugdunum: ein keltischer Name in aquitanischem Land

Ausgerechnet der Hauptort trägt einen keltischen Namen. Lugdunum, Burg des Lugus, dieselbe Bildung wie beim großen Lugdunum an der Rhône, dem heutigen Lyon. Zur Unterscheidung hängte man den Genitiv des Volksnamens an: Lugdunum Convenarum, das Lugdunum der Konvener. Ptolemaios führt den Ort in seiner Geographie als Kolonie, die Antoninische Reiseroute nennt ihn Lugudunum, und auf der Inschrift der gallischen Zollverwaltung erscheint er abgekürzt als Lugd(uni) Conv(enarum).

Ein keltischer Ortsname mitten in einem Gebiet, dessen Götter- und Personennamen fast durchweg nicht keltisch sind – Esmonde Cleary sieht darin ein Zeichen, dass die Grenze zwischen Galliern und Aquitaniern weniger scharf verlief, als Caesar sie zeichnet. Grenzen in Köpfen und Grenzen im Gelände sind eben zweierlei. Nach Osten hin, jenseits der Enge von Boussens, begann das Land der Volcae Tectosages von Toulouse; nördlich saßen die Ausker, westlich die Bigerrer. Wer über die Pässe kam, brachte Wörter mit.

Die Erfindung einer civitas

Der eigentliche Gründungsakt liegt nicht bei Pompeius, sondern bei Augustus. Als Gallia Comata um 16 bis 13 v. Chr. in Provinzen zerlegt wurde, wechselte die obere Garonne von der Narbonensis in die neue Provinz Aquitania – und aus dem Grenzposten wurde die Hauptstadt einer civitas Convenarum. Zu dieser Zeit gehören eine Siegestrophäe, ein Kult für Roma und Augustus und das erste Straßennetz, das noch strahlenförmig auf eine zentrale Wegekreuzung zulief.

Ob Rom damit eine bestehende Gemeinschaft anerkannte oder eine erfand, ist die Kernfrage. Esmonde Cleary tendiert zur zweiten Antwort: Weil es vor der Eroberung kaum Spuren eines eigenen Volkes gibt, hält er Name und civitas für eine römische Verwaltungsbequemlichkeit und das Gruppengefühl der Konvener für ein Produkt der Römerzeit. Man kann sich das ganz nüchtern vorstellen: Ein Statthalter braucht Steuerbezirke, Gerichtsbezirke, Rekrutierungsbezirke. Er zieht Linien um Täler. Und ein paar Generationen später sagen die Leute innerhalb dieser Linien tatsächlich „wir“.

Die Stadt in der Ebene

Was daraus wuchs, kann sich sehen lassen. Die römische Stadt lag nicht auf dem Felsen, sondern in der Schwemmebene darunter. Das strahlenförmige Straßennetz wich einem rechtwinkligen Raster; die alte Wegekreuzung, inzwischen überbaut, wurde durch ein kreisrundes Denkmal markiert, das die Ausgräber Heiligtum der Wegekreuzung nennen. Um das Forum mit seinem Tempel legten sich im Lauf des 1. Jahrhunderts die üblichen Bauten einer Provinzhauptstadt: zwei große Thermenanlagen, ein Theater am Ostrand, dazu eine Palästra, errichtet zwischen 20 und 40 n. Chr., und eine überdachte Markthalle, das Macellum, aus den Jahren 15 bis 40, die nach einem Brand gegen Ende des 2. Jahrhunderts fast unverändert wieder aufgebaut wurde.

Um die Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert kam am Ostrand ein Militärlager dazu, in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts umgebaut. Draußen, an der Stelle Coupéré, ersetzte man eine abgebrannte Palästra durch eine große Herrenhaus-Anlage, die um die Mitte des 3. Jahrhunderts eine Fußbodenheizung erhielt und später zur Grabkirche wurde. Jenseits der Garonne, bei Valcabrère, steht bis heute ein hoher römischer Grabpfeiler, und die mittelalterliche Kirche Saint-Just ruht zum Teil auf antiken Pfeilern neben einem römischen Gräberfeld. Um den Hügel der Oberstadt zog man schließlich eine Mauer von 885 Metern Länge um eine grob dreieckige Fläche von etwa 4,43 Hektar.

Der Zoll am Oberlauf der Garonne

Wirtschaftlich hing die Stadt an einer Linie und an einem Stein. Die Linie war die Garonne, die aus den Bergen kommt und die Waren nach Norden trägt. Der Stein war der Marmor von Saint-Béat.

Lugdunum Convenarum besaß die einzige Station der quadragesima Galliarum in ganz Aquitanien, jenes kaiserlichen Zolls, der zweieinhalb Prozent auf den Warenwert erhob. Wer den Oberlauf der Garonne herunterkam, zahlte hier. Verzollt wurden unter anderem Marmor und Wolle, dazu die Herden, die im Jahresrhythmus über die Pässe zwischen Gallien und der Iberischen Halbinsel wanderten. Wie stark die zentralen Pyrenäenrouten wirklich genutzt wurden, ist umstritten: Christian Rico betont den Vorrang der Küstenpässe, Robert Sablayrolles hält die mittleren Übergänge zumindest für den saisonalen Saumverkehr für real. Beides schließt sich nicht aus – große Fracht nimmt die Küste, der Alltag nimmt den kürzeren Weg.

Marmor: woran man ein Volk erkennt

Der Marmor der Brüche von Saint-Béat ist das interessanteste Argument dieser ganzen Geschichte. Er wurde früh in römischer Zeit erschlossen und bediente zunächst den lokalen Markt: die öffentlichen Bauten der Hauptstadt, dazu die Weihaltäre und Aschenkisten auf dem Land. In der Spätantike kam die große Nummer, die reich verzierten aquitanischen Sarkophage, die in Novempopulana und weit darüber hinaus verkauft wurden und dort praktisch ein Monopol hatten.

Die schwersten Blöcke gingen auf Flößen die Garonne hinunter; Leichteres wie Verkleidungsplatten nahm den Karren oder das Saumtier. Entlang der Garonne führte die Straße auf beiden Ufern, damit Zugtiere und Wagen nicht ständig durch den Fluss mussten. Bearbeiteter Stein wanderte auch die Seitentäler hinauf bis ins Aran-Tal, wo Altäre und Aschenkisten aus Pyrenäenmarmor wiederverwendet auftauchen. Esmonde Cleary sieht in dieser Steinmetzkultur den eigentlichen materiellen Ausdruck der Konvener-Identität: Nicht eine ererbte Tracht, kein Stammesschmuck, kein eigenes Münzbild machte sie erkennbar, sondern ein Handwerk. Das ist ein Gedanke, mit dem eine Gravurwerkstatt etwas anfangen kann.

Rund 360 Altäre und ihre Götter

Von der Religion der Konvener wissen wir fast nur, was auf Marmor steht: etwa 360 Weihaltäre mit kurzen Texten, fast alles private Stiftungen. Der öffentliche Kult der civitas lässt sich daraus kaum rekonstruieren. Genannt werden rund sechzig Gottheiten, römische und einheimische. Jupiter führt mit 53 Nennungen, Mars folgt mit 34. Unter den einheimischen Namen stehen Erge in Montsérié, Leherennus in Ardiège, Sutugius in Saint-Plancard, dazu Ilun, Arixon, Erriapus und der aquitanische Abellio.

Wie diese Namen zu Mars und Jupiter stehen, ist Forschungsstreit. Eine ältere Sicht las den römischen Götternamen als Deckmantel, unter dem der einheimische Gott weiterlebte, und deutete die Reihenfolge der Namen als Stufen der Romanisierung. Jean-Luc Schenck-David und Patrick Le Roux halten dagegen: Mars sei als Mars verehrt worden, und die lokalen Gottheiten seien ihm eher zugeordnet als unter ihm versteckt worden. Wer über antike Religion schreibt, sollte diesen Unterschied ernst nehmen. Ein Doppelname ist noch kein Beweis für eine Verkleidung.

Herodes Antipas in den Pyrenäen?

Jetzt die Geschichte, wegen der viele überhaupt von diesem Ort gehört haben. Josephus berichtet, Kaiser Caligula habe 39 n. Chr. den Tetrarchen Herodes Antipas – jenen Herodes, der in den Evangelien auftaucht – entmachtet und nach Lugdunum in Gallien verbannt; Herodias folgte ihm. In den Jüdischen Altertümern heißt der Verbannungsort Lugdunum in Gallien, im Jüdischen Krieg dagegen Spanien.

Damit fängt das Problem an. Es gab mehr als ein Lugdunum. Lyon war die Provinzhauptstadt und die naheliegende Adresse für eine kaiserliche Verbannung; Lugdunum Convenarum lag nahe an Spanien und passt damit besser zu der Notiz im Jüdischen Krieg. Beide Identifikationen haben Anhänger, keine ist bewiesen, und die verbreitete Behauptung, der Spanien-Bezug mache Lyon unmöglich, geht zu weit: In Spanien liegt auch Saint-Bertrand nicht. Wer die Geschichte erzählt, sollte sie als offene Frage erzählen – dann bleibt sie spannend und ist trotzdem wahr.

Was belegt ist
Drei antike Erwähnungen tragen alles: Strabon, Geographika IV,2,1 (Land der Konvener mit der Stadt Lugdunum und den heißen Quellen der Onesier) und IV,2,2 (latinisches Recht für Ausker und Konvener) · Plinius, Naturalis historia IV,108 (Convenae in der Völkerliste, mit dem einzigartigen Zusatz in oppidum contributi) · Hieronymus, Contra Vigilantium 4 (die Pompeius-Nachricht). Ptolemaios führt Lugdunum als Kolonie.
Inschriftlich fassbar sind die civitas Convenarum, der spätere Aufstieg zur Kolonie (Weihung an den Genius Coloniae) und die Zollstation der quadragesima Galliarum, die einzige in Aquitanien.
Archäologisch gesichert: Forum mit Tempel, Rundheiligtum an der alten Wegekreuzung, Macellum (15 bis 40 n. Chr., nach Brand wiederaufgebaut), zwei Thermenanlagen, Theater und Palästra, Militärlager, frühchristliche Basilika, Stadtmauer der Oberstadt von 885 m um rund 4,43 Hektar, Grabpfeiler von Valcabrère.
Rund 360 Votivaltäre aus Marmor nennen etwa sechzig Gottheiten. Die Brüche von Saint-Béat versorgten in der Spätantike den Markt für aquitanische Sarkophage.

Die Belagerung von 585

Das traditionelle Ende der antiken Stadt ist ein Bürgerkrieg. 585 floh der Thronprätendent Gundovald, der sich für einen Sohn Chlothars ausgab, vor dem Heer König Guntrams über die Garonne nach Convenae. Gregor von Tours erzählt das in seinen Historien im siebten Buch, Kapitel 34 bis 38, und er erzählt es gut: Die Stadt krönt eine einzelne Höhe ohne Nachbarberg; eine starke Quelle am Fuß des Hügels ist von einem festen Turm umschlossen, zu dem ein gedeckter Gang hinabführt, sodass man Wasser holen kann, ohne gesehen zu werden.

Gundovald zieht zu Beginn der Fastenzeit ein, lässt die Leute alle Vorräte in die Mauern schaffen – und sperrt sie dann samt Bischof aus. Am fünfzehnten Tag der Belagerung fahren die Angreifer Rammböcke unter Flechtwerkdächern heran und werden mit Steinen, brennendem Pech und Fett empfangen. Bischof Sagittarius läuft in Waffen über die Wehrgänge und wirft eigenhändig Steine. Herzog Bladast steckt das Kirchenhaus an und flieht im Durcheinander. Am Ende verkaufen Mummolus, Sagittarius, Chariulf und Waddo ihren Herrn gegen die Zusage des eigenen Lebens; Gundovald wird vor das Tor geführt, den Hang hinabgestoßen, mit einem Stein am Kopf getroffen und unbestattet liegen gelassen. Danach, schreibt Gregor, sei die Stadt mitsamt ihren Kirchen niedergebrannt worden, es sei nichts geblieben als der nackte Boden.

Eine großartige Erzählung. Nur war Gregor nicht dabei. Er saß als Bischof in Tours, schrieb zwischen 585 und 594 und hatte gute Gründe, den Untergang eines Usurpators als Gottesgericht zu inszenieren. Und der Spaten schweigt: Robert Sablayrolles fand in den Grabungen keine Zerstörungsschicht, die zu 585 passt, und liest die Belagerung als literarische Konstruktion. Er rechnet stattdessen mit einer allmählichen Aufgabe, die bis ins 8. Jahrhundert reichte. Innerhalb der Mauern der Oberstadt wurde vom 5. bis 7. Jahrhundert weiter gewohnt, nur kleiner.

Vom Trümmerfeld zum Pilgerort

Das Bistum überlebte den Ort. Ein Bischof der Konvener ist seit der Mitte des 5. Jahrhunderts bezeugt, als Sidonius Apollinaris den Sitz unter den verwaisten Bistümern des Westgotenreichs aufzählt; Bischöfe erscheinen bis ins späte 7. Jahrhundert auf Konzilien. Dann wird es still, für fast ein halbes Jahrtausend.

Um 1080 wird Bertrand de l’Isle-Jourdain, ein Ritter aus dem Umkreis der Grafen von Toulouse, Bischof von Comminges – die Angaben schwanken zwischen 1078 und 1083. Er bleibt es fast ein halbes Jahrhundert, bis zu seinem Tod 1126. Er baut die Kathedrale mit ihrem romanischen Kreuzgang, bringt die Reform in sein Bergbistum und macht aus dem alten Konvener-Hügel eine Station auf dem Weg nach Santiago de Compostela. 1309 spricht ihn Clemens V. heilig, der selbst einmal Bischof von Comminges gewesen war. Seither heißt der Ort nach ihm: Saint-Bertrand-de-Comminges. Die Kathedrale trägt heute drei Stile übereinander – romanisch aus dem 12., gotisch aus dem 14., Renaissance samt Orgel aus dem 16. Jahrhundert – und gehört seit 1998 zum Welterbe, als Teil der Jakobswege in Frankreich.

Der Volksname ging derweil auf die Landschaft über. Im 6. Jahrhundert erscheint sie als Convenas und Combinias, daraus wurde über einen Lautwandel von -mb- zu -mm- schließlich Comminges. Das Volk, das Rom zusammenlas, hat den Untergang seiner Stadt um anderthalb Jahrtausende überlebt – als Name einer Gegend. In der Gemeinde selbst leben heute 243 Menschen.

Mythos-Check
„Pompeius gründete die Stadt 72 v. Chr.“ Das steht bei genau einem Autor, fünfhundert Jahre später, in einer Schmähschrift. Trotz umfangreicher Grabungen ist keine pompeianische Siedlungsschicht gefunden worden. Möglich, sogar plausibel – bewiesen ist es nicht.
„Convenae heißt einfach die Zusammengelaufenen“ Das ist die antike Deutung aus dem Lateinischen. Esmonde Cleary hält sie für Volksetymologie; Henri Gavel und Jean-Claude Dinguirard schlagen aus lautlichen Gründen einen einheimischen Namen *Komben- vor. Eine Inschrift, die das entscheiden würde, fehlt.
„Die Stadt hatte bis zu 30.000 Einwohner“ Diese Zahl stammt aus einer allgemeinen Statistik zur Stadtentwicklung (Bairoch 1988), nicht aus dem Befund; andere Darstellungen nennen 10.000. Beides sind Schätzungen, und die Spannbreite zeigt vor allem, wie wenig wir wissen.
„Herodes Antipas starb hier“ Josephus nennt in den Altertümern Lugdunum in Gallien, im Jüdischen Krieg Spanien. Ob Lyon oder Lugdunum Convenarum gemeint ist, bleibt offen – der Spanien-Bezug spricht für die Pyrenäen, macht Lyon aber nicht unmöglich.
„585 ging die Stadt in Flammen unter“ So erzählt es Gregor von Tours, der nicht dabei war. Eine passende Brandschicht fehlt; Sablayrolles liest die Belagerung als literarische Konstruktion und rechnet mit langsamem Verfall bis ins 8. Jahrhundert. Der oft erwähnte Vandaleneinfall von 405 und der Sturz Gundovalds vom Matacan-Felsen sind spätere Zutaten – bei Gregor wird er schlicht den Hang hinabgestoßen.

Was ist eigentlich ein Volk?

Hier liegt der Grund, warum die Konvener mehr sind als eine Fußnote. Bei den Arvernern oder den Häduern stehen ein Name, Münzen, Oppida, ein Königsgeschlecht und ein Krieg gegen Caesar in einer Reihe; das sieht nach einem Volk aus, wie man es sich vorstellt. Bei den Konvenern fehlt fast alles davon. Keine eigene Münzprägung, kein großes Oppidum, keine erkennbare eigene Sachkultur vor der Eroberung. Einige befestigte Höhenplätze der späten Eisenzeit gibt es im späteren Gebiet – den Castéra bei Bagiry, den Sporn von Piroque, das sogenannte Cäsarlager bei Lespugue mit Spuren von Eisenverarbeitung –, aber keiner lässt sich einer eigenen Kultur zuordnen.

Trotzdem gibt es vierhundert Jahre später Menschen, die sich Konvener nennen, eine Hauptstadt haben, ihren Göttern auf heimischem Marmor Altäre setzen und eine Landschaft nach sich benennen, die es bis heute gibt. Ein Volk kann also entstehen. Es braucht dafür weder gemeinsame Abstammung noch eine Wanderungssage, sondern manchmal nur eine Verwaltungsgrenze, einen Marktplatz und ein paar Generationen Zeit. Diese Einsicht ist unbequem, weil sie auch andersherum gilt: Vieles, was in Geschichtsbüchern als uralter Stamm auftritt, könnte eine spätere Ordnungsleistung sein – die der Römer, der Chronisten oder der Forschung. Wer sich mit den Keltiberern, den Vaccäern oder den kleinen Völkern der keltischen Welt beschäftigt, stolpert immer wieder darüber.

Zwischen Pyrenäen und Rhein: warum uns das in Alsdorf angeht

Man muss die Konvener nicht ins Rheinland holen, um hier etwas zu lernen. Sie waren nie hier, und ihre Sprache hat mit dem, was zwischen Maas und Rhein gesprochen wurde, nichts zu tun. Aber das Verfahren kennen wir aus der eigenen Gegend sehr gut.

Als Agrippa die Ubier über den Rhein holte und ihnen bei Köln einen neuen Platz zuwies, entstand daraus eine civitas mit Hauptort, Altar und Verwaltungsgrenze – und aus dem Hauptort später die Colonia. Rom hat auch bei uns Völker verschoben, zusammengelegt, benannt und umbenannt; die Namen auf den Weihesteinen unserer germanischen Nachbarschaft sind zu einem guten Teil römische Ordnungsbegriffe. Wer in Alsdorf bei Aachen in der Werkstatt steht, sitzt mitten in umgeschriebenem Land, in dem die Grenzen zwischen Kelten, Germanen und Römern immer schon durchlässiger waren, als die Karten in den Schulbüchern es zeigen. Genau deshalb liefern wir zu einem Motiv lieber eine ehrliche Erklärung mit als eine erfundene Stammbaum-Geschichte.

Und weil sich der Kreis so schön schließt: Was die Konvener nach außen erkennbar machte, war kein Wappen und kein Mythos, sondern ihr Umgang mit Stein. Ein Volk, das man am Handwerk erkennt. Damit lässt sich leben.

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